Mit ‘Mockumentary’ getaggte Beiträge

Zweitsichtung. Letztes Jahr hat mich TROLLJEGEREN bei den Fantasy Filmfest Nights einfach nur glücklich gemacht: Es handelt sich um einen dieser seltenen Filme, bei denen zur makellosen Umsetzung einer für sich genommen schon großartigen Idee noch genau jenes Quäntchen Extracharme hinzukommt, das dafür sorgt, dass man den Kinosaal mit einem breiten Grinsen und eben diesem nicht weiter definierbaren kindlichen Glücksgefühl verlässt. TROLLJEGEREN ist pure Kinomagie:  Für knapp 90 Minuten gibt es nichts anderes als die zerklüftete Landschaft Norwegens und seine zwar gefählrichen, aber auch ungemein liebenswerten mythischen Ureinwohner, die Trolle. Weil ich schon einen ausführlichen Text über diesen Film geschrieben  und diesem auch ein Jahr später nichts Wesentliches hinzuzufügen habe, will ich mich hier nur kurz auf einen Aspekt beschränken, der mir diesmal besonders aufgefallen ist. Der im Dienste der norwegischen Regierung stehende Trolljäger Hans hat meiner Meinung nach durchaus das Zeug dazu, zu den großen (tragischen) Helden des Genrekinos zu avancieren. Zunächst war ich gestern über eine vermeintliche Drehbuchschwäche gestolpert: Mir schien es nicht plausibel, dass Hans den Umschwung vom unnahbaren, schweigsamen Eigenbrötler zum bereitwilligen Kollaborateur des Filmteams so überaus abrupt vollzieht: Nachdem er zunächst alle Annäherungsversuche der Studenten brüsk, einsilbig und sehr bestimmt abweist, ist er plötzlich bereit, alle Geheimnisse mit ihnen zu teilen. Zwar kann man sich durchaus immer noch darüber streiten, ob ein fließenderer Übergang dramaturgisch besser gewesen wäre, aber seine Motivation tritt dann doch deutlich zu Tage, mehr als mir das bei der ersten Sichtung bewusst geworden wäre. Im Verlauf des Films gibt es nämlich einige Hinweise darauf, warum Hans gegen das Geheimhaltungsdiktum der Regierung verstößt: Es geht ihm nicht in erster Linie um die Aufklärung der norwegischen Bevölkerung, sondern tatsächlich darum, Buße abzulegen für seine Taten. So souverän und sachlich Hans in der Erfüllung seiner Aufgabe auch scheint, der „Scheißjob“, wie er ihn bezeichnet, hat ihn tief traumatisiert. In seinem von „Trollstank“ durchzogenen Wohnwagen schläft er ausschließlich unter Solariumsleuchten, weil er die Dunkelheit nicht mehr ertragen kann: Hans hat Angst. Dann ist da schließlich das Geständnis, er habe im Auftrag der Regierung ein wahres Massaker unter der Trollbevölkerung angerichtet, Neugeborene und Mütter umbringen müssen, um Trollgebiet für Menschen besiedelbar zu machen. Und die Schuld an diesem Vergehen an der Natur lastet schwer auf seinen Schultern. TROLLJEGEREN ist unter der kindlich-liebevollen, humorigen Fassade auch ein Film über die Hybris des Menschen, der radikal in die Natur eingreift. Um sich die Landschaft nutzbar zu machen schickt er seine Soldaten vor, die ihm den Weg bereiten: Hans ist einer jener Soldaten; ein stummer Diener, der Ergebnisse zu liefern, die Drecksarbeit zu erledigen hat. Er lädt die Schuld auf sich, damit wir sauber bleiben können. Am Schluss geht er dann wahrscheinlich – der Film lässt das im Unklaren – in den Freitod, in dem Glauben, dazu beigetragen zu haben, das Verbrechen publik zu machen. Doch wie es sich für eine gute Verschwörungstheorie gehört, lässt sich das System nicht von einem Handwerker bezwingen. Das kollektive Gewissen muss porentief rein bleiben.

Ein dreiköpfiges studentisches Filmteam heftet sich an die Fersen eines mysteriösen Bärenjägers, der von den anderen Jägern misstrauisch als Außenseiter beäugt wird. Der Mann (Otto Jespersen) zeigt sich wortkarg und abweisend, doch die Studenten bleiben hartnäckig und mit der Kamera immer dicht dran. Nach einer turbulenten nächtlichen Begegnung im norwegischen Wald kommt die Wahrheit über ihn ans Licht: Er ist ein Trolljäger, der im Auftrag der Regierung aus ihrem Revier ausgebrochene Trolle einfängt und kaltstellt. Die norwegische Sagengestalt gibt es nämlich wirklich. Und der Trolljäger hat keine Lust mehr auf die Heimlichtuerei …

