Mit ‘Mickey Rourke’ getaggte Beiträge

Eigentlich könnte HARLEY DAVIDSON AND THE MARLBORO MAN ein richtig schöner Film sein: Er stammt aus jener wunderbaren Phase, in der die Neunziger noch mit einem Fuß in den Achtzigern standen. Die Fotografie ist herrlich crisp mit kräftigen Farben, der Schnitt erinnert einen daran, dass der Begriff „Videoclip-Optik“ tatsächlich mal nicht ausschloss, dass man die Dinge erkennen konnte, weil sie länger als eine halbe Sekunde zu sehen waren. Der Soundtrack ist mit Hardrock-Songs vollgestopft, denen man noch nicht anhört, dass Nirvana und Grunge schon vor der Tür standen. Außerdem ist der Film toll besetzt: Neben den beiden Stars agieren Tom Sizemore, Giancarlo Esposito, Daniel Baldwin, Chelsea Field, Robert Ginty, Tia Carrere, Vanessa Williams und Julius Harris (teilweise allerdings in kläglichen Minirollen). In einer Keilerei gleich zu Beginn tritt dazu noch Branscombe Richmond auf, ein heavy, der in zahllosen Actionfilmen jener Tage in knackigen Nebenrollen agierte. Und Mickey Rourke und Don Johnson sind wenn nicht absolute Top-Stars, so doch zwei Darsteller, deren Paarung auf dem Papier nicht ohne Verlockung ist. Die Story um zwei Antihelden, die eigentlich nichts weiter wollen, als ihre Lieblingskneipe zu retten, ist der Stoff, aus dem Spencer und Hill einst Jahrhundertkomödien schufen und Wincers Regie ist wenn auch nicht hoch inspiriert, so doch stets kompetent. Trotzdem muss konstatiert werden, dass HARLEY DAVIDSON AND THE MARLBORO MAN einfach nicht funktioniert, der Funke will nicht überspringen, alles wirkt irgendwie falsch und leblos.

Warum, das ist indessen nicht so einfach zu sagen. Der Film macht keine schwerwiegenden Fehler, aber er versäumt es leider auch, wirklich etwas richtig zu machen. Das Hauptproblem scheint das Drehbuch von Don Michael Paul zu sein, das sich bei der Charakterisierung seiner beiden Protagonisten mit der „Erfindung“ ihrer Namen begnügt. Was die beiden zu Kumpels macht, warum sie zusammen rumhängen und wer sie eigentlich sind, erfährt man nie. Sie bleiben blass bis auf die Tatsache, dass der eine eben ein Biker ist und der andere ein Cowboy. Es gibt einfach keinen echten Grund, zu ihnen zu halten und mit ihnen mitzufiebern: Weder sind sie besonders charismatisch noch wirklich witzig. Wenn man von einem müden Spruch wie „It’s better to be dead and cool than alive and uncool“ so überzeugt ist, dass man ihn gleich zweimal bringt, hat man definitiv etwas falsch gemacht. Rourke und Johnson haben es gewiss nicht leicht, dieses undankbaren Material zu erhöhen, aber sie verfügen leider auch nicht über die Präsenz, über all diese Schwächen hinwegtrösten zu können.

Rourke befand sich in einer eher problematischen Phase seiner Karriere, er ist zu detached, um die Sympathien durch bloße Anwesenheit auf sich zu ziehen, zu sehr darauf bedacht, möglichst cool zu wirken, aber er wirkt dabei nur abweisend, müde und desinteressiert. Und Johnson, der die herzlichere Figur abbekommen hat, zeigt sehr deutlich, warum es bei ihm nicht zur Filmkarriere gereicht hat. HARLEY DAVIDSON AND THE MARLOBORO MAN bräuchte zwei überlebensgroße Protagonisten und dafür zwei Schauspielertypen, die ihre uramerikanischen Klischeefiguren mit Verve und Mut zur mythischen Überhöhung interpretieren, stattdessen machen Rourke und Johnson sie klein und mittelmäßig. Wincers Film will einerseits ein großer Actionfilm sein, das sieht man in seinem (halbwegs gelungenen) Showdown und etwa in der Zeichnung der Schurken, die mit ihren kugelsicheren Ledermänteln wie Cenobiten-Cosplayer aussehen, andererseits dreht er sich um zwei Typen, die sich nichts anderes wünschen, als in ihrer Lieblingspinte in Ruhe ein Bier zu trinken. Das ist für sich genommen keine falsche Idee, aber sie in ein 50-Millionen-Dollar-Vehikel zu verpacken, ist einfach nur fehlgeleitet.

