Mit ‘Michael Parks’ getaggte Beiträge

Ein noch kleineres Projekt als GET THE GRINGO stellte die französische Produktion BLOOD FATHER für den ehemaligen Superstar Mel Gibson dar – und wie jener hinterließ er an der Kinokasse keine Spuren, wurde in Deutschland gleich für den Heimkinomarkt ausgewertet, ohne ein Lichtspielhaus von innen gesehen zu haben. Gegenüber Grünbergs Crime-Spektakel ist BLOOD FATHER außerdem noch eine Nummer gedrosselter, ein Vater-Tochter-Drama im Road-Movie-Gewand mit einigen kurzen, dafür aber heftigen Actionschüben und Härten. Die Fotografie von Robert Gantz fängt die Weite des amerikanischen Westens (gedreht wurde in New Mexico) in an den Western und Frontierfilm erinnernden Kompositionen ein, die vom endlosen Himmel dominiert werden, aber der wahre Schauwert des Films ist natürlich Gibson selbst, der über weite Strecken einen prachtvollen grauen Altmännerbart trägt und mit seiner Darbietung offene Türen bei mir einrennt: Können wir bitte schnellstmöglich dafür sorgen, dass der Nachschub an Altersactionern mit Mel Gibson in der Hauptrolle gesichert wird? Ich brauche das! Die Welt braucht das!

Die Prämisse ist zugegebenermaßen ein bisschen zu hollywoodesk: Die siebzehnjährige Lydia (Erin Moriarty) wird von ihrem kriminellen Lover Jonah (Diego Luna) in einen Mord verwickelt und verpasst ihm zum Abschluss selbst eine Kugel. Auf der Flucht vor seinen Partnern wendet sie sich an ihren Vater Link (Mel Gibson), den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat und er nach einer langjährige Haftstrafe und einem Alkoholentzug in einem Trailerpark in Oregon Abbitte leistet. Sie ist selbst auf Drogen und rückt ihm gegenüber nicht mit den Gründen für ihr Hilfegesuch heraus. Bis plötzlich ein paar gedungene Killer mit Waffen an seinem Wohnwagen auftauchen.

Erin Moriartys Part ist, das liest man hier vielleicht schon heraus, eine etwas lieblos hingeschluderte Ansammlung von Juvenile Delinquent-Klischees, auf die ältere Herren zurückgreifen müssen, weil sie keinen Kontakt mehr zur Jugend haben. Lydia ist ihrem manipulativen Geliebten nahezu hörig, trägt auch im Sommer Wollmütze zur zerrissenen Jeans und gerade so viel Goth-Make-up, dass sie mit nicht allzu vielen Handgriffen wieder in die blonde Prinzessin zurückverwandelt werden kann (das kommt dann später). Sie nimmt Crystal und hat haarsträubende Pläne, die von schlechten Filmen inspiriert scheinen und muss vom Papa mal ordentlich die Leviten gelesen bekommen, um wieder klar zu sehen. Das hätte man besser machen können, aber BLOOD FATHER weiß diese Schwächen relativ schnell zu überwinden: zumal er ja Mel GIbson hat, der als reuiger Crime-Rentner, der darauf hofft, seine vielen Fehler und Versäumnisse irgendwann wieder gut machen zu können, eine echte Schau ist. Immer, wenn er zu sehen ist, bebt die Leinwand vor Energie, selbst in eher beschaulichen Momenten, wie der Sitzung der Anonymen Alkoholiker zu Beginn, der er mit seinem Trailerpark-Kumpel Kirby (William H. Macy) beiwohnt, oder ihrem kleinen Plausch auf dem Heimweg im Anschluss. Und wenn er dann so richtig von der Kette gelassen wird, seinen Ex-Knacki-Kumpel Preacher (Michael Parks), der mittlerweile Nazi-Memorabilia verkauft, anbrüllt oder dessen herrischer Gattin die Fresse poliert, wird aus dem subtilen Beben ein bedrohliches Grollen. Irgendwann gewinnt dann auch die Geschichte um die Vater-Tochter-Beziehung an Substanz und das Ende, so kalkuliert es auch ist, verfehlt sein Ziel nicht.

BLOOD FATHER ist nicht der Film, der mich zu wortreichen Elogen inspiriert – aber das würde ich ihm nicht negativ auslegen wollen. Er ist kein großer Film, er erfindet das Rad nicht neu und zeichnet sich gewiss nicht durch irgendwelche formalen, erzählerischen oder dramaturgischen Innovationen aus. Nichts an BLOOD FATHER ist wirklich originell: Es ist im Grunde ein Western im zeitgenössischen Gewand, seine Geschichte hätte man vor 50 Jahren schon erzählen können, hätte im Drehbuch lediglich ein paar Handys ersetzen müssen, und in den Siebzigern wurden solche knackigen Crimestoffe in Reihe gedreht und in die Kinos gespuckt. Heute sieht das schon wieder etwas anders aus, da ist BLOOD FATHER ein Außenseiter, ein Relikt, das an eine vergangene Tradition erinnert, die er nicht nur rezitiert, sondern deren Spirit er in seinen besten Momenten greifbar macht. BLOOD FATHER ist nicht die aufregende Partybekanntschaft, mit der man spannende Diskussionen führt, sondern der alte Freund, mit dem man zusammensitzt, ein Bier trinkt und im Schweigen Übereinkunft spürt.