Mit ‘Mondo Bizarr’ getaggte Beiträge

Meinen letzten Text über Fulcis Film einen „Verriss“ zu nennen, wäre zu viel gesagt; Fakt ist aber, dass ich mit LUCA IL CONTRABBANDIERE damals überhaupt nicht warm geworden bin. Ganz anders gestern, als ich ihn in deutscher Version als DAS SYNDIKAT DES GRAUENS auf großer Leinwand erleben durfte. Was für ein Brett!

Die Diskrepanz zwischen dieser und der vergangenen Sichtung beweist mir mal wieder, dass ich italienische Filme nicht vorschnell aburteilen sollte, wenn ich diese nur mit englischer Synchro genossen habe. Viele der Vorwürfe, die ich beim letzten Mal gegen LUCA IL CONTRABBANDIERE erhob, lassen sich meines Erachtens nur auf die Leb- und Variantenlosigkeit zurückführen, die englische Synchros fast immer „auszeichnet“. Dass einem die Figuren fremd blieben, kann ich nach der gestrigen Sichtung jedenfalls nicht mehr behaupten. Und Sprüche wie „Das ist Ursel aus Frankfurt, sie ist deutsch bis aufs Knochenmark“ knallen einfach wie Peitschenhiebe. Dazu kommt noch, dass Fulcis Inszenierung wirklich erst auf der Leinwand ihre volle Wirkung entfaltet. LUCA IL CONTRABANDDIERE hat einen etwas unscheinbaren Look, der Film ist trüb und farbarm, psychedelische Effektsequenzen wie in seinen Horrorfilmen darf man natürlich auch nicht erwarten, trotzdem ist er eine Augenweide. Die Kamera schwebt immer wieder sanft um die Figuren herum, oft blendet Gegenlicht und belegt das Geschehen kurz mit einem unwirklichen Schleier. Eine frühe Discosequenz, die komplett im Stroboskopgewitter spielt, dürfte für mich ewig weitergehen und Fabio Testi liefert unter der Anleitung Fulcis eine seiner besten Leistungen ab.

Dann ist da natürlich die Gewalt. Die Bunsenbrennerszene brennt sich wahrlich ins Gedächtnis, Dutzende explodierender Köpfe, Brustkörbe und Bäuche lassen einem die Kinnlade herunterklappen. Richtig harter Tobak ist aber eindie ausgedehnte Vergewaltigungssequenz, die im Kinosessel zur wahren Zerreißprobe wird. Die sich zur Kakophonie steigernden Schreie des Opfers und Lucas hilfloser Blick am anderen Ende des Telefons: Das vergisst man nie wieder. Lassen sich viele der in den Siebzigerjahren in Italien entstandene Gangster- und Polizeifilme als chauvinistischer Unfug mit Partycharakter titulieren, wirft LUCA IL CONTRABBANDIERE einen besonders desillusionierten Blick auf das finstere Treiben der Mafia. Lucio Fulci ist eh nicht als großer Spaßvogel bekannt, dieser Film darf als einer seiner trostlosesten angesehen werden.

Ich bin froh, den Film noch einmal in dieser Form gesehen und hier außerdem die Gelegenheit zu haben, vergangene Fehler wiedergutzumachen. LUCA IL CONTRABBANDIERE ist einer von Fulcis besten Filmen.

unbenanntHORROR ON SNAPE ISLAND habe ich zum letzten Mal vor sage und schreibe 12 Jahren gesehen (unmittelbar danach habe ich Ameñabars Querschnittslähmungsdrama MAR ADENTRO im Kino geschaut, was für ein Double Feature!). Außer, dass ich ihn damals sehr putzig fand, habe ich genau gar nichts davon in Erinnerung behalten. Nur, dass der Film eher der Kategorie „dumm und billig“ zuzuordnen war, hatte ich noch abgespeichert. Die neuerliche Sichtung zeigt aber, dass sich dieses Urteil nur bedingt aufrechterhalten lässt: Ja, HORROR ON SNAPE ISLAND – den sowohl deutsche wie auch englischsprachige Verleiher dem uninteressierten Publikum unter zahlreichen reißerischen Titeln andienten, darunter DEVIL’S TOWER – SCHRECKENSTURM DER ZOMBIES, TURM DER LEBENDEN LEICHEN, TOWER OF EVIL und BEYOND THE FOG -, dürfte eher preisgünstig gewesen sein und besonders intelligent ist er auch nicht, aber ihn als „billig und dumm“ zu diffamieren, ist viel zu gemein.