Das sahen wohl auch die Zuschauer so, die überwiegend zu Hause blieben und dem Film mit dieser Entscheidung zu einem krachenden Flop machten, der in den USA noch nicht einmal ein Fünftel seiner Produktionskosten einspielte. Was bleibt, ist ein Relikt einer vergangenen Kinoepoche, ein Film, bei dem man über die verschenkten Chancen trauern kann, der es einem aber insgesamt doch recht leicht macht, ihn zu vergessen. Klassischer Fall von „Kann man mal gucken, muss man aber nicht“.

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9 1/2 WEEKS ist ein gutes Beispiel dafür, wie vergänglich der Ruhm sein kann: In den Achtzigerjahren war Adrian Lynes Film als marketingträchtiger Skandal in aller Munde, die sadomasochistischen oder auch nur kreativen erotischen Spiele, die John Gray (Mickey Rourke) und Elizabeth (Kim Basiner) miteinander spielen, beflügelten so manches eingeschlafene Sexleben seiner Zuschauer und natürlich die Fantasie Pubertierender, die den Film wie ich anno 1990 bei seiner Free-TV-Premiere mitschnitten, um ihre Onaniesessions damit audiovisuell aufzuwerten. Die Hauptdarsteller erwarben oder festigten ihren Ruf als Sexsymbole, Adrian Lyne lieferte nach FLASHDANCE ein weiteres beredtes Argument dafür ab, warum man ihn heute als einen der prägendsten Regisseure der Achtzigerjahre bezeichnen darf. Dabei war sein Film mitnichten ein Riesenerfolg, in den USA sogar ein desaströser Flop, der erst durch den internationalen Einsatz und die Zweitverwertung „gerettet“ wurde und zum Kultfilm reifte. Schon wenige Jahre später redete aber eigentlich kein Mensch mehr von 9 1/2 WEEKS. Heute wird er am ehesten noch als Zeitmaschine rezipiert, mit der man sich in die Achtzigerjahre beamen kann, oder als putziges Beispiel dafür, was man früher so geil fand, herangezogen. Erotik hat eine nur kurze Halbwertzeit und was heute die Gemüter erregt, sorgt morgen bestenfalls noch für ein müdes Lächeln. Dabei lohnt es sich durchaus, sich 9 1/2 WEEKS noch einmal unvoreingenommen anzuschauen: Nicht nur gelang es Lyne wirklich, eine anregende erotische Atmosphäre zu schaffen – während die meisten der Designer-Softsex-Filmchen, die in seinem Gefolge entstanden, vor allem langweilig und steril sind –, sein Film ist auch in seiner Zeichnung einer dysfunktionalen Beziehung und der sadomasochistischen Beziehungsdynamik bemerkenswert differenziert.

