Mit ‘Michele Massimo Tarantini’ getaggte Beiträge

Taxi-Girl-film-images-679ca646-c156-4bb6-80ca-fdfb6ea31adHach, wie wunderbar, wenn man nach dem Abstecher in fremde Gefilde – mein Ausflug ins japanische Kino – mit  liebevoll geöffneten Armen und dem weich wogenden Busen der göttlichen Edwige Fenech empfangen wird. TAXI GIRL, einer von Tarantinis vielen Beiträgen zur Commedia sexy all’Italiana, war nach den doch sehr fordernden Filmen von Nakagawa, Wakamatsu, Ishii, Suzuki und Oshima genau das Richtige, eine wunderbar spritzige, leichtfüßige, freundliche und lebensfrohe Übung in absolut folgenloser Albernheit, und nebenbei einer der bislang besten Filme aus diesem unüberschaubaren – und in seinen deutsch synchronisierten Inkarnationen manchmal starke Nerven erfordernden – Genres. 1977 entstanden und mithin ein eher später Vertreter der Commedia sexy, hat TAXI GIRL den nicht zu unterschätzenden Vorteil, auf ein bereits fest etabliertes Ensemble aus Darstellern und ihren jeweiligen Personae zurückgreifen zu können. Als Zuschauer kann man sich entspannt zurücklehnen und dem freien Fluss kurzweiliger Episödchen hingeben, die um Edwige Fenechs titelgebende Taxifahrerin Marcella kreisen.

Natürlich ist Marcella der fleischgewordene Liebestraum sämtlicher Kollegen (darunter der unvergleichliche Alvaro Vitali wieder einmal als gutmütiger Pechvogel vom Dienst) sowie des Hallodris Ramon (George Hilton), eines rückgratlosen Playboys mit Minipli-Frisur und herrischer Ehefrau, die von seinen Irrwegen alles andere als begeistert und noch dazu ausgesprochen wehrhaft ist, sowie des tölpelhaften Polizisten Walter (Michele Gammino), der alle ihm zur Verfügung stehende Beamtenmacht mobilisiert, um Marcella auf sich aufmerksam zu machen. Außerdem erweckt sie im Verlauf des Films noch das Interesse des Ölscheichs Abdul Lala (Franco Diogene), dem sie jedoch kurzerhand einen Laufpass gibt, weil sie nicht Teil seines Harems sein möchte, sowie des Mafiabosses Adonis (Aldo Maccione), bei dessen Festsetzung sie Kommissar Angelini (Enzo Cannavale) helfen soll. Dann gibt es da noch Walters depperten Kollegen Isidoro (herrlich blöd, wie immer: Gianfranco D’Angelo), der gern wie Tomas Milian oder Franco Nero wäre, beiden aber nur einmal wirklich nahe kommt, nämlich als er bei einem Motorradunfall mit dem Kopf durch ein Plakat von Milians SQUADRA ANTISCIPPO kracht, und natürlich Marcellas Eltern, die insgeheim davon träumen, dass endlich der Richtige für die Tochter kommt, ein gutverdienender, ehrbarer Bürger, damit sie ihren Job an Nagel hängen und sich dem Kinderkriegen und Haushaltführen widmen kann. Worauf Marcella, selbstständig Frau, die sie ist, natürlich rein gar keine Lust hat.

TAXI GIRL ist berückend und entzückend in seiner burlesken Antilogik: Gleich zu Beginn wird Marcella Zeuge eines Banküberfalls und ruft die Polizei an, die sofort schwer bewaffnet anrückt. Der vermeintliche Überfall entpuppt sich jedoch als Filmdreh und Marcella bekommt schweren Ärger von Angelini, obwohl der Fehler doch offenkundig bei der Polizei liegt. Dem Film ist das egal und auch Marcella fügt sich zwar entnervt, aber doch bereitwillig in ihr Schicksal. So geht das den ganzen Film hindurch: Alles wird immer auf den nächsten Konflikt, die nächste krachlederne Pointe hin konstruiert und man quietscht bald vor Freude, ob der sich immer neu ergebenden Katastrophen – die man natürlich schon von Weitem hat heraufziehen sehen. Alle Grenzen sprengt TAXI GIRL aber in seinem Showdown, einer vollkommen entgrenzten Verfolgungsjagd im Stile von Bogdanovichs WHAT’S UP, DOC?. Die immer absurder werdende Hatz führt die Teilnehmer schließlich nach Cinecittà, wo nicht nur die unterschiedlichsten Filmsettings, sondern auch Cowboys zu Pferde sowie als Polizisten verkleidete Statisten mit ins Chaos einbezogen werden. Man fragt sich, wohin das alles führen soll und offensichtlich wusste Tarantini selbst, dass es schwer werden würde, einen passenden Schlusspunkt zu finden, der nicht einer Enttäuschung gleichkommt. Also setzt er ihn ganz einfach: Die Protagonisten lassen spontan von der Jagd ab, deren ursprüngliches Ziel eh längst vergessen ist, fassen sich an den Händen und tanzen einen ausgelassenen Ringelpiez. Und das Herz des geneigten Zuschauer tanzt mit.

