Mit ‘Monsterfilm’ getaggte Beiträge

Das wunderbare Plakatartwork, das ihr oben seht und das international in ähnlichen Ausführungen zur Anwendung kam, ist grob irreführend: Die putzige, glubschäugige Krake, die da die Erdkugel umklammert, ist nämlich mitnichten das titelgebende „Monster from Space“: Bei diesem handelt es sich um eine zumindest optisch eher unspektakuläre „Space Amoeba“, wie sie in anderen Versionen des Films genannt wird, die nach ihrer Landung mit einer Weltraumkapsel in der Nähe einer Pazifikinsel für unerwartete Mutationen sorgt, zu der eben auch die Riesenkrake zählt.

Die Entscheidung, diese Krake aufs Poster zu hieven, war natürlich goldrichtig, denn sie ist der absolute Höhepunkt des Films und Grund genug, sich Ishirô Hondas sonst etwas schnarchigen Kaiju anzusehen. Der Film folgt einer Abordnung japanischer Charaktere, die besagte Pazifikinsel auf ihre Eignung für ein großes Bauprojekt untersuchen sollen und dabei recht schnell auf die Riesenkrake stoßen, die die heidnischen Inselbewohner als „Gezora“ bezeichnen. Als Gezora mit vereinten Kräften besiegt und ins Meer getrieben wird – ja, es handelt sich um eine Krake, die sich auch an Land heimisch fühlt -, wird sie von einer Riesenkrabbe abgelöst, der sich am Ende auch noch eine Riesenschildkröte mit erigierbarem Katapulthals hinzugesellt. Die Spaceamöbe materialisiert sich in der Zwischenzeit in einem der Japaner und kündigt ihre Weltbeherrschungspläne an. Mithilfe von Fledermäusen – Ultraschall! – werden die Monster schließlich in den Wahnsinn und einen Vulkan getrieben.

GEZORA, GANIME, KAMEBA besteht zu einem Großteil leider aus dem dramaturgisch wenig erbaulichen Hin-und-Her-Gelatsche auf der Insel, das immer wieder durch die Auftritte der Monster unterbrochen wird. Im Unterschied zu Godzilla und Co. verfügen diese aber nicht über eine echte Identität und da sie es ausschließlich auf die ihnen allein größenmäßig weit unterlegenen Menschen abgesehen haben, es zudem keine Miniaturstädte gibt, die sie plattmachen könnten, sind ihre Attacken nicht gerade als spannend, sondern vor allem als redundant zu bezeichnen. Der Film hätte gut und gern eine halbe Stunde kürzer ausfallen können, ohne dass es ihm wesentlich geschadet hätte. Es ist das elefantenhäutige Krakenmonster Gezora, das ihn sehenswert macht, denn wie das da zwischen den Palmen umherwabbelt, ist schon eine echte Schau. Seine Nachfolger können den Verlust seines Ablebens nicht kompensieren, auch wenn das Krabbenmonster ebenfalls ganz hübsch anzusehen ist. Amüsiert habe ich mich am Schluss nur noch über die englischen Untertitel, die das Wort „bats“ überaus inflationär und in ungeahnten Satzkonstruktionen verwenden. Als Freund oder Sympathisant japanischer Kaijus sollte man GEZORA, GANIME, KAMEBA schon gesehen haben, weil er eben eine seiner schönsten Schöpfungen bereithält, aber den Schwung anderer Titel lässt er schmerzlich vermissen.

Je nachdem, wen man fragt, ist GOJIRA TAI HEDORA ein absoluter Favorit der GOJIRA-Reihe oder aber das krasse Gegenteil. Für Tōhō-Chef Tomoyuki Tanaka, der während der Entstehung des Films in einem Krankenhaus weilte, fiel GOJIRA TAI HEDORA klar in die zweite Kategorie: Er war angeblich schockiert von dem Ergebnis und davon, was Regisseur Yoshimitsu Banno aus „seinem“ Godzilla gemacht hatte und sorgte dafür, dass Banno – der übrigens vor drei Tagen im Alter von 71 Jahren  verstorben ist – sich vom Fall-out nicht mehr erholte. Sein Spielfimdebüt sollte auch sein letzter bleiben, obwohl er sich bereits in den Vorbereitungen für ein Sequel befand; er trat danach nur noch als Produzent in Erscheinung. Immerhin musste er sich keine Vorwürfe machen, denn er war wohl sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Und wie man GOJIRA TAI HEDORA am Ende auch bewertet, daran, dass der Film innerhalb der homogenen Reihe einen überaus originellen, ja fast schon avantgardistischen Ausreißer darstellt, besteht kaum ein Zweifel. Schließlich ist es genau das, was ihm meist angekreidet wird.

