Mit ‘Miles O’Keeffe’ getaggte Beiträge

bo-derek-posterDer Begriff des „Genies“ ist ein tückischer: Aus dem Griechischen stammend, bezeichnete er ursprünglich eine „erzeugende Kraft“, heute verwendet man ihn für „eine Person mit überragend schöpferischer Geisteskraft“. Jemanden ein „Genie“ zu nennen, ist so ziemlich die höchste Auszeichnung, die man Künstlern, Wissenschaftlern, Erfindern, Politikern und sonstigen Experten ausstellen kann – auch wenn man heute recht freigiebig mit ihm umgeht. Letzteres liegt vielleicht auch in der Tatsache begründet, dass mit der Verwendung des Begriffs latent egoistische Motive einhergehen. Jemanden überhaupt ein „Genie“ nennen zu können, setzt natürlich voraus, dass man selbst seine Kunst verstanden und Einblicke in sein Schaffen erlangt hat, die anderen verschlossen geblieben sind – und das teilt man eben implizit mit. Überspitzt könnte man sich zu der provokativen Aussage versteigen, dass es umso unwahrscheinlicher ist, dass es sich bei jemandem tatsächlich um ein Genie handelt, je mehr Menschen ihn für ein solches halten. Wie sollte ein „Normalsterblicher“ echtes Genie begreifen können, das doch den in einer bestimmten Zeit gültigen Standard übersteigt? Die meisten großen Denker wurden zu Lebzeiten verkannt.

Was hat das nun mit TARZAN, THE APE MAN zu tun? Nun, John Dereks Film um die populäre Figur, die Edgar Rice Burroughs in den Zehnerjahren des vergangenen Jahrhunderts erdachte, wurde bei seinem Erscheinen einhellig verrissen (erstaunlicherweise kam eine der seltenen positiven Bewertungen von Roger Ebert) und gilt heute noch als Heuler allererster Güte. Es hagelte Razzie-Nominierungen in den Kategorien „Schlechtester Film“, „Schlechtestes Drehbuch“, „Schlechtester Schauspieler“, „Schlechteste Regie“ und „Schlechteste Debütant“, aber nur Bo Derek durfte die Trophäe als „schlechteste Schauspielerin“ mit nach Hause nehmen. Auf IMDb kommt der Film derezit auf ernüchternde 3,2 Punkte. Trotzdem machte er ordentlich Kasse in den USA, wahrscheinlich nicht zuletzt wegen der damaligen Popularität der freizügigen Hauptdarstellerin und 25 Jahre jüngeren Gattin des Regisseurs, mittelfristig war er aber der Anfang vom Ende der Karriere der Dereks, das sich bereits mit der nächsten Kollaboration, dem unfassbaren BOLERO, vollzog.

TARZAN, THE APE MAN erzählt die bekannte Geschichte aus der Perspektive Janes (Bo Derek), die nach Afrika reist, um dort ihren Vater James (Richard Harris) zu besuchen, einen Abenteurer, der seine Familie sitzen ließ, als Jane gerade ein Jahr alt war. Sie begleitet ihn auf einer Expedition, bei der sie schnell Bekanntschaft mit dem mystischen „weißen Affen“ macht, einem verwilderten, unter Tieren im Urwald lebenden Mann (Miles O’Keeffe), der sich in die blonde Schöne verliebt und sie schließlich entführt. Papa James sprüht vor Zorn, will den Wilden erlegen, um sich seinen Kopf als Trophäe an die Wand zu hängen, doch der eilt den Weißen zur Hilfe, als sie von einem Kannibalenstamm gefangen genommen werden …

Anders als etwa im kurze Zeit später entstandenen GREYSTOKE: LEGEND OF TARZAN, KING OF THE APES geht es in John Dereks Adaption nicht darum, die Pulp-Erzählung Burroughs‘ zu authentifizieren oder zu historifizieren. Im Gegenteil: TARZAN, THE APE MAN ist ein farbenfroher Abenteuerfilm, wie man sie auch schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zu drehen pflegte, und mit derselben Blindheit für das dem Genre inhärente ideologische Konfliktpotenzial geschlagen. Afrika ist ein aufregender Kontinent voller auf den weißen Mann wartender Abenteuer, mitzunehmender Schätze, dankbarer Wasserträger, grunzender Wilder und pikaresk durchs Grün krauchender Bestien. Aber TARZAN, THE APE MAN ist eben auch ein Film mit Bo Derek, weshalb er auch ein Erotikfilm ist, zumindest nach dem Verständnis ihres Gatten. „The most beautiful woman of our time in the most erotic adventure of all times“, wie das Plakat vollmundig verspricht.

Die schöne Jane zieht demnach schon gleich zu Beginn blank, auf dem Schiff, das sie zu ihrem Vater bringen soll, und taucht vor den grinsenden Eingeborenen in die Fluten, fällt dann, nach ihrer Ankunft gleich noch einmal voll bekleidet ins Wasser, damit auch der fesche Harry Holt (John Phillip Law) ihre Nippel bewundern kann. Ihrem Vater liest sie kurz darauf die Leviten, macht ihm unmissverständlich klar, dass sie genug Geld habe, um ihn und alles, was ihm gehört, zu kaufen. Sie ist ein selbstbewusstes – und äußerst attraktives Persönchen -, unbeeindruckt von puritanischen Moralvorstellungen und gesellschaftlicher Konvention, zumindest erweckt die Exposition diesen Anschein. Aber so ist das nicht. Jane ist nämlich noch Jungfrau und als ihr dann der muskelbepackte Tarzan gegenübersteht, ist es mit der weiblichen Souveränität vorbei, zeigt sie ihr wahres Gesicht: das der vor Erregung und Unsicherheit bebenden Knospe, die von erfahrenen, starken Männerhänden geöffnet werden will, auf das sie ihren süßen Nektar aus dem feuchtwarmen Blütenkelch schöpfen und begierig ausschlürfen. Der Film ist gnadenlos in der Zurschaustellung seiner Hauptdarstellerin, erfindet die absurdesten Tableaus, um sie in ihrer ganzen Pracht zeigen zu können, und plätschert ansonstens so vor sich hin. Richard Harris, der seine Zeilen deklamiert als würde er pro Wort bezahlt, soll wohl darüber hinwegtäuschen, dass das ganze Gelatsche und Geklettere eigentlich vollkommen uninteressant ist. Schön anzusehen ist es, ja, ein bisschen wie ein Reiseprospekt, der ja auch in erster Linie verkaufen will, und der Score schwelgt wie in alten Zeiten.

Da springt die feucht glänzende Jane ins Meer, erst nackt, dann – wahrscheinlich war ihr kalt – nur mit einem durchscheinenden Hauch von Nichts bekleidet, als plötzlich ein Löwe durch den weißen Sand angestapft kommt: ein guter Grund, etwas länger im Wasser zu bleiben. Und beim ersten Annäherungsversuch von Tarzan geht sein fachkundiger Griff mit großer Zielsicherheit direkt an die Geldanlage der Dereks: ihre Brüste. Da sage noch einer, man schaue einem geschenkten Gaul nicht ins Maul. Denkwürdig auch die Szene, in die nackte, auf allen vieren hockende Jane in Zeitlupe von den bösen Kannibalen abgeduscht wird. (Überhaupt der Einsatz von Zeitlupen: Der Kampf Tarzans gegen eine Riesenschlange dauert gefühlte 5 Minuten, in denen man vor lauter Überblendungen rein gar nichts erkennt.) Der Film endet nach sage und schreibe zwei Stunden mit den Credits, die mit einem Ringkämpfchen zwischen der (natürlich) barbusigen Jane, ihrem Lover Tarzan und einem frechen Orang-Utan unterlegt sind, einem echten Familienidyll gewissermaßen, wo alle nackt sind und schwitzen und sich überall hinlangen dürfen, ohne dass man deshalb die Nase rümpfen muss.

Und jetzt schließt sich mein argumentativer Kreis, denn da habe ich mich dann eben gefragt, ob TARZAN, THE APE MAN wirklich nur das Ergebnis amoklaufender Hormontätigkeit eines unter Geschmackverkalkung leidenden Mittfünfzigers ist, oder nicht doch das Werk eines verkannten Genies. Ob diese offensive Scheißigkeit des Films – seine fatalen Übungen in Sachen Pennälerhumor, das Overacting Harris‘ sowie das Non-Acting Dereks und O’Keeffes, die haarsträubenden Dialogklunker, die Hirnrissigkeit des Drehbuchs – nicht einfach eine besonders abgezockte Form der Suversion ist, die nur niemand erkannt hat, weil sie ihrer Zeit voraus war. Im Grunde genommen ist TARZAN, THE APE MAN reine Prahlerei eines Mannes, der der ganzen Welt zeigt, was er jede Nacht für einen heißen Feger auf seine Bettstatt zerren kann, und sich diesen Spaß auch noch bezahlen lässt. Der exotische Schauplätze bereist, die Gattin splitterfasernackt seine Fantasien ausagieren lässt, sich abends mit Richard Harris besäuft, von allen ausgelacht wird, und trotzdem satte 36 Millionen Dollar einstreicht. Das Geläster von „Kritikern“ muss einem angesichts eines solchen Coups doch wie das Gestammel von unterbelichteten Neidhammeln vorkommen. Gemessen an den Errungenschaften der Filmgeschichte ist TARZAN, THE APE MAN ein Fiasko, die egomanische Nabelschau eines Kulturbanausen, die intellektuell selbst noch hinter die literarische Vorlage zurückfällt. Aber was, wenn Derek ganz genau wusste, was er tat? Man solllte sich dieses unglaubliche Teil wenigstens einmal in seinem Leben angesehen haben. Das kann ich längst nicht über jeden Film sagen.

Vor ein paar Tagen bin ich über diesen – möglicherweise gar offiziellen? – Youtube-Kanal gestolpert: Er führt zu einer Sammlung zahlreicher alter Filme aus der Produktionsschmiede PM Entertainment, über die ich hier schon häufiger geschrieben habe. Da die Firma ihre Hochzeit in den Neunzigern hatte, als es zwar einen blühenden Markt für solide produzierte DTV-Action gab, aber noch keine DVDs, sind ihre Filme heute nicht ganz einfach zu bekommen. Nur wenige schafften den Sprung ins digitale Medium, schon gar nicht in Deutschland, und wer also keinen Videorecorder besitzt und das entsprechende, damals aufgebaute Kassettenarchiv, der hat kaum eine Chance, die Filme heute noch zu sehen. Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich daher für diesen Videokanal bin, der mir die Möglichkeit gibt, einige klaffende Lücken zu schließen und die Filme vor allem ungeschnitten zu schauen (wenn auch in eher mittelprächtiger Qualität). Ich nehme meinen Fund daher zum Anlass, hier in nächster Zeit in loser Folge eine kleine PM-Retrospektive und meinen Lesern hoffentlich Lust auf diese wunderbaren Timewaster zu machen.

Zum Auftakt habe ich mit Joseph Merhis ZERO TOLERANCE gleich mal einen mittelschweren Kracher erwischt, der sich für Nichteingeweihte als Einstiegsdroge perfekt eignet, weil er alles in sich vereint, was die Filme von PM Entertainment auszeichnet: markige Stories, gute Besetzungen mit einigen ungewöhnlichen Coups, viel Gewalt, fette Stunts und brandheiße Explosionen sowie eine gediegene Inszenierung, die all das wirkungsvoll ins Bild zu rücken weiß. Die Story von ZERO TOLERANCE ist schnell erzählt: FBI-Mann Jeff Douglas (Robert Patrick) soll den mexikanischen Kartellchef Manta (Titus Welliver), Mitglied der fünfköpfigen „Weißen Hand“, die das Drogengeschäft in den USA an sich reißen will, mit zwei Kollegen von Mexiko in die USA überführen, wird aber unterwegs  von dessen Männern überfallen. Jeff überlebt den Anschlag, doch die Vergeltung Mantas ist fürchterlich: Gnadenlos bringen seine Killer Douglas‘ Familie um. Der schwört natürlich Rache und macht von nun an Jagd auf die Mitglieder der „Weißen Hand“. Den Vorgesetzten des Cops kommt der Rachefeldzug nicht ungelegen, aber Douglas‘ Kollegin Megan (Kristen Meadows), weiß, dass ihm der elektrische Stuhl droht und versucht ihn aufzuhalten.

ZERO TOLERANCE hält sich nicht lange mit Exposition auf, sondern beschert dem Zuschauer von Anfang an, was der sich von einem Film mit diesem Titel mit Recht versprochen hat. In schneller Folge setzt es krachende Shootouts, rasante Verfolgungsjagden mit hohem Verschrottungsfaktor und natürlich die lodernden Explosionen, die ein Trademark der Firma waren. Der Schauplatz Las Vegas bietet eine überaus attraktive Kulisse, wie der Film sich hinsichtlich des betriebenen Aufwands generell nicht vor seinen deutlich teureren Kollegen aus Hollywood verstecken muss. Es ist erstaunlich, was Richard Pepin und Joseph Merhi damals mit vergleichsweise geringen Mitteln auf die Beine gestellt haben. Wirklich herausragend wird ZERO TOLERANCE aber wegen seiner Besetzung: Robert Patrick ist spitze als gebrochener Held, überzeugt als trauernder, brodelnder Familienvater genauso wie als kaltblütiger Vigilant, und beweist, dass es nicht immer die ganz großen Namen sein müssen. Titus Welliver wirft sich mit Gusto in seine Arschlochrolle und es macht einfach Freude, ihn mit Inbrunst zu hassen. Ein geiler Actionfilm braucht einen richtig guten Schurken, und Welliver liefert. Miles O’Keeffe ist vielleicht etwas verschenkt als Kowalski, das sanftmütigste Mitglied der Weißen Hand, aber sein Prinz-Eisenherz-Haarschnitt und das Szenenfoto aus DER KAMPFGIGANT, das beim FBI von ihm kursiert, reißen es heraus. Als besonderes Leckerli wirkt Musiklegende Mick Fleetwood als Helmut Vitch, Anführer der Weißen Hand, mit und macht seine Sache ebenfalls sehr ordentlich. Es gibt weiter nicht viel zu sagen: Der Film läuft genauso ab, wie man sich das nach Lektüre meiner Kurzzusammenfassung vorstellt, aber er entwickelt eben genau den Drive, den es braucht, damit man sich bei der Wiederholung des Immergleichen nicht langweilt. Der überbordende Machismo kommt in einer tollen Szene zum Ausdruck, in der sich Douglas‘ Vorgesetzte, die eigentlich alles daran setzen sollten, ihn aufzuhalten, über dessen Amoklauf freuen wie drei Kumpels über die Oberweite der Bedienung in der Lieblingskneipe. Die Welt, die in diesen Filmen gezeichnet wird, scheint so wunderbar einfach. Mich erwischte bei der Betrachtung gestern die volle Nostalgie-Breitseite und ich erinnerte mich wehmütig an die Zeit zurück, in der man in der Videothek reichhaltige Auswahl an neuen Actionfilmen mit verheißungsvoll markigen Titeln und dicken Wummen auf dem Cover hatte und sich für ein paar Mark Zutritt zu einer ganzen Welt verschaffen konnte. Diese Zeit ist endgütig vorbei, aber Youtube ist durchaus ein irgendwie angemessener Ersatz.

Als die Festivalleiter vor einigen Wochen ankündigten, dass Bruno Matteis Actionhobel DER KAMPFGIGANT als deutsche 35-mm-Kopie auf dem Terza Visione laufen werde, da stand mein persönlicher Klimax des Programms schon fest. Die italienischen Actionfilme aus den Achtzigern liebe ich alle mit besessener Inbrunst, und ein echter Mattei ist ohnehin immer ein ganz besonderes Erlebnis. Miles O’Keeffes legendäre Hölzernheit musste auf der großen Leinwand einfach eine Bewusstseinsgrenzen erweiternde Wirkung auf einen solch leicht zu beeindruckenden Mann wie mich haben. Meine eh kaum noch zu bändigende Vorfreude wuchs während der einführenden Worte, die der wunderbare Pelle Felsch dem Film widmete, buchstäblich ins Unermessliche. Würde es Mattei gelingen, meinen turmhohen Erwartungen – wahrscheinlich war ich zuletzt 1998 bei Terence Malicks Comeback THE THIN RED LINE so auf einen Film gespannt gewesen – gerecht zu werden? Waren diese Erwartungen überhaupt noch erfüllbar? Man unterschätzt sowohl Matteis schier übermenschliches Talent in der Schöpfung berauschender filmischer Psychopharmaka als auch meine Begeisterung für Filme, in denen muskulöse Supersoldaten mit dicken Wummen Vietnam aufräumen, wenn man die Möglichkeit einer negativen Antwort auf diese Frage auch nur in Erwägung zieht. DER KAMPFGIGANT entwickelte sich – nicht nur für mich – zu einem Festivalhöhepunkt und einem jener lautstark zelebrierten Gottesdienste, die derzeit wahrscheinlich nur in Nürnberg stattfinden.

1987 direkt im Anschluss an den kaum minder unfassbaren STRIKE COMMANDO – bzw. COBRA FORCE – gedreht, widmete sich Mattei bereits zum zweiten Mal einem Re-Imagining von Cosmatos‘ RAMBO: FIRST BLOOD PART II und interpretierte den Stoff zu einem bewegenden Vater-Sohn-Drama um. O’Keeffe – dem der unvergleichliche Sano Cestnik nach der ohne Zwischenfälle gelungenen Projektion eine „unglaubliche Präsenz“ auf der Leinwand bescheinigte – ist Robert „Bob“ Ross (nicht zu verwechseln mit dem buddhistischen Fernsehmaler gleichen Namens), seines Zeichens bester Soldat von Amerika und Überlebender von sage und schreibe sechs Himmelfahrtskommandos. Weil er die eindrucksvolle Kulisse Südostasiens nicht mehr missen möchte, nachdem er die wohl schönste und produktivste Zeit seines Lebens dort verlebt hat, vermuten die Russen, angeführt von Colonel Calckin (Bo Svenson), dass es sich bei ihm um einen CIA-Agenten handelt, dabei sucht Ross in Wahrheit nur nach einer Gelegenheit, seinen mit einer mittlerweile nicht mehr unter den Lebenden weilenden Vietnamesin gezeugten Sohn „nach Hause“ zu bringen. Die Amerikaner – vertreten durch den asthmatischen Senator Blaster (Donald Pleasence) – bieten sie ihm, wollen aber im Gegenzug, dass Ross für sie einige nordvietnamesische Terroristen kaltstellt; in Wahrheit spekulieren sie natürlich darauf, dass er im Dschungel krepiert, diese Schweine.

Wahrscheinlich noch nie wurde in einem Film so viel so richtig gemacht wie hier: Matteis Perfektionismus macht noch nicht einmal bei der Titeleinblendung Kompromisse: Ross – mit verschwitztem, freiem Oberkörper, glänzend zurückgeschleimter Matte und einem Blick, der gar nichts sagt, das aber eindrucksvoll – reißt sich gerade die nächste Dose Budweiser auf, da knallt der monumentale Schriftzug „Der Kampfgigant“ ins Bild wie ein Fleischpeitschenhieb. Es stimmt einfach alles: O’Keeffe macht beim Schleichen durch den Busch eine herausragende Figur und beweist pantherhafte Agilität. Mattei erreichte dies durch einen wahrhaft kubrickesken Schachzug: Die Hosen, die er O’Keeffe für die Auftaktsequenz anfertigen ließ, waren drei Nummern zu eng und verlangten dem Mimen alles ab. Als er für den Hauptteil des Films endlich in großzügiger geschnittene Armeehosen schlüpfen durfte, dankte er es dem Regisseur mit einer grazilen Jahrhundertleistung. Die Wunder werden nicht alle in diesem Epos: Nachdem Ross mit dem U-Boot im Zielgebiet abgesetzt wurde, wird er sofort entdeckt, bekommt aber von einem Hai Hilfe, bevor er diesen in zwei Hälften sprengt. Sein „Kontakter“ ist der lebhafte Toro (Ottaviano Dell’Acqua), der die einzigartige Gabe hat, Terroristen durch bloßes Ansehen zu erkennen. Die beiden verstehen sich sofort super und haben eine Mordsgaudi bei der Infiltration eines russischen Camps und der anschließenden Flucht auf einem Motorrad mit Beiwagen, die Mattei inszeniert wie in einem alten Slapstickfilm. Man sollte Krieg einfach nicht so ernst nehmen. Später taucht auch noch Luciano Pigozzi in der Rolle auf, auf die er in jenen Jahren abonniert war: rauschebärtiger Zausel mit goldenem Herz im Urwald. Hier wird ihm auch noch eine blonde Tochter angehängt, die Ross mit dem stählernem Blick des Beziehungsexperten als passende Mama für seinen Sohn ausmacht. Sie ist dafür nicht zuletzt deshalb prädestiniert, weil sie das Problem, das der Junge mit seinem zurückgekehrten Papa hat, messerscharf analysiert: „Der Junge mag dich nicht.“ Das wird sich natürlich zum Finale hin ändern, wenn der undankbare Bastard merkt, dass seine Antipathie nicht ausreicht, um den Vater auf Geheiß der Russen zu exekutieren, und er sich deshalb für bedingungslose Liebe zu ihm entscheidet. Es ist aber auch wirklich schwer, diesen Ross nicht zu mögen: Wie er da von einem Hubschrauber gejagt jede Pfütze mitnimmt, die sich ihm darbietet, in zehn Zentimeter tiefen Mulden Deckung sucht und sich am Ende kurzerhand einen Berg hinunterrollen lässt, offenbart er das Potenzial zum Superpapa, der dem Sohnemann auf dem Bolzplatz mit eisernen Schienbeinschonern zur Seite steht und alles abräumt, was sich ihm in den Weg stellt. Ein Mann zum Pferdeäpfel stehlen.

DER KAMPFGIGANT, untermalt von einem treibenden Synthiescore von Stefano Mainetti, der einem nicht übel Lust macht, selbst loszuziehen und eine Bananenrepublik zu erobern, ist voller Details, die ihn unvergesslich machen: In der „Schaltzentrale“ der US-Einsatzkräfte sitzen nicht nur gelangweilte Hartz-IV-Empfänger rammdösig über bedeutungsschwer blinkenden Lämpchen, an der Wand hängt auch eine Porträtzeichnung von Ronald Reagan, die der Staatschef wahrscheinlich beim Besuch der Rüdesheimer Drosselgasse von einem Straßenkünstler anfertigen ließ. Donald Pleasence versucht bei all seinen Auftritten verzweifelt, sich hinter einem Inhalator zu verstecken, auf dass man ihn nicht bemerkt. Massimo Vanni hat eine unfassbare Szene, als er mit einem Jeep ins Bild kommt, aussteigt, um seinem Chef Bericht zu erstatten, aber dabei offensichtlich vergisst, die Handbremse zu ziehen. „Achtung Jeep!“ brüllt Svenson, als sich das Gefährt wie von Geisterhand in Bewegung setzt. Vanni handelt geistesgegenwärtig: Er dreht sich um, springt in das Auto und fährt einfach ab. So inszeniert man temporeiche Filme! Ganz toll auch der Abwurf einer Bombe aus einem Hubschrauber, der nicht etwa automatisch erfolgt, sondern dadurch, dass der Pilot die Tür öffnet und das gute Stück, das anscheinend im Cockpit rumlag, einfach von Hand rausschmeißt. Die allergrößte Leistung Matteis ist es aber gewiss, Mike Monty, der seine Karriere als Darsteller von Befehle gebenden Soldaten mit genau einem perfekt ausgefeilten Gesichtsausdruck bewältigte („angespannt-besorgt“), hier einen waren Gefühlsausbruch zu bescheren. Den enthemmten Luftsprung, den der Veteran macht, als er erfährt, dass Ross noch am Leben ist, vollführte auch mein Herz während der traumhaften 100 Minuten DER KAMPFGIGANT, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde.

Wer jetzt Lust auf dieses Masterpiece bekommen hat, kann ihn sich hier in der englischen Fassung anschauen.

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Nach den Ereignissen aus RELENTLESS lebt Detective Sam Dietz (Leo Rossi) von seiner Frau (Meg Foster) getrennt. Als sich ein Serienkiller (Miles O’Keeffe), der eine Blutspur quer durch die USA gezogen hat, sein Handwerk in L.A. fortsetzt, wird Dietz der FBI-Agent Valsone (Ray Sharkey) zur Seite gestellt. Nach dem typischen Kompetenzgerangel beginnen die beiden zwar zu kooperieren, doch Dietz wird das Gefühl nicht los, dass Valsone ihm immer noch Steine in den Weg legt …

RELENTLESS 2: DEAD ON hat vor allem zwei Probleme: Es ist ein Sequel und nicht von William Lustig. Die Geschichte um den Serienmörder ist etwas elaborierter, sein „Motiv“ spektakulärer, aber eben auch konstruierter. Gleichzeitig fällt es schwerer, einen Bezug zum Killer herzustellen: Miles O’Keeffe – nicht gerade als Charakterdarsteller bekannt – gibt den Mörder als stumme terminatoreske Mordmaschine, die zur Entspannung vom Tagewerk gern ein Eisbad nimmt, sonst aber kaum menschliche Züge trägt. So ist es wieder einmal am unvergleichlichen Leo Rossi, den Zuschauer ins Boot zu holen: Das gelingt, auch weil Schroeder einige aus dem ersten Teil bekannte Nebenfiguren aufbietet und sich um einen ähnlich skurrilen Humor bemüht wie Lustig vor ihm. Der Psychiater mit dem Faible für geschmacklose Kommentare ist ebenso wieder da wie die stets hilfsbereite Sekretärin Francine (Mindy Seeger)  und als neuen Vorgesetzten hat sich Dietz nun mit dem sportbesessenen Captain Rivers (Dale Dye) auseinanderzusetzen: Eine Besprechung hält Dietz im Anzug neben ihm her joggend ab, für eine weitere begibt er sich in voller Montur mit ihm in die Sauna. Diese kleinen guten Ideen – wie auch der Subplot um den FBI-Agenten Valsone – verhindern, dass RELENTLESS 2: DEAD ON in der Beliebigkeit versinkt, geben dem Film ein Profil, das ihn über bloß mittelmäßiges Videofutter für Couch Potatoes hebt. Dennoch wirkt das alles weniger zwingend als in Lustigs Film, der zwar auch nicht gerade die Neuerfindung des Rades darstellte, aber eben ein ideales Beispiel dafür, wie weit ein ausgefeiltes Drehbuch und eine gute Darstellerführung tragen: RELENTLESS war einfach Storytelling nahe an der Perfektion. Dessen Homogenität und Kompaktheit erreicht Schroeder leider nie, weshalb sein Film über leicht überdurchschnittliche, aber eben auch etwas beliebige Unterhaltung nicht ganz hinauskommt. Aber das ist für ein Sequel ja eigentlich schon sehr ordentlich.

Der österreichische Prinz Malko Linge (Miles O`Keeffe) arbeitet nebenberuflich als CIA-Agent und reist mit dem Auftrag nach San Salvador, den verbrecherischen Enrique Chacon (Raimund Harmstorff) zu liquidieren, der das kleine Land in Angst und Schrecken versetzt. Weil Chacons Männer aber überall sind, lassen sämtliche Informanten, die Malko helfen sollen, ihr Leben …

Es ist schon erstaunlich, dass so viele große Kameramänner als Regisseure so außerordentlich mäßig sind. Auftritt Raoul Coutard, der als DOP von Jean-Luc Godard und Francois Truffaut den Look der Nouvelle Vague ganz entscheidend mitprägte, dafür sorgte, dass Filme wie A BOUT DE SOUFFLE, TIREZ SUR LE PIANISTE, UNE FEMME EST UNE FEMME, JULES ET JIM, LE MEPRIS, BANDE À PART, PIERROT LE FOU und zahreiche weitere unauslöschlich ins kollektive filmische Gedächtnis eingebrannt sind, inszenierte insgesamt drei Filme, von denen S.A.S. À SAN SALVADOR der letzte ist: Wenn man sich diese unbeholfene Hanswurstiade anschaut, dann wundert man sich nicht, warum danach nichts mehr kam. Basierend auf einer Trivialroman-Reihe von Gérard de Villiers („die erfolgreichste Agentenserie der Welt“, quäkt der lesenswert dumme Klappentext der exzellenten deutschen DVD, erschienen im „Cobra-Verlag“, wissen die Credits herauszuposaunen), der auch das Drehbuch schrieb, versucht sich Coutard an einem Bond-artigen Agentenabenteuer voller exotischer und mondäner Schauplätze, attraktiver Damen und finsterer Schurken, produziert aber dank hölzerner Akteuere, eines unfassbar schematischen Drehbuchs und eines deutlich knapperen Budgets nur unfreiwillige Lacher und gähnende Langeweile. Dabei kann man Coutard nicht unterstellen, nicht von Anfang an alles zu geben: Erst sorgt die – im weiteren Verlauf überaus inflationäre – Nennung des selten dämlichen Namens der Hauptfigur für ungläubiges Kopfschütteln, dann beruhigen die Aufnahmen auf seinem malerischen Schlösschen die Seele mit etwas Schwarzwaldklinik-Romantik, bevor Sybil Danning ihre getunten Körperformen in den Bildkader schiebt und den endgültigen Abstieg in schmierige Exploitationgefilde signalisiert, in denen man sich in den nächsten 80 Minuten aufhalten darf.

Harmstorff (der sich selbst synchronbellt) gibt den ultrabösen Chacon mit schwarz gefärbter Gelfrisur, prächtigem Schnäuz und weißem Anzug, Anton Diffring spielt einen redseligen Säufer, der in jeder Szene, in der er auftritt, von O’Keeffe links liegen gelassen wird und dann dumm im Hintergrund rumsteht, Dagmar Lassander lässt sich vom Helden einmal quer durch dessen Hotelzimmer dreschen und macht auch schon einen etwas aufgedunsenen Eindruck, der Score düdelt discös vor sich hin und anstatt die Weltgewandtheit der Bondreihe zu emulieren, erinnert Coutards Film eher an die zahlreichen Ausflüge des italienischen Kinos nach Miami. Den Vogel schießt Coutard aber in seinem spannenden Showdown (hüstel …) ab: Irgendwann muss der Film halt mal enden, also latscht Malko einfach zur Vordertür von Chacons Villa rein, die gänzlich unbewacht ist. Vielleicht haben aber auch alle potenziellen Leibwächter schon reißaus genommen, weil Malko erstens zwei Kollegen vor der Eingangspforte platziert hat, damit sie ihn „vom Garten her decken“, und er sich zweitens behende wie ein Panther, aber in plain sight auf das Haus zuschleicht. Der Zweikampf in einem mit vielen Spiegeln sonst aber fast nichts möbliertem Haus lässt einem schmerzhaft bewusst werden, dass man statt S.A.S. À SAN SALVADOR auch ENTER THE DRAGON oder zumindest THE MAN WITH THE GOLDEN GUN hätte gucken können, dann aber andererseits die tollen Porträtfotos verpasst hätte, die Chacon von sich und seiner Frau an der Wand gleich neben den Billigboxen mit den Keramikpapageien drauf aufgehängt hat. So dumm dieser Film auch ist, so spaßig ist er auch, verströmt außerdem viel sterilen Achtzigerjahre-Charme für Nostalgiker und sollte leicht und für wenig Geld aufzutreiben und einer Sammlung mit exploitativer Schlagseite daher unbedingt einzugemeinden sein. Schon allein, um ihn im Regal dann aus böswilliger Ironie neben den Nouvelle-Vague-Filmen zu plazieren.