Mit ‘Michael Wincott’ getaggte Beiträge

curtainsAuf der Bühne eines kleinen, menschenleeren Theaters gibt Samantha Sherwood (Samantha Eggar) ihrem Regisseur Jonathan Stryker (John Vernon) eine Darbietung als rachsüchtige, betrogene Frau. Als sie die Waffe zieht, um ihren Liebhaber umzubringen, lacht Stryker nur: Er nimmt ihr die Rolle nicht ab. Um ihm zu beweisen, wie weit sie für die Rolle der in den Wahn abdriftenden Audra, der Protagonistin seines nächsten Films, bereit ist zu gehen, lässt sie sich gar in eine Nervenheilanstalt einweisen. Umgeben von manischen Patientinnen scheint ihr ein echter Horrortrip bevorzustehen. Wird sie ihre geistige Gesundheit bewahren?

CURTAINS geht dieser Frage aber nicht weiter nach, fängt nach einem fallenden Vorhang lieber noch einmal neu an: Stryker hat die Idee, Sherwood zu besetzen, verworfen und stattdessen sechs andere Darstellerinnen zum Casting in ein einsames Landhaus geladen. Die geschasste Aktrice ist wütend und kündigt einen Vergeltungsschlag an, der sich schon bald in einer Mordserie zu entladen scheint. Nacheinander fallen die Bewerberinnen um „ihren“ Part einem maskierten Mörder zum Opfer.

CURTAINS ist eine Slasher-Film-Kuriosität, ein Werk, das erst kürzlich wieder ausgegraben und als vergessene Perle beworben wurde. Dem Schema seines Subgenres mag er sich nicht wirklich fügen, das Stalk’n’Slash, das sonst im Zentrum des Interesses steht, nimmt hier einen vergleichsweise kleinen Spielraum ein. Viel eher ist CURTAINS ein Sammelsurium von Ideen, die in ihrer Kombination ein höchst seltsames Ganzes ergeben. Irgendwie hat mich das an Robert Aldrichs THE LEGEND OF LYLAH CLARE erinnert, mit dem CURTAINS vordergründig eigentlich kaum etwas gemeinsam hat. Aber neben seinem Horrorplot handelt Ciupkas Film eben auch vom unbarmherzigen Filmbusiness, von den komplizierten Beziehungen zwischen Regisseuren und ihren Musen, von unerreichbaren Träumen, geplatzten Hoffnungen und gescheiterten Karrieren. Zu allem Überfluss inszenierte Ciupka seinen Film auch noch unter dem Namen seines Film-Alter-egos Stryker, was CURTAINS endgültig auf die selbstreflexive Metaebene hebt und es schwer macht, den Film at face value zu nehmen. Der Film hat eine melodramatische Qualität, die von den bisweilen kitschigen, in Pastelltönen gehaltenen  Bildern gestützt wird, wirkt wie der Albtraum einer im Alkohol- und Tablettenrausch darniederliegenden Diva. Eine mörderische Puppe taucht auch auf, ohne dass man wirklich weiß warum, und ein junger Michael Wincott hat eine Sexszene. Ein wahrlich merkwürdiges Teil.

res10Trotz seiner leicht überdurchschnittlichen IMDb-Bewertung gilt ALIEN: RESURRECTION vielen Genrefilm-Freunden geradezu als Inbegriff für das unerklärliche, bizarre Totalversagen eines einst unfehlbar scheinenden Erfolgsfranchises. Polemiken gegen das Sequel sind ein liebevoll gepflegter Standard von Nerd-Websites, seine Schlechtigkeit ein unstrittiges Faktum, das dort ähnlich vehement verkündet wird wie der Hass auf die STAR WARS-Prequels. Konnten die Fanboys Finchers ALIEN 3 irgendwie noch verzeihen, weil sie dessen schwierige Produktionsgeschichte kannten und das (zusammengestutzte) Endergebnis außerdem immer noch amerikanisch genug war, um es ohne Verdauungsprobleme wegkonsumieren zu können, reizte Jeunet offensichtlich einen bloßliegenden Nerv. Dabei könnte man doch meinen, dass gerade das von vornherein offenkundiger Bestandteil des Deals war: Für ein stromlinienförmiges, wie eine gut geölte Maschine laufendes Entertainment-Vehikel war der Franzose gewiss nicht engagiert worden. Viel eher erwartete man sich doch wohl jene ausstatterische und visuelle Opulenz, schrägen Humor sowie märchenhafte Stimmung gepaart mit postmoderner Findigkeit, die wesentliche Merkmale von DELICATESSEN und LA CITÉ DES ENFANTS PERDUS gewesen waren. Und genau diese Qualitäten weist ALIEN: RESURRECTION dann auch auf – womit er erwartungsgemäß aus dem bis dahin vergleichsweise homogenen Korpus der Reihe herausfällt. Die Frage ist: Ist das wirklich ein Mangel? Und wenn ja: Wird er durch die von Jeunet neu ins Spiel gebrachten Impulse aufgewogen?