Die inhaltlich sowohl an Shermans meisterlichen DEATH LINE wie auch an D’Amatos ANTHROPOPHAGUS erinnernde Schauermär um einen dem Wahnsinn verfallenen Zauselkopp, der auf einer einsamen Insel sein Unwesen treibt, auf die es einst auch die Phönizier (!)  verschlagen hat, ist vor allem eins: endlos charmant. Wie eigentlich fast alle der raren britischen Horrorfilme aus jener Zeit hat er diese wunderbar staubig-rumpelige Kirmesbudenanmutung, die auch über manche eher langweilige Passage hinweghilft. Außerdem inszeniert O’Connolly – berühmtester Film: das Harryhausen-Vehikel VALLEY OF GWANGI – durchaus kompetent, weiß seine liebevoll ausstaffierten Studiosettings effektiv einzusetzen und hat zudem eine Riege an Darstellern, die den Kenner mit der Zunge schnalzen lässt. Dennis Price bringt in einem geil psychedelischen Seitenarm des Films Respektabilität, und einen besseren Seemann als Jack Watson kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Dazu kommen Leute wie Bryant Haliday, Jill Haworth, Mark Edwards, Anna Palk oder Robin Askwith, deren Namen man nicht unbedingt kennt, die man aber alle schon einmal in anderen, vergleichbaren britischen Filmen gesehen hat und über die man sich freut.

HORROR ON SNAPE ISLAND ist ein Vertreter eines Subgenres, das ich mal als „Zauselfilm“ bezeichnen würde: Im Zentrum steht ein zurückgebliebener, vollbärtiger, sabbernder, verdreckter und ultimativ bemitleidenswerter Tropf, der im Zustand geistiger Umnachtung Menschen ermordet und am Ende von seinem traurigen Schicksal erlöst wird. O’Connollys Film ist der ideale Partner für den schon erwähnten DEATH LINE von Sherman, mit dem er wohl die Speerspitze des leider nicht zu Weltruhm gelangten Formats bildet. Auch im amerikanischen Backwood-Film lassen sich Vertreter des Zauselkinos ausmachen, aber ich spreche hier wohl vielen aus der Seele, wenn ich behaupte, dass die Briten einfach einen besonders avancierten Zugang zur Zauseligkeit hatten. (Ich muss bei Gelegenheit noch einmal THE CELLAR auffrischen, aber ich meine, dessen menschliches Monster hatte weder Vollbart noch Latzhose, lässt also die für das Etikett des Zausels nötige Ausstattung vermissen.) Schade, dass es nicht mehr britische Zauselfilme gibt! SNAPE bekommt im letzten Drittel noch einmal einen kleinen Arschtritt, wenn die phönizische Baal-Statue gefunden wird, die aussieht, wie ein missglückter Muppet, der den Stinkefinger zeigt. Ich hoffe inständig, dass O’Connollys Werk nie bis nach Phönizien gedrungen ist, weil diese Darstellung dazu geeignet ist, die diplomatischen Beziehungen schwer zu beschädigen. Im Zeitalter von Trump und Putin können wir uns nicht auch noch einen Konflikt mit Phönizien erlauben!

kara_murat_kara_sovalyeye_karsi_1975_width300Vorab: Herauszufinden, welchen Originaltitel der gezeigte KARA MURAT-Film hat, erweist sich als schwierig. Laut IMDb wirkte Hofbauer an zwei Filmen der Serie mit, KARA MURAT: FATIH’IN FERMANI sowie KARA MURAT DENIZLER HAKIMI, aber bei keinem der beiden passt die Inhaltsangabe. Das Gegenteil ist der Fall bei KARA MURAT KARA SÖVALYEYE KARSI (auch Szenenfotos im Netz erhärten das), bei dem die IMDb aber weder Hofbauer noch eine deutsche Kopie  verzeichnet. Die OFDb und der DVD-Verleih wiederum weisen den Titel FATIH’IN FERMANI zu, aber wenn man den bei Youtube sucht, findet man Ausschnitte aus einem anderen Film. Dass die gezeigte Kopie außerdem heftige Qualitätssprünge und offensichtlich zusätzliche Szenen aus einem anderen, weitaus aufwändigeren KARA MURAT-Film zeigt, macht es nicht einfacher. Mit anderen Worten: Ich habe keine Ahnung, welchen Film wir da nun eigentlich gesehen haben, lediglich, dass die KARA MURAT-Forschung noch in den Kinderschuhen steckt.