GOJIRA TAI HEDORA handelt von der Umweltverschmutzung und von einem Monster namens Hedora, dass durch eben diese Verschmutzung entsteht und sie dann noch weiter verstärkt. Das Geschöpf kommt zunächst aus dem Wasser, verwandelt sich dann in eine aufrecht wandelnde Gestalt und schließlich in ein Flugmonster. Godzilla stellt sich dem Treiben Hedoras entgegen und besiegt es am Ende. Beobachtet und kommentiert wird das Geschehen von dem Wissenschaftler Dr. Toru Yano (Akira Yamauchi) und seinem Sohnemann, dem großen Godzilla-Fan Toshie (Toshie Kimura). Zwischendurch gibt es immer wieder Zeichentricksequenzen oder auch pseudowissenschaftliche Exkurse sowie Bilder von verschmutzten Gewässern, qualmenden Fabrikschornsteinen und Müllhalden. Gegenüber dem bonbonbunten Pop-Potpourri, das in den GOJIRA-Filmen sonst aufgefahren wird, wirkt GOJIRA TAI HEDORA ernüchternd grau, auch wenn sich diese Düsternis über die Distanz von 45 Jahren ziemlich relativiert hat. Wenn Hedora da mit Wonne an einem Fabrikschornstein saugt wie ein Kiffer an der Blubba, dann ist das einfach ein überaus putziger Einfall. Wie auch Bannos Idee, Godzilla im Finale fliegen zu lassen, zum ersten und einzigen Mal in seinem langen, wechselhaften Leben.

Neben solchen skurrilen Einfällen und der Bezugnahme auf reale Probleme – eigentlich ja eine Rückbesinnung auf den Ursprung Godzillas – ist es aber die Struktur, die GOJIRA TAI HEDORA zu einem Unikat macht. Klar, letztlich geht es in allen Kaiju der Produktionsfirma Tōhō um die Balgerei der Monster; niemand sah sich die Filme wegen der psychologisch ausgereiften menschlichen Protagonisten an. Trotzdem standen diese im Mittelpunkt der Geschichte, in die sie als handelnde Personen eingriffen. Das ist in GOJIRA TAI HEDORA nicht mehr so: Die Menschen sind nur noch Beobachter und ihre einzige Funktion besteht darin, Exposition abzuleisten oder aber einen Anknüpfungspunkt für den Zuschauer zu bilden. Der ganze Film ist auffallend handlungsarm, besteht eigentlich nur aus einer Prämisse und einer sich anschließenden Monsterkeilerei, die aber mithilfe der schon erwähnten bizarren Regieeinfälle und eines sehr unorthodoxen Scores „verfremdet“ wird. Teilweise fühlte ich mich an alte Folgen von DIE SENDUNG MIT DER MAUS aus meiner Kindheit erinnert, bei der sich bunte Zeichentrickclips mit tristen Spiel- und Lehrfilmbeiträgen abwechselten. Es fällt schwer das zu glauben: Aber  inmitten eines sowieso schon ziemlich wilden Genres legte Banno mit GOJIRA TAI HEDORA noch einmal eine Schippe obendrauf und vermischte Elemente aus Filmwelten, die nie zuvor jemand zusammengedacht, geschweige denn -gebracht hatte – und danach auch nicht mehr.

