Mit ‘Michele Soavi’ getaggte Beiträge

was ich noch sagen wollte …

Veröffentlicht: Januar 25, 2017 in Film, Zum Lesen
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Normalerweise verlinke ich ja hier auch Texte, die ich für andere Plattformen schreibe, oder weise auf Veröffentlichungen hin, an denen ich beteiligt bin. Wie meine Leser vielleicht schon gemerkt haben, bin ich derzeit etwas film- und schreib- sowie generell müde, daher sind mir zwei dieser Anlässe durch die Lappen gegangen, die ich nun noch erwähnen möchte.

Zum einen ist im vergangenen Jahr via Koch Media Michele Soavis schöner LA SETTA als Bluray-Mediabook erschienen, zu dem ich das Booklet beigesteuert habe. Dass sich der Erwerb des guten Stückes lohnt, muss wahrscheinlich nicht noch einmal gesondert erwähnt werden. Ich bezweifle, dass man irgendwo auf der Welt eine bessere Version dieses zauberhaften Films findet. Und wenn doch, dann ist da garantiert kein Text von mir dabei.

Deutlich aktueller ist dieser Text, der auf critic.de erschienen ist und Erinnerungsfetzen und Eindrücke verschiedener Besucher des 16. Hofbauer-Kongresses versammelt. Neben geschätzten Freunden und Kollegen wie Michael Kienzl, Silvia Szymanski, Florian Widegger, Matthias Dell, Rainer Knepperges, Till Kleinert oder Lukas Foerster fühle ich mich mit meinem alkoholgetränkten Absatz über D’Amatos DELIZIA ziemlich gut aufgehoben.

Und jetzt: Kaufen bzw. lesen!

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LA CHIESA, Michele Soavis zweiten Spielfilm, mochte ich damals nicht besonders, heute hat er mit hingegen ausgezeichnet gefallen. Da sage noch einer, man schaue ältere Filme nur aus nostalgischer Verklärung. Ich hatte es anlässlich einiger anderer Filme schon einmal geschrieben: Die italienischen Horrorfilme aus jener Zeit, als der Niedergang schon nicht mehr aufzuhalten war, mögen weniger gut beleumundet sein als die allgemein geliebten und verehrten Klassiker aus den Siebziger- und den frühen Achtzigerjahren, aber sie haben im Idealfall eine einzigartige sinnliche und ästhetisch Qualität, die eng mit dem zusammenhängt, was an ihnen gemeinhin kritisiert wird. LA CHIESA, eigentlich ein kaum verhohlenes, ins Sujet des Okkultschockers verlegtes Remake von Argentos INFERNO, ist ein guter Beleg dafür. Der gemeine „Italofan“ mag die Anwesenheit lieb gewonnener Stars vermissen (lediglich Giovanni Lombardo Radice ist mit von der Partie), die geleckte Eighties-Optik, das Fehlen gammliger italienischer Straßenzüge und die hohe Zahl uncharismatischer, gestriegelter und gegelter Hackfressen bemängeln, aber diese Elemente begünstigen auf der anderen Seite auch die enigmatische Atmosphäre des Films. Soavi interessiert sich rein gar nicht für eine wie auch immer geartete Realität – besonders rätselhaft wird es bei ihm immer, wenn er zu erkennen gibt, dass er tatsächlich ein Erdenbürger ist, wie in einer Discoszene im letzten Drittel des Films -, schirmt seine Geschichten und Charaktere geradezu hermetisch von jeder alltäglichen Banalität ab und kreiert Welten, in denen nichts sicher, aber alles möglich ist.

Der Film beginnt mit einem Gemetzel, dass ein christlicher Ritterorden an vermeintlichen Satanisten anrichtet: Arme, wehrlose Dorfbewohner werden brutal absgeschlachtet und in einem Massengrab verscharrt, auf dem dann die Kathedrale errichtet wird, der LA CHIESA den Titel verdankt. Dort passieren dann in der Gegenwart des Films äußerst merkwürdige Dinge: Im Keller tut sich ein bodenloser Schlund auf, Menschen erliegen seltsamen Visionen und verwandeln sich in sabbernde Monstren, einige Touristen werden eingeschlossen und fallen dann nacheinander dem dämonischen Treiben zum Opfer, bis das gothische Bauwerk schließlich einstürzt und alles unter sich begräbt.

Zu Beginn stehen die Restaurateurin Lisa (Barbara Cupisti) und der Bibilothekar Evan (Thomas Arana) im Mittelpunkt des Geschehens, aber irgendwann werden sie von den immer chaotischer werdenden Vorgängen an den Rand gedrängt und der schwarze Priester Gus (Hugh Quarshie) und die kleine Lotte (Asia Argento) geraten in den Fokus. Der Versuch, einen geschlossenen Plot aus dem wilden Bilderreigen zu filtern, bleibt einigermaßen erfolglos und übersieht die Stärken von Soavis Film: Die große Kreativität, die er bei der Zeichnung albtraumhafter Bilder und der Schaffung jener schon erwähnten Atmosphäre an den Tag legt. Unterstützt wird er dabei von Keith Emerson und Goblins sakral-fiebrigem Score und den tollen Effekten, die deutlich über dem Standard liegen, den man zu dieser Zeit aus Italien gewohnt war. Wenn sich am Ende der Erdboden auftut, und eine Statue aus lebenden, nackten Leibern emporfährt, ist das schon ziemlich großes, bildgewaltiges Kino, das den Vergleich mit Meister Argento nicht zu scheuen braucht. Aber auch die kleineren Momente verfehlen ihre Wirkung nicht: Die alte Frau, die die Kirchenglocke läutet, indem sie mit einem abgehackten Kopf dagegenschlägt, vergisst man nicht so schnell, genauso wenig wie die Vergewaltigung durch den Leibhaftigen höchstselbst. Man muss es Soavi hoch anrechnen, dass er solche Szenen mit Stil über die Bühne bringt: Bei einem weniger begabten Filmemacher wäre da gewiss Schicht im Schacht gewesen, hier werden die Augen von Minute zu Minute größer und das Chargieren der überwiegend talentfreien Nebendarsteller verstärkt den Verfremdungseffekt den Soavi anstrebt. Wie traurig, dass dieser  große Genrefilmer dem Niedergang der italienischen Filmindustrie zum Opfer fallen musste. Andererseits hat er der Nachwelt vier nahezu makellose Filme hinterlassen.

 

 

lasetta1Michele Soavis dritter Spielfilm wurde damals in Deutschland schwerst misshandelt auf Video verramscht: Unmotivierte Handlungsschnitte und eine gruselige Pornosynchro setzten dem Werk ziemlich zu. Nach den beiden vorangegangenen, visuell zwar beeindruckenden, inhaltlich aber eher „einfachen“ DELIRIA und LA CHIESA zeigt LA SETTA, was sich da in näherer Zukunft anbahnen sollte. Mit DELLAMORTE DELLAMORE sollte Soavi nur weniger Jahre später ein absolutes Meisterwerk des europäischen Genrefilms vorlegen – und danach dem Niedergang des italienischen Kinos zum Opfer fallen. Der damals 36-Jährige drehte in den 20 darauffolgenden Jahren sage und schreibe zwei Kinofilme, arbeitete sonst ausschließlich fürs Fernsehen. Traurig.

