Mit ‘Mondo Bizarr’ getaggte Beiträge

Actionlastige Rausschmeißer haben beim Mondo Bizarr Weekender Tradition und mit Jackie Chans überwiegend in Europa gedrehtem Versuch, ein internationales Publikum mit einem von Indiana Jones und James Bond inspirierten, dazu mit reichlich Slapstick-Humor abgeschmeckten Abenteuerfilm zu erobern, wurde ein ganz besonderes Leckerchen kredenzt.

DER RECHTE ARM DER GÖTTER, wie er hierzulande hieß, ist eine Entertainment-Maschine, die sich den Luxus einer vollkommen egalen Story leisten kann, weil diese eh nur einen Vorwand für eine 90-minütige Aneinanderreihung von Actionszenen, Verfolgungsjagden, lebensmüden Stunts, geschmacksunsicheren Gags und wahnwitzigen Fights darstellt. Das beginnt mit dem Prolog, bei dem Chan einen in einer jugoslawischen Burgruine lebenden Eingeborenenstamm (über die Integrierung wirklich aller rassistischer Klischees von lustigem Kopfschmuck über Uga-Uga-Sprache hüllen wir vorerst den Mantel des Schweigens) bestiehlt, setzt sich fort mit einem Sangesauftritt des sich selbst spielenden Canto-Pop-Stars Alan Tam, einer komplett lebensmüden Verfolgungsjagd zwischen der Welt hässlichstem Sportwagen und mehreren Motorrädern, unfassbar frauen- nd schwulenfeindlichen Witzeleien („Frauen sind nicht gänzlich nutzlos“, sagt Chan einmal) und der finalen Eroberung einer Bergfestung, in die Chan einen grandios choreografierten Kampf gegen Amazonen in High Heels sowie den Sprung von einem Felsen auf einen vorbeifliegenden Fesselballon inkorporiert (in echt sprang er nicht von einen Felsen, sondern aus einem Flugzeug, der kleine Angsthase). Nicht alles zündet, in der zweiten Hälfte gibt es durchaus mal einen zehnminütigen Durchhänger und das hohe Tempo ist auch der deutschen Bearbeitung zu verdanken, die ca. 15 Minuten Handlung über Bord warf, wissend worauf es den hiesigen Zuschauern in erster Linie ging, aber die Höhepunkte lassen alle vorhandenen Mängel vergessen.

Es sind nicht zuletzt diese kleinen Details, die mir bei diesen Jackie-Chan-Teilen aus der Hochphase seines Schaffens immer das Herz aufgehen lassen, hier etwa seine Masche, sich ständig Kaugummis in den Mund zu werfen und das auf möglichst spektakuläre bzw. umständliche Art und Weise. Die obligatorische Outtake-Show während der Schlusscredits deutet an, welchen Aufwand dieser sprichwörtliche Wegwerf-Gag beim Dreh bedeutete, umso schöner, dass Chan den Sportsgeist hatte, das dennoch durchzuziehen. Dann ist da natürlich der missglückte Stunt, bei dem er fast sein Leben verlor, sich den Schädel brach und einen Teil seines Gehörs einbüßte: Im Film selbst kommt die Szene so unspektakulär daher, dass man kaum glauben mag, dass sie fast das Ende des ganzen Unterfangens und Chans Karriere bedeutet hätte. Dann natürlich dieses übermenschliche Commitment, mit dem sich der Star und seine Stuntmen da in ihre Fights werfen und ihre Körper durch die Luft fliegen lassen. Gibt es etwas Tolleres als diese Zeitlupeneinstellungen, in denen man sieht, wie diese Irren mit ihrem Kreuz voran auf Balken und Mauerkanten krachen oder im Flug noch so getreten werden, dass ihre Flugbahn eine komplette Richtungsänderung mitmacht? Wahnsinn!

Es war ein mehr als würdiger Abschluss für ein wieder einmal sehr gelungenes Kino-Wochenende, für das ich den beiden Machern Marc und Christian an dieser Stelle noch einmal danken möchte. Sie haben es mit dem Mondo Bizarr nicht nur geschafft, Monat für Monat und dann einmal im Jahr eine tolle Veranstaltung zu etablieren, sondern auch einen Spirit zu kultivieren, der von Neugier, Liebe und Offenheit gegenüber den gezeigten Filmen geprägt ist, anstatt mit ätzender Herablassung und dieser nervenden Vertrashungsgeilheit (seltene Ausnahmen bestätigen die Regel), die es ja leider auch gibt. Es hat mich wie immer gefreut, meinen kleinen Teil zum Gelingen beitragen zu dürfen und das alles als Zuschauer begleiten zu können.

 

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Nach dem Crowd Pleaser FRANKENSTEINS KUNG-FU MONSTER stand mit Rollins LES RAISINS DE LA MORT vergleichsweise schwere Kost auf dem Programm. Auch wenn es sich wahrscheinlich um den zugänglichsten, kommerziellsten Film des Franzosen handelt: Man merkte den Publikumsreaktionen im Verlaufe des Films an, dass sich nicht alle auf seine langsame, traumgleiche Inszenierung einlassen konnten oder wollten. Man muss einräumen, dass die deutsche Synchronisation dem Film mit ihrer Schmucklosigkeit manchmal ein wenig im Weg steht: Dass LES RAISINS DE LA MORT in der deutschen Fassung manchmal unfreiwillig komisch wirkt, ist vor allem der wenig sensiblen hiesigen Bearbeitung geschuldet. Wenn etwa Brigitte Lahaie als „große blonde Frau“ mit seltsam eingefrorenem Lächeln inmitten einer sich anbahnenden Apokalypse auftritt, rauben ihr die stumpf aufgesagten Dialogzeilen jede im Original inhärente Unheimlichkeit.

Trotzdem fand ich es ein bisschen schade, dass es manchen Menschen nicht möglich zu sein scheint, von so etwas zu abstrahieren und sich auf einen Film einzulassen, der vielleicht nicht ganz die Production Values eines Hollywood-Spektakels mitbringt, aber dessen Meriten doch ganz unverkennbar sind. Claude Bécognées Fotografie von LES RAISINS DE LA MORT ist ein Gedicht und den Eintrittspreis eigentlich schon allein wert. Wie Rollin die Romero’sche Zombie-Apokalypse in die urige französische Einöde verlegt, in eine in ewigem Dämmerlicht liegende und von bizarren Felsformationen gesäumte Landschaft, in der von der Zeit vergessene Menschen in uralten Backsteinbauten leben und die Zivilisation weit, weit weg ist, ist großes Kino und verleiht seiner Öko-Mär – die für ihn zugegebenermaßen kaum mehr als ein Aufhänger ist – eine ganz eigene Atmosphäre, die viel mehr mit Gothic Horror als Science Fiction zu tun hat. Die Reminiszenz an Bavas LA MASCHERA DEL DEMONIO, der hier einmal sehr deutlich und noch dazu wunderschön zitiert wird, ist weit mehr als nur eine Verbeugung vor einem europäischen Meister. Sie zeigt sehr deutlich, wo Rollins Vorlieben liegen: Eben nicht beim damals aufstrebenden Splatter (im Netz wird LES RAISINS DE LA MORT immer sehr idiotisch als „erster französischer Gore-Film“ bezeichnet, was immer das bedeuten soll), sondern, bei der schwarzromantischen Schauerliteratur und beim Pulp mit seiner saftigen Verquickung klassischer und moderner, vor allem erotischer Elemente.

LES RAISINS DE LA MORT funktioniert dann auch am besten als albtraumhafter Abstieg in eine fremde, vom Wahnsinn ergriffene Welt, besser als als „realistischer“ Seuchenfilm. Für Rollins Protagonistin, die in diese Welt ausgespieen wird und immer tiefer in das sich ihr darbietende, kaum zu begreifende Grauen einsinkt, dürften die Ereignisse ganz ähnlich wirken wie auf den Zuschauer: Sich an eine aus dem Horrorfilm als Ganzes gefilterte „Logik“ zu klammern, klappt nicht, man muss sich dem Gezeigten at face value stellen und hoffen, dass irgendwann wieder der Tag anbricht. Wenn einem das nicht gelingt, sollte man Rollin meiden. Aber es wäre schade.

Einer von unzähligen Vertretern des in den Sechzigerjahren ungeahnte Blüten treibenden Eurospy-Genres, darf TIFFANY MEMORANDUM für sich in Anspruch nehmen, zu den ernstzunehmenderen Vertretern der Zunft zu zählen. Der Film verzichtet auf die Science-Fiction-Gimmicks und fantastischen Eskapaden der großen Vorbilder aus der James-Bond-Reihe und serviert eine recht straighte Agentengeschichte um den Reporter Dick Hallam (Ken Clark), der durch eine dumme Verwechslung in einen Mordkomplott und das sich daran anschließende Ränkespiel der Geheimdienste gezogen wird. Sergio Grieco, der zwar als fähiger Handwerker bezeichnet werden darf, nichtsdestotrotz aber eher am unteren der Verwertungskette angesiedelt war, erstaunt hier mit einer durchweg gediegenen und sicheren Inszenierung und dem ein oder anderen originellen visuellen Einfall, der das Interesse an der klischierten Geschichte wachhält. Das hat zur Folge, dass TIFFANY MEMORANDUM durchaus auf Basis seiner eigenen Meriten bestehen kann und nicht bloß von dem Charme profitiert, der aus dem bisweilen rührend unbeholfenen Versuch resultiert, sich mit einem unerreichbaren Original zu messen.

Es hat ganz sicher nicht geschadet, dass die vorgeführte Kopie in einem prächtigen Zustand war, die die gewohnt poppigen Farben von Kleidern, Autos, Inneneinrichtung und Leuchtreklamen des Schauplatzes Westberlin wunderbar zur Geltung brachte. Ken Clark – der mich ein bisschen an den US-Schauspieler Aaron Eckhart erinnert – ist ein sympathischer Held, attraktiv und viril, aber nicht zu glatt, also eher Sean Connery als Roger Moore. Er erdet das Ganze und verleiht der Räuberpistole die nötige Glaubwürdigkeit. Die deutsche Titelschmiede spielte ihm aber böse mit: Der Titel KOMM GORILLA, SCHLAG ZU!, unter dem der Film hierzulande firmierte, ist ganz ohne Zweifel ein Seitenhieb auf die pelzige Ganzkörperbehaarung und die wenig eleganten Bewegungsabläufe des kantigen Amerikaners, die aber auch schon fast den einzigen unfreiwilligen Lacher evozieren. Gut, der Zugunfall, der den Ausgangspunkt für seine Misere bilden, ist auch eher putzig mit seinen plötzlich und ohne Grund umherpurzelnden Modellwagons, aber ansonsten hat Grieco das wahrscheinlich karge Budget gut im Griff. Auch die Kameraarbeit ist ausnehmend gelungen und einen Einfall wie jenen, einen auf einem Röntgentisch Sterbenden mit dem Bild seines die letzten Schläge machenden Herzens zu konfrontieren, darf schon fast als genial bezeichnet werden.

Auf der anderen Seite der Medaille ist TIFFANY MEMORANDUM trotzdem ganz gewiss kein Film, der einem schlaflose Nächte beschert, und das teilt er dann wieder mit den meisten seiner Genrekollegen. Das Gros Eurospy-Filme lebt von seinem Zeitkolorit, der Sechzigerjahre-Ausstattung, der schwofigen Musik und den preisgünstigen Effekten, auf die Grieco wie oben beschrieben fast gänzlich verzichtet, und das gilt auch für diesen hier. Man goutiert ihn am besten, indem man sich entspannt zurücklehnt und nicht zu viel Aufregung erwartet. Als „Ambientfilm“ funktioniert TIFFANY MEMORANDUM ganz gut, wirklich aufregend oder gar spektakulär ist er aber ganz gewiss nicht.