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, warum die großen Kaiju-Klassiker von einst nicht zu einem ähnlich wichtigen Bestandteil meines Lebens als Filmliebhaber geworden sind wie meinetwegen die Spencer&Hill-Filme. Irgendwann Mitte der Achtziger, da liefen die GODZILLA-Filme der Sechzigerjahre im öffentlich-rechtlichen Fernsehen rauf und runter, perfekt getimt in den Sommerferien, und faszinierten mich in meiner Kindheit natürlich ungemein. Ich erinnere mich noch ganz genau an den ersten, den ich damals sah, FURANKENSHUTAIN NO KAIJÛ SANDA TAI GAIRA, zu Deutsch FRANKENSTEIN – ZWEIKAMPF DR GIGANTEN, die Fortsetzung zu diesem hier, und an den immensen Eindruck, den er auf mich machte. Es folgten dann einige weitere, später  nachmittags auf SAT.1 oder RTL, aber da war es schon nicht mehr dasselbe: Die Sympathie war noch da, aber diese unmittelbare Faszination war einer distanzierteren Haltung gewichen. Der jugendliche Omnipotenzwahn ist kein allzu guter Nährboden für die Liebe zur ungehemmten Naivität der Kaijus. Wie schade. In den Neunzigern versuchte ich dann noch einmal die alte Liebe aufleben zu lassen, mit den damals aktuellen Werken und Kitamuras GOJIRA: FAINARU WŌZU sah ich sogar einigermaßen enthusiastisch im Kino, aber die Begeisterung von einst wollte sich nicht mehr einstellen. FURANKENSHUTAIN TAI CHITEI KAIJÛ BARAGON ist für mich tatsächlich der erste Kaiju, seitdem ich für F.LM Ishirô Hondas GOJIRA rezensiert habe (und PACIFIC RIM zählt natürlich genauso wenig wie Gareth Edwards US-Film). Und siehe da: Es geht jetzt wieder, der staubig-gummige Charme verfehlt seine Wirkung genauso wenig wie diese krude Mischung aus pseudowissenschaftlichem Gelaber und haarsträubendem Unfug.

FURANKENSHUTAIN TAI CHITEI KAIJÛ BARAGON – oder Deutsch: FRANKENSTEIN – DER SCHRECKEN MIT DEM AFFENGESICHT – beginnt im Zweiten Weltkrieg, als böse Nazis einem armen mad scientist die wichtigste Entdeckung klauen, um sie nach Japan zu bringen: Es handelt sich um nichts weniger als das unsterbliche Herz Frankensteins, das da in einer Proteinlösung vor sich hin puckert. Dann fällt die Bombe auf Hiroshima und das Unheil nimmt seinen Lauf, denn 15 Jahre später taucht ein missgestalteter, affenähnlich aussehender Junge auf, der rasant auf ein riesenhaftes Ausmaß anwächst. Bald ist klar, dass der Junge unter Einfluss der radioaktiven Strahlung gewissermaßen um das Herz Frankensteins herumgewachsen ist. Als er aus seinem Gefängnis ausbricht, geht das übliche Monsterfilmtreiben los: Militärs und sensationsgeile Journalisten wollen den Tod der Bestie, die Bevölkerung erstarrt in Panik, die Wissenschaftler suchen händeringend nach Lösungen. Gleichzeitig zieht ein weiteres Monster, der dusselig aussehende Baragon, eine Spur der Verwüstung durch Japan, die man dem armen Frankenstein anhängen will …

Ich bin, wie beschrieben, zu lange raus aus dem Kaiju-Business, aber FURANKENSHUTAIN TAI CHITEI KAIJÛ BARAGON unterscheidet sich von den Filmen um Kollegen Godzilla m. E. dadurch, dass er sich noch stärker als diese an klassischen Horror- bzw. Science-Fiction-Motiven orientiert. Die Bezugnahme auf Frankenstein ist hier zwar auch höchst frech, macht aber dennoch mehr Sinn als in den anderen Kaijus, bei denen vor allem die deutsche Titelschmiede den Urvater der mad science würdigte. Der arme, missgestaltete Junge wird hier wie einst King Kong gefangen genommen, diversen Untersuchungen unterzogen und von der mütterlichen Wissenschaftlerin domestiziert, bis er schließlich, von allen missverstanden und gefürchtet, fliehen kann. Ausflüge nach Deutschland, der Heimat von Frankensteins unsterblichem Herz, werden mit rührenden Panoramabildern untermalt, die an alte, nostalgische Postkarten erinnern, ein flüchtiger Gruß jener bildlichen Tradition, der FURANKENSHUTAIN TAI CHITEI KAIJÛ BARAGON zwar auch entspringt, von der er sich aber dank japanischer Fabulierfreude meilenweit entfernt hat. Und dann wird da im Eiltempo durch einen Plot gehetzt, der alle möglichen Wendungen hätte nehmen können, aber dann doch in einer ausgedehnten Balgerei zweier Monster mündet, because why not?