Sein Gelingen beruht dabei nicht zuletzt auf dem überzeugenden Spiel der Darsteller, die Lyne einer menschlich fragwürdigen Spezialbehandlung unterzog, an die sich vor allem Kim Basinger heute mit Grausen zurückerinnert. Lyne verbat Rourke und Basinger, abseits des Drehs miteinander Kontakt aufzunehmen, verweigerte ihr jegliche Anweisung, manipulierte sie hingegen mit Aussagen darüber, wie Rourke diese oder jene Szene zu spielen gedenke, um sie nach Belieben vorzuprägen. Auch vor Misshandlung schreckte er dabei nicht zurück: Als die Basinger ihm einmal zu „hübsch“ aussah, forderte er Rourke auf, ihr wehzutun. Erst als sie nach einer Ohrfeige in Tränen ausbrach, begann er zu drehen. Die Furcht, Erregung und Nervosität Elizabeths, die man im Film sieht, ist mithin echt. Und um ihren kontinuierlichen Zusammenbruch transparent zu machen, drehte er den ganzen Film in chronologischer Reihenfolge, Kim Basinger an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treibend. Die verstörende Qualität des Films schreckte aber das Testpublikum massiv ab: Vor allem das Ende, bei dem John seine Geliebte einem Selbstmordspielchen unterzieht, stieß auf Empörung und musste vor dem Start komplett entfernt werden. Der Entschluss Elizabeths, John zu verlassen, kommt in der Fassung, die schließlich in die Kinos gelangte, etwas überraschend – was das Fass zum überlaufen bringt, ist die eigentlich harmlose Fummelei Johns mit einer Prostituierten vor Elizabeths Augen –, aber eben auch realistischer. Und Johns finale Erkenntnis, seine große Liebe vertrieben zu haben, sein verzweifelter Versuch, sich zum ersten Mal vor ihr zu öffnen, um sie bei sich zu halten, erwecken nun tatsächlich Empathie, weil sein Verhalten eben noch nicht gänzlich ins Pathologische abgedriftet ist.

Es hilft natürlich immens, mit der Achtzigerästhetik etwas anfangen zu können, wenn man 9 1/2 WEEKS schaut. Von den Bildern eines noch nicht gentrifizierten, aber doch schon „hippen“ Manhattans, in dem die Yuppies überall ihre kleinen Enklaven errichtet haben, und natürlich der Mode über typische, dem Noir entlehnte Stilistika, wie etwa die expressiven Licht- und Schattenspiele, bis hin zum unverwechselbaren Score von Jack Nitzsche, der immer wieder von stimmungsvollen Synthie-Pop-Nummern aufgelockert wird, funktioniert Lynes Film fast schon wie eine Enzyklopädie des Eighties-Chic. Doch ist er dabei eben nicht nur kalt, wie oft unterstellt wird, entwickelt viel eher eine fiebrige, schüttelfrostige Atmosphäre zwischen Hitzeschüben und Kälteschaudern. Die Fotografie ist einmalig, die nie im Gleichgewicht befindliche Balance zwischen den Protagonisten, gewährt immense Spannung. Mickey Rourke ist nicht nur irrsinnig gutaussehend – es tut fast weh, ihn so zu sehen und seinem gegenwärtigen Alter ego gegenüberzuhalten –, sondern auch faszinierend unheimlich mit seinem abgründigen Lächeln: Man weiß nie, woran man bei ihm ist und er erreicht, dass die Stimmung binnen Sekundenbruchteilen kippt, ohne seinen Ausdruck wesentlich zu verändern. Unvorstellbar, was aus ihm hätte werden können, hätte er in den Folgejahren ein besseres Händchen mit seiner Rollenwahl bewiesen. Kim Basinger ist seine ideale Partnerin, weil sie nicht nur lecker aussieht, sondern sich auch spürbar überwinden muss, sich ihrem Partner dergestalt zu unterwerfen. Der eigentlich Schlüssel zum Erfolg. Ja, ich muss es so deutlich sagen: 9 1/2 WEEKS ist ein großartiger Film.

Nachdem die Götter die Titanen besiegt und zur Kerkerhaft ins Innere des Bergs Tartaros verbannt haben, plant König Hyperion (Mickey Rourke) einen Rachefeldzug, der sich sowohl gegen die Götter als auch die diese verehrenden Hellenen richtet. Doch um aus dieser Schlacht als Sieger hervorzugehen, benötigt er den verschollenen Epeiros-Bogen, der seinem Besitzer unglaubliche Macht verleiht. Theseus (Henry Cavill), ein einfacher Mann, von Zeus (Luke Evans) dazu auserkoren, ihn auf Erden zu vertreten, kommt ihm zuvor und führt den Widerstand gegen Hyperion selbst an …