ALIEN: RESURRECTION setzt die Geschichte um die überaus aggressive Rasse Außerirdischer sowie die Bemühungen der Menschen, sie für militärische Zwecke nutzbar zu machen, durchaus sinnvoll fort, legt nach Finchers ätherisch-transzendentalem dritten Teil hinsichtlich der aus Scotts Original bekannten, grafischen Sexualisierung wieder eine deutliche Schippe drauf. Jeunet entfaltet eine fast erotisch zu nennende Zeigelust an deformiertem Fleisch, schwelgt in Aufnahmen verwachsener Leiber und mutierter Mensch-Alien-Halbwesen in großen Glasbehältern, macht die vormals eierlegende Alien-Königin zur Lebengebärenden und erfindet auf dem Höhepunkt des Films einen schockierenden Alien-Hybriden, aus dessen menschenähnlichem Totenschädel zwei dunkle, traurige Augen glotzen und das sogar in der Lage ist, sich sprachlich zu artikulieren. (Viele fanden dieses neue Monster eher lächerlich, aber bei mir hat es ein breites Spektrum an Emotionen von Ekel bis Mitleid ausgelöst.) In diesen Momenten gelingt es Jeunet, den ganzen Wahnsinn hinter den menschlichen Zuchtversuchen herauszuschälen, gleichzeitig die evolutionäre Flexibilität seiner Titelkreaturen und das Thema der Reihe – die unauflösliche Verstrickung des Menschen mit der fremden Rasse – auf die Spitze zu treiben. Leider funktionieren viele andere Elemente des Films weniger gut. So geht der bis zu diesem Zeitpunkt noch vorherrschende Realismus der Reihe fast vollends verloren und macht der comicartigen Stilisierung Platz. Die Charaktere – allen voran die geklonte Ripley mit ihrem überlegenen Superbitch-Smile – sind alle vollkommen over the top und man wähnt sich plötzlich in einem ganz anderen filmischen Universum. Auch der krude Humor wirkt fehl am Platze, weil er den Bestrebungen zuwiderläuft, den Zuschauer bei der Gurgel zu packen. ALIEN: RESURRECTION ist über weite Strecken weder besonders spannend noch erschreckend und die Aliens selbst mutieren fast ein wenig zu Witzfiguren. Von ihrer einstigen biologischen Überlegenheit jedenfalls ist nicht mehr viel übrig. Die Actionsequenzen sind Kind ihrer Zeit und gar nicht gut gealtert: Man sieht noch den damaligen Woo- und Hongkong-Einfluss, für dessen überzeugende Umsetzung Jeunet jedoch das kinetische Gespür abgeht. Und die meisten Computerffekte sind ebenfalls reichlich angestaubt.

ALIEN: RESURRECTION ist ohne Zweifel der bis dahin schwächste, unrundeste Beitrag zur Reihe und man fährt wahrscheinlich gut damit, ihn nicht so sehr als echte Fortsetzung zu betrachten, sondern als eine Art Spin-off, als Abzweigung vom eigentlichen Hauptstrang, als What-if-Szenario, das sich mit der Frage beschäftigt, was wäre, wenn man die Titelkreaturen aus ihrem unterkühlten Body-Horror-Setting in ein Comic-Universum transplantierte. Jeunets Film verfügt über einen sehr eigenen Charme, traut sich Dinge, mit denen wohl nur ein Europäer davon kommen konnte und lässt nebenbei das Bedürfnis nach einem ALIEN-Film von David Cronenberg ca. 1988 in ungeahnte Höhen schnellen. Vielleicht muss man ihn als den Schraubenschlüssel betrachten, den jemand mit Wucht ins bis dahin gut, vielleicht sogar zu rund laufende Räderwerk gepfeffert hat, bevor es nur noch seelenlose Klonen ausspucken konnte. ALIEN: RESURRECTION sabotierte das Franchise zu einem Zeitpunkt, als es langweilig zu werden drohte, mit seinen kruden Einfällen und lieferte so den willkommenen Anlass für eine Auszeit. Dass seitdem fast 20 Jahre vergangen sind, legt nahe, dass man mit den biomechanischen Außerirdischen nicht mehr allzu viel anzufangen wusste. Es ist fast unmöglich, an Jeunets Film anzuschließen. Das ist eine sehr respektable Leistung, wie ich finde. Mission accomplished.