 

napoli_si_ribella_luc_merenda_michele_massimo_tarantini_006_jpg_czfvIst NAPOLI SI RIBELLA nun ein Poliziesco zweiter oder bereits dritter Ordnung? Die dem cinema di denuncia entspringende Staats- und Gesellschaftskritik wird hier nicht nur zur bloßen Prämisse für ein reaktionäres Actionfeuerwerk reduziert, nein, Regisseur Michele Massimo Tarantini, eigentlich ein Komödienfachmann, geht noch einen Schritt weiter. Wird dem liberal eingestellten Zuschauer in den Filmen um die cholerischen Haudrauf-Polizisten eines Maurizio Merli immerhin noch die Möglichkeit zur ideologischen Reibung gegeben, wird alles agitatorische Potenzial in NAPOLI SI RIBELLA mit albernem Humor zur totalen Harmlosigkeit bagatellisiert. Die Geschichte um den Mailänder Cop Dario Mauri (Luc Merenda), der nach Neapel kommt und dort gleich in eine Mordserie gezogen wird, hinter der natürlich wieder einmal das organisierte Verbrechen steckt, erinnert sowohl an typische Buddy-Komödien – Mauri gerät sogleich mit seinem trotteligen Partner Nicola Capece (Enzo Cannavale) aneinander, der glaubt, dem „Nordlicht“ zeigen zu müssen, wie der Hase im Süden läuft – wie auch an sogenannte Fish-out-of-Water-Stoffe. Jedoch wird beides von Tarantini, der das Drehbuch gemeinsam mit Dardano Sacchetti verfasste, kaum über das Stichwort hinausentwickelt. Nach einigen bösen Blicken, die der stets etwas nervöse Nicola von Mauri erntet, sind die beiden bereits unzertrennliche Kumpels, und auch der italienische Nord-Süd-Konflikt, der in vielen Filmen eine wichtige Rolle spielt, wird völlig vergessen. Was bleibt, ist eine leidlich kurzweilige Actionkomödie, deren Details ich heute, knappe 24 Stunden nach Sichtung, zum Großteil bereits wieder vergessen habe.

NAPOLI SI RIBELLA ist kompetent inszeniert, kann einige gelungene Verfolgungsjagden für sich verbuchen, eine üppige Anzahl von Schießereien und blutigen Exekutionen, sowie einen ominösen Score von Goblin, der an das oberflächliche Treiben aber ziemlich verschenkt ist. Cannavale wiederholt seine Rolle als treudoofer Depp aus SIE NANNTEN IHN PLATTFUSS und seinen drei Fortsetzungen, ohne jedoch ein ähnlich amüsantes Ergebnis zu erzielen, und so fliegt der Film als bunte Nummernrevue vorbei, ohne dass irgendetwas wirklich hängenbliebe. Ein Kommerzprodukt durch und durch, das sowohl den Tiefgang als auch den Biss anderer Genrevertreter gänzlich vermissen lässt.