Eine schroffe, senkrecht mehrere hundert Meter ins Meer fallende Felswand, aus der der nackte göttliche Wille einige Plateaus geschlagen zu haben scheint, die gerade Platz genug für einige bescheidene menschliche Siedlungen bieten. Ein zorniger, wilder König, dessen Stimme ein gutturales Grollen ist und dessen wuchtiger Körper so aussieht, als sei er von einem Bildhauer in großer Hast und voller Angst vor dem eigenen Werk aus einem Felsbrocken herausgeschlagen worden. Ein Himmel voller dramatischer Wolkenformationen, die die grausam blass scheinende Sonne nie so weit durchlassen, dass sie die trostlosen Felslandschaften ganz erhellen könnte. Menschenleben, die nichts wert sind, die immer auf dem schmalen Grat zwischen einem entbehrungsreichen Leben und einem grausamen Tod gelebt werden. Zornige Götter, die sich das Treiben unter ihnen teilnahmslos anschauen, bevor sie beschließen, machtvoll einzugreifen. Monolithische Gewölbe, die mehr Schatten als Licht bieten und deren massiver Prunk keinem anderen Zweck als der Machtdemonstration und der Einschüchterung dient. Archaische Rituale, Stammesdenken, Zauberei und Vorhersehung, die das Leben in Ketten schlagen. Blut, das den unfruchtbaren Boden tränkt. Bilder des Todes, auf denen die Zukunft aufgebaut wird.

Tarsem Singh verfilmt griechische Mythologie. Das Ergebnis ist weniger Film als Gottesdienst, ein Erspüren und Beschwören unserer Wurzeln. Film als Tanz, als Aufmarsch, als Entfesslung eines vorzivilisatorischen wilden Potenzials. Film als Architektur, als Versuch, Strukturen aufzubauen, aber auch als Abrissbirne, die diese Strukturen lustvoll wieder zerschmettert. Film als Pfeil ins Auge, als knöcherne Kralle, die das Herz eiskalt umfasst, als dräuender Schatten, der sich wie eine Totendecke um die Seele legt, als bebender Donnerhall, der durch Mark und Bein dringt und uns bis in die Grundfesten erschüttert, als Leuchtfeuer weit hinten am Horizont, das uns den Weg zum Ziel leitet, uns gleichzeitig aber sagt, dass wir es nie erreichen werden. Film als Bilderbogen, der das Leben als Abfolge von kurzen Triumphen und langem Leiden darstellt. Film als Memento Mori: Der Mensch ist sterblich, aber er kann die Unsterblichkeit über seine Gabe, den Dingen Sinn zu verleihen, sie in Erzählungen zu binden, Unsterblichkeit erlangen. Film als Ausdruck eines universell menschlichen Wissens: Wir müssen alle sterben.

Die Kritik an diesem Film ist leicht. Es ist dieselbe, die Singh schon bei THE CELL ereilte: Style over Substance, Prätentiosität, narrative Einfalt, Augenwischerei. IMMORTALS entstand komplett im Studio, wo einige der wichtigsten Schauplätze aufgebaut und dann durch beeindruckende CGI-Landschaften ergänzt wurden. Der Vergleich mit Snyders 300 liegt nicht nur aufgrund der thematischen Verwandtschaft nahe, doch ist Singhs Stil ein gänzlich anderer. Ist Snyder weitestgehend der intensified continuity verpflichtet, an vordergründigem Spektakel und Adrenalinschub interessiert, da inszeniert Singh bedeutend langsamer. Er überrumpelt nicht, er verführt, hypnotisiert. Sein Schnitt fragmentiert weniger, als dass er konkretisiert. So entsteht eher der Eindruck, einem aufwändigen Theaterstück zuzusehen als einem Actionfilm: Vor prachtvollen Bühnenbildern positionieren sich die Akteure, folgen einer durchdachten Choreografie, deren Einzelelemente Singh dann im Schnitt akzentuiert. Er nähert sich so antiken künstlerischen Darstellungen der Mythen an, die ganze Erzählungen auf einprägsame Bilder herunterkürzen und Historie als Abfolge solcher Bilder begreifen. Film als „Painting-Strip“ wie er es selbst nennt, filmisches Erzählen in Tableaus. Der Mangel an Exposition, Sinn, Motivation, den etwa Roger Ebert in seiner Rezension kritisiert, ist in Wahrheit das, was das Überleben der Mythen durch die Jahrtausende gewährleistet: Sie bieten die Möglichkeit, das Vergangene immer wieder auf Relevanz abzuklopfen und quasi „nach Bedarf“ zu aufzuladen oder umzudeuten. Wer Leere bemängelt, hat nur noch nichts gefunden, womit er diese auffüllen kann. Ich würde IMMORTALS im Gegenteil als übervoll bezeichnen: Nach einer Sichtung lastet er wie ein Stein auf mir. Oder wie das Schcksal, das mich als Sterblichen auf diese Welt geworfen hat.

Ich hatte ja anlässlich meines Kinobesuchs schon im vergangenen Jahr einen Text zu THE EXPENDABLES verfasst, (fast) pünktlich zur DVD-Veröffentlichung gibt es nun auf F.LM – Texte zum Film eine echte Rezension von mir. So viel vorab: Der Film gefällt mir immer noch, einige Kritikpunkte konnten sogar noch etwas revidiert werden.

Das exzentrische Genie Tony Stark (Robert Downey jr.) ist wegen seiner Superheldennebentätigkeit als Iron Man zur internationalen Popikone geworden, gleichzeitig aber auch zum Sicherheitsproblem geworden. Wenn er einen High-Tech-Maschinenanzug bauen kann, dann sollten auch andere Menschen mit weniger guten Absichten dazu in der Lage sein. Tony Stark wiegelt ab, doch dann tritt der Russe Ivan Vanko (Mickey Rourke) mit seinen mörderischen Elektronenpeitschen auf. Im mäßig erfolgreichen Waffenproduzenten Justin Hammer (Sam Rockwell) findet er einen willigen Finanzier …

Das Übermaß positiver Reaktionen auf den sehr guten, aber doch auch etwas zu runden IRON MAN sollte wohl durch das kaum weniger unverhältnismäßige bashing des zweiten Teils wieder ausgeglichen werden. Tatsächlich versagt Favreaus Sequel immer dann, wenn er auf den Pfaden des ersten Teils wandelt und lediglich klassisches Superhelden-Erzählkino sein will. Die nötigen klischierten Plotpunkte werden nämlich lediglich lustlos abgehakt, die eigentlich zentrale Rivalität zwischen Stark und Vanko bleibt sträflich unterentwickelt, kaum mehr als eine Fußnote in einem Film voller wesentlich interessanterer Subplots, was auch der finale Zweikampf belegt, der lediglich pflichtschuldig abgespult wird und – wie schon im Vorgänger – enttäuscht. Dass IRON MAN 2 mehr sein könnte, wenn er nicht so sklavisch der Vorgabe verpflichtet wäre, massentaugliches Entertainment mit den typischen Beigaben zu liefern, wird offenkundig, wenn Favreau sich vom abgegriffenen Gut-gegen-Böse-Schema ab- und den Verwicklungen von Politik, Wirtschaft und Militär zuwendet. Schon die Auftaktsequenz, in der sich Stark/Iron Man während einer Eröffnungsfeier in einer überaus befremdlichen Popchoreografie buchstäblich als Messias feiern lässt, muss demjenigen Zuschauer, der hier seinem Comichelden zujubeln wollte, eigentlich die Kehle zuschnüren. Klar, der unverhohlene Narzissmus gehört zur Stark-Figur nunmal dazu, aber mit ihrer Verortung in einer mit unserer Welt stark verwandten Quasirealität verliert er eindeutig seine Unschuld. Zu den stärksten Momenten des Films, der mit seiner High-Gloss-Optik im Kontext sehr treffend auf Verführung und Täuschung seiner Konsumenten abzielt, zählt eine gerichtliche Anhörung Starks, bei der dieser von sich behauptet, den Weltfrieden privatisiert zu haben. Solche kurzen Momente liefern weitaus mehr Gedankenfutter, als der restliche Film mit seiner reichlich uninteressanten Materialschlacht, denn von einem solch „privatisierten Weltfrieden“ und den Problemen, die ein solcher aufwirft, scheinen wir in einer Welt, in der Privatunternehmer mit ihren Erfindungen plötzlich ganz erheblich in die Politik eingreifen – man denke da aktuell nur an den Wirbel um Wikileaks –, tatsächlich nicht mehr allzu weit entfernt zu sein.