Wer schon einmal einen KARA MURAT- oder einen Cüneyt-Arkin-Film gesehen hat, weiß natürlich trotz solcher Schwierigkeiten, womit er zu rechnen hat. Ein bis unter die schwarze Haarpracht übermotivierter und wie unter Krämpfen grimassierender Hauptdarsteller walzt und hüpft sich, links und rechts Schwerthiebe, Faustschläge, Backpfeifen, Ellbogenstöße und Tritte verteilend, durch karge Settings, die von schnauzbärtigen Osmanen und drall geschminkten Schönheiten in Kostümen aus dem Karnevalsverein bevölkert werden. KARA MURAT: SEINE RACHE BRINGT DEN TOD (so der  deutsche Titel) hat außerdem ein zusätzliches Pfund zum Wuchern, denn Cüneyt Arkin, die fliegende Zahnlücke mit dem Sexappeal Alain Delons, agiert hier in einer Doppelrolle! Er spielt die als Kinder gewaltsam getrennten Brüder Murat, seines Zeichens stolzer Türke, und Mehmet, der unter schurkischen Christenschweinen aufwächst, nachdem der Bösewicht ihn aus Rache für einen abgeschlagenen Arm als Kind entführt hat.

In der sich anschließenden Abfolge wüster Scharmützel wechseln die beiden die Seiten, um den jeweiligen Gegner mit gemeinen Täuschungsmanövern zu foppen, dass man bald völlig den Überblick verliert. Der Film ist ein wildes Hin-und-Her zwischen zwei Schauplätzen und am Ende erweist sich der osmanische Spirit natur- und erwartungsgemäß als weit überlegen. Die Brüder vereinen sich so eben noch, bevor es Mehmet hinwegrafft, natürlich nicht, ohne sich mit den letzten Atemzügen als treuer Muselmane zu erweisen, dann räumt Murat mit höchster Effizienz und dem Mut eines koffeinabhängigen Berserkers mit der Christenbrut auf.

KARA MURAT: SEINE RACHE BRINGT DEN TOD hat etwas von einer ausgedehnten und amateurhaften Zirkusvorstellung, bei der man beständig um das Leben der Artisten fürchtet, die ihre halsbrecherischen Stunts mit überaus prekären Mitteln und dem ungebrochenen Mut der Verzweiflung realisieren. Intellektuell liegt das Ganze noch unter den Geschichten, die sich mein zweieinhalb-jähriger Sohn ausdenkt: Die jeweiligen „Festungen“ sind löchrig wie Schweizer Käse, Murat/Mehmet gehen ein und aus und nicht einmal ein plötzlicher Bartverlust sorgt für Verwirrung. Als die Türken den vermeintlich verräterischen Zwillingsbruder gefangen nehmen (der in Wahrheit Murat ist), gelingt es diesem, jeden Zweifel zu zerstreuen, indem er ganz einfach sagt, wer er ist. „Ein Türke lügt nie in Lebensgefahr!“, weiß man schließlich. Und wundert sich darauf, ob das nun ein Zeichen großen Edelmuts oder schier überwältigender Dummheit ist (das Nichtlügen, meine ich).

Am wichtigsten ist aber natürlich Arkin, dessen Einsatzwille schier grenzenlos ist. Wenn jemand jemals in seinen Rollen aufgegangen ist, dann er. Da können De Niro, Pacino, Bale und all die anderen Method-Schnösel nach Hause gehen und Drehbücher für die nächsten Hollywood-Langweiler lesen! Wie Arkin inszeniert wird und agiert, ist einfach einmalig, treibt einem kindliche Freudentränen und ein enthemmtes Lachen ins Gesicht, in dem sich wahrhaft alle Sorgen auflösen. DAS ist Kino! Die Welt braucht Cüneyt Arkin!

heavy-thing-62Auf der ganzen Welt verschwinden Spitzensportler auf mysteriöse Art und Weise. Der coole Agent Mike Harber (Ross Hagen), ein Kollege von James Bond, wird hinzugezogen, um herauszufinden, was sich dahinter verbirgt. Die Spur führt auf die „Insel der 1.000 Frauen“, wo die verrückte Wissenschaftlerin Dr. Zu (Nancy Kwan) gemeinsam mit ihrer Armee heißer Martial-Arts-Babes am überlegenen Supermenschen herumschraubt, für den sie die passenden Ersatzteile braucht …