Eine Antwort auf Frage, die immer wieder gestellt wird, wenn man mit „normalen“ Filmsehern darüber spricht, warum man sich solche merkwürdigen Sachen wie ein thailändisches JAWS-Ripoff um eine riesenhaftes Killerkrokodil anschaut, lautet: Weil man am besten begreift, was einen Film „gut“ macht, wenn man sich mit jenen Fällen auseinandersetzt, in denen so ziemlich nichts funktioniert. Gerade in seinem letzten Drittel, wenn seine drei Helden an Bord eines Schiffes Jagd auf das gefräßige Ungetüm machen, versteigt sich Sompote Sands zu einer 1:1-Kopie des großen Klassikers, ohne auch nur annähernd dessen Klasse zu erreichen. Natürlich liegt das auch daran, dass er mit einem Bruchteil des Budgets auskommen musste, keine geschulten Weltklasse-Darsteller zur Verfügung hatte, keinen Spitzenscore von John Williams, keinen „Bruce“ und keinen Bill Butler an der Kamera. Aber mehr noch daran, dass es ihm einfach nicht gelingt, das Material sinnhaft zu organisieren. Der ganze Film ist ein einziges Chaos aus halb durchdachten Ideen, ohne Sinn und Verstand zusammengeschmissener Szenen, einer konfusen Dramaturgie, eines nicht vorhandenes Gefühls für Zeit und Raum und in ihrer Qualität drastisch variierender Spezialeffekte, in denen das Krokodil von Szene zu Szene seine Größe verändert: In manchen Szenen nimmt es die Dimensionen seines geschuppten Kollegen Godzilla an, dann ist es so groß wie ein Boot, dann wieder scheint es sich um einen lediglich etwas größeren Vertreter seiner Gattung zu handeln. Der Schnitt tut sein Bestes, die Desorientierung zu verstärken und die Kamera hält gnadenlos aufs Nichts, als gäbe es dort etwas zu entdecken.

Die Story geht irgendwie so: Durch die Umweltverschmutzung entsteht ein Riesenkrokodil, das nicht nur die Binnengewässer Bangkoks, sondern auch das Meer unsicher macht. Einer Attacke fallen unter anderem Frau und Tochter des viel beschäftigten Arztes Dr. Akom (Naart Poowanai) zum Opfer, der sich daraufhin gemeinsam einem Freund und dem Krokodiljäger Tanaka (Bill Warren) auf die Jagd nach dem Monstrum begibt. Was eigentlich eine in hunderten von Tierhorrorfilmen erprobte Geschichte mit klar etabliertem Regelwerk ist, die zahllose Regisseure trotz oft begrenzter Möglichkeiten mit einigem Erfolg in Zelluloid hüllten, stellte Sands vor unlösbare Aufgaben. Das geht schon gleich am Anfang los, wenn ein Voice-over-Erzähler zu Bildern eines tosenden Tsunamis, der Hütten niederreißt sowie Menschen und Krokodile hinfortspült, von der Rache der gebeutelten Natur schwadroniert, die sich gegen den Menschen erheben werde. Später ist immer wieder von der Legende um ein dämonisches Riesenkrokodil die Rede, ganz am Schluss wird radioaktive Verseuchung als Ursache für die Mutation herangezogen, ohne dass diese These irgendwann mal entsprechend unterfüttert worden wäre. Diese Orientierungslosigkeit wird gewissermaßen paradigmatisch für den ganzen Film, der arhythmisch auf sein Finale zuhoppelt, unspektakuläre Dialogszenen immer wieder mit aus dem Nichts hereinplatzende Krokoszenen unterbricht, in denen anonyme Statisten ihr Ende finden und die deshalb spannungslos an einem vorüberrauschen. Steven Spielbergs JAWS war ja auch deshalb so nervenzerrend, weil er seinen Handlungsort ganz klar umriss und jedem klar machte, wann mit der Bedrohung zu rechnen war und woher sie kommen würde. In CHORAKHE ist jederzeit alles möglich: Das Krokodil schlägt mal im Meer zu, dann wieder an einem innerstädtischen Kanal, ohne dass sein Erscheinen jemals wirklich angebahnt werden würde. Oft wird da einfach ins leere Wasser oder bedeutungsschwanger auf dessen Oberfläche gehalten, wie etwa in der ebenfalls aus dem Vorbild entlehnten Attacke auf die Ehefrau. Die keift panisch herum wie weiland ihre blonde Kollegin in der Auftaktszene des Klassikers, doch wenn die Kamera dann den Blick unters Wasser wirft, sieht man: nichts. Auch solche Kniffe wie die Hai-Subjektiven, die in JAWS das Auftauchen des Monstrums ankündigten, fehlen hier. Und wenn das Monster zuschlägt, geht alles in einem Wirrwarr von nicht zueinander passenden Einstellungen unter.

