Mit ‘Michael Rooker’ getaggte Beiträge

Erste Sichtung nach vielen, vielen Jahren. Aber als die ersten Töne des Carpenteresken Scores erklingen, ist alles wieder da. Henry (Michael Rooker), Otis (Tom Towles) und Becky (Tracy Arnold), der Fernseher, die Kamera, die gedrungene Statur des Mörders, sein ausdrucksloses Gesicht, das sadistische Lachen von Otis, Beckys Freude über das „I love Chicago“-Shirt. Und natürlich das Knacken der Genicke von Henrys Opfern, ihre Körper eingefangen in beinahe künstlerischen Stillleben, die Gesichter eingefroren nicht so sehr in Angst oder Schmerz, sondern in einer Grimasse der Überraschung, der Ungläubigkeit. Der Tod, den Henry bringt, ist die totale Willkür, nichts verbindet ihn mit seinen Opfern, er wählt sie bei seinen Ausflügen aus, folgt ihnen, spioniert sie aus und schlägt dann zu. Immer sind es Frauen und es ist die pure Lust, aber Henry hat sich unter Kontrolle, seine Triebe so weit im Griff, das er niemals Gefahr läuft erwischt zu werden. Er ist der menschgewordene Tod.

Doch mit der Routine ist es vorbei, als er seinen alten Knastkumpel Otis wiedertrifft. Soeben hat der seine Schwester bei sich augenommen, weil sie ihren Ehemann verlassen hat. Es entwickelt sich eine gefährlich Dreiecksgeschichte: Otis wird durch Henry auf den Geschmack des Tötens gebracht, aber ihm fehlt jegliche Beherrschung. Becky verliebt sich in den schweigsamen Henry, hinter dessen kühler Fassade eine gepeinigte Seele wohnt, und der erwidert ihre Gefühle. Sein Leben, wie er es zu leben gewohnt ist, ist in Gefahr.

HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER entstand für ein Budget von knapp über 100.000 Dollar, nachdem Regisseur John McNaughton eine Dokumentation über den Serienmörder Henry Lee Lucas gesehen hatte. Der Film erlebte seine Premiere auf einem Filmfestival in Chicago. Es folgten weitere Einsätze, die ihm schnell einen kontroversen Ruf einbrachten, aber erst in den frühen Neunzigerjahren erfuhr er einen offziellen Kinostart in den USA, versehen mit dem berüchtigten X-Rating, das eigentlich Pornos vorbehalten ist. In vielen Ländern war er jahrelang beschlagnahmt oder nur stark geschnitten zu sehen, aber es war nicht der Vorwurf übertriebener Gewaltdarstellung, über den er stolperte, sondern die Kühle und Distanz, mit der er die Verbrechen von Henry und Otis einfängt. In einigen Szenen hilft ihm dabei der Camcorder, den die beiden Freunde mitführen: Eine Home Invasion, bei der sie eine dreiköpfige Familie umbringen und sich einen Spaß mit den Leichen machen, filmen sie mit und wir sehen sie durch das Objektiv des am Boden liegenden Geräts. Später sitzen beide zu Hause auf der Couch, eine Bierdose in der Hand, den eigenen Film begutachtend, als handele es sich um eine Talkshow, die man am Nachmittag aus Langeweile konsumiert. McNaughton zeigt den Wahnsinn als erschreckende Normalität und der gewaltige Sprung vom „normalen“ Bürger zum Triebtäter ist bei ihm (und Otis) nur ein kleiner Schritt. Genauso wie Todd Phillips HATED handelt auch McNaughtons HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER von einer verwundeten Generation von Männern, für die es in der Gesellschaft kein echtes Auffngbecken gibt. Henry und Otis sind seelisch kaputt, finanziell am Boden, ohne soziales Umfeld, das ihnen helfen könnte. Was bleibt sind Dosenbier, Sex mit billigen Prostituierten, Frustration und der Kick, den die Gewalt verspricht.