WONDER WOMEN, inszeniert von Robert Vincent O’Neil, der ein gutes Jahrzehnt später den famosen Rotlichtthriller ANGEL drehen sollte, ist eine der zahllosen amerikanischen Koproduktionen, die in den Siebzigerjahren auf den Philippinen entstanden. Wie bei den meisten von ihnen handelt es sich auch bei diesem Werk um einen mit heißer Nadel aus populären Versatzstücken und damals angesagten Elementen zusammengestrickten Unfug, der in seinen bescheuerten Impulsen durch eine Rainer-Brandt-Synchro auch nicht gerade gebremst wird. Die Berliner Schnodderschnauze trägt ihren Teil zum Gelingen dieses Teils bei, auch wenn sie sich dafür, das merkt man, kaum anstrengen musste: Er fliegt auf Autopilot, und wenn man die Brandt’sche Arbeit kennt, dann weiß man hier immer schon kurz vorher, was für einen Spruch man von ihm erwarten kann. Asiaten werden großzügig als „Schlitzis“ und „Gelbe“ bezeichnet, Frauen werden ebenso zur Zielscheibe. Hagens Mike spricht keinen einzigen normalen Satz, sondern kommuniziert nur noch in mal mehr, mal weniger sinnigen Sprüchen, in die gern auch mal Fantasiegestalten wie „Wenzel, der Teppichhändler“ oder Orte wie „Bad Salzufflen“ eingebaut werden. Richtig schön wird es immer, wenn Brandt in die Stille hinein improvisiert, als könne er es nicht ertragen, wenn die Figuren mal für fünf Sekunde die Klappe halten: Als Dr. Zu dem Helden ihr Labor vorführt, quittiert der das mit brummigen „hmmms“ und „ohhhs“ und als er den Blick einmal schweifen lässt, wird das sofort mit „Ach, nur eine Fliege“ quittiert.

Auffallend ist, dass Brandt mit den tielgebenden Wonder Women selbst kaum etwas anzufangen weiß. Wenn die auftreten, wird es dann auch umgehend etwas bleiern, was natürlich zum Paket dazugehört. Brandts Synchro passt sich dem typischen Auf-und-Ab zwischen überdrehten und absurden Actionszenen und eher schnarchige Passagen gewissermaßen optimal an. Immer wenn der Held auftritt, geht es rund. Das Highlight ist wohl eine Verfolgungsjagd durch Manila mit bunten Minibussen, an der auch der unverzichtbare Vic Diaz beteiligt ist. (Sid Haig ist auch dabei, hat aber als schurkischer Gregorius kaum mehr zu tun, als vielsinnig grinsend in einem Stuhl zu sitzen.) Da wird einmal ein Mann sehr unsanft über den Haufen gefahren in einem Stunt, der so nicht geplant gewesen sein kann, und einmal erwischt es auch ein paar auf einem Fahrrad hockende Hühner. Ein Hahnenkampf ist auch eher unerquicklich (ich weiß nicht, wie viele Hahnenkämpfe ich in den letzten Monaten in Filmen gesehen habe; das kann kein Zufall sein), dafür sorgt eine Keilerei zwischen Mike und einer Dame mit beeindruckendem Afro für Gelächter: Der Supertyp wird da quer durchs Mobiliar gedroschen und kommentiert das jedesmal mit einer neuen Zote – herrlich. Irgendwann endet WONDER WOMEN dann einfach. Auch das macht Sinn. Keiner der Beteiligten war hier der Illusion erlegen, eine Geschichte zu erzählen oder gar großes Kino zu machen: Es ging einfach darum, knappe 80 Minuten grelles Entertainment zusammenzukloppen. Mission accomplished. Meint auch Wenzel, der Teppichhändler.