Der Geniestreich eines Films wie JAWS (und vergleichbar gelungener Werke) war es, die Präsenz des Monsters auch in solchen Szenen zu suggerieren, in denen es nicht da war. Wenn Brody, Hooper und Quint an Bord der Orca angestrengt auf das sie umgebende Wasser blickten, dann glaubte man als Zuschauer, dass der Hai irgendwo da draußen herumschwamm und jederzeit auftauchen könnte. Das gelang durch den Einsatz der Musik, von Totalen, in denen man tatsächlich die Rückenflosse in Relation zum Boot sah und schließlich durch Effektszenen, in denen die Darsteller wirklich mit dem Prop interagierten. Nichts davon gibt es in CHORAKHE: Das Krokodil ist vom filmischen Rest völlig isoliert, seine Auftritte beschränken sich auf Großaufnahmen eines echten Krokodils und kurze Shots, in denen sich ein ebensolches an Miniaturmodellen vergeht. Manchmal kommt auch ein Pappmaul zum Einsatz, in dem ein unglückseliges Opfer sein Leben aushaucht. Aber nie hat man das Gefühl, das Biest agiert in der selben Sphäre wie seine menschlichen Konterparts. Was genau im Showdown passiert, kann man bestenfalls erahnen. Auf jeden Fall fliegt alles in die Luft.

Zugegeben, niemand erwartet von einem thailändischen JAWS-Ripoff um ein Riesenkrokodil filmische Meisterleistungen. Ein paar Szenen sind durchaus putzig – etwa die Vorstellung Tanakas, der über sein riesiges Adlertattoo auf der Brust sagt, er habe es sich als Kind machen lassen und dass es „die Überlegenheit gegenüber niederen Reptilien“ ausdrücke, die haarsträubenden Effektszenen, in denen das luxusdampfergroße Biest wahre Flutwellen auslöst oder natürlich die drolligen Dialoge, die diesen Unfug mit der Bemühung größten Ernstes verkaufen – und generell muss man sich vor der Chuzpe der Macher verneigen, sich an einem Film wie JAWS zu vergehen, ohne auch nur den geringsten Plan zu haben. Aber der Charme völligen Unvermögens und totaler Absurdität trägt in diesem Fall nicht über 80 bis 90 Minuten. Ich habe mich schon ein bisschen gelangweilt.

 

 

 

 

Geld und die menschliche Gier danach mag für viele Übel dieser Welt verantwortlich sein, aber ich danke Gott für die unzähligen Irrsinnigkeiten, die Filmproduzenten in ihrer ewigen Mission, Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen, erdacht haben. Das kurzlebige Genre der Bruceploitation – Martial-Arts-Filme mit Bruce-Lee-Imitatoren, die infolge des frühe Todes des Superstars erschienen – ist einer dieser Kuriositäten und BRUCE LEE – SEINE ERBEN NEHMEN RACHE dürfte innerhalb dieses sich durch Dreistig- und Pietätlosigkeit auszeichnenden Genres der dreisteste und pietätloseste sein.

Der Fairness halber muss man erklären, dass die Grenze zwischen den echten Bruce-Lee-Filmen und den dreisten Klonen fließend ist, denn schon der letzte „echte“ Film mit der Martial-Arts-Ikone, Robert Clouses GAME OF DEATH, ist eine Mogelpackung, die allerdings aus der Not geboren war. Der Star verstarb, bevor der Film fertiggestellt war und stellte die Macher vor die Herausforderung, einen Film ohne seinen Hauptdarsteller zu Ende drehen zu müssen In bester Ed-Wood-Manier holte man sich ein Double, das man dann immer so vor der Kamera platzierte, dass der Schwindel nicht allzu offensichtlich war. Den Verrenkungen der Bruceploitation waren damit Tür und Tor geöffnet.

Joseph Kong, mit nicht weniger als acht Bruceploitern sowas wie der ungekrönte König des Genres, macht gar keinen Hehl aus seinem Etikettenschwindel, sondern holt ihn gleich auf die Ebene der Handlung: Nach dem Tod Bruce Lees, der nicht nur ein von den Massen verehrter Filmstar war, sondern darüber hinaus ein Top-Agent des FBI, wird ein schmierig grinsender, vollbärtiger Mad Scientist von einem FBI-Mann mit Topfschnitt damit beauftragt, Bruce-Lee-Klone zu kreieren, die die klaffende Lücke schließen und anschließend einem kriminellen Produzenten drittklassiger Kung-Fu-Filme, der darüber hinaus mit Weltbeherrschungsplänen schwanger geht, das Handwerk legen sollen. Das Klonen vollzieht sich innerhalb der ersten fünf Minuten des Films: Der Doc entnimmt dem toten Bruce Lee eine Spritze („Geben sie mir eine Fünfer-Kanüle!“) und  verfügt wenig später über drei Lookalikes, die er in einem Rollcontainer vor seinen riesgen Senso-Automaten schieben lässt, ihnen ein Nudelsieb mit Antennen auf den Kopf setzt und dann enthemmt an den Knöpfen er technischen Apparatur herumdreht. Fertig! Nach einer Trainingseinheit zum berühmten ROCKY-Score fordert Bolo Yeung zum ersten Kampf heraus („Na ihr zwei Stinkbären, zeigt mal was ihr könnt!“), dann schließt sich eine Keilerei an die nächste, bis man nicht mehr weiß, wo hinten und vorn ist.

Es ist bei asiatischen Filmen, die während der Hochzeit des Eastern- und später während des Videobooms auf den deutschen Markt gespült wurden, generell schwierig zu sagen, wie viel diese mit einem wie ach immer gearteten Original zu tun hatten, und das gilt umso mehr für solche frechen Low-Budget-Vehikel wie dieses. (Die Copy&Paste-Strategie, die ein Godfrey Ho für seine Ninja-Filme bemühte, trieb das dann sogar noch auf die Spitze.) Die Struktur von BRUCE LEE- SEINE ERBEN NEHMEN RACHE ist so chaotisch, seine Handlungsstruktur so episodisch, dass es mehr als wahrscheinlich scheint, dass hier Material aus verschiedenen Filmen zusammengeschnitten wurde: Tatsächlich erzählt der Film drei unverbundene Geschichten mit dem Mad Scientist als Bindeglied, was nahelegt, dass Kong vorhandenes Material um die nachgedrehten Klonszenen verband und neu auswertete. Dem Vergnügen tut das keinen Abbruch, im Gegenteil, es beflügelt erst den Wahnsinn dieses Films. Während er kaleidoskopartig in tausend Richtungen gleichzeitig explodiert, tut er gleichzeitig so, als sei das alles ganz normal. Der dissoziative Effekt ist beachtlich: Der Zuschauer sitzt da mit offenem Mund, unfähig, das Chaos, das sich vor ihm in äußerster Selbstverständlichkeit abspielt, zu begreifen.

Mit LA NOCHE DEL TERROR CIEGO war Amando del Ossorio ein großer Wurf gelungen: Die reitenden Templerleichen stellten einen schönen Neueintrag im Horrorfilm-Bestiarium dar, denen Ossorio mit seiner traumgleichen Inszenierung die passende Plattform bereitete und alle budgetären wie technischen Limitierungen damit positiv umdeutete. Der Film war überdurchschnittlich erfolgreich, auch und nicht zuletzt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, also da, wo es wirklich zählt. Kein Wunder, dass Ossorio dem Bedürfnis nach einem Sequel nachkam und das schon ein Jahr später mit EL ATAQUE DE LOS MUERTOS SIN OJOS.