Neben den Zeitgeist-Elementen, der herrlichen Trickfotografie und den liebevollen Miniatursettings war es vor allem die Wankelmütigkeit der „rationalen“ Wissenschaftler, die mich begeistert hat: Da wird Frankenstein in einem Käfig im Keller gehalten, aber die Idee, ihn in einen Zoo zu verfrachten, wird empört mit den Worten abgewiesen, er sei ein Mensch und kein Tier. Keine zehn Minuten später hat derselbe Humanist seine Meinung aber schon wieder geändert und vergleicht Frankenstein mit einem Gorilla, der beseitigt gehört. Sein amerikanischer Kollege kommt irgendwann mal auf die Idee, dass man Frankenstein am besten auf mittlerer Höhe des Fujiyama einfange: Wahrscheinlich nur, um eine Überleitung zu einer Jugendherberge zu haben, denn von dem genialen Plan ist danach keine Rede mehr. Schön auch die verzweifelte Anmerkung der Wissenschaftlerin, wie schlimm es doch sei, etwas behaupten zu müssen, was man nicht belegen könne. Überhaupt muss einen die Strategie dieser Filme, noch den unwichtigsten Quark mit wichtig klingenden Erklärungen herzuleiten, zu Tränen rühren. Ein großer Akt wird etwa daraus gemacht, dass Baragon leuchtende Augen habe – was sofort als Beleg dafür herangezogen wird, dass er unter der Erde leben muss, wahrscheinlich weil er eine Taschenlampe braucht. Es ist einfach zu schön, genau wie das niedliche Puppenwildschwein, das Frankenstein fangen will, dann aber doch nur einen Panzer in die Falle lockt. Der Finalfight vor einem Waldbrand ist noch einmal ein visueller Höhepunkt und ein angemessen dramatisches und bildgewaltiges Ende. Warum der arme Frankenstein aber danach mit dem besiegten Baragon im Erdboden versinkt, habe ich nicht verstanden. Für Scham jedenfalls gab es keinen Grund.

 

 

Millionär Jason Kincaid (Oliver Reed) wird von Visionen heimgesucht, seit er bei einer Expedition von einer hochaggressiven Schlange gebissen wurde. Während sein Bruder an dem Schlangengift starb, überlebte Kincaid rätselhafterweise und scheint seitdem eine Art telepathischer Verbindung zu dem Tier zu haben. Er lässt es einfangen und nach Amerika bringen, wo er sich Unterstützung des Psychologen Thomas Brasilian (Peter Fonda) geholt hat. Natürlich bricht das Tier aus, weil sich der Anführer eines bizarren Schlangenkults ebenfalls dafür interessiert …

SPASMS (malerischer deutscher Titel: AVANAIDA – TODESBISS DER SATANSVIPER) erschien zu einer Zeit, als die sogenannten „Bubble-Effekte“ groß in Mode waren: Unter eine auf der Haut aufgetragene Latexschicht wurde Luft gepumpt, die die falsche Haut daraufhin lustige Blasen werfen ließ. Zu sehen war der Effekt sehr prominent in Joe Dantes THE HOWLING, aber er kam auch in kleineren Filmen zum Einsatz wie etwa in Philippe Moras THE BEAST WITHIN – oder eben in Fruets SPASMS. Dem putzigen Effekt verdankte SPASMS eine Platzierung auf der Titelseite einer frühen Ausgabe der Fangoria, die nebenan zu sehende Tagline und seine berühmtesten Szenenfotos, die man auch heute noch im Netz finden kann. Explodieren, wie es das Poster verspricht, tut allerdings keiner.