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Letztes Jahr war es der hongkongchinesische Bruceploiter MENG LONG ZHEN DONG, der sich in die Spitzengruppe meiner imaginären Jahrescharts katapultierte, dieses Jahr dürfte es nicht allzu vielen Filmen gelingen, UCHÛ DAIKAIJÛ DOGORA aus dem Führungsfeld zu verdrängen. Das in Deutschland unter dem Titel X3000 – FANTOME GEGEN GANGSTER firmierende Crossover aus klassischem Sci-Fi-Monster- sowie Gangster- und Agentenfilm ist eh schon eine Schau, aber es hat zudem noch den Bonus einer echten Rarität, was die Vorführung im Rahmen des 3. Mondo Bizarr Weekenders in Düsseldorf zu einer cinephilen Galaveranstaltung machte. Die Kopie, die zur Aufführung kam, ist möglicherweise die letzte in Existenz, zumindest in Deutschland ist keine weitere bekannt. Man kann ja nur hoffen, dass der Schatz bald in Form einer digitalen Version für die Nachwelt erhalten bleibt, denn UCHÛ DAIKAIJÛ DOGORA ist denkwürdig. Ein Film, der alles hat und davon auch noch eine Menge.

Zur Handlung: Weltweit werden vermehrt Diamanten gestohlen. Die Polizei steht vor einem Rätsel, aber auch die Gangster sind beleidigt, denn sie haben ausnahmsweise mal nichts damit zu tun. Komisch außerdem: Zeitgleich mit den Diamanten verschwinden auch immer Unmengen an Kohle. Bei seinen Ermittlungen stoßen der Polizist Kommei (Yôsuke Natsuki) und der rätselhafte Wolf Hanter (Robert Dunham) aneinander. Ist letzterer ein Ganove oder doch eher ein Geheimagent? Nachdem die beiden sich zusammengerauft und mit dem Wissenschaftler Dr. Munakata (Nobuo Nakamura) kurzgeschlossen haben, der daran arbeitet, Diamanten als Energiequelle nutzbar zu machen, kommen sie dem Geheimnis auf die Spur: Kohlenstoffe, die sowohl in Diamanten wie auch in Kohle enthalten sind, dienen einer riesigen Weltraumqualle namens „Dogora“ als Nahrung. Aber was, wenn alle Diamanten und Kohlen aufgefressen sind?

Zunächst mal ist der Film von vorn bis hinten einfach nur liebenswert: Kommei ist so einer dieser naiven, kantenlos-schwiegersohnartigen Helden, wie sie in Mode waren, bevor sie von den unrasierten James Bonds dieser Welt abgelöst wurden, der froschmäulige „Wolf Hanter“ in der unbestechlichen Logik des Films allein deshalb ein Teufelskerl, weil er Amerikaner ist. Seine Überlegenheit, die ihm da ständig attestiert wird, ist eigentlich eher in der totalen Hilflosigkeit aller Japaner im Film begründet, die sich wohl auch mit dem alten „Guck mal da!“-Trick noch ins Bockshorn jagen ließen. Dr. Munakata ist der obligatorische alte Wissenschaftszausel, der ganz in seiner eigenen Welt lebt und dessen hirnrissigen Hypothesen beständig fassungslose Gesichtsentgleisungen und Kulturschocks bei den handfesten Helden hervorrufen. UCHÛ DAIKAIJÛ DOGORA gehört zu jenen Science-Fiction-Filmen, für die „Wissenschaft“ in erster Linie bedeutet, dass allerhand verrückte Sachen möglich sind, an die der Ottonormalverbraucher nie zu denken gewagt hätte. So kommt es dann auch, dass die Riesenqualle am Ende mithilfe von Bienengift unschädlich gemacht werden kann, das eilends von allen Fabriken des Landes synthetisch hergestellt wird – wo die die Energie nach der Kohlenfressorgie des Monsters hernehmen, bleibt unbeantwortet: Recht so!

Hondas Film ist ein herrliches, rührendes, endlos spaßiges Filmerlebnis, aber es bekommt durch seine Effektsequenzen noch einmal einen zusätzlichen Schub, der es in andere Sphären katapultiert. Alles beginnt mit den schon nicht üblen Szenen, in denen Fabrikschornsteine, Autos, Züge und Kohlenberge „abgesaugt“ werden, der Auftritt Dogoras toppt dann aber alles: Die Sequenz, in der die Qualle in voller Pracht zu sehen ist, hat psychedelische Qualitäten, ist tricktechnisch höchst einfach gestaltet, aber so saumäßig effektiv umgesetzt, dass man sich fragt: Wie haben die das gemacht? Marc hat in seiner Einführung den Namen „Lovecraft“ in die Runde geworfen und damit ziemlich genau ins Schwarze getroffen: Dieses majestätische Biest, das da aus einem kosmischen Nebel herabschwebt und mit seinen fluoreszierenden Tentakeln herumwirbelt, ist wahrscheinlich eine bessere Cthulhu-Darstellung als alle „echten“ Versuche, den Großen Alten filmisch abzubilden. Dann kommen auch noch wunderschöne Zeichentrick-Effekte zum Einsatz, wenn Dogora mit seinen Greifarmen nach einer großen Brücke schnappt und sie kurzerhand einstürzen lässt. Fantastisch! Episch! Gänsehaut!