TROLLJEGEREN ist der neueste Vertreter des 1999 mit dem unglaublichen Erfolg von BLAIR WITCH PROJECT gerade im Horrorgenre populär gewordenen Found-Footage-Films. Gleich zu Beginn weisen – ganz typisch – mehrere kurze Texteinblendung auf die Authentizität des Materials hin, das man im Gegensatz zu dessen Urhebern bergen konnte, auf die Bruchstückhaftigkeit desselben und räumen ein, dass man nicht so genau wisse, was man davon zu halten habe. Worauf der folgende Film hinausläuft, ist damit schon vorgezeichnet, von Interesse eigentlich nur die Frage, was und wie sich dies vollzieht. TROLLJEGEREN ist damit strukturell ein ganz typischer Found-Footage-Film, dessen Eigenschaften und die aus diesen resultierenden narrativen Implikationen ich in meinem Text zu PARANORMAL ACTIVITY schon einmal versucht habe, aufzuführen. Doch TROLLJEGEREN weiß sich aus den Fesseln des Korsetts zu befreien, indem er die Blaupause für eine furiose Komödie nutzt, mit der Regisseur Øvredal zum einen wieder einmal einen Beweis für den herrlich trockenen Humor des skandinavischen Kinos erbringt, zum anderen seinem Heimatland eine filmische Liebeserklärung macht.

Der Troll, ein menschenähnliches, stinkendes haariges Wesen von minderer Intelligenz ist so etwas wie das heimliche Wappentier Norwegens und wird einem Besucher des Landes in den Souvenirgeschäften in tausendfacher Ausfertigung als Stofftier, Nippesfigur, Holschnitzerei oder als Postermotiv förmlich hinterhergeschmissen. Die Existenz dieser Wesen, denen jeglicher Glamour abgeht, die dafür aber die mit Norwegen assoziierte Urwüchsigkeit und Erdigkeit in Reinkultur verkörpern, wird in TROLLJEGEREN nicht nur als Fakt verkauft, sie ist auch Anlass für paranoide Verschwörungstheorien auf X-FILES-Niveau, die umso absurder sind, als es hier eben nicht um Aliens, Geheimagenten, Weltbeherrschung und Machtspielchen geht, sondern um Trolle. Der foxmulderesken Coolness und dem Hightech-Equipment der US-Agenten wird eine rührende Improvisations- und praktische Handwerkskunst gegenübergestellt, wenn etwa ein polnischer Lieferservice Bärenkadaver an die Trollfundorte bringt, um mit dessen Platzierung Neugierige abzulenken und zu besänftigen, ein Regierungsbeamter mit umgeschnallten Bärentatzen entsprechende Fußspuren produziert oder Trolljäger Hans in seinem kleinen Wohnwagen Trollhaarklumpen, -fett und -schleim einkocht, um Trollgestankkonzentrat zu Tarnungszwecken herzustellen.

Ein anderer großartiger Einfall des Films rührt hingegen an den Kern nationaler Mythen und Sagen generell, macht den Film eher zu einem reflektierten Bestandteil der norwegischen Folklore, anstatt diese arrogant von oben herab abzuurteilen. TROLLJEGEREN ist auch ein Road Movie, der die Protagonisten durch verschiedene Regionen des Landes führt und dabei dessen Topografie im Sinne seiner Prämisse umdeutet: zuerst werden umgestürzte Baumstämme und Erdrutsche als Zeichen von Trollaktivität und umherliegende Felsbrocken als Zeichen einer Auseinandersetzung zwischen Wald- und Bergtrollen gewertet, später gesteht Hans den erstaunten Studenten, dass es sich bei den Strommasten im Norden tatsächlich um Schutzzäune handelt, die die Trolle am Ausbruch aus ihrem Gebiet hindern sollen. In den besten Momenten des Films hat man fast den Eindruck, einzelne Szenen seien on-the-spot entstanden und improvisiert worden; als sei das Filmteam lediglich mit offenen Augen durchs Land gezogen und habe die Landschaft konsequent – und so wie der Trolljäger Hans – auf Anzeichen von Trollaktivitäten hin interpretiert. TROLLJEGEREN macht so sehr schön transparent, wie solche Sagen überhaupt enstehen.

TROLLJEGEREN steht nicht über den Dingen, macht sich nicht mit billiger, abgezockter Ironie immun gegen Kritik, sondern folgt seiner Prämisse mit voller Überzeugung und viel, viel Liebe und Herz. Die Trollanimationen sind traumhaft und im Finale erreicht der preisgünstig produzierte Film eine Erhabenheit und Epik, die in diesem Genre per definitionem eher abwesend ist, und für die ein CLOVERFIELD deutlich mehr Kapital und Technikeinsatz einsetzen musste.  Die Vorschusslorbeeren, die TROLLJEGEREN allerorten erhalten hat und die ihm sogar einen regulären deutschen Kinostart eingebracht haben, sind allesamt verdient. Er ist, so abgedroschen das Found-Footage-Subgenre heute auch schon wieder ist, ein wunderschöner, origineller und geistreicher Film, den ich noch während der Sichtung tief in mein Herz geschlossen habe. T(r)oll!

Für ihre Doktorarbeit begleitet die schwarze Soziologin Nina Blackburn (Kasi Lemmons) die Rapgruppe N.W.H., die „Niggas with Hats“, mit einer Kamera, verfolgt ihren Alltag und befragt die Mitglieder Ice Cold (Rusty Cundieff), Tasty Taste (Larry B. Scott) und DJ Tone Def (Mark Christopher Lawrence) zu ihrem Leben und ihren Texten. Nachdem das Skandalalbum „Gorillas in the Midst“ N.W.H. zu Reichtum und Ruhm verhilft, wird die Gruppe jedoch von internen Streitigkeiten zerrissen …

Nur ein Jahr nach Tamra Davis‘ Hip-Hop-Mockumentary CB4 (über die ich hier geschrieben habe) wandelt Rusty Cundieff mit FEAR OF A BLACK HAT mit ähnlich gemischtem Erfolg auf nahezu denselben Pfaden (beide widmen sich dem Phänomen des Gangsta-Rap, beide orientieren sich in der Zeichnung der porträtierten Gruppe an N.W.A.), was den Schluss nahelegt, dass es vor allem ein strukturelles Problem ist, das einer Hip-Hop-Parodie den durchschlagenden Erfolg verwehrt. FEAR OF A BLACK HAT ist immer dann wirklich gut und witzig, wenn er entweder sehr spezifisch oder aber vollkommen absurd wird, im Idealfall sogar beide Seiten miteinander verbindet. Den größten Lacher des Films erntet etwa der kurze Ausschnitt aus DJ Tone Defs Solovideo: Mit Batikshirt und Sandalen sitzt der einstige Gangsta im Schneidersitz vor einer kitschigen Naturkulisse, durch die Hippies mit Sonnenblumen tanzen, und rappt mit sanft-säuselnder Stimme über die Gleichheit aller Menschen, die sich – das ist der Clou – darin äußert, dass alle den gleichen übel riechenden Stuhlgang haben. Während hier unverkennbar der Hippierap von Frühneunziger-Acts wie PM Dawn verhohnepipelt wird, bekommt an anderer Stelle ein zwergenhafter schwarzer Filmregisseur namens „Jike Spingleton“ sein Fett weg.

Wunderbar sind auch die Versuche Ice Colds, die frauenfeindlichen und rassistischen Texte als sozialkritisch zu interpretieren – kein leichtes Unterfangen bei Texten wie „Booty Juice“ („The booty is a symbol for society as a whole …“) – sowie die „Message“ hinter dem Bandnamen zu erläutern: Nach Ice Colds Theorie bestand die Vorherrschaft der Weißen über ihre schwarzen Sklaven nämlich darin, dass sie diese dazu zwangen, ohne Hüte in der Sonne zu arbeiten. Wenn die Sklaven dann nach einem Tag ohne Schutz vor der Sonne in ihre Hütten zurückkehrten, hatten sie keine Kraft mehr, um an Widerstand zu denken. Doch damit ist es nun vorbei, weil sich Ice Cold, Tasty Taste und Tone Def keinem Hutverbot mehr unterordnen. Die beknackten Kopfbedeckungen, die sie zur Schau tragen, sind mit das Witzigste am ganzen Film (im Abspann sieht man sie unter anderem mit Plastikritterhelmen, Partyhütchen und riesigen Sombreros).

Aber auch die Schwächen von Cundieffs Film liegen eindeutig auf der Hand: So sind das Rumreiten auf dem Hip-Hop-typischen Misogynismus und Waffenfetisch einfach zu abgedroschen als dass sich daraus noch echte Lacher gewinnen ließen, was auch damit zu tun hat, dass N.W.H. heute als eloquent-intellektuelle Vertreter ihrer Musik durchgehen würden: Jedes echte 50-Cent-Interview ist absurder, als die Versuche der Schauspieler in FEAR OF A BLACK HAT, die fraglichen Verhaltensweisen auf die Spitze zu treiben. Auch die obligatorischen Seitenhiebe gegen Vanilla Ice (hier: Vanilla Sherbet) und MC Hammer entlocken heute allenfalls noch ein müdes, wissendes Lächeln. Hier wünschte man sich, dass der Film in der Wahl seiner Zielscheiben etwas mutiger und kreativer wäre. Seine mangelnde Risikobereitschaft verhindert nämlich, dass Cundieffs Film die Beschränkungen des von ihm parodierten Genres überschreitet. So bleibt er selbst in dessen Grenzen gefangen. Letztlich fungiert er vor allem ein Zeitzeugnis. Das ist durchaus auch eine Leistung: FEAR OF A BLACK HAT macht unmissverständlich klar, wie sehr sich die Raplandschaft in den vergangenen 15 Jahren verändert hat. Den Konkurrenten CB4 überholt FEAR OF A BLACK HAT um Haaresbreite. Das liegt daran, dass Cundieff seiner Prämisse der Mockumentary im Gegensatz zu Davis über die gesamte Spielzeit treu bleibt und trotz seiner parodistischen Haltung nie verleugnet, dass er sein Objekt liebt.