LA SETTA beginnt in der Wüste, irgendwo in den USA. Vom Soundtrack erklingt Americas Evergreen „A Horse with no Name“, während sich ein paar Hippies um ein Wohnmobil scharen. Sie bekommen Besuch aus dem Nichts, ein bärtiger, ebenfalls langhaariger Mann in einem langen Kaftan bittet sie um Wasser, stellt sich als „Damon“ vor und zitiert „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones. Am nächsten Morgen sind die Hippies tot, niedergemetzelt von den Schergen Damons. Der Film springt ins Frankfurt der Gegenwart: Ein Mann (Freunde des Italofilms erkennen ihn als Giovanni Lombardo Radice oder auch „John Morghen“) verfolgt eine Frau, überfällt sie in ihrem Haus und sticht sie brutal nieder. In der U-Bahn wird er mit ihrem herausgerissenen Herzen gestellt. Er jammert, im Auftrag einer Sekte gehandelt zu haben, dann entwendet er einem Polizeibeamten die Waffe und bläst sich das Gehirn weg. Wieder ein Szenenwechsel: Ein alter Mann (Herbert Lom) packt ein Päckchen und begibt sich auf eine Busreise. Als der Bus an einer Landstraße hält, blickt er verträumt in die Sonne. Eine Frau (Kelly Curtis) rast mit ihrem Wagen heran und kann gerade noch ausweichen. Der Mann stürzt, scheint aber unversehrt. Die Frau nimmt ihn mit nach Hause, damit er sich ausruhen kann. Und jetzt beginnt LA SETTA wirklich.

Der verschachtelte Anfang suggeriert einen komplizierten Plot mit vielen verschiedenen Schauplätzen und Parteien, aber so, wie da schon in den ersten 20 Minuten immer wieder Geschichten abgebrochen werden oder enden, bevor sie richtig begonnen haben, macht Soavi auch im weiteren Verlauf jede Hoffnung auf eine geradlinige Storyentwicklung zunichte. Die Frau – Miriam – ist das Opfer der Bemühungen einer satanischen Sekte, der alte Mann ein Bote, der sie mit dem Bösen infiziert und dann verstirbt, ihr Haus ein Tor zur Hölle. Das ist ungefähr die Handlung, die sich in einem stetigen Wegbröckeln der Ratio entspinnt, Fulcis LA PAURA NELLA CITTA DEI MORTI VIVENTI oder L’ALDILA nicht unähnlich, nur dass das hier alles weniger albtraumhaft und grotesk, sondern eher enigmatisch und rätselhaft daherkommt. Die Wirkung von LA SETTA ist nicht leicht zu beschreiben: Er zeichnet keine überspannten surrealen Tableaus und Soavi akzentuiert auch nicht den Realitätsverlust seiner Protagonistin durch grelle Effekte, vielmehr nimmt er ihre Perspektive ein und teilt ihren Wahn, der sich meist eher in Kleinigkeiten zeigt. Es lässt sich nicht mehr genau sagen, ob sich die unheimlichen Vorgänge wirklich ereignen oder ob sie nur Halluzinationen sind, die Miriam eingeimpft wurden. Es spielt auch keine Rolle: Der Film folgt seiner eigenen Logik – und tut sich dann auch schwer damit, ein sinnvolles Ende zu finden, anstatt, wie es wahrscheinlich richtig wäre, bloß aufzuhören. Noch nicht alles ist voll und ganz ausgereift – mit DELLAMORTE DELLAMORE gelang es Soavi deutlich besser, eine Welt zu zeichnen, die gleichermaßen innere wie äußere Apokalypse ist. Aber faszinierend ist LA SETTA in jedem Fall und bietet einige fantastische Bilder und Regieeinfälle. Allein diese Schnittfolge im Prolog, wenn John Morghen sein Opfer überfällt, ist reines Kino und zeigt, was für ein Wunderkind mit Soavi einer ungünstigen Marktlage zum Opfer fiel. Was hätte man von ihm noch erwarten dürfen?

Anlass dieses Textes ist übrigens eine anstehende deutsche Veröffentlichung, zu der ich etwas beisteuern darf, und mit der die Schmach der alten Videoveröffentlichung dann auch vergessen sein sollte. Ich empfehle schon jetzt: Zuschlagen!