Auffällig: Der Titel des Films ist ein Trick. Es gibt kein Porträt, nur eine (repräsentative) Momentaufnahme. Was Henry über sich selbst sagt, kann wahr, aber genauso gut gelogen sein. (Darin orientiert sich McNaugton an seinem realen Vorbild.) Wesentlich näher ist uns Otis: Er liegt da wie ein offenes Buch, ein Einfaltspinsel mit einfachen Bedürfnissen. Henry ruht den ganzen Film über in sich, Otis macht eine Reise durch und verändert sich dabei. Er fungiert auch als eine Art Stand-in für den Zuschauer, der sich bei der Kontaktaufnahme mit dem Serienkiller hinter ihm verstecken kann. Aber erstaunlicherweise ist uns Henry näher als Otis. In seinem Tötungshandwerk bringt er den Opfern einen gewissen Respekt entgegen, während Otis immer maßloser wird.

Als wir nach der Vorführung über den Film sprachen, bemerkte Jochen, dass wir im Versuch, die Hauptfigur zu verstehen, alle mehr über uns sagen, als über Henry. Das ist der Kern des Films: Es geht nicht um den Serienmörder. Er ist nur der Katalysator. HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER hat in den vergangenen, nun schon 32 Jahren nichts, rein gar nichts von seiner Power und suggestiven wie verstörenden Kraft eingebüßt. Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes erschreckend guter Film, nahe an der Perfektion und mit drei zentralen Performances geadelt, ohne die er kaum denkbar wäre. Mit anderen Worten: ein modernes amerikanisches Meisterwerk.

 

 

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DAYS OF THUNDER ist ein ausgesucht dummer Film. Es ist ein Männerfilm, für den man sich als Mann schämen muss. Alle Männer im Film sind Idioten. Mehr noch, alle Männer im Film glauben, es sei ihr verbrieftes Recht, sich wie Idioten zu benehmen. Es gibt keinen nennenswerten Reifeprozess, für keinen der Charaktere. DAYS OF THUNDER sieht, wie fast alles von Tony Scott, geil aus, aber es ist trotzdem schmerzhaft, ihn sich anzusehen. Wenn jemand diese Hirnies als geeignete Identifikationsfiguren ansieht, was für ein Weltbild hat diese Person? (Vom Frauenbild mal ganz zu schweigen.)

Hinter DAYS OF THUNDER steckt natürlich mastermind Don Simpson. Mit TOP GUN hatte er sich, im Team mit Tony Scott und Tom Cruise, eine goldene Nase verdient, in die er sich dann eine Pipeline nach Kolumbien legen ließ, aus der auch Robert Towne, Drehbuchautor extraordinaire der Siebziger, häufiger naschte, was sein Script erklärt. Als Simpson das ideelle Sequel um ein paar Nascar-Racer auf die Straße brachte, war der verbliebene Rest seines Hirns wahrscheinlich bereits in die Eier gerutscht. Oder die Eier nach oben, keine Ahnung. Die Idee ist natürlich super: Die bunten Rennautos knallen gut rein, vor allem unter diesen Tony-Scott-Himmeln, und dass Autorennen durchaus geeigneten Stoff für die große Leinwand hergeben, hatten in der Vergangenheit schon mehrere bewiesen – man denke etwa an LE MANS. An den philosophisch-impressionistischen Dimensionen des Sports ist Simpson aber leider nicht interessiert, DAYS OF THUNDER ist eine Huldigung an den leeren Materialismus und das Privileg der Männer, sich auch im Alter noch wie verwöhnte Blagen zu benehmen.

Tom Cruise ist Cole Trickle (alle Rennfahrer im Film haben bescheuerte Namen), ein namenloser Rennfahrer, der unter der Anleitung des Veteranen Harry Hogge (Robert Duvall), dem neuen Rennstall von Manager Tim Daland (Randy Quaid) zu Ruhm und Erfolg verhelfen soll. Cole fährt im Training wie ein besessener, unterbietet gleich mal die Zeit des amtierenden Champions Rowdy Burns (Michael Rooker), damit den Grundstein für eine erbitterte Rivalität legend, die sich später in eine echte Männerfreundschaft verwandeln wird. Aber Trickle hat ein Problem: Nicht nur ist er ein Heißsporn, er hat auch von Autos keine Ahnung und muss erst langsam an die Details des Rennsports herangeführt werden, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Seinem Aufstieg an die Spitze steht danach nichts mehr im Wege, bis er in einen schweren Unfall mit Rowdy verwickelt wird.