In UCHÛ DAIKAIJÛ DOGORA vereint sich das eigentlich Unvereinbare auf höchst glückliche Art und Weise zu einem wunderbar unterhaltsamen, schwungvollen und schlicht endlos sympathischen Werk, das größere Bekanntheit definitiv verdient hat und jeden, ich behaupte jeden, der ein Herz für den poppig-bunten Exploiter der Sechzigerjahre, für Monster und einfach für tolle Filme hat, um den Verstand bringen wird. Volle Punktzahl.

thunderboltWenn ich spontan zwei Filme nennen müsste, die mich in diesem noch jungen Jahr am meisten gekickt haben, dann wären das MENG LONG ZHENG DONG und eben NINJA THUNDERBOLT, beide gesehen als wunderschöne 35-mm-Kopien in Düsseldorf, beide Hongkong-Martial-Arts-Actioner vom eher unteren Ende des Preisspektrums, beide komplett wahnsinnig, Actionkino in Hyperspeed, ohne Airbag und Seitenaufprallschutz, beide von einer räudigen Power, die man wohl nur im Kino so richtig mitbekommt.

NINJA THUNDERBOLT (die IMDb gibt als O-Titel ZI ZHUN SHEN TOU an, aber ihre Inhaltsangabe stimmt nicht mit dem Film überein, den ich gesehen habe, deshalb halte ich mich an die OFDb) so gesehen zu haben, ist zudem ein besonderer Glücksfall, denn der Film ist in Deutschland eigentlich nie gelaufen, sondern – wie alle Ninja-Klopper von Godfrey Ho – direkt auf Video ausgewertet worden, wo sein prachtvolles Scopeformat auf ein karges 4:3 beschnitten wurde, das die Protagonisten schon einmal hinter dem rechten und linken Bildrand verschwinden ließ. Die vorliegende, synchronisierte Kopie war also nicht für den Kinoverleih bestimmt, sondern nur das Master, von dem dann das Video gezogen wurde. Und da stellt sich dann schon die Frage, warum man diese Blendgranate nicht einfach auf die Leinwände gebracht hat, wenn sie schon in dieser herrlichen Fassung vorlag. Hatte man vielleicht Angst vor der zersetzerischen Kraft, die dieses Werk entfachen würde, vor durch die Großstädte tobenden Jugendlichen, die alles in Schutt und Asche legen? Vor dem Dawn of the German Ninja? Wer wollte es den Verleihern in Zeiten von PAPA, MAMA, ZOMBIE verdenken?

DER NINJA, wie er bei uns hieß, ist der erste von rund 20 Ninjafilmen Godfrey Hos (die Angaben variieren), in denen Richard Harrison auftrat. Und wenn man Harrison Glauben schenken mag, war es auch der einzige, den er mit ihm zusammen drehte und für den er bezahlt wurde. Dummerweise hatte Harrison keine Ahnung, mit wem er es zu tun hatte: Ho wurde berühmt-berüchtigt für seine Cut&Paste-Technik, die es ihm erlaubte, selbst gedrehtes Material immer wieder neu (und oft ziemlich geschickt) mit anderswo geklautem Material zu kombinieren und so Dutzende von Filmen in kürzester Zeit auf den Markt zu schmeißen. Das Ninagenre, das für einige wenige Jahre in den Achtzigern die Videotheken einnahm, bestritt er zu wahrscheinlich weit mehr als 90 % selbst und in etlichen seiner Vertreter tauchte eben Harrison auf, der heute noch klagt, Ho habe ihm mit dieser dubiosen Methode die Karriere ruiniert (worüber man streiten kann). Sicherlich unstrittig ist hingegen, dass Ho aufgrund seiner Masche selbst keinen guten Ruf genießt, vielmehr bis heute als zynischer Ramschfilmer verschrien ist. Dass er neben dem ausgebufften Geschäftsmann tatsächlich ein verdammt guter Handwerker war, sieht man daran, dass er heute als Dozent an der Filmhochschule von Hongkong tätig ist, aber auch an NINJA THUNDERBOLT, der mit ziemlich geringen Mitteln ein rasendes Actionfeuerwerk entfacht. Die Fights sind hyperkinetisch und ultradynamisch, wahnwitzig schnell und überdies brillant geschnitten, gleiches gilt für die diversen Verfolgungsjagden. Selbst, wenn es mal ruhiger zueght, sprich: nicht geschossen oder gefightet wird, wird man da in einem Tempo mit Attraktionen beworfen, dass man kaum Zeit hat, in Deckung zu gehen. Von der fastpornösen Sexszene mit sichtbarem Sackansatz im Tittenzelt bis zur Synchronschwimmeinlage reicht das vielseitige Spektrum und fliegt teilweise so schnell an einem vorbei, dass man sich nur noch verwundert die Augen reiben kann.

NINJA THUNDERBOLT dürfte tatsächlich ganz „traditionell“ gedreht worden sein: Zwar stand Harrison wohl nur für wenige Drehtage zur Verfügung  – mit einigen seiner Kollegen ist er nie gemeinsam zu sehen, der Großteil des Films muss ohne ihn auskommen, Auftakt und Finale mit ihm wirken wie angeklebt und passen inhaltlich kaum zum Rest -, aber immerhin wurden nicht fremde, ganz anders aussehende Filme geplündert und mit Selbstgedrehtem verschnitten, vielmehr zeichnete Ho recht offenkundig komplett selbst für sein Werk verantwortlich. So sucht man zwar auch diese höchst faszinierenden Momente vergebens, in denen da zwei völlig verschiedene Filme und die in ihnen beheimateten Figuren miteinander in Kontakt treten, aber dafür wirkt NINJA THUNDERBOLT wie aus einem Guss (plus Harrison). Der ellenlange, sich in eine wahre Prügelorgie hineinsteigernde Finalkampf raubte mir fast den Atem und hätte von mir aus ewig weitergehen dürfen, der bizarre Schluss lässt einen von einem Universum träumen, in dem Ho ein großes, krawalliges Harrison-Ninja-Franchise begründet und so Aberhunderte von japanischen Mittelklassewagen auf fantasievolle Art und Weise geschrottet hätte, die Fotografie fängt herrlich abgerissene Ecken Hongkongs in spannungsreichen Kompositionen ein und findet immer den perfekten Background für die nächste Keilerei. Geiler geht es nicht. DER NINJA? Die Offenbarung.

evelynAnhand von Emilio Miraglias Giallo, der hierzulande unter dem schönen Titel DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN veröffentlicht wurde, kann man gut sehen, welchen Einfluss die deutschen Edgar-Wallace-Filme auf den italienischen Giallo der Siebzigerjahre hatten. Mehr als an die Rasiermesser-Mörder-Filme, die außerhalb Italiens mit diesem Namen bezeichnet werden, obwohl sie eigentlich nur eine Spielart des allgemein als „Giallo“ bezeichneten Thrillers oder Krimis darstellen, erinnert LA NOTTE CHE EVELYN USCI DALLA TOMBA an das gothisch angehauchte Rätselraten um dekadente Adlige, fiese Morde, schreienden Wahnsinn, dunkle Geheimnisse und Erbschaftsstreitereien hinter altehrwürdigen Mauern, das auch die nach den Bestsellern des britischen Krimiautors entstandenen Filme kennzeichnet. Allerdings, und hier kommt dann die südeuropäische Nuancierung hinzu, ist bei Miraglia sehr viel mehr krachiger Sleaze, Sex und eine gehörige Portion ungebremster Irrsinn im Spiel, wo die Wallace-Filme eher die eichenhölzern-einlullende Gemütlichkeit eines gut beheizten Kaminzimmers verströmen.

Im Mittelpunkt steht der reiche, attraktive Witwer Lord Alan Cunningham (Anthony Steffen), dessen Gattin Evelyn einst im Kindbett starb und der seitdem eine gepflegte Macke kultiviert: Regelmäßig lädt er rothaarige Schönheiten zu sich ein, führt sie in die kleine Folterkammer seines ausladenden Herrenhauses, neckt sie ein bisschen mit der Peitsche und murkst sie dann ab. Sein Psychiater Timberlane (Giacomo Rossi Stuart) ist ahnungslos, weiß aber, dass sein Patient von Erscheinungen der Ehefrau gequält wird und meint daher, dass die Kontaktaufnahme via Seance und eine neue Eheschließung die massiven psychischen Probleme beheben werde. Streitbar, to say the least. Die Kacke fängt so richtig an zu dampfen, als Alan die schöne Gladys (Marina Malfatti) ehelicht: Plötzlich stapeln sich die Leichen und der Lord beobachtet gar, wie Evelyn sich aus dem Grabe erhebt …

Ich verrate sicher nicht zu viel, wenn ich hier sage, dass alles einen ganz profanen Hintergrund hat, die Auflösung aber trotzdem nur mäßig viel Sinn ergibt, denn das gilt mehr oder weniger für alle Gialli. Wichtiger ist die wohldosierte Mischung äußerst potenter, anregender Substanzen, wie etwa attraktiver Damen, die nicht lange angezogen bleiben, eines augenrollenden Irren, diverser zwielichtiger Gestalten, bizarrer Inneneinrichtungen im plüschigen Seventies-Chic (eine besonders extravagante Bude kombiniert weiße Allover-Fliesen mit einer grauen Plüschwendeltreppe), Sadismus, Sex und Anleihen aus dem klassischen Gothic Horror. Die deutsche Synchro tut das Ihrige, dass diese Melange nicht zu glattgerührt daherkommt, vielmehr immer wieder kleine Klümpchen für heftigen Schluckauf beim Betrachter sorgen. Alan rupft jeder neuen Errungenschaft erst einmal kräftig am Haarschopf, um dessen Echtheit zu prüfen, fordert seine weiblichen Gäste zu Hause auf, in ein paar schenkelhohe Schaftstiefel zu schlüpfen, denn wie er weiß sind Stiefel „sexuell enorm stimulierend“, macht es sich selbst in einer Art Mönchskutte bequem und packt dann die Bullenpeitsche aus. Sehr schön ist auch die Szene, als er sich bei einer auf der Beifahrersitz sitzenden Eroberung entschuldigt, er müsse mal eben den Reifendruck seines Wagens überprüfen – auf offener Landtsraße, mitten in der Nacht!  Gleichzeitig zeichnet Miraglia diesen Sexpsycho aber auch als desorientierten Romantiker, dem übel mitgespielt wurde (und wird) und dessen Zusammenbrüche unser Mitleid evozieren sollen. Anthony Steffens markantes Gesicht, das ich mal vorsichtig als „expressiv ausdruckslos“ bezeichnen würde, ist perfekt für die Rolle, und irgendwie erinnerte mich LA NOTTE DE EVELYN USCI DALLA TOMBA nicht zuletzt wegen ihm und seiner Art zu spielen ein wenig an spanische Gothik-Kracher mit ihren vollends übersteuerten Gefühlsschwankungen und bitterlich leidenden Protagonisten.

Die eher kalte, psychedelische Freud-Appropriation, die der Giallo für gewöhnlich versuchte, ist Miraglias Sache dann auch nicht, bei ihm kracht’s, blubbert’s und brodelt’s, das Figureninventar besteht entweder aus Borderlinern aus Leidenschaft, perversen Zynikern oder Vollidioten. Die Synchro macht bei diesem Spiel munter mit und kredenzt lakonische bis hirnrissige Dialogzeilen, die den Wahnsinn Art erst so richtig hervorkitzeln. Ich bezweifle, dass die Geschichte, die sich Miraglia da ausgedacht hat, wirklich aufgeht, wie der kurze Prolog sich in die Chronologie der Ereignisse einfügen soll, habe ich überhaupt nicht verstanden, und der Knalleffekt, mit dem das Ganze endet, verpufft dank schlampiger Inszenierung und eines fehlenden Make-up-Effekts. Aber so richtig schlimm ist das nicht, denn dafür gibt es leichenfressende Füchse, einen superben Striptease von Erika Blanc, schöne düsterromantische Szenen im dunklen Schlossgarten und eben haufenweise kruden Unfugs. Passt schon, auch wenn LA NOTTE DE EVELYN USCI DALLA TOMBA bestimmt kein Meilenstein des Giallos ist.