Mit ‘Mike Nichols’ getaggte Beiträge

Die Eheleute Martha (Elizabeth Taylor) und George (Richard Burton) – sie die Tochter des Direktors der neuenglischen Universität, an der er als Geschichtsdozent angestellt ist – kommen nachts von einer Party im Haus ihres Vaters zurück, auf der sie das junge Ehepaar Nick (George Segal) und Honey (Sandy Dennis) kennen gelernt und für einen Absacker zu sich eingeladen haben. Das junge Ehepaar ahnt nicht, worauf es sich eingelassen hat: Martha und George leben in unverhohlener Verachtung miteinander, sie hat sich in die Arme des Alkohols gestürzt, er versinkt im Selbstmitleid über die von ihm verpassten Chancen. Ursache ihrer Probleme scheint der gemeinsame Sohn zu sein, dessen Besuch Martha den Gästen sehr zum Unmut Georges ankündigt. In der langen Nacht müssen alle vier Eheleute, angetrieben von Georges inquisitorischen Vorstößen die Bedingungen ihres Bunds hinterfragen und sich ihren Fehlern stellen …

Mike Nichols‘ Debüt basiert auf einem berühmten Bühnentsück von Edward Albee, das dieser fast unverändert für die Leinwand adaptierte und das dank der kongenialen Besetzung mit dem in der Realität nur selten nüchtern anzutreffenden Glamourehepaar Taylor/Burton (ursprünglich waren Bette Davis und James Mason vorgesehen) unsterblich wurde. WHO’S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF? ist bis heute der einzige Film, der in allen großen Kategorien – insgesamt 13 – für einen Oscar nominiert wurde (er gewann schließlich „nur“ 5) und lieferte die Blaupause für jene bis heute populäre Spielart charakter- und dialoggetriebener Dramen, die ihre Wirkung ganz zentral dem Seelenstriptease eines oder mehrerer typgerecht gecasteter Hauptdarsteller verdanken: Kubricks EYES WIDE SHUT wäre ohne Nichols Film wahrscheinlich ebenso wenig denkbar wie Aronofskys THE WRESTLER, um jetzt nur mal zwei spontane Beispiele zu nennen. Nichols inszeniert seinen Film ganz im Wissen um seinen Besetzungscoup – Cinematographer Haskell Wexler rückt die aufgedunsenen (die schöne Elizabeth Taylor fraß sich für ihre Rolle einige Pfunde an) oder aber verlebten Gesichtszüge (Burton) immer wieder schimärenhaft und überlebensgroß ins Bild -, die emotionale Tragweite des Stückes und die Zielgenauigkeit von Albees Dialogen. Auch in der deutschen Synchronisation, in der ich den Film gegen meine Gewohnheiten bei einem DVD-Screening gesehen habe, verfehlt WHO’S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF? seine Wirkung nicht. Mehr als einmal wandt ich mich während der Wortgefechte des Ehepaars schamvoll im Kinositz, die Tatsache, nur einem Film beizuwohnen, völlig ausblendend. Insofern war es eine zwar unbewusste, aber nichtsdestotrotz goldrichtige Entscheidung, diesen Film unmittelbar nach MOMMIE DEAREST zu gucken, der zwar auf ganz andere Weise, aber dennoch kaum weniger schmerzhaft ist. Wie sich die Taylor und Burton – wirklich nur als Martha und George? – ineinander verbeißen wie zwei tollwütige Rottweiler, sich mit ätzendem Hohn und Spott überziehen, den anderen mit sadistischer Freude zu brechen suchen und erst in allerallerletzter Sekunde in der berühmten Wendung des Stückes die Kurve in eine vielleicht doch noch mögliche gemeinsame, bessere Zukunft kriegen, ist faszinierend, bewegend, erschreckend und mitreißend. 

Es ist diese explosive Darstellung der beiden Superstars – Liz Taylor erhielt für ihre etwas spektakulärere Interpretation den Oscar als Beste Hauptdarstellerin, während Burton, den ich als nur mit Mühe und viel Selbstverleugnung ruhig bleibenden George sogar noch besser fand, leer ausging -, die den Film heute fast allein vor dem Vorwurf rettet, schlecht gealtert zu sein. Das oben geschilderte Wissen Nichols um die „Wichtigkeit“ des Stoffes lässt WHO’S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF? teilweise steif erscheinen: Jeder Dialog folgt einem genau ausgetüftelten dramaturgischen Zweck, der sich erst am Ende entbirgt, und es gibt demzufolge nur wenig Raum für Spontaneität oder auch nur für entspannende Beliebigkeit. Die Kamerarbeit Wexlers bringt zwar tolle Bilder hervor, doch fügen diese dem Spiel der Akteure rein gar nichts hinzu. Sie sind streng genommen redundante Augenwischerei und scheinen letztlich vor allem dem Zweck geschuldet, etwas physische Bewegung in ein sonst gänzlich statisches Kammerspiel zu bringen. Nichols erweist sich damit als Vertreter einer neuen Generation von Filmemachern, die das kommende Jahrzehnt prägen sollten und einen gegenüber den alten Meistern und Hollywood-Routiniers nicht immer vom Vorwurf der Selbstzweckhaftigkeit freizumachenden selstbewussten und offensiven Umgang mit den Möglichkeiten der Filmtechnik kultivierten, dessen Folgen wir heute in Form von ultrahektischen Schnittgewittern oder anderen arg gimmickhaften Inszenierungstechniken bewundern können. Diese Kritik ändert freilich nichts am Klassikerstatus dieses Films, den man wohl wenigstens einmal gesehen haben sollte, wenn man sich für amerikanisches Kino interessiert.