Zunächst mal: Ich habe ja wirklich ein Faible für Tom Cruise, aber sein Cole Trickle gerät dank seines Spiels zu einem unangenehmen Fatzke, der eine schwere Bürde für DAYS OF THUNDER ist. Wer will schon mit einem unreifen Schönling mitfiebern, der immer gleich beleidigt ist, wenn man ihm mal die Meinung sagt? In einer der bescheuertsten Szenen des Films liefert er sich ein lebensgefährliches Autorennen mit einem Taxifahrer, bloß weil der es gewagt hatte, ihn anzuhupen. Und seinen Rivalen, den arroganten Schmierlappen Russ Wheeler (Cary Elwes), rammt er einmal auf dessen Ehrenrunde, womit er gleich zwei Autos ruiniert. Dieses Verhalten wäre wirklich nur zu entschuldigen, wenn Trickle nicht gleichzeitig so ein unerträgliches Weichei wäre. Ein Großteil des Films dreht sich um seine Ängste, nach dem Unfall wieder in einen Rennwagen zu steigen, und alle umsorgen diesen Dummkopf, dessen einzige positive Eigenschaft es ist, sehr gut autofahren zu können. Vor allem Harry macht sich mit seiner väterlichen Fürsorge in einer Tour zum Affen, niemals schlimmer, als in der Szene, in der er die Ärztin Claire Lewicki (Nicole Kidman), die Trickle behandelt, um Verzeihung bittet, weil sein Protegé sie zuvor für eine Stripperin gehalten hatte. Klar, eine gutaussehende und intelligente Frau, das sprengt Trickles Vorstellungskraft. Man kann es ihm nicht recht verübeln, denn Townes Script kennt außer ihr tatsächlich nur Stripperinnen oder brave Eheweiber, die dem Ehemann mit Quäkstimme hohle Stichworte zuwerfen und dafür Schweigen ernten.

Positiv im Gedächtnis bleiben demnach ausschließlich Bilder, sobald „Menschen“ den Mund aufmachen, wird es haarsträubend doof, was zugegebenermaßen durch die deutsche Synchro noch erheblich verstärkt wird. Zur Ehrenrettung der vielen begabten Sprecher muss man sagen, dass es wahrscheinlich eine extrem undankbare Aufgabe war, diese Knalltüten auch nur halbwegs normal erscheinen zu lassen. Vielleicht muss man ihre Leistung sogar ausdrücklich loben, weil sie ans Tageslicht geholt haben, was im Orginal verborgen blieb. Andererseits: Schaut man sich die Rezeption an, die DAYS OF THUNDER erfahren hat, haben die meisten Zuschauer sehr klar gesehen. Somit gibt es nur ein Fazit: Tony Scotts Rennfahrerfilm ist ein Monument männlicher Minderbemittelheit.

Das Hypebeast des vergangenen Jahres, der Film, der allen Nerds kollektiv feuchte Höschen bescherte und sie endlich die Renaissance des Feelgood-Popcorn-Genrefilms ausrufen ließ, die sie schon hinter den letzten ca. 325 Comic- oder Computerspielverfilmungen sehnsüchtig vermutet hatten, nur um sich dann angesichts des nächsten ihre Kindheitsträume schändenden, zutiefst kompromittierten Rohrkrepierers doch wieder schmollend in ihre mit verklebter Lara-Croft-Fan-Fiction übersäter und mit Anime-Porn ausstaffierter Onanierecke verkriechen zu müssen.

Der neueste Beitrag zum expandierenden (und demnächst ja auch um Spider-Man bereicherten) Marvel-Filmuniversums basiert auf einer vergleichsweise aktuellen Heftserie aus dem Jahr 2008 (die aber die Fortsetzung einer bereits in den Sechzigerjahren gestarteten Reihe ist). Möglicherweise war das auch der Grund für den Erfolg dieses Films: Anders als Spider-Man, Captain America, Hulk, Iron Man oder Thor sind die Helden von GUARDIANS OF THE GALAXY noch nicht zu popkulturellen Ikonen herangereift, mit denen nahezu jeder potenzielle Zuschauer etwas verbindet und an deren Umsetzung im Film er daher notgedrungen gewissen Erwartungen knüpft. Regisseur James Gunn, dessen Retro-Science-Fiction-Schleimer SLITHER mir seinerzeit sehr viel Spaß bereitet hatte, geht recht unbekümmert mit seinem Stoff um, ohne Ehrfurcht vor einem comicliterarischen Erbe, das ja noch gar nicht besteht, inszeniert mit Verve und Tongue in Cheek und befreit GUARDIANS OF THE GALAXY so von auch der etwas nervtötenden Ernsthaftigkeit, die die Marvel-Verfilmungen manchmal so anstrengend macht. Dankenswerterweise versucht er nicht, den zugrunde liegenden Comic auf Gedeih und Verderb in Richtung Seriosität und Relevanz umzubiegen, sondern konzentriert sich ganz auf Spaß und bunte Bildchen. Das Design bietet viele Schauwerte, ohne überkandidelt zu wirken, und der schmissige Pop-Soundtrack – wenn auch nicht die Neuerfindung des Rades, zu der ihn viele nach Sichtung des Films gemacht haben – trägt ebenfalls seinen Teil zum aller Weltraumapokalypse zum Trotz fröhlich-vergnügten Ton des Films bei. Die Darsteller lassen sich davon sichtlich anstecken, ganz gleich, ob sie nun mit vollem Körper- oder aber nur Stimmeinsatz agieren. Der Schlüssel zum Erfolg sind sicher die Figuren: kein Tross von der Schwere ihrer Verpflichtung niedergedrückter Übermenschen, sondern ein bunch of misfits, kleinkriminelle Halunken mit seltsamen Marotten. Drax, the Destroyer (Dave Bautista) begreift das Konzept von bildlicher Rede nicht, der Baummensch Groot (Vin Diesel) verständigt sich mittels unterschiedlicher Betonung ein und desselben Satzes („I am Groot.“), der genetisch manipulierte Waschbär Rocket (Bradley Cooper) ist ein cholerischer Sadist. Das verändert die Dynamik des Films gegenüber etwa THE AVENGERS, bei dem die Kameradschaft der einzelnen Teammitglieder eher ein Nebenaspekt war. Die Verlierer in GUARDIANS OF THE GALAXY müssen ihre Animositäten erst überwinden, um zu Helden zu werden.

Ich habe den Film zweimal gesehen: Beim ersten Mal bin ich pünktlich zum Showdown eingeschlafen und war danach eher unterwältigt. Bei der Zweitsichtung ohne Einschlafen gefiel mir der Film deutlich besser. Er ist gewiss nicht das makellose Wunderwerk, das hysterische Nerds aus ihm machen wollen: Wie fast alle jüngeren Marvel-Comicverfilmungen krankt auch dieser etwas an seinem gesichtslosen Plot, in dem es mal wieder um ein weltenvernichtendes device geht, ein denkbar gesichtsloser McGuffin, der nur dazu da ist, den bunten Reigen von Actionsequenzen anzustoßen. Erwartet man wirklich zu viel von einem Superheldenfilm, wenn man sich nur einmal eine richtige Geschichte wünscht? Auch warum ein solches Werk dann trotzdem mindestens zwei Stunden Laufzeit haben muss, erschließt sich mir nicht. Aber gut, die Zeiten von knackigen 80–90-Minütern scheinen ja eh vorbei zu sein und offensichtlich fällt es unter Value for Money, die Zuschauer auf Gedeih und Verderb für 120 Minuten an den Kinositz zu fesseln. GUARDIANS OF THE GALAXY wird so streckenweise redundant und aufgebläht, was so gar nicht zu seinen eher bescheidenen Heldenfiguren passen will, genauso wenig wie das unvermeidliche Pathos, das am Ende sein hässliches Haupt erhebt, nachdem Gunn es zuvor erfolgreich auf Distanz gehalten hatte. Ich musste nach der Sichtung mehrfach an den zuletzt wiedergesehenen STARCRASH, der im Spirit durchaus verwandt ist mit GUARDIANS OF THE GALAXY, aber diese Flüchtigkeit, die der Kern von Popkultur ist, auch in seiner äußeren Form bewahrt. Aber das war eine andere Zeit und Bescheidenheit passt wohl nicht mehr zum heutigen Verständnis von Kino. Aber genug des Meckerns, GUARDIANS OF THE GALAXY hat mir Spaß gemacht und das ist mehr, als von den letzten Marvel-Filmen sagen kann.

Der Autor und Dozent Thad Beaumont  (Timothy Hutton) hat unter dem Pseudonym „George Stark“ gutes Geld mit harten Pulp-Romanen verdient. Als ein Erpresser ihm droht, die wahre Identität von George Stark offenzulegen, beschließt Beaumont, ihm zuvorzukommen: Schnell wird für die Presse ein Fotoshooting arrangiert, bei dem Beaumonts Alter ego sprichwörtlich beerdigt wird. Doch als wenig später Menschen im Umfeld Beaumonts sterben, muss der sich mit dem Gedanken anfreunden, dass Stark weitaus realer ist, als er bisher angenommen hatte. Und er ist stinksauer darüber, dass er mitleidlos für tot erklärt wurde …

Ich erinnere mich noch an die Zeit vor rund 20 Jahren, als die deutsche Version des hier abgebildeten Posters die Wand meines Zimmers zierte. Es scheint noch nicht so weit weg, aber trotzdem ist THE DARK HALF ein Relikt aus einer fernen Vergangenheit: einer Zeit, in der George A. Romero noch dicke Studioproduktionen inszenieren durfte (es sollte für viele Jahre sein letzter Film bleiben) und Stephen-King-Verfilmungen einen nicht unbeträchtlichen Teil des jährlichen Horrorfilmangebots ausmachten. Heute dreht der eine kleine Zombiefilme auf Digivideo, der andere schreibt zwar immer noch fleißig wie eh und je, ist aus dem Kino aber weitestgehend verschwunden. THE DARK HALF – beileibe kein schlechter Film – bietet aufschlussreiches Anschauungsmaterial, wie es dazu kommen konnte. Der Film beginnt dabei sehr vielversprechend: Das Bild eines gewaltigen Schwarms von Spatzen, der sich von herbstlichen Baumwipfeln erhebt, um dann in bizarren Formationen, die einer für das menschliche Auge nicht nachvollziehbaren Logik folgen, ihre Kreise zu ziehen, ist ebenso faszinierend-hypnotisch wie suggestiv. Vor dem Auge verschwimmen die schwarzen Punkte und die sich hinter diesen stetig verändernden weißen Flächen zu einem organischen weißen Rauschen: Romero startet mit einem starken, weil bekannten, aber doch geheimnisvollen Bild, das zur folgenden Geschichte um Doppelidentitäten, verborgene Eigenschaften, geheime Begierden, fehlgeleitete Wünsche nicht realisierte Potenziale eher eine intuitive Verbindung herstellt. Die Exposition des Films ist rundum gelungen: Verschiedene Erklärungsansätze für das Doppelgänger-Bild werden eingeführt, von der biologischen mit dem absorbierten Zwilling bis hin zu eher psychologischen Interpretationen, wie jener der „dunklen Hälfte“, einer animalischen, unterdrückten Seite des Individuums, die sich etwa in der Kunst Ausdruck verleiht. Es ist wohl die Stärke von King, dass er diese Erklärungen aufbieten kann, ohne das Grauen kaputtzurationalisieren. Romero jedenfalls hat diese Gabe nicht.

Und so versandet THE DARK HALF genau in langweiliger Konkretion, als er eigentlich abheben sollte. Ein Problem ist die Figur des George Stark selbst: Zwar müht sich Hutton redlich, den Psychopathen mit der Elvisfrisur lebendig werden zu lassen, er kommt über eine Karikatur aber nicht hinaus (die mich zudem an John C. Reilly erinnert hat, was auch nicht eben hilfreich war). So gerät der Film jedesmal ins Stolpern, wenn er eigentlich seine Suspense-Höhepunkte erreichen sollte. Der Mittelteil, bei dem sich Romero vor allem den mörderischen Streifzügen Starks zuwendet, gerät so zu einer eher zähen Angelegenheit: unoriginell, pflichtschuldig, ohne rechte Überzeugung. THE DARK HALF erholt sich davon leider nicht mehr so recht: Das letzte Drittel ist mit seiner Erklärbärhaltung weit vom eigentlich angepeilten intelligenten Horror entfernt, das Finale, bei dem es zum Duell zwischen den beiden Zwillingen kommt, wirkt gar wie aus einem ganz anderen Film. So fungiert THE DARK HALF wieder mal nur als längst überflüssiger Beleg für die These, dass sich die Romane des Meisters nur schwerlich in Bilder übersetzen lassen. Man darf aber auch argwöhnen, dass Romero eh nicht der richtige Mann für diesen Stoff war. Machen wir uns nichts vor: So genial seine ursprüngliche Zombietrilogie oder Filme wie MARTIN oder THE CRAZIES auch sind, sie zeichnen sich nicht eben durch Subtilität, sondern eben vor allem durch griffige Bilder, einen scharfen Blick für gesellschaftliche Missstände und ihren bissigen Humor aus. Ein starkes Bild hat Romero er, wie ich eingangs erwähnte, auch für THE DARK HALF gefunden, aber George Stark hätte besser niemals Gestalt angenommen. Thad Beaumont würde mir da wahrscheinlich Recht geben.

Während eines Urlaubs begleitet der in Südostasien stationierte Marine Joe Linwood (Ted DiBiase) seine Frau Robin (Lara Cox) zur Einweihung eines Luxus-Urlaubsresorts in Thailand, das ihr Chef Darren Conner (Robert Coleby) sehr zum Missfallen einer Gruppe terroristischer Separatisten hat errichten lassen, die den amerikanischen Imperialisten einen Denkzettel verpassen wollen. Sie stürmen die Anlage, nehmen die Gäste als Geisel und erpressen ein Lösegeld. Doch sie haben die Rechnung ohne Joe gemacht, der fest entschlossen ist, seine Frau aus den Fängen der Schurken zu befreien …

DIE HARD im Robinson Club: So oder ähnlich könnte man THE MARINE 2 in eine griffige Formel fassen. Die spektakuläre Kulisse wird von Reiné in tollen Bildern eingefangen, die denkbar einfach zusammenzufassende Handlung verkommt demgegenüber fast zur Staffage. Und am Ende der 90 Minuten wundert man sich, wie Reiné es geschafft hat, anlässlich dieser doch geradezu idealtypisch auf die Gelegenheit, viel kaputtzumachen, hinkonstruierten Handlung, der Versuchung zu widerstehen, THE MARINE 2 lediglich als endlose Ballerorgie zu inszenieren.

Ausufernde Actionszenen sucht man demzufolge vergebens, es dauert gut 25 Minuten, bis Reiné die Exposition hinter sich gebracht hat, und trotzdem darf man THE MARINE 2 als kleinen Triumph des B-Actionfilms ansehen, weil er Bilder von beeindruckender Klarheit schafft. Die Zeitlupensequenz, in der der Protagonist und ein weiterer Kämpfer zwischen explodierenden Handgranaten hindurch flüchten und ein wahrer Funkenregen über ihnen herniedergeht, kann ich nicht anders als „poetisch“ nennen. Solche Momente gibt es einige, die diesen kleinen Film im Rückblick als ziemlich groß erscheinen lassen. Genau erklären kann ich das auch nicht. Genauso wenig wie den Charme übrigens, der von Ted DiBiase ausgeht: Eigentlich könnte man dem böswillig unterstellen, auszusehen, als sei er von zu viel Anabolika verblödet. Ein Beefhead, wenn es jemals einen gab. Aber dann strahlt er auch wieder eine lausbubenhafte Unschuld aus – ein bisschen so, als hätte man den Kopf von Judge Reinhold auf den Körper von Ralf Möller verpflanzt –, die perfekt für den Film ist, dem die nihilistische Grimmigkeit anderer Actionfilme der letzten Jahre total abgeht. Rätselhaft, aber wunderschön.