Mit ‘Mike Krüger’ getaggte Beiträge

Um den Elefanten im Raum direkt anzusprechen: Ich halte GELD ODER LEBER für die Sternstunde dieser speziellen Ausprägung der deutschen Blödelkomödie, wie sie in den Achtzigern populär war (und meist der geschäftstüchtigen Produktionsschmiede der LISA-Film entstammte). Es ist der Film, in dem sich die üblichen Zutaten unter Zufügung einer schwierig zu isolierenden Geheimzutat zu einem Gesamten addieren, das deutlich größer ist als die Summer seiner Einzelteile. Dieter Pröttels Film sollte eigentlich nicht funktionieren, tut es aber überraschenderweise doch – und mehr noch: Hier wird nicht nur der Gaga-Humor endgültig zur Kunstform erhoben, hier wird man am Ende, wenn man schon völlig überrollt im Sessel hängt, gar noch Zeuge, wie sich die Zotenparade vor den eigenen Augen in einen geradezu magischen Liebesfilm verwandelt, das Genre gewissermaßen überwunden wird und etwas bleibt, das wirklich berührt. Die bizarren Verwicklungen der vorangegangenen 80 Minuten sind vergessen, und wie das Protagonistenpärchen da in den idyllischen Sonnenuntergang stapft, sich zärtlich seiner gegenseitigen Liebe versichert, der Score nach Dauerbeschallung mit den Hits der Ersten Allgemeinen Verunsicherung zum ersten Mal zurückschaltet, überträgt sich diese glücksselige Entspanntheit auch auf den Zuschauer, der nun endgültig nicht mehr weiß, wie ihm da geschehen ist.

GELD ODER LEBER bedient sich zunächst einer Struktur, wie man sie vielleicht aus den Komödien aus der Zucker-Abrahams-Zucker-Schmiede oder auch, um in Deutschland zu bleiben, den Hauptfilmen aus Didi Hallervordens TV-Sendung NONSTOP NONSENS kennt. Jede Szene bzw. gar jede Einstellung kulminiert in einem Gag, der mal eher verbaler, mal bildlicher Natur ist. Im Unterschied zu den erstgenannten US-Komödien hebt diese Strategie den Film aber nicht auf eine von der „Realität“ abgelöste Metaebene, vielmehr dient sie der Charakterisierung der beiden Hauptfiguren und der Beziehung, die diese zur Welt unterhalten – oder eher: nicht unterhalten. Dem Wirbel, den die Welt um sie herum entfacht, sind Mike und Susanne Juing (Mike Krüger & Ursela Monn), ein seinem ganz eigenen Rhythmus folgendes Ehepaar, nämlich überhaupt nicht gewachsen. Beide sind arbeitslos und nicht in der Lage, ihre durchaus vorhandene Energie in die gesellschaftlich akzeptierten produktiven Bahnen zu lenken. Die als alternativer Lebensentwurf auserkorene Karriere als Bankräuber scheitert aber immer wieder an ihrer grenzenlosen Liebenswürdigkeit. MIt Spielzeugpistolen bewaffnet, werden sie entweder gar nicht ernst genommen oder lassen sich durch unvorhersehbare Ereignisse von ihrem Vorhaben abbringen. Mehr durch Zufall als Geschick kommen sie dann aber doch in den Besitz wertvollen Geschmeides, das sie auf der Flucht vor der Polizei in einer ausgenommenen Gans verstecken, die jedoch wenig später bereits verkauft ist. Sie erhalten sieben Adressen, wo sich die gesuchte Gans verstecken könnte, die sie im Folgenden nacheinander abklappern; bis kurz vor Schluss ohne Erfolg. Die anhaltende Pechsträhne führt zu einer vorübergehenden Trennung, schließlich gar zu einem Gefängnisaufenthalt, bis die Erkenntnis, dass Reichtum die Liebe nicht ersetzen kann, sie zu einem Happy End zusammenführt. Der Film ist in seinem episodischen Verlauf gespickt mit deutschen Stars, denen die passenden Rollen auf den Leib geschneidert wurden: Barbara Valentin spielt eine reiche Gräfin, die einen verzogenen Bengel ihren Sohn nennt. Lotti Krekel und Ernst H. Hilbich sind als altes Camperehepaar zu sehen, Jochen Busse als versnobter Spaziergänger, Hans Clarin als Chirurg und Christine Schuberth als seine liebeshungrige Assistentin, Bernd Stephan gibt einen großmäuligen, aber dummen Feldwebel (bester Spruch: „Sie haben wohl Elefantenarsch mit Birne gegessen!“), Corinna Genest eine Gefängnisdirektorin in Lack und Leder und Werner Kreindl einen Kommissar. LISA-Dauergäste wie Otto W. Retzer, Alexander Grill oder Kurt Weinzierl dürfen ebenfalls nicht fehlen. Besonders absurd sind aber die Auftritte von Raimund Harmstorf als Kapitän eines Ausflugsdampfers, der seine Dialogzeilen auf eine Art und Weise intoniert, die nahelegt, dass er bereits in ganz anderen Sphären weilte, und natürlich jener von Falco. Der Österreicher reißt den Film mit seinem exaltierten, wahrscheinlich koksbeflügelten Auftritt komplett an sich und führt ihn weit über die Grenzen von Absurdistan: In seinem Gefolge befinden sich neben den obligatorischen Bikinischönheiten auch ein Karateka und ein Rambo-Double, komplett mit Stirnband und Panzerfaust. Mike Krüger schleicht sich als sein Double auf dessen Anwesen, auf dem bald auch Rotkäppchen (Simone Brahmann) eintrifft, um dem exaltierten Popstar Wein und eben eine Gans zu bringen, und dann schließlich Susanne, als Pippi Langstrumpf verkleidet. Man muss es sehen, um es zu glauben. Das Ende des Falco-Auftritts besorgt dann noch ein Livemitschnitt von seinem Hit „The Sound of Music“ in schöner Amphitheater-Kulisse, der mir große Lust auf seine Platten gemacht hat. Epochal, das Sahnehäubchen auf einem rundum denkwürdigen Film.

Diese Beschreibungen, wenn sie dem ein oder anderen geneigten Leser vielleicht auch Lust auf den Film machen mögen, sind aber immer noch nicht geeignet, GELD ODER LEBER in seiner Gänze zu erfassen. Da passiert eben noch etwas hinter dem Klamauk, hinter den Episödchen, hinter den popkulturellen Verweisen, neben dem Zusammenspiel von Filmbild und EAV-Soundtrack. Der Film ist als abstruse Nummernrevue einerseits total künstlich, fühlt sich andererseits aber sehr organisch und warm an. Er ist sehr direkt und manchmal natürlich frontal blöd, dabei aber auch sehr liebenswert und einfühlsam. Er hat einerseits rein gar nichts mit der Realität zu tun, sagt auf der anderen Seite eine ganze Menge über sie. Sein größter Verdienst ist es wohl, dass es ihm trotz seiner für Immersion eigentlich denkbar ungeeigneten Form gelingt, echte Sympathie für seine beiden so unperfekten Protagonisten zu wecken, für die Art, wie sie versuchen, das Leben zu meistern, für die Energie, mit denen sie gegen den unerbittlichen Strom anschwimmen. Ich muss hier unbedingt auf Ursela Monn eingehen, die wirklich großartig ist, sowohl die leicht nervöse Lebenskünstlerin als auch die liebevolle und, ja, auch erotische Gattin überzeugend verkörpert, mal verletzlich und mädchenhaft, dann aber auch sehr resolut und entschlossen agiert. (Man vergleiche ihre Figur nur mal mit den Love Interests, die Gottschalk in den vier SUPERNASENFilmen angehängt wurden.) Ich glaube, die halbe Miete des Films ist ihre Stimme, für die ich seit den „Kleine Hexe Klavi-Klack“-Hörspielen meiner Kindheit eine große Schwäche habe, und die sowohl die schrille Komik wie auch das zarte, beruhigende Säuseln draufhat. Möglicherweise stehe ich mit meiner Meinung über diesen Film total allein, die verheerende IMDb-Wertung mit kläglichen 3,9 Punkten spricht dafür, aber ich finde ihn wirklich, wirklich toll. Viele der deutschen Gaga-Komödien genießen gerade unter Leuten meines Jahrgangs heute Kultstatus, erfahren von ihnen eine Wertschätzung, die über das verächtliche So-bad-it’s-good-Getue hinausgeht, aber GELD ODER LEBER wird da seltsamerweise nie genannt. Wenn ich hiermit einen kleinen Sichtungsanreiz geben konnte, bin ich zufrieden.

Die_Einsteiger_DVD_(de)-FrontThomas Groh nennt diesen Film gern „die deutsche Antwort auf VIDEODROME“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Nachdem die Supernasen Thommy und Mike in PIRATENSENDER POWERPLAY unter Siggi Götz‘ Regie noch die bevorstehende Privatisierung des Rundfunks antizipiert hatten, widmen sie sich nun der medientechnischen Revolution namens „Heimvideo“. Der Tüftler und Videofan Mike hat einen „Video-Integrator“ gebastelt, mit dessen Hilfe man sich direkt in einen Film seiner Wahl hineinbeamen kann, sofern man die dazugehörige Fernbedienung besitzt. Fortan vertreiben und sein Kumpel und Mitbewohner Thommy die Zeit, indem sie in Italowestern, Indiana-Jones-Filme, Polanskis TANZ DER VAMPIRE, ROCKY und andere Werke aus Mikes umfangreicher VHS-Sammlung „einsteigen“ und dort echte Abenteuer und Heldentaten erleben, die eine willkommene Abwechslung zu ihrem tristen Alltag sind. Natürlich bekommt ein japanischer Elektronikhersteller Wind von der Erfindung und versucht, das Gerät an sich zu bringen. Außerdem bahnt sich eine sanfte Liebesgeschichte zwischen Thommy und der schönen Linda (Anja Kruse) an, die ihren Ex-Gatten, den Firmenchef Kapellusch (Gerd Baltus), dazu bringen will ein Testament zugunsten des gemeinsamen Sohnes aufzusetzen. Aber die Handlung von DIE EINSTEIGER ist eigentlich nur mäßig interessant und raubt dem Film gerade in der zweiten Hälfte einiges von dem Drive, mit dem er aus den Startlöchern kommt und die Enttäuschung über den schwachen ZWEI NASEN TANKEN SUPER sofort vergessen macht. DIE EINSTEIGER ist ganz bei sich, wenn er Filmwelten rekonstruiert und von zwei deutschen Humorterroristen überfallen lässt: Da zeigt sich eine nicht von Ehrfurcht, sondern Partizipation geprägte Liebe für das Kino, die typisch ist für das Videozeitalter.

Interessant ist überdies, welches Verständnis von Film hier zugrundeliegt: Wer „einsteigt“, nimmt nicht als eine Art embedded viewer am Film teil, sondern tatsächlich als handelnder und im Stile des Films ausstaffierter Charakter. Im Italowestern sollen Mike und Thommy sogleich gehängt werden, im Indiana-Jones-Film teilen sie sich die Protagonistenrolle als ungleiches Duo, im Boxfilm steigt Mike in den Ring, während Thommy als Trainer außen vor bleibt, und im Südseeinsel-Setting verwandelt sich Mike einmal gar in einen Menschenaffen. Die anderen Handelnden merken nicht, dass da plötzlich neues Personal mitwirkt und das Drehbuch ändert, alle passen sich ganz selbstverständlich den neuen Gegebenheiten an. Firmenboss Kapellusch und Polizeikommissar Gierke (Werner Kreindl) beschließen bei Anblick des Inselidylls gar, ihr Leben in der Realität ganz aufzugeben und „im Film“ zu bleiben, und als die beiden Helden im Ringen mit den Vampiren um Graf Frackstein (Udo Kier) in Bedrängnis geraten, nimmt Thommy aus Versehen eine Vampirin statt Mike mit zurück. Das alles suggeriert, dass Film nichts Statisches ist, sondern eine ganze, mit vollwertigen Individuen bewohnte Welt enthält, deren Abmessungen weit über das hinausreichen, was Kamera und Regie einfangen. Der Fernsehschirm ist so gesehen nur das viel zitierte „Fenster“, durch das man nur einen kleinen Ausschnitt vom Ganzen erhaschen kann, der dann die Fantasie zum weiteren Ausschmücken und Weiterspinnen der Geschichten anregt. Der Demokratisierungsaspekt, der bereits in PIRATENSENDER POWERPLAY eine so wichtige Rolle spielte, kommt auch hier wieder zum Tragen: durch die einfache Existenz des Videorekorders, der seinen Besitzer – eine entsprechende Videosammlung vorausgesetzt – zum selbstbestimmten Programmdirektor macht, und dann, als nächste Evolutionsstufe, durch den Integrator, der die durch den Bildschirm gegebene physische Grenze durchlässig werden lässt. Letztlich ist Mikes Erfindung aber nur eine pointierte Übersteigerung des Segens, den die Erfindung des Videorekorders dem Filmfan brachte: sich 24 Stunden lang vom heimischen Sofa aus auf Traumreise durch seine Liebelingswelten zu begeben, ohne also das Haus verlassen und eine Kinokarte lösen zu müssen. DIE EINSTEIGER externalisiert, was sich sonst nur im Kopf des Filmsehers abspielt.

Gegenüber den vorangegangenen beiden Filmen, die unter der zweckmäßigen, aber auch biederen Regie von Dieter Pröttel entstanden waren, zeigt DIE EINSTEIGER seinem Sujet angemessen wieder mehr inszenatorisches Profil. Die Film-im-Film-Szenen sind den Vorbildern liebevoll nachempfunden und schön launisch, der Titelsong von Oliver Onions gibt dem ganzen den nötigen Schwung, kleine quirks, wie Jochen Busses wunderbar dadaistischer Gastauftritt, und außergewöhnliche Kameraeinstellungen verleihen Profil und sorgen dafür, dass DIE EINSTEIGER nicht allzu weit hinter seinen Referenzen zurückfällt. Die Albernheiten des Hauptdarstellerduos wurden zugunsten der Handlung deutlich zurückgefahren, was dem Film ebenfalls gut zu Gesicht steht. Das Ende ist gar eine handfeste Überraschung: Siggi Götz empfiehlt sich auf einmal als deutscher Giallo-Regisseur, wartet zu den atmosphärischen Klängen des goblinesken Soundtracks mit einer Bildfolge spannungssteigernder Detailaufnahmen auf und liefert eine Paraphrase zu Bavas REAZIONE A CATENA, die man in jedem Film erwartet hätte, aber gewiss nicht hier.

Noch vor Jahresfrist hatte mich DIE SUPERNASEN unerwarteterweise positiv überrascht. Die gestern erfolgte Neusichtung im Rahmen meiner kleinen Gottschalk/Krüger-Retro brachte keine wesentlichen neuen Erkenntnisse, sodass ich hier direkt zum Sequel übergehe, das ich damals wie so viele andere Bundesbürger im Kino sah. Es ist heute, wo man nur mit Schwierigkeiten eine brauchbare Abbildung des Filmplakats im Netz findet und die DVD-Veröffentlichung von einem Billiglabel mit selbstgebasteltem Cover besorgt wird, gar nicht so einfach, Menschen, die 1984 nicht selbst dabei waren, zu erklären, was für ein Ereignis dieser Film war. Der extremste Auswuchs des Supernasen-Hypes war sicherlich der Promo-Besuch der Hauptdarsteller beim „Aktuellen Sport-Studio“ im ZDF, wo sie zwar nix verloren hatten, das die im Film populär verwendeten Trikes aber trotzdem gern als fadenscheinigen Motorsport-Aufhänger benutzte, um vom erwarteten Erfolg des Films zu profitieren. Ich weiß noch, dass die beiden „Helden“ ihrem Image als glückliche Underdogs entsprechend erstaunlich gut beim Torwandschießen abschnitten, und die Trikes, eine genau genommen ziemlich idiotische Erfindung, weder Fisch noch Fleisch, für ein paar Tage der Traum jedes Jungen auf dem Grundschulhof waren, bis sie den Weg ins Vergessen antraten, wie ihre Kollegen Segway und Jetpack. Doch auch die Trikes konnten kaum darüber hinwegtäuschen, dass ZWEI NASEN TANKEN SUPER gemessen an den beiden Vorgängern eine Enttäuschung war, zudem Beleg dafür, dass weder das Autoren- und Hauptdarstellerteam noch Regisseur Pröttel noch die Geldgeber der LISA-Film verstanden hatten, was sowohl PIRATENSENDER POWERPLAY als auch DIE SUPERNASEN gegen jede Wahrscheinlichkeit hatte funktionieren lassen.

ZWEI NASEN TANKEN SUPER ersetzt die an einem dünnen roten Faden aufgereihten Gags, die Krüger und Gottschalk zuvor den losen Rahmen für ihre liebenswerten Taugenichtse gegeben hatten, nun gegen eine „echte“ Handlung: Der Raub zweier wertvoller Juwelen geht schief, die Gangster (András Fricsay & Achim Gunske) können die Klunker gerade noch in zwei Trikes verstecken, die Teil einer Motorausstellung sind. Durch Zufall gelangen ausgerechnet Thommy und Mike in den Besitz der Dreiräder und begeben sich ohne jede Vorahnung auf Deutschlandreise. Die Gauner heften sich an ihre Fersen und fordern die Herausgabe der Steine, die die beiden jedoch längst als Andenken an die Anhalterinnen Birgit (Simone Brahmann) und Farah (Sonya Tuchmann) verschenkt haben. Es gilt nun, die Mädels ausfindig zu machen und ihnen die Steine wieder abzunehmen. Zwar bietet auch diese Geschichte letztlich auch nur den recht beliebigen Anlass für Zoten, Kalauer und Slapstick-Einlagen, dennoch vermisste ich schon nach kurzer Zeit die Lockerheit und Unbekümmertheit, den mild-anarchischen Charme, der mich für PIRATENSENDER POWERPLAY und DIE SUPERNASEN so eingenommen hatte. Die Existenz einer Story bringt keinen Gewinn für Gottschlak und Krüger, schnürt sie im Gegenteil in ein Korsett und lässt ihre frappierenden Unzulänglichkeiten nur noch stärker hervortreten. Wirklich witzig ist ZWEI NASEN TANKEN SUPER nur selten und wenn, dann sind es eher kleine Beobachtungen oder Nebenepisoden, die für Lacher sorgen, etwa wenn der betrunkene Mike sich über ein paar Rocker empört: „Der hat ,Torte‘ zu meiner Ische gesagt!“ Dass die beiden nur deshalb in den Schlamassel geraten, weil Mike dringend pinkeln muss, ist im Grunde genommen der beste Einfall des Films, und diese Prämisse auszudehnen, hätte gewiss mehr hergegeben als die lahme Roadmovie-Handlung, die ohne jedes Gespür für Spannung, Bewegung und Körperlichkeit inszeniert wurde. Immerhin war schönes Wetter am Wörthersee.

Man merkt dem Film an, dass für die Beteiligten plötzlich etwas auf dem Spiel stand. Während sie vorher einfach irgendeinen Quatsch verzapfen konnten, knüpftn die Gags nun häufiger an irgendwelche zeitgenössischen Themen an, aber nicht, weil das besonders witzig wäre, sondern einfach, weil nichts besseres einfiel. Ein Anhalter, der nach Sarajewo will, wird von Krüger mit dem Erkennungsruf des Maskottchens der im selben Jahr in Sarajewo ausgtragenen Winterolympiade bedacht, und Jürgen von der Lippe darf sich in einem quälend unlustigen Gastauftritt als Kellner eines Burgerladen über ein berühmtes Fastfood-Restaurant lustig machen, für das Gottschalk seinerzeit warb. Der mit platinblonder Frisur und einem Silberohr ausgestattete Verbrecher soll wahrscheinlich an einen Bondschurken erinnern, die Marotte seines Chefs (Karl Spiehs), jede Äußerung mit der Phrase „Wenn ich x sage, dann meine ich auch x.“ abzuschließen, erinnert ein wenig an die Sprüche aus dem ein halbes Jahr zuvor sehr erfolgreich gelaufenen Hallervorden-Film DIDI – DER DOPPELGÄNGER. Überall wird ein bisschen was ausgeliehen und abgezweigt, Gottschalk darf einmal als Karateka auftreten und sich als Künstler über die doofen Intellektuellen lustig machen, die Bilder mit Dreiecken mögen, aber wirklich hängen bleibt nichts und so hat der fragwürdige Spaß nach 92 zähen Minuten ein Ende. Und es ist ja durchaus auch ein bisschen beruhigend, dass Nostalgie nicht alles schönfärben kann.

dmB9V70IdpdpqYsDUHCvls2OkPrPIRATENSENDER POWERPLAY war einer der ersten Filme, die meine Eltern in den frühen Achtzigerjahren auf Video ausliehen, durchaus auch, um mir einen langweiligen Abend zu verkürzen, und diese Tatsache sagt schon viel über das enorme Standing, das Krüger und Gottschalk und mit ihnen dieser Film damals genossen. Der Witzeerzähler aus Quickborn war zu jener Zeit wahrscheinlich noch der größere Star der beiden Hauptdarsteller und ein Tape eines seiner Liveauftritte lief im elterlichen Auto in der heavy rotation, sehr zu meinem anhaltenden Vergnügen. Natürlich liebte mein schätzungsweise fünf-, sechsjähriges Ich seinen Superhit „Der Nippel“, wie wahrscheinlich alle Jungs, die Mitte der Siebziger geboren worden waren. Gottschalk hatte seine ersten Fernsehauftritte zwar schon im Jahrzehnt zuvor absolviert, war aber in erster Linie noch als Radiopersönlichkeit bekannt. Der Aufstieg zu DER deutschen Fernsehpersönlichkeit begann ungefähr parallel zu diesem Film mit seinem ZDF-Engagement als Moderator von „Thommys Pop-Show“, dem dann die langlebige Talkshow „Na sowas!“ folgte. Kürger und Gottschalk spielen in Siggi Götz‘ Erfolgsfilm weniger „Rollen“, als dass sie die von ihnen auf der Bühne bzw. im Radio/TV etablierte Persona in einen Film hinübertrugen: „Mike“ ist demzufolge der etwas tolpatischige Witzbold mit dem Gesicht zum Reinschlagen, „Thommy“ der Sunnyboy mit dem Gespür für die heißesten Sounds aus den US of A und der jugendlichen Ansprache. Gerade letzteres sorgt heute für Heiterkeit: Gottschalk geriert sich bekanntermaßen immer noch gern als frecher, respektloser Sprücheklopfer, steht als mittlerweile 65-Jähriger jedoch keinesfalls mehr im Verdacht, den Finger am Puls der Zeit zu haben oder besonders cool zu sein, verkörpert als beinharter Rockist vielmehr einen rückwärtsgewandten und spießigen Geschmack (der sich freilich schon in der damals bereits hoffnungslos überkommenen Musikauswahl für PIRATENSENDER POWERPLAY mit Songs von Bands wie der J. Geils Band oder Little Feat entsprechend niederschlägt). Er ist ein Opa, der gern noch 20 wäre und so eher Fremdscham auslöst. Hier hingegen liegen ihm die Jugend und vor allem die feschen Mädels geradezu zu Füßen, lauschen gebannt seinen schmerzhaft unwitzigen Sprüchen und bewundern ihn als Trendsetter. Um PIRATENSENDER POWERPLAY wirklich zu mögen – und das tue ich – ist es unerlässlich, sich den historischen gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem der Film entstand zu vergegenwärtigen.

Wie Thomas Groh in der letztjährigen, zu Siggi Götz‘ 70. Geburtstag erschienenen Ausgabe von Sigi Götz Entertainment schrieb, nimmt PIRATENSENDER POWERPLAY die Einführung der Privatsender in den mittleren Achtzigerjahren vorweg und darf als früher Beitrag zu einer bis heute anhaltenden Diskussion um die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und um seine nötige Verjüngung verstanden werden. Die beiden unangepassten Jungspunde Mike und Thommy erfreuen sich mit ihrem jeden Montag um 15 Uhr für genau eine Stunde illegal ausgestrahltem Programm nämlich immenser Beliebtheit bei der Jugend. Die von Thommy flapsig-flippig anmoderierten Hits aus Übersee, die von Mikes Kalauern unterhaltsam aufgelockert werden, bekommt man in dieser Konzentration sonst nirgendwo zu hören. Den Beamten des ÖR, vor allem dem Intendanten (Ralf Wolter), ist die Konkurrenz ein Dorn im Auge, weshalb Dr. Müller-Hammeldorf (Gunther Philipp) mitsamt des tölpeligen Polizei-Einsatzleiters Pluderer (Rainer Basedow) auf die Rundfunkpiraten angesetzt wird. Die bekommen just in dem Moment, da die Falle zuzuschnappen droht, unerwartete Hilfe von Mikes Schwester (Evelyn Hamann). Weil die Religionslehrerin erkennt, welches kommerzielle Potenzial im Projekt ihres Bruders steckt, investiert sie das ihr zur Verfügung stehende Kapital, kauft ein schickes Wohnmobil als schwierig zu ortenden Sendewagen und holt einige Werbepartner an Bord. Am Ende einer für den ÖR erfolglos verlaufenen Jagd zieht der Intendant die einzig richtige Konsequenz: Er integriert die „Feinde“ ins System und lässt sie ihr Programm unter dem Banner des staatlichen Rundfunks machen, eine Strategie, der sich ARD und ZDF auch heute noch bedienen, um den Anschluss an die Privatsender nicht gänzlich zu verlieren.

So schwer es heute auch fällt, Mike Krüger und Thomas Gottschalk als Repräsentanten der Gegenkultur zu akzeptieren, Siggi Götz meint das durchaus halbernst. Schon zu Beginn bezieht er eindeutig Position, wenn er die als durchweg dämlich und autoritätshörig diffamierten Polizisten erst eine mit lustigen Gaga-Transparenten wie „Weg mit den Alpen! Freie Sicht aufs Meer!“ sympathisch tapezierte Kommune, wenig später dann ein Bordell stürmen lässt, in der sich zu diesem Zeitpunkt rein zufällig auch Mike und Thommy aufhalten. Der Richter spuckt bei der folgenden Verhandlung Zeter und Mordio, weil er eine Beleidigung des amtierenden Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß durch die Angeklagten wittert, dabei sprechen die beiden arglosen jungen Männer doch nur über ihren gleichnamigen Hund. Im weiteren Verlauf ist es immer wieder die schreiende Inkompetenz, gepaart mit Übermotivation und Selbstgerechtheit, die Müller-Hammeldorf ins Hintertreffen bringt, ihn selbst in aussichtsreichster Position versagen oder den Wald vor läuter Bäumen übersehen lässt. Es ist ja nur logisch, dass Götz die Rollen der Staatsbeamten mit älteren Herren besetzt, aber es passt in doppelter Hinsicht, weil Ralf Wolter, Gunther Philipp oder Rainer Basedow auch eine andere Humorgeneration verkörpern. Gunther Philipp etwa stürzt sich mit der ihm eigenen Verve in die Schlacht und sein Müller-Hammeldorf entwickelt dabei einen solchen Feuereifer, dass er über sein wiederholtes Versagen gar in der Nervenheilanstalt landet. Dem ganzen Slapstick-Chaos, das er und seine Mitstreiter entfachen, stehen Krüger und Gottschalk mit der Gelassenheit des Niederlagen und Nackenschläge gewohnten Slackers (Krüger) und der pfiffigen Unverdrossenheit des von der Sonne geküssten Glückspilzes (Gottschalk) gegenüber. Sie müssen gar keinen allzu großen Einfallsreichtum aufbringen, um den Verfolgern immer wieder zu entkommen, schlüpfen mit größter Selbstverständlichkeit in die unterschiedlichsten Rollen, und können sich in ärgster Not immer darauf verlassen, dass ihre Gegner schlicht zu blöd sind.

PIRATENSENDER POWERPLAY entwickelt so nicht gerade Spannung, aber einen sehr ansteckenden Drive, der von der Ferienatmosphäre, die der Film ausstrahlt, noch befeuert wird. Es ist die ganze Zeit was los, trotzdem ist das sich einstellende Gefühl eines von Entspannung, von vollkommen sorgenfreiem Müßiggang. Nichts scheint da wirklich irgendeine echte Konsequenz nach sich zu ziehen. Die Lebenshaltung, die darin zum Ausdruck kommt, dieses gänzlich unbelastete Gottvertrauen darin, dass alles irgendwie gut ausgehen wird, dass Mike und Thommy am Ende des Tages immer noch Mike und Thommy sein und die Unwägbarkeiten des Lebens irgendwie meistern werden, ist durchaus erstaunlich, gerade für einen deutschen Film, und davon mal abgesehen, einfach schön. Gerade heute, wo nicht wenige Eltern den Karriereplan ihrer Kinde schon vor deren Geburt fest eingetütet haben, tut es gut, zwei Männern dabei zuzusehen, wie sie einfach nur machen, worauf sie Lust haben. Dass sie am Ende Fernsehkarriere machen, wird so mitgenommen, es wird nichts Wesentliches ändern, und wenn nichts daraus wird, ist es auch egal. Vielleicht ist das ja auch die versteckte Botschaft des wunderbaren Zirkelschlusses, mit dem PIRATENSENDER POWERPLAY aufhört: Thommy sagt im Fernsehen den ersten Film an, den er mit seinem Kumpel Mike gedreht habe, und es laufen die Anfangscredits für eben jenes Werk, das sich auf dem intradiegetischen Fernsehschirm seinem extradiegetischen Ende nähert. Wenn alle Stricke reißen, fängt man eben von vorn an.

DIE SUPERNASEN, der zweite gemeinsame Film des damaligen Radio- und Fernsehmoderators Thomas Gottschalk sowie des Komikers und Musikers Mike Krüger nach PIRATENSENDER POWERPLAY, war 1983 ein Superhit: Mit knapp 3 Millionen Zuschauern landete er als erfolgreichste deutsche Kinoproduktion auf Platz sechs der Jahrescharts, hinter Titeln wie FLASHDANCE, THE DAY AFTER, OCTOPUSSY, TOOTSIE und THE RETURN OF THE JEDI, der als Spitzenreiter nur etwa 1,5 Millionen mehr Menschen ins Kino lockte. Der Erfolg hielt noch eine Weile an, wenn auch mit kontinuierlich abnehmender Rendite: Ein Jahr später startete das Sequel ZWEI NASEN TANKEN SUPER, zog immer noch 2,5 Millionen Menschen (darunter auch mein damals achtjähriges Ich), landete damit aber immer noch in den Jahres-Top-Ten, 1985 folgte DIE EINSTEIGER, bevor GELD ODER LEBER 1986 das gemeinsame Schaffen des Duos beendete. Der friesische „Blödelbarde“ Otto Waalkes hatte die beiden Supernasen in der Gunst des Publikums abgelöst.

Auch wenn das für die einstige große Filmnation Deutschland massiv ernüchternd ist: DIE SUPERNASEN sowie das Duo Gottschalk/Krüger sind deutsche Filmgeschichte und waren für einige Jahre prägend für hiesige Popkultur und Humor. Natürlich zogen sie damals schon die Verachtung des Feuilletons auf sich und gelten deutschen Cineasten heute noch als Schmach. Es ist tatsächlich ungemein leicht, DIE SUPERNASEN zu hassen: Die Produktionsgesellschaft LISA-Film versorgte die Kinos verlässlich und anhaltend mit dem, was heute als „Unterschichtenfernsehen“ direkt nach Hause kommt, preisgünstig und anspruchslos heruntergekurbelter Dutzendware, gespickt mit tumbem Klamauk und Slapstick, garniert mit Stars aus „Funk und Fernsehen“, Sex-Sternchen, ihren Brüsten, Popschlagern für den schnellen Gebrauch und Postkartenansichten vom Wörthersee und anderen Mittelklasse-Urlaubsorten. Regie führte hier mit Dieter Pröttel ein Mann, der sicherlich nicht unter Kunstverdacht stand: Er hatte sein Handwerk beim Fernsehen gelernt, wo er vor allem als Regisseur diverser Unterhaltungssendungen in Erscheinung getreten war (zu seinen „eindrucksvollen“ Credits zählen unter anderem DIE RUDI CARRELL SHOW, DIE GLÜCKSSPIRALE, HÄTTEN SIE HEUT ZEIT FÜR MICH?, AM LAUFENDEN BAND, VERSTEHEN SIE SPASS? sowie EINS, ZWEI ODER DREI). Und dann die beiden Stars: Sicherlich talentiert auf ihrem jeweiligen Gebiet, standen sie dennoch nicht für geistige Höhenflüge, sondern für das gutbürgerliche Mittelmaß, das dem deutschen Emil vor der Glotze nur deshalb wie eine Offenbarung erschien, weil er selbst noch viel biederer war. Ein dünnes Drehbüchlein hält die Ansammlung zotiger Schoten notdürftig zusammen wie eine Sicherheitsnadel eine Windel und nach 90 Minuten weitestgehend sinnfreier Gags und der Simulation von Handlung ist dann halt wieder Schluss. So wurden damals Hits gemacht.

Umso erstaunlicher, dass mir dieser Unfug gestern ziemlich viel Freude gemacht hat. Was man DIE SUPERNASEN zugutehalten kann, wenn man denn möchte, ist seine Unbekümmertheit: Anstatt seine beiden Stars in ein hochgetuntes Konzept zu pressen, indem ihre Unzulänglichkeiten hoffnungslos zu Tage getreten wären, passt sich der Film ihrer Ungekünsteltheit an, bemüht, wie mein Mitgucker Frank gestern sagte, gegenüber anderen LISA-Filmen einen eher „naturalistischeren“ Ansatz (es wurde zum Beispiel nicht nachsynchronisiert). Krüger und Gottschalk verdankten ihren Erfolg ja nicht zuletzt der Tatsache, dass sie so durchschnittlich waren, inszenierten sich immer als „aus dem Volk“ kommend. (Gottschalk erlag dann irgendwann dem Glauben, eigentlich nach Hollywood und nach ganz oben zu gehören.) Es steckt ein gewisser anarchischer Charme in DIE SUPERNASEN und in der Anmaßung, diese beiden Knalltüten zu Helden in einem Film zu machen, und der ganze Film spielt mit dieser Idee der Anmaßung, indem er die beiden immer wieder vorgeben lässt, etwas zu sein, was sie ganz offensichtlich nicht sind. Das beginnt mit der Idee der beiden chronisch mittellosen Bummelstudenten (Krügers Studiengänge sind „Semantik und Gynäkologie“), sich als Privatdetektive mit Trenchcoat und Fedora zu verdingen und gipfelt dann in einem Auftritt Gottschalks als Scheich bei einem diplomatischen Treffen, eine Aufgabe, die er mithilfe seines arabischen Dolmetschers Krüger mit Bravour meistert. Krüger ist eindeutig der bessere Schauspieler der beiden und berufsbedingt auch der bessere Komiker: Wenn er einen berlinernden preußischen Gentleman alter Schule gibt, dann ist das auch ohne zwei zugekniffene Augen komisch. Andere Witze wie jener um den Handlungsort „Bad Spänzer“ sind so hoffnungslos infantil, dass man gar nicht anders kann als zu lachen. Der Grat, auf dem DIE SUPERNASEN wandelt, ist immens schmal, aber irgendwie gelingt der Tanz auf der Klinge, bleibt der Film auf eine Art und Weise bescheuert, die für ihn arbeitet (beim Sequel funktionierte das dann schon nicht mehr so gut). So muss ich durchaus mit zumindest einem weinenden Auge konstatieren, dass mit dem späteren Niedergang dieser Art der Gaga-Komödie, die den deutschen Film von den Siebzigern bis ca. Mitte der Achtziger bestimmte, auch ein Stück Trivialkunst verloren gegangen ist.