Mit ‘Myrna Loy’ getaggte Beiträge

Das Sequel war nach dem Riesenerfolg von AIRPORT natürlich unvermeidlich und dass man am Erfolgsrezept etwas ändern würde von vornherein ausgeschlossen. Die Titlesequenz bezieht sich dann auch mit den Worten „Inspired by AIRPORT“auf den direkten Vorgänger: Die Ehrlichkeit muss man bewundern, denn natürlich wird hier nichts fortgesetzt, sondern lediglich variiert und neu aufgelegt. Doch halt: Hinsichtlich des Camp Values hat Smight durchaus noch eine ordentliche Schippe draufgelegt und präsentiert ein Panoptikon an ebenso schrulligen wie in dieser dichten Konzentration unwahrscheinlichen Charakteren, hirnrissigen Seifenoper-Plots und beiläufigen Sexismen, die 40 Jahre später die Wucht einer Atombombe entfalten. Karen Blacks Chefstewardess Nancy Pryor möchte nach sechs Beziehungsjahren mit ihrem Partner Al Murdoch (Charlton Heston) über den logischen nächsten Schritt sprechen, er muss zu einem wichtigen Geschäftstermin und beschwert sich, dass sie ihn mit solchem Weiberkram behelligt, anstatt ihm die halbe Stunde, die er hat, lieber für Du-weißt-schon-was freizuhalten. Aber wie schon die brave Nonne Schwester Ruth (Helen Reddy) in selbstvergessener Gutgelauntheit tiriliert: „That’s why I am the best friend to myself“.

AIRPORT 1975 legt gegenüber dem Inspirationsgeber ein deutlich höheres Tempo vor. Das ist gut, weil so mehr Zeit für die Flugzeug-Rettungs-Action bleibt, die schon ein bisschen spannender und spektakulärer daherkommt als im doch eher valiumhaltigen ersten Teil. Den eh schon reißbrettartig charakterisierten Figuren bekommt die Hatz von einer Katastrophe zur nächsten freilich weniger gut: Sie verkommen so erst recht zu Stichwortgebern und Oneliner-Servierern. Jerry Stiller hat es am besten getroffen, denn er darf den ganzen Trubel besoffen verschlafen, Gloria Swanson muss als sie selbst hingegen unablässig Lebensweisheiten aus Hollywood zum Besten geben und Myrna Loy ihren mit der THIN MAN-Reihe erworbenen Ruf als Schnapsdrossel verteidigen, die einen „boilermaker“ (Schnaps plus Bier) nach dem anderen bestellt, sehr zur Verwunderung vor allem der männlichen Mitflieger. Der Plot um die nierenkranke Linda Blair, die von Sister Ruth besungen wird, soll zusätzliche Spannung schaffen – kommt sie rechtzeitig zu ihrer OP? -, aber das unverdrossene Gemüt der Blair erstickt noch den kleinsten Funken von Suspense im Anflug.

Letztlich ist das aber piepegal, denn AIRPORT 1975 hätte diesen ganzen melodramatischen Heckmeck gar nicht gebraucht und liefert ihn nur als zusätzlichen Spaß mit: Die Rettungsaktion der beiden Alphamännchen Heston und Kennedy sowie das ängstliche Augenrollen von Karen Black reichen allein schon für zwei Stunden pikant-käsigen Spaß, der zum Glück viel, viel besser aussieht als im plüschigen Vorgänger mit seinen scheußlichen Splitscreens. Die Totalen der zwischen den mächtigen Bergketten der Rockies durchfliegenden 747 sind eine echte Schau, auch wenn sie selten mit den Close-ups übereinstimmen wollen. Die Story ist natürlich Unsinn im Quadrat, der seinen Höhepunkt erreicht, wenn Blacks Nancy beim Versuch, ihren Al an Bord zu ziehen, wild mit ihrer Zunge herumfuhrwerkt, und wie es Kennedys Patroni innerhalb eines Films vom schnöden Techniker zum Präsidenten einer Fluggesellschaft gebracht hat, dürfte auch niemand schlüssig erklären können, aber das ist ja auch egal. Wichtig ist, dass Hestons zitronengelber Rollkragenpulli sich an jede Bauchfalte anschmiegt wie eine Weißwurstpelle, die übermenschlichen Herausforderungen im Minutentakt auf den Betrachter einprasseln und Karen Black reichlich Gelegnehit bekommt, sich in ihrer Hilflosigkeit als „Honey“ anquatschen zu lassen. Gute Show!

 

arrowsmith (john ford, usa 1931)

