Mit ‘Mitchell Lichtenstein’ getaggte Beiträge

In einer Army-Baracke warten vier junge Männer angespannt darauf, den Marschbefehl nach Vietnam zu erhalten: der konservative und wortgewandte Billy (Matthew Modine), der zurückhaltende, sensible Afroamerikaner Roger (David Alan Grier), der intellektuelle, effiminierte Richie (Mitchell Lichtenstein) und Martin (Albert Macklin), der der Einberufung mit einem Selbstmordversuch entgeht. Die Jungen, die von den ständig besoffenen Korea-Veteranen Cokes (George Dzundza) und Rooney (Guy Boyd) beaufsichtigt und geneckt werden, unterhalten sich, scherzen und trinken miteinander und befassen sich unwillkürlich mit Fragen von Rasse, Klasse und Sexualität: Ist Richie wirklich homosexuell? Als der aggressive Ghetto-Schwarze Carlyle (Michael Wright) sich in die Diskussionen einmischt, eskaliert die Situation …

Ich wusste schon, warum ich keine Lust auf Altmans Filmadaption des Theaterstückes von David Rabe (das Mitte der Siebzigerjahre in einer Inszenierung von Mike Nichols uraufgeführt wurde) hatte. Und auch wenn das eigentlich keine ´Grundlage ist, auf der man einen Film fair bewerten kann, so muss ich doch sagen, dass STREAMERS alle meine Befürchtungen bestätigt hat. Um die folgende Kritik etwas abzumildern sei gesagt: Ich habe es nicht so mit Theater und STREAMERS verkörpert so ziemlich alles, was ich am Theater nicht mag. Auch wenn Altman bemüht ist, das Kammerspiel mithilfe der ihm zur Verfügung stehenden Technik in das Medium Film zu übertragen, so gelingt es ihm nicht, den ihm innewohnenden didaktisch-pädagogischen Mief auszutreiben. Was in einem Theaterstück, dessen „Gemachtheit“ ja viel deutlicher mitkommuniziert wird als in einem Film, noch funktionieren mag, das erscheint in einem Film einfach nur gestelzt und unglaubwürdig: Der Genickbruch für ein Werk, das kein Lieferant von Schauwerten sein, sondern den Zuschauern etwas auf den Weg mitgeben möchte. Thematisch ist STREAMERS, dessen Titel einen sich nicht öffnenden Fallschirm bezeichnet, der natürlich als Bild für den freien Fall der Protagonisten zu lesen ist, durchaus nicht uninteressant: Er erhebt das ängstliche Warten der jungen Soldaten im beengten Inneren der Baracke zum Gleichnis auf das menschliche Dasein generell. Der Druck, der auf den Männern lastet, ist der Druck der Existenz selbst, das nicht mehr als ein trostloses Leben zum Tode ist. Altman, unsentimentaler Realist, wenn nicht gar Zyniker,  versteht es meisterlich, diese Hoffnungslosigkeit einzufangen, die Außenwelt – Studiosettings, auf die man lediglich kurze Blicke durch die kleinen Fenster der Baracke werfen darf – weniger als realen Raum als vielmehr als utopisch verklärte Projektionsflächen darzustellen. Es sind vor allem die konkreten gesellschaftskritischen Untertöne, die in STREAMERS angeschlagen werden, die zumindest in Altmans Version merkwürdig unentschlossen und halbgar wirken. Das größte Problem des Films ist sicherlich, dass Richies Verhalten selbst zu Zeiten des Vietnamkriegs kaum jemanden vor Rätsel bezüglich seiner sexuellen Ausrichtung gestellt haben dürfte: Lichtenstein, der vor einigen Jahren die schöne Horrorkomödie TEETH inszenierte, stattet seine Figur mit so offenkundig klischierten, fast schon die Grenze zur Karikatur überschreitenden homosexuellen Merkmalen und Eigenschaften aus, dass die Ahnungslosigkeit seiner Kameraden wie auch die Erkenntniskrise, in die sie sein Geständnis schließlich stürzt, freundlich formuliert naiv und unglaubwürdig, weniger zurückhaltend jedoch schlicht lächerlich  wirken. Weil die Frage nach Richies sexuellen Präferenzen aber der Dreh- und Angelpunkt ist, um den sich alle weiteren Konflikte gruppieren, ist dieser Makel allein schon dazu geeignet, Altmans Film als Ganzes zu desavouieren. Der Konflikt, der schließlich eskaliert, als der Unterklassen-Schwarze Carlyle den sexuellen auch noch rassistische Schmähungen hinzufügt – er bezichtigt seinen „Bruder“ Roger, sich dem „weißen Mann“ anzubiedern -, wird genauso wenig „echt“ wie die Charaktere, die die hinter ihnen stehenden aufklärerischen Motive, deren Sprachrohr sie sind, nie verbergen können. Die Vorlage hätte sicher Stoff für einen interessanten Film hergegeben: Altmans STREAMERS ist keiner, sondern lediglich verfilmtes Theater, mit allen negativen Konnotationen. Nicht ganz so katastrophal daneben wie QUINTET, aber auf seine bieder-gutmenschelnd-durchschnittliche Art fast noch schlimmer.

Die Teenagerin Dawn O’Keefe (Jess Weixler) ist überzeugte Jungfrau: Sie engagiert sich sogar in der Organisation „The Promise“, die Jugendliche davon überzeugen möchte, sich für den/die Richtige/n aufzusparen, sich dem allgemeinen Sexzwang zu entziehen. Als sie bei einer Sitzung von „The Promise“ Tobey kennenlernt, ist es mit ihrer Enthaltung jedoch geschehen. Doch als wäre diese „Verunreinigung“ nicht schon genug für Dawn, endet der erste Sex auch noch überaus blutig: Das Mädchen besitzt nämlich eine reichlich wehrhafte Vagina, eine sprichwörtliche vagina dentata, die in der Folge allzu aggressive Männer ihrer Mannhaftigkeit beraubt …

TEETH beginnt dem Titel entsprechend als bissige Satire auf den gegenwärtigen  US-amerikanischen konservativen backlash wie er sich in Kreationismusdebatten, Pro-Life-Kundgebungen und den ganz normal wahnsinnigen Auswüchsen spießbürgerlicher Bigotterie niederschlägt und ist dabei – genregemäß – zwar nicht besonders subtil, aber durchaus treffsicher. Dawn hat von Tuten und Blasen zwar keine Ahnung, ist aber trotzdem nicht um gute Ratschläge verlegen, ihre Sexualität wird von ihr genauso geleugnet wie das qualmende Atomkraftwerk, das malerisch hinter ihrem Elternhaus emporragt. Doch die schön zurechtgelegte Lebensphilosophie gerät arg ins Wanken, als es im Unterleib zu kribbeln beginnt. Plötzlich taugen all die schönen Überzeugungen nichts mehr, erweisen sie sich als nicht mit der Realität vereinbar. Und dass Dawn dann auch noch geradezu als Vollstreckerin eines göttlichen Willens entpuppt, an dessen Existenz sie doch eben selbst zu zweifeln beginnt, ist bittere Ironie des Schicksals. Als Trägerin der mythischen vagina dentata hat sich der von Angst geprägte und männlich dominierte sexuelle Diskurs in ihr buchstäblich manifestiert.

In TEETH wird eigentlich alles von Sex bestimmt: Die Jungs auf Dawns Schule denken natürlich an nichts anderes und legen in Ermangelung entsprechender Erfahrungen ein beinahe raubtierhaftes Gehabe an den Tag, Dawns Halbbruder kommt aus dem Bett hingegen gar nicht mehr raus, als Dawn mit ihren keuschen Freunden ins Kino will, müssen sie einen Kinderfilm besuchen, weil selbst PG-13-Filme „heavy making out“ beinhalten, und auch die rauchenden Türme des Atomkaftwerks scheinen sexuell konnotiert. Das ist dann auch das größte Problem des Films, der in seiner Sexualisierung von allem und jedem bei gleichzeitiger Vermeidung entsprechender nackter Tatsachen fast genauso spießig anmutet wie jene, die er eigentlich kritisieren will. Dass Regisseur Lichtenstein sich über sein Ziel nicht so recht im Klaren zu sein scheint, wird auch evident, wenn man den Handlungsverlauf betrachtet. Um überhaupt zu einem befriedigenden Ende zu gelangen, wird ein wenig überzeugender Subplot daherkonstruiert, der um die unerfüllte Liebe kreist, die Dawns asozialer Halbbruder Brad (John Hensley) für sie empfindet. Nicht nur bleibt diese Liebe reine Drehbuchbehauptung, die Figur des Brad ist mit Black-Metal-Begeisterung, Tattoos, Kampfhund, devotem Betthäschen und ostentativem Menschenhass zudem so übersteuert, dass sie fast allein den Film zum Kippen bringt. Hätte hier noch einmal der Drehbuchdoktor den Rotstift angesetzt, TEETH hätte noch eine ganze Ecke besser ausfallen können. Allein über die Frage, ob Dawn vielleicht nur deshalb so prüde ist, weil sie unbewusst von ihrer physischen Disposition weiß, ließen sich schließlich ausufernde Diskussionen führen.