Gianna Amicucci (Edwige Fenech) liebt die gialli aus dem Mondadori-Verlag, öffnet heimlich die Benachrichtigungen der Polizei, die ihre Nachbarn im Briefkasten haben, und hat im Kino keine Lust, mit ihrem Verlobten Cecé (Michele Gammino) zu fummeln, weil sie ganz vertieft in den Krimi auf der Leinwand ist. Ihr größter Wunsch ist es, selbst Polizistin zu werden, sehr zum Unverständnis ihres Vaters. Dank des schon damals unverzichtbaren Vitamin Bs – der Polizeichef Moretti (Gigi Ballista) wohnt bei ihr im Haus und sein Sohn, der Arzt Alberto Moretti (Giuseppe Pambieri), macht sich Hoffnungen, bei der Schönen landen zu können – ergattert Gianna erst einen Platz auf der Polizeiakademie und wird trotz eigentlich mangelhafter Leistungen schließlich sogar übernommen. Kommissar Antinori (Mario Carotenuto) gibt ihr einfachste Aufgaben, bei deren Erfüllung die junge Frau aufgrund ihres Übereifers stets größtes Chaos verursacht. Doch dann kommt sie durch Zufall dem Kopf eines Drogenrings auf die Spur …

Nach dem ermüdend ziellosen Unsinn von L’INSEGNANTE BALLA … CON TUTTA LA CLASSE ist LA POLIZOTTA FA CARRIERA wie Balsam für meinen geschundenen Leib. Zwar zeigt auch dieser Film die Episodenhaftigkeit, die nahezu alle Beiträge der Comedia sexy all’italiana auszeichnet, doch wird er durch die Figur der Gianna Amicucchi zusammengehalten. Edwige Fenech, die ich vor allem aus Giallos kenne, wo sie meist das verängstigte Opfer gibt, bezaubert hier als freche, engagierte und charmante Möchtegern-Polizistin, die ihre mangelnde Qualifikation durch erhöhte Einsatzbereitschaft wettmacht. Der Humor des Films geht dann auch weniger auf ihre Kappe und die Tatsache, dass Frauen zu dumm für Männerberufe wären, sondern zulasten ihrer chauvinistischen Vorgesetzten, die sich alle für überlegen halten, aber sich gerade dadurch und ihre eigene Schwanzgesteuertheit als die eigentlichen Dummköpfe erweisen. Sehr lustig ist wieder einmal Mario Carotenuto mit seiner zentimeterdicken Brille: Ein Running Gag des Films lässt ihn an der Bedienung einfachster technischer Geräte scheitern, die wie durch Geisterhand ihren Dienst verweigern, wenn er sie betätigt, und die sofort wieder reibungslos funktionieren, sobald sein Faktotum Tarallo (Alvaro Vitali) von ihm zur Hilfe gerufen wird. So fügt sich der Film nahtlos in die italienische Komödientradition, die so gern die verkrusteten bürokratischen Institutionen von Staat und Kirche aufs Korn nimmt und Autoritätsfiguren als Deppen zeichnet, die von den einfachen Bürgern gnadenlos bloßgestellt werden. Man sollte ganz gewiss kein Meisterwerk erwarten, aber LA POLIZOTTA FA CARRIERA ist noch nicht ganz so stark von den Anzeichne des drohenden Niedergangs gezeichnet wie das bei späteren Vertretern der Comedia sexy all’italiana der Fall ist. Wer das italienische Trivialkino der Siebzigerjahre zu schätzen weiß und mit dem typischen Humor zurechtkommt, der sollte auch an diesem Film seinen Gefallen finden können. Auch handwerklich ist er ein ganze Ecke ansprechender als das, was einem Tarantinis Kollege Laurenti zuweilen bescherte, weiß mit den Bildern römischen Verfalls zu punkten, an denen ich mich einfach nicht sattsehen kann.

Das sah wohl auch das zeitgenössische Publikum so: LA POLIZIOTTA FA CARRIERA, der in Deutschland unter dem grandiosen Titel POLITESS IM SITTENSTRESS erschien und auf DVD als Teil der FLOTTE TEENS-Reihe vermarktet wird, ist der zweite Teil einer vierteiligen Serie. Nachdem im 1974 von Steno inszenierten Vorgänger LA POLIZIOTTA noch Mariangela Melato ins Polizeikostümchen geschlüpft war, trat die Fenech 1976 in ihre Fußstapfen und blieb der Rolle auch in den Fortsetzungen LA POLIZIOTTA DELLA SQUADRA DEL BUON COSTUME von 1979 (zu Deutsch: DAS SCHLITZOHR VON DER SITTE) und LA POLIZOTTA A NEW YORK (EINE SUPERPOLIZISTIN in NEW YORK) v0n 1981 – beide unter der Regie von Tarantini entstanden – treu. Beim Blick auf ihre Filmografie sieht man bereits, dass das italienische Kino zum Zeitpunkt jenes dritten Sequels schon nicht mehr dasselbe war: Fenechs Kinokarriere lief in den frühen bis mittleren Achtzigerjahren langsam aus, mit Ausnahmen wie Deodatos UN DELITTO POCO COMMUNE (1988) beschränkten sich ihre seltener werdenden Auftritte auf Fernsehproduktionen. Ich habe das wahrscheinlich schon oft geschrieben, aber Filme wie LA POLIZIOTTA FA CARRIERA sind für mich aus diesem Grund immer auch mit einer gewissen Wehmut verbunden. Mitte der Siebzigerjahre gab es noch eine florierende italienische Filmlandschaft, die aber nicht mehr allzu lang Bestand haben sollte. Das Schielen nach dem schnellen Erfolg, das sich in solchen populären, aber eben auch anspruchslosen Stoffen widerspiegelte, war sicherlich ein Grund dafür, dass das Publikum plötzlich wegbrach.