So bleibt ein zwiespältiger Film, der sich nicht so recht zwischen klassischem, affirmativen Erzählkino und einem postmodernen, fragmetarischen Erzählen entscheiden will, stattdessen versucht, beides auf einmal zu bieten und in der Folge keines von beiden schafft. Schade um die guten Ansätze und die verbratenen Millionen. Besser als belangloser Müll wie X-MEN ORIGINS: WOLVERINE oder ähnliche Langweiler ist er aber natürlich trotzdem.

Die Söldnertruppe „The Expendables“ um Barney Ross (Sylvester Stallone) erhält den Auftrag, die kleine im Golf von Mexiko gelegene Insel Vilena, die sich nach der Übernahme durch den amerikanischen Ex-CIA-Mann Munroe (Eric Roberts) in eine Militärdiktatur verwandelt hat, von ihren Unterdrückern zu befreien. Beim ersten Erkundungsgang, den Ross zusammen mit seinem Partner Lee Christmas (Jason Statham) unternimmt, kommt es zu einer ungeplanten Auseinandersetzung, mit dem Ergebnis, dass die Kontaktperson der „Expendables“, die Tochter von General Garza (David Zayas), in Gefangenschaft gerät und fortan um ihr Leben fürchten muss. Ross beschließt mit seinen Männern, die Mission wider besseres Wissen durchzuführen, um die Frau zu retten …

Ich hatte Angst vor diesem Film. Was vor zwei Jahren, als die ersten Gerüchte über die Besetzung dieses Films kursierten und klar wurde, dass Stallone tatsächlich vorhatte, dem Actionfilm der Achtzigerjahre ein Denkmal zu setzen, indem er alle seiner Protagonisten verpflichten oder gar reaktivieren wollte (zuerst sollte sogar Chuck Norris mitmachen), noch wie eine unerreichbare Utopie klang, war plötzlich und mit nur ein paar kleineren Abstrichen – neben Chuck Norris fehlt auch Jean-Claude Van Damme – Wirklichkeit geworden. Und wahr gewordene Träume sind bekanntlich nicht selten eine Enttäuschung. Der Trailer, der gegenüber dem unfassbaren ersten RAMBO-Teaser um nahezu alle Härten bereinigt war, schien meine Befürchtungen zu bestätigen: Verschwunden waren rohe Gewalt, diese ätzende Bitterkeit und allumfassende Tristesse, stattdessen sah das alles sehr gelackt und eher nach Neunzigerjahre-Spaßaction aus. Und somit nach genau dem, was ich definitiv nicht haben wollte. Jetzt, nachdem ich den Film gesehen habe, bin ich froh, dass ich mich vom Trailer nicht habe abhalten lassen, mir THE EXPENDABLES im Kino anzusehen: Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal so rundum glücklich, ja, geradezu selig aus dem Kino gekommen bin. Mit diesem warmen Gefühl im Herzen, das man vielleicht verspürt, wenn man nach Jahren alte Freunde wiedergetroffen hat und es aller Befürchtungen zum Trotz tatsächlich wieder wie früher gewesen ist.