Fruet hat ein paar ganz hübsche Sachen gemacht, etwa den Terrorfilm DEATH WEEKEND, den Vietnam-Heimkehrerfilm SEARCH AND DESTROY, den Backwood-Film TRAPPED oder den originellen Slasher KILLER PARTY, aber trotz der famosen Besetzung und den genannten Splattereffekten ist SPASMS ähnlich öde wie sein missratener Grusler FUNERAL HOME. Es dauert einfach viel zu lang, bis der Film in die Gänge kommt, das Monster sieht man zu spät und der parapsychologische Quark führt nirgendwo hin. Stimmung kommt immer dann auf, wenn die „Satansviper“ zuschlägt: Die begnügt sich nämlich nicht, wie ihre kriechenden Filmkollegen, mit blitzschnellen Einzelbissen, nein, sie heftet sich wie ein blutgieriger Serienmörder an die Fersen ihrer Opfer und wirft sie anschließend durch die Gegend wie ein Profiwrestler mit Tollwut. Das ist schon eine Schau, aber leider auch völlig spannungsarm: Immer, wenn der Film einzuschlafen droht, wird eine unbedeutende oder nur zu diesem Zweck eingeführte Nebenfigur plattgemacht, ohne dass man viel sieht. Erst zum Schluss bekommt man die Schlange in (fast) voller Pracht zu Gesicht und wie es bei Filmen ist, die ihre Hinhaltetaktik überstrapazieren, ist die Enttäuschung groß.

Ich finde es ja grundsätzlich gut, wenn auch solche völlig absurden Filme nicht in offen zur Schau getragener Selbstironie versinken, aber SPASMS hätte eine Prise Humor oder wenigstens Lockerheit definitiv nicht geschadet. Man muss sich das mal vorstellen: Da liegt Oliver Reed festgeschnallt auf einem Untersuchungstisch, heimgesucht von POV-Shots der mörderischen Schlange und wirres Zeug stammelnd, während Psychologe Fonda mit seiner Sonnenbrille danebensteht und was von viral übertragener „extra-sensory perception“ faselt und Fruet behandelt das mit der Ernsthaftigkeit eines Wissenschaftsthrillers. Das muss man auch erst einmal hinbekommen. Ein feister Tierhorrorfilm wäre mir aber lieber gewesen.

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Letztes Jahr war es der hongkongchinesische Bruceploiter MENG LONG ZHEN DONG, der sich in die Spitzengruppe meiner imaginären Jahrescharts katapultierte, dieses Jahr dürfte es nicht allzu vielen Filmen gelingen, UCHÛ DAIKAIJÛ DOGORA aus dem Führungsfeld zu verdrängen. Das in Deutschland unter dem Titel X3000 – FANTOME GEGEN GANGSTER firmierende Crossover aus klassischem Sci-Fi-Monster- sowie Gangster- und Agentenfilm ist eh schon eine Schau, aber es hat zudem noch den Bonus einer echten Rarität, was die Vorführung im Rahmen des 3. Mondo Bizarr Weekenders in Düsseldorf zu einer cinephilen Galaveranstaltung machte. Die Kopie, die zur Aufführung kam, ist möglicherweise die letzte in Existenz, zumindest in Deutschland ist keine weitere bekannt. Man kann ja nur hoffen, dass der Schatz bald in Form einer digitalen Version für die Nachwelt erhalten bleibt, denn UCHÛ DAIKAIJÛ DOGORA ist denkwürdig. Ein Film, der alles hat und davon auch noch eine Menge.

Zur Handlung: Weltweit werden vermehrt Diamanten gestohlen. Die Polizei steht vor einem Rätsel, aber auch die Gangster sind beleidigt, denn sie haben ausnahmsweise mal nichts damit zu tun. Komisch außerdem: Zeitgleich mit den Diamanten verschwinden auch immer Unmengen an Kohle. Bei seinen Ermittlungen stoßen der Polizist Kommei (Yôsuke Natsuki) und der rätselhafte Wolf Hanter (Robert Dunham) aneinander. Ist letzterer ein Ganove oder doch eher ein Geheimagent? Nachdem die beiden sich zusammengerauft und mit dem Wissenschaftler Dr. Munakata (Nobuo Nakamura) kurzgeschlossen haben, der daran arbeitet, Diamanten als Energiequelle nutzbar zu machen, kommen sie dem Geheimnis auf die Spur: Kohlenstoffe, die sowohl in Diamanten wie auch in Kohle enthalten sind, dienen einer riesigen Weltraumqualle namens „Dogora“ als Nahrung. Aber was, wenn alle Diamanten und Kohlen aufgefressen sind?

Zunächst mal ist der Film von vorn bis hinten einfach nur liebenswert: Kommei ist so einer dieser naiven, kantenlos-schwiegersohnartigen Helden, wie sie in Mode waren, bevor sie von den unrasierten James Bonds dieser Welt abgelöst wurden, der froschmäulige „Wolf Hanter“ in der unbestechlichen Logik des Films allein deshalb ein Teufelskerl, weil er Amerikaner ist. Seine Überlegenheit, die ihm da ständig attestiert wird, ist eigentlich eher in der totalen Hilflosigkeit aller Japaner im Film begründet, die sich wohl auch mit dem alten „Guck mal da!“-Trick noch ins Bockshorn jagen ließen. Dr. Munakata ist der obligatorische alte Wissenschaftszausel, der ganz in seiner eigenen Welt lebt und dessen hirnrissigen Hypothesen beständig fassungslose Gesichtsentgleisungen und Kulturschocks bei den handfesten Helden hervorrufen. UCHÛ DAIKAIJÛ DOGORA gehört zu jenen Science-Fiction-Filmen, für die „Wissenschaft“ in erster Linie bedeutet, dass allerhand verrückte Sachen möglich sind, an die der Ottonormalverbraucher nie zu denken gewagt hätte. So kommt es dann auch, dass die Riesenqualle am Ende mithilfe von Bienengift unschädlich gemacht werden kann, das eilends von allen Fabriken des Landes synthetisch hergestellt wird – wo die die Energie nach der Kohlenfressorgie des Monsters hernehmen, bleibt unbeantwortet: Recht so!

Hondas Film ist ein herrliches, rührendes, endlos spaßiges Filmerlebnis, aber es bekommt durch seine Effektsequenzen noch einmal einen zusätzlichen Schub, der es in andere Sphären katapultiert. Alles beginnt mit den schon nicht üblen Szenen, in denen Fabrikschornsteine, Autos, Züge und Kohlenberge „abgesaugt“ werden, der Auftritt Dogoras toppt dann aber alles: Die Sequenz, in der die Qualle in voller Pracht zu sehen ist, hat psychedelische Qualitäten, ist tricktechnisch höchst einfach gestaltet, aber so saumäßig effektiv umgesetzt, dass man sich fragt: Wie haben die das gemacht? Marc hat in seiner Einführung den Namen „Lovecraft“ in die Runde geworfen und damit ziemlich genau ins Schwarze getroffen: Dieses majestätische Biest, das da aus einem kosmischen Nebel herabschwebt und mit seinen fluoreszierenden Tentakeln herumwirbelt, ist wahrscheinlich eine bessere Cthulhu-Darstellung als alle „echten“ Versuche, den Großen Alten filmisch abzubilden. Dann kommen auch noch wunderschöne Zeichentrick-Effekte zum Einsatz, wenn Dogora mit seinen Greifarmen nach einer großen Brücke schnappt und sie kurzerhand einstürzen lässt. Fantastisch! Episch! Gänsehaut!

In UCHÛ DAIKAIJÛ DOGORA vereint sich das eigentlich Unvereinbare auf höchst glückliche Art und Weise zu einem wunderbar unterhaltsamen, schwungvollen und schlicht endlos sympathischen Werk, das größere Bekanntheit definitiv verdient hat und jeden, ich behaupte jeden, der ein Herz für den poppig-bunten Exploiter der Sechzigerjahre, für Monster und einfach für tolle Filme hat, um den Verstand bringen wird. Volle Punktzahl.

pumpkinhead2bby2bpj2bmcquadeEin ewiger Favorite und m. E. einer der schönsten Horrorfilme seines Jahrzehnts: PUMPKINHEAD begleitet mich seit dem Erscheinen des Films auf Video in den späten Achtzigerjahren und verzückt mich bei jeder Auffrischung immer wieder aufs Neue. Er genießt wohl unter Horrorfans einen kleinen Kultstatus, den man unter anderem an solchen Liebesdiensten wie dem nebenstehenden Poster-Fandesign oder an der Verfügbarkeit von Pumpkinhead-Actionfiguren und Modellen sowie natürlich den diversen Sequels erkennt, aber die Anerkennung, die er eigentlich verdient hätte, wird ihm nicht zuteil.

PUMPKINHEAD war seinerzeit das Regiedebüt des Special-Effects-Zauberers Stan Winston, dem dann aber leider nichts wirklich Bedeutsames mehr folgte (A GNOME NAMED GNORM, ärx). Auch wenn man sich ein paar Jahre später dazu entschloss, ein (ebenfalls hübsches) Sequel nachzuschieben: An der Kasse ging PUMPKINHEAD mit einem Einspielergebnis von etwas über 4 Millionen Dollar gnadenlos baden und versetzte den Ambitionen Winstons einen herben Dämpfer. Wahrscheinlich war dieser Film den auf den neuesten FRIDAY THE 13TH-Flick wartende Teenies dann doch zu düster und ungemütlich. In überaus sparsamen 82 Minuten erzählt PUMPKINHEAD eine finstere Rachegeschichte ohne Firlefanz, in der es am Ende keinen Sieger gibt, nur Tote und Kriegsversehrte. Die Storyline, aber auch der verschlankte Plot erinnern etwas an die Crime-does-not-pay-Moralkeulen der TALES FROM THE CRYPT-Reihe, aber wo diese am Ende dem alttestamentarischen Gerechtigkeitsempfinden frönen, räumt Winson gnadenlos auf mit der Idee, das Rache irgendetwas lösen könnte, bestraft den Mann, der den Tod seines geliebten Sohnes hinnehmen musste, gewissermaßen doppelt. Der Aderlass von PUMPKINHEAD steht den lustigen, gewissermßaen folgenlosen Body Counts, die in jenen Tagen gefragt waren, stimmungsmäßig diametral entgegen.

Was mich aber in erster Linie so einnimmt für den Film sind zwei andere Dinge: Ich finde es enorm bemerkenswert, wie es Winston gelungen ist, in nur wenigen Szenen die Grundlage zu schaffen, auf der sein Film dann seine emotionale Durchschlagskraft entfaltet. Das ist vor allem Lance Henriksen anzurechnen, der PUMPKINHEAD eben nicht als schnelles Cash-in betrachtet, durch das man sich auf Autopilot durchmogeln kann, wie das einige seiner Kollegen zweifellos getan hätten, sondern aufspielt, als bewerbe er sich bei der Academy. Das macht schon Sinn, wenn man bedenkt, dass es sich hier – mit Ausnahme der späteren Fernsehserie MILLENNIUM – um die vielleicht einzige echte Hauptrolle in der langen Karriere Henriksens handelt. Vermutlich betrachtete er PUMPKINHEAD als Chance, sich für Größeres zu empfehlen. Dieser Plan ging leider nicht auf, aber der Zuschauer darf sich über eine erstkassige Darbietung freuen, die diesen vermeintlich „kleinen“ Timewaster auf eine höhere Ebene hievt. Wo ich schon Kürze und Würze anspreche: PUMPKINHEAD ist einer jener Glücksfälle, in denen ausnahmsweise einmal nichts toterklärt wird. Das Mysterium um die Titelkreatur wird einfach gesetzt, nicht lang und umständlich hergeleitet, der Zuschauer in ein rätselhaft-magisches Backwood-Szenario geworfen, in der latzhosige und stets verdreckte Landeier in knotigen Holzhütten fernab der Zivilisation leben und eine Hexe im Sumpf böse Wünsche erfüllt. Winston kreiert mit wenigen Pinselstrichen eine Welt, in deren Nebel sich einen ganze düstere Mythologie verbirgt. Visuell entspricht PUMPKINHEAD diesem Konzept mit einer  visuellen Gestaltung, die ungefähr die Schnittmenger von Tim Burton, wenn der weniger sterile Ausstattungen bevorzugte, und Mulcahys RAZORBACK widerspiegelt. Die eindrucksvolle Titelkreatur wird überaus effektreich eingesetzt, der Film in seinem letzten Drittel, angetrieben von Kamera und einer kakophonischen Tonspur, sogar äußerst übergriffig und schmerzhaft. Wie gesagt: In den knapp 80 Minuten ist alles drin, was man sich von einem solchen Film aus Angst, enttäuscht zu werden, meist gar nicht erst zu wünschen wagt.

Und für mich persönlich, der ich PUMPKINHEAD nun zum ersten Mal als Vater gesehen habe, wiegt die zentrale Tragödie heute sogar noch ungleich schwerer als bei den letzten, schon über zehn Jahre zurückliegenden Sichtungen. Dieses Bild, wenn Ed Harley (Lance Henriksen) den leblosen Körper seines Jungen in den Armen hält … Niederschmetternd, einfach nur niederschmetternd.

 

land-that-time-forgot-brit-quadDer Abschlussfilm eines erneut überaus gelungenen Wochenendes hinterließ beim Abgang genau jene leicht giftig anmutende Schärfe von in Würde gereiftem Stilton und diesen unverwechselbaren Geruch von Ammoniak, den man aus Unterführungen in Bahnhofsnähe kennt und der einem den Kopf ganz leicht macht, wenn man ihn nur tief genug in die Lunge gesogen hat. Irgendwas hat dieser 40 Jahre after the fact mehr als nur leicht angeranzte Monster- und Abenteuerschinken, das mich schon bei Erstsichtung für ihn eingenommen hat und sich auch gestern im Kino wieder beinahe erotisch bemerkbar machte, aber ich habe keine Ahnung, was es genau ist.

Ich vermute, es ist diese Aus-der-Zeit-Gefallenheit, die Verbindung der pulpigen Naivität alter Abenteuerschinken und Monsterfilme, die man eher in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verortet, und dem unverkennbar staubigem Siebzigerjahre-Flair, der gleichzeitigen Ambitioniertheit, die dazugehört, wenn man eine Urzeitwelt auf der Leinwand entstehen lassen möchte, und der Bescheidenheit der effekttechnischen Mittel, die dafür zur Verfügung standen. Man kann THE LAND OF TIME FORGOT Liebe und Sorgfalt definitiv nicht absprechen, ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass er diesen Wundertütencharakter, den solche Filme im Idealfall besitzen, besser verkörpert als etliche objektiv betrachtet „bessere“ Filme. Es gibt einfach wahnsinnig viel zu gucken, Connor trifft exakt den Ton zwischen heiligem Ernst und kaum merklichem Augenzwinkern, die Künstlichkeit der Effekte betont noch die Fremdartigkeit der neu entdeckten Welt und den sense of wonder, der damit einhergeht, und die Patina, die er über die Jahrzehnte entwickelt hat, hilft bei der Immersion, anstatt ihr im Weg zu stehen. Man taucht tief ein in eine wundersame Paralleldimension, die der eine „Caprona“, der andere „Sonntagsmatinee im Bahnhofskino“ nennen mag.

THE LAND THAT TIME FORGOT bringt einen nicht um den Schlaf, aber er macht enorm Bock, Bock auf mehr solcher gnadenloser Timewaster mit schunkelbirnigen Gummimonstern, Matte Paintings, stumpfer Helden in Uniform, in der Badewanne sinkender Modellbötchen, bizarrer Urwaldpanoramen und grunzender Höhlenmenschen. Das einzige, was mir zum totalen Glück gefehlt hat, war eine Riesenkrake, aber soweit ich weiß, gibt es die ja in WARLORDS OF ATLANTIS. Ein Kandidat für die dritte Ausgabe von Mondo Bizarr im nächsten Jahr? Ich freue mich jetzt schon.