Den Mord ihres Bruders an einem Drogendealer nimmt die junge Angela Duvall (Suzane Carvalho) auf sich und wandert für 18 Jahre in den Bau. Dort kommt der Arzt Dr. Cuña (Henri Pagnoncelli) hinter das Geheimnis der Frau und versucht, ihre Unschuld zu beweisen. Doch just in dem Moment, in dem ihm das gelingt und er eine Freilassung erwirkt, bricht im Gefängnis eine Revolte aus, in deren Folge Angela mit einigen anderen Frauen die Flucht in den Urwald gelingt. Und der fanatische Captain Bonifacio (Leonardo José) denkt gar nicht daran, Rücksicht auf die Unschuldige zu nehmen …

Michele Massimo Tarantini erzählt seine Geschichte in einer Rückblende und versucht so die exploitative Schlagseite seines Films hinter einer seriösen Human-Interest-Fassade zu verbergen. Eine Texttafel zu Beginn gaukelt hehre Ansprüche vor, doch kann auch der in der ersten Hälfte vergleichsweise sparsame Einsatz von Sex & Gewalt nicht darüber hinwegtäuschen, worum es hier geht. Und es ist ja nicht zuletzt genau diese Vortäuschung falscher Tatsachen, die den Exploitation-Heuler kennzeichnet. Echte Stimmung kommt vor allem ab der Revolte auf, wenn der Film sich vom Knast weg- und in den Urwald Brasiliens bewegt, aber natürlich hat auch das groschenromanhafte Pendeln zwischen „ernstem“ Drama und selbstzweckhaftem Sex was. Die Knastszenen sind schön siffig, die brasilianischen Schönheiten immer dekorativ verschwitzt und nett anzuschauen. Besonders gut hat mir aber eine fette Negermama (man verzeihe mir die political incorrectness, aber der Begriff passt einfach) gefallen, die sich der Heldin annimmt und während der Revolte einer Verräterin kurzentschlossen den Kopf absäbelt. Sobald es in den Urwald geht, fühlt man sich in alte Söldnerfilme versetzt, wird rumgeballert, dass es nur so eine Art ist und auch mal mit einer Anaconda gerungen. Die Schlusspointe schließt den Kreis zum Anfang und gibt der attraktiven Suzana Carvalho nochmal die Gelegenheit, ihre schönen Brüste im nassen Kleid zu präsentieren, bevor eine weitere Texttafel den Zuschauer mit seinen selbstverständlich porentief reinen Gedanken allein lässt.

Der Film ist deutlich besser, als sich das jetzt möglicherweise anhört, deutlich weniger niederträchtig und schmuddelig, als die WiP-Trasher, die sonst so aus Italien kamen, sauber inszeniert und gut gespielt. Vielleicht ist das in der Zeit begründet, denn 1985 war wohl nicht mehr ganz so viel möglich, wie noch ein paar Jahre zuvor. Es kann aber auch an Regisseur Tarantini liegen, der ein Freund der schönen Dinge war, wie man unschwer seiner Filmografie entnehmen kann, in der sich solche wohlklingenden Titel tummeln wie FLOTTE TEENS UND HEISSE JEANS, POLITESS IM SITTENSTRESS, FLOTTE BIENEN AUF HEISSEN MASCHINEN, HELM AUF – HOSE RUNTER oder auch DIE LETZTEN HEULER IN DER MARINE. Wo bleibt die Box?