Wie es so oft ist mit Fortsetzungen, mutet auch diese RÜCKKEHR DER REITENDEN LEICHEN an wie der Besuch einer flüchtigen Bekanntschaft, die beim ausgedehnten Wiedersehen dann doch einige nur schwer tolerierbare Charakterzüge aufweist – man ist am Ende ganz froh, wenn sie wieder abreist. Ossorio begeht den verständlichen Fehler, zu glauben, sein Sequel brauche mehr Templeraction, und er greift mit dem Belagerungsszenario auf eine Plotschablone zurück, die straffer inszenatorischer Organisation bedarf, was nun nicht gerade die Kernkompetenz des Vorgängers war. Ließ er die mumifizierten Monstren im ersten Teil weitestgehend in einer vom Rest der Welt abgeschirmten Dimension agieren – erst am Schluss brechen sie in der tollen Zugsequenz in die Realität ein -, agieren sie nun ganz in der Gegenwart des Films und büßen so einiges von ihrem spukhaften Charme ein. Die aufreizend langsam und völlig geräuschlos voranstaksenden Leichen wirken zwischen den aufgebracht hin und her rennenden Bürgern des spanischen Örtchens Berzano nicht nur deplatziert, sondern geradezu hilflos. Wie ein paar Rentner, die sich auf eine Rave verirrt haben. Das Belagerungsszenario, in dem der Film schließlich kulminiert, funktioniert ebenfalls nicht richtig, weil von den passiv vor der Tür wartenden Templern keinerlei echte Bedrohung ausgeht. Die Eingesperrten dezimieren sich tatsächlich eher durch eigene Dummheit, weil sie immer wieder hirnrissige Gründe finden, die Sicherheit ihres Refugiums zu verlassen. Das Finale, eine kleine Reminiszenz an Hitchcocks THE BIRDS ist wieder sehr schön, ein Rückgriff auf die märchenhafte Albtraumlogik des ersten Teils, aber es fühlt sich hier ein wenig hilflos an. Als habe Ossorio nicht gewusst, wie er die Herausforderungen seiner Geschichte meistern solle.

Trotzdem mag ich den Film irgendwie. Er hat die pulpige Qualität von Groschenheftchen, die sich mit ihren markigen Sensationen letztlich an kindliche Gemüter wenden. Held Jack Marlowe (Tony Kendall) kommt mit einem knallroten Geländewagen angebraust, stellt sich als „ehemaliger Sprengmeister der Pioniere“ vor und gräbt sofort seine Ex (Esperanza Roy) an, die jetzt mit dem schmierigen Bürgermeister liiert ist. Er instruiert „seine Männer“ (die man nie zu Gesicht bekommt) das Feuerwerk vorzubereiten, das die im Zentrum des Films stehenden Festlichkeiten begleiten soll, trinkt Whiskey und schwingt sich dann zum Anführer auf, als die Kacke am Dampfen ist. Frauen sind in diesem Film nur dazu da, männliche Begehrlichkeiten zu wecken und adrett auszusehen, sie werden rumgeschubst oder in die Koje gezwungen. Als besagte Vivian statt des ihr angebotenen Whiskeys ein Bier verlangt, wird sie sofort angeherrscht, warum sie denn nur immer so kompliziert sein müsse. Zur Strafe bekommt sie ein Pils, dass zu fünf Sechsteln aus Schaum besteht. Das Oberschwein des Films ist der Bürgermeister (Fernando Sancho), ein Feigling vor dem Herren, der in der niederträchtigsten Szene ein kleines Kind ins Unglück schickt, um selbst die Flucht ergreifen zu können. Ganz toll auch die kleine humorvolle Episode, in der er den „Minister“ aus dem Bett klingelt, um militärische Hilfe anzufordern und dieser lieber seinem Jahrzehnte jüngeren Hausmädchen auf den leicht bekleideten Hintern stiert. ATAQUE DE LOS MUERTOS SIN OJOS ist von einer krachigen Schablonenhaftigkeit, dass es geradezu rührend ist – zumal Ossorio weitesgehend ohne jedes selbstironisches Augenzwinkern inszeniert. Der Film tritt mit dem Selbstverständnis eines knallharten Reißers auf, das in krassem Missverhältnis zu dem Unfug steht, den er präsentiert. Spannend ist er zu keiner Sekunde, aber liebhaben muss man ihn trotzdem. Filme mit einem von der Dorfbevölkerung gedemütigten Buckligen bekommen sowieso immer einen Bonuspunkt von mir.

 

1986 war die Welt des Actionkinos noch in Ordnung, in den USA und in Hongkong. Wenn man sich heute David Chungs international als IN THE LINE OF DUTY bekannten No-holds-barred-Brecher im Kino ansieht, wird man auf eine Art und Weise überrollt, wie man das gar nicht mehr gewohnt ist. Ja, heutige Actionfilme mögen größer, teurer aufwändiger und vielleicht auch bildgewaltiger sein: Der schieren Power eines solchen Werks, bei dem alle Beteiligten anscheinend nichts anderes im Sinn hatten, als sich und ihre Kollegen umzubringen und auf dem Weg dahin noch möglichst viel Sachschaden anzurichten, haben sie wenig bis nichts entgegenzusetzen.

Der alberne Humor – hier die reichlich stelzbockhaften, in heutigen #metoo-Zeiten mehr denn je fragwürdigen Avancen, die der niedliche Jungcop Michael (Michael Wong) der unwilligen Michelle (Michelle Yeoh) entgegenbringt -, meist Anlass für kontroverse Diskussionen und für viele westliche Zuschauer die bittere Pille des Hongkong-Kinos, die geschluckt werden will, scheint mir tatsächlich zwingend notwendig, um die rohe Physis, die Chung in den irrwitzigen Actionszenen zelebriert, überhaupt verkraften zu können. Bekäme man nicht zwischendurch die Gelegenheit, mit den Augen zu rollen, kurz abzuschalten oder sich vielleicht gar über ein paar Infantilismen zu ärgern, es wäre kaum auszuhalten. Es fällt bei dem entfesselten Tempo, das diese Filme fahren, der Leichtfüßigkeit seiner Darsteller, ihrer tänzerischen Eleganz und der Sportlichkeit der Inszenierung kaum auf, aber wenn dann die Credits rollen, fühlt man sich tatsächlich wie ein Punching Ball – oder einer der Protagonisten nach dem nicht enden wollenden Finalfight, bei dem in einer Tour ausgeteilt und eingesteckt wird. So flüchtig IN THE LINE OF DUTY inhaltlich sein mag: Er hinterlässt tiefe Spuren.

„Selbstüberbeitungslogik“ ist ja eigentlich ein Begriff, den man am ehesten mit den neuen Strategien des Eventkinos in Verbindung bringt. Nur dass die Überbietung heute, wo ganze „Universen“ aufgebaut werden sollen, mehr und mehr auf den nächsten und übernächsten Film verschoben wird. WONG GA JIN SI fängt indessen bildlich gesprochen im Sportwagen auf der Überholspur an und endet mit zwei auf Schallgeschwindigkeit fliegenden Düsenjets, die als Geisterfahrer durch den Feierabendverkehr heizen, in ihrem Innerem ein Haifischbecken, in dem sich tollwütige Berserker mit Kettensägen duellieren, an den Tragflächen gen Null tickende Zeitbomben. Eigentlich ist man schon zur Halbzeit völlig bedient von der wahnsinnigen Geschwindigkeit, aber dann gibt es immer noch einen obendrauf, wird der Adrenalinspiegel immer weiter nach oben gepusht, bis der Hippothalamus Muskelkater bekommt.

Wie das alles möglich war, begreift man heute gar nicht mehr: Bei einer Verfolgungsjagd werden immer mehr Autos durch die Gegend geschmissen, nur weil es geht, bei einem Wahnsinnsstunt fliegt ein Stuntman von einem rund 30 Meter hohen Haus und knallt dann in ein Glasdach. Beim Showdown werden x Sprengsätze hochgejagt, denn ein Finale mit Explosionen ist geiler als ohne, logisch. Und dann sind da noch die Keilereien, die wirklich nicht so aussehen, als hätten die Darsteller Rücksicht aufeinander genommen. Und weil alles so schön ist, sieht man es aus fünf verschiedenen Perspektiven, orwärts, rückwärts und in Zeitlupe. Und trotzdem rafft man es nicht. Nur geil.

Es ist eine Binsenweisheit, aber was Film auf der großen Leinwand anrichten kann, sieht man hier, an einem Jahrhundertfilm wie IN THE LINE OF DUTY: Zu Hause auf dem Fernseher, damals von VHS oder meinetwegen auch heute von digitalen Medien, da war Chungs Film schon ein korrekter Spaß, gut für das ein oder andere anerkennende „Hoho“ oder einen offenen Mund. Im Kino, umgeben von begeisterungsfähigen Menschen, die Lust haben, sich mal so richtig in den Arsch treten zu lassen, wird das Ganze zum transzendentalen Erlebnis. Und zumindest für ein paar Tage meint man, den besten Film der Welt gesehen zu haben. Hat man ja auch.