Dabei ist THE EXPENDABLES ganz bestimmt kein perfekter Film. Wollte man unbedingt den Vergleich zu Stallones letzten Werken ziehen, so würde er dabei wahrscheinlich schlechter abschneiden als diese: Ihm fehlen die ehrliche Melancholie von ROCKY BALBOA und die verzweifelte Wut von RAMBO und insofern ist der weiter oben einmal gefallene Begriff „Spaßaction“ gar nicht so verkehrt. Und die Action ist zwar ausufernd und brutal und  nimmt einen nicht unbeträchtlichen Teil der Spielzeit ein, wirkt aber trotzdem wie Beiwerk. THE EXPENDABLES ist trotz seiner exzessiven Gewaltdarstellungen beinahe unschuldig, er scheint nicht aus Schmerzen geboren, sondern mit souverän-lässiger Hand hingeworfen, er ist kein Film, der aus einem inneren Bedürfnis heraus gemacht werden musste, sondern einer, den Stallone einfach machen wollte und ihn dann förmlich im Schlaf gemacht hat: Sly ist hier spürbar zu Hause, er hat ein paar seiner alten Kumpels um sich versammelt, um sich selbst und den oft geschmähten Actionhelden die gebührende Ehre zu erweisen und natürlich um – und hier ist das ausnahmsweise mal keine hohle Phrase –  den Freunden des Genres „Dankeschön“ zu sagen. Was genau bedeutet das? THE EXPENDABLES ist trotz seiner Söldner-Protagonisten und obwohl es im Plot ziemlich umstandslos ums Töten geht, vor allem ein herzlicher Film: Mehr als die ausufernden Actionszenen bilden die Dialoge zwischen den Expendables und deren einzelne Charaktere sein Herz. Dolph Lundgren hat als der unfreiwillig auf die falsche Bahn geratene und zum Gegner übergelaufene Gunner eine wunderschöne Rolle – vielleicht die schönste des Films – abbekommen, die seine irgendwie immer etwas ausgemergelte, sehnige und geschundene Gestalt perfekt einsetzt. Und Mickey Rourke interpretiert den ehemaligen Expendable Tool, der sich nun ganz dem Tätowieren widmet, ganz entgegen dem alternden idiot savant in THE WRESTLER als weisen Schamanen, der sozusagen die Essenz des Films und seines Genres in Worte fasst: Der Actionheld muss dem Ruf seines Herzens folgen, um nicht innerlich zu sterben. Der hinsichtlich ihrer Allstar-Besetzung vielleicht spektakulärsten Szene des Films – jener, in der mit Stallone, Schwarzenegger und Willis die großen Drei des Actionfilms zusammentreffen – könnte man noch am ehesten den Vorwurf des nerdjerkings machen, aber auch sie wirkt nicht kühl kalkuliert, weil sie das einstige Konkurrenzverhältnis als auch die Bewunderung der drei Stars füreinander sinnvoll und geistreich in den Film integriert, ohne sich an ihrem bloßen Zusammentreffen zu berauschen. Die übergroßen blinkenden Gänsefüßchen des postmodernen Zitatekinos sucht man jedenfalls vergeblich, die Szene gliedert sich wunderbar in Rhythmus und Ton des Films ein, anstatt ihn zu zerreißen. Am herrlichsten ist aber das Ende, das alle Helden der Expendables wieder zusammenführt und klar macht, worum es hier geht: um Freundschaft, Gemeinsamkeit, Loyalität. Die eine Geste, die das m. E. besser verkörpert als der pathetischste Woo-Film, möchte ich hier nicht verraten. Ich habe gestrahlt in meinem Kinosessel und dieses Strahlen auch noch in die triste Welt vor dem Kino getragen. Am meisten gefreut habe ich mich aber über die Anwesenheit von Gary Daniels: Die wenigsten Zuschauer von THE EXPENDABLES werden ihn erkennen oder überhaupt wissen, wer das ist, aber er ist da. Sie sind alle noch da. Unersetzlich statt expendable.

EDIT, 16.02.2011: Auf F.LM – Texte zum Film gibt es mittlerweile auch eine DVD-Rezension.

barfly (barbet schroeder, usa 1987)

Veröffentlicht: Oktober 12, 2009 in Film
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Mit Koch Media hat sich endlich ein Label gefunden, das BARFLY hierzulande auf DVD veröffentlicht. Die von Charles Bukowski gescriptete, autobiografisch angehauchte Cannon-Produktion kann einen brilliant agierenden Mickey Rourke in seiner Hochphase in den mittleren Achtzigern, eine famose Kamerarbeit von Robby Müller, einen herrlich stimmungsvoll-rauchigen Soundtrack voller Blues- und Jazz-Stücke und die dezente, aber umso nachhaltigere Regie von Barbet Schroeder vorweisen. Die DVD gehört mithin in jedes Regal, am besten in der Doppel-DVD-Edition, die als Bonus noch Schroeders Charles-Bukowski-Doku „The Charles Bukowski Tapes“ enthält. Mehr von mir zum Film auf F.LM.