Veröffentlicht: Januar 15, 2016 in Film
Schlagwörter:, , , ,

critique-arrowsmith-fordARROWSMITH ist Fords Verfilmung eines damals überaus populären – und wohl auch innovativen – Arzt- und Wissenschaftsromans von Sinclair Lewis aus dem Jahr 1925. Der Schriftsteller wurde für das Buch 1926 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, den er aber ablehnte, weil er mit der hinter dem Preis stehenden Philosophie nicht einverstanden war. Lewis galt als scharfer Kritiker der US-amerikanischen Gesellschaft, des Kapitalismus und Materialismus, und war 1930 außerdem der erste amerikanische Schriftsteller, der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Sein Roman handelt von dem ambitionierten Wissenschaftler Martin Arrowsmith, der eine Forschungslaufbahn anstrebt, sich aber zunächst mit seiner Gattin als Landarzt in einer Kleinstadt im Mittleren Westen niederlässt. Als er ein Heilmittel für eine Viehkrankheit entwickelt, wird er an ein renommiertes Forschungsinstitut nach New York berufen, wo er an der Formel für ein Allzweckmedikament arbeitet. Der Impfstoff soll auf einer Karibikinsel getestet werden, wo gerade eine tödliche Epidemie wütet. Doch seine Gattin infiziert sich und verstirbt, Arrowsmith beendet seine Karriere und wagt mit einem Kollegen eine Neuanfang. Lewis‘ Roman galt damals als wichtiger Beitrag zur Debatte um den zunehmend beschleunigten Fortschritt der Medizin und die ethischen Probleme, die sich nicht zuletzt dadurch ergaben, dass plötzlich ein ganzer Industriezweig in die Entwicklung von Medikamenten involviert war. Sein Protagonist Arrowsmith ist ein absolut glühender Vertreter wissenschaftlicher Ideale, aber aufgrund seiner asketischen, streng rationalen sowie seiner welt- und lebensfremden Art nur eine mäßig sympathische Figur (ich referiere hier nur, was ich über das Buch gelesen habe und hoffe, dass es kein Unsinn ist).

Fords Aufgabe war es nicht zuletzt, den Charakter nahbarer, herzlicher zu machen. Betrachtet man den immensen Erfolg, der er der United Artists mit ARROWSMITH bescherte – sein Film erhielt immerhin vier Oscar-Nominierungen: Best Picture, Best Writing, Best Cinematography und Best Art Direction -, scheint seine Strategie aufgegangen zu sein. Hauptdarsteller Colman verleiht dem Akademiker einen gewissen aristokratischen Charme, zeigt in einer eigens für den Film geschriebenen Szene, in der er einem Jungen einen Zahn zieht, Improvisationstalent und einen bodenständigen handwerklichen Pragmatismus. Dass er mit seiner etwas steifen Art als fish out of water optisch reichlich deplatziert zwischen lauter Landeiern agiert, macht ihn dem Zuschauer nicht fremd, sorgt vielmehr dafür, dass man sich mit ihm verbündet. Trotzdem: Wenn Arrowsmith im Verlauf des Films gleich zweimal zu spät kommt, um seiner Frau Leora (Helen Hayes) zu helfen – einmal, als sie eine Fehlgeburt erleidet, beim zweiten Mal, als sie der Seuche erliegt -, „the film virtually becomes the story of their nonrelationship“ [Tag Gallagher: John Ford. The Man and his Movies, S. 97]Arrowsmith ist in erster Linie mit seiner Profession verheiratet und wenn man ihm auch glaubt, dass er seine Frau liebt, so spielt sie doch immer nur die zweite Geige, wird nie so sehr Teil seines Lebens wie die Tiegel und Chemikalien, die er da hochkonzentriert zusammenkippt. Sie mag der zeitgenössischen Unbedarftheit des Films geschuldet sein, aber besonders erhellend fand ich in dieser Hinsicht die Szene, in der Arrowsmith seine Frau die Reagenzgläser mit den gefährlichen Bakterien in der Gegend herumtragen lässt. Ihr Tod ist seiner Unachtsamkeit geschuldet.

Im Werk Fords wird ARROWSMITH heute insofern als Meilenstein betrachtet, als der Regisseur sich zum ersten Mal bemühte, einen ausgefeilten, facettenreichen Charakter zu zeichnen und nicht bloß mit Archetypen und Schablonen arbeitete. Dramaturgisch nimmt sein Film heutige Biopics vorweg, ordnet sich mit seiner Fortschrittsidee zudem in die Filmografie Fords ein: ARROWSMITH beginnt mit den Vorfahren des Protagonisten, die mit dem Planwagen gen Westen in eine bessere Zukunft fahren, findet über eine kurze Passage, die den jungen Mann erst als Schuljungen, dann als Student zeigt, in die Gegenwart. Arrowsmith wird mit seiner Zielstrebigkeit immer wieder auf Umwege gezwungen, etwa wenn sein späterer Mentor Professor Gottlieb (A. E. Anson) ihn auffordert, vor der akademischen Laufbahn das medizinische Handwerk zu erlernen, sich als Sanitäter den Ekel vor Blut und Leichen abzutrainieren, oder eben wenn er aufs Land gehen muss, um jenes Serum zu entwickeln, das die Aufmerksamkeit der Wissenschaft erregt. Im Mittelpunkt seiner Geschichte stehen die Konflikte und Dilemmata: Sein erster Patient als Landarzt, ein kleines Mädchen, verstirbt unter seinen Händen an den Folgen der Diphterie. Sein Arbeitgeber in New York ist zuerst an Publicity interessiert und dann an wissenschaftlicher Aufrichtigkeit. Und später, wenn es um die Bekämpfung der Seuche geht, steht Arrowsmith vor der harten Entscheidung, wem er den Impfstoff verabreicht. Hier stößt ARROWSMITH dann auch etwas an die Grenzen der Plausibilität: Die Regeln der Wissenschaft sehen es laut Film vor, dass der Impfstoff nur einer Gruppe verabreicht und einer anderen vorenthalten wird, um seine Wirkung exakt bestimmen zu können. Auch Arrowsmith weigert sich beharrlich, diese Konvention zu brechen und so eventuell mehr Leben zu retten. Man versteht nicht ganz, warum, und begreift den Protagonisten in seiner Orthodoxie nicht so sehr als prinzipientreu und vernünftig, sondern als unmenschlich und kalt.

Trotz solcher Schwächen hat mir ARROWSMITH aber sehr gut gefallen, vor allem der Schlussakt auf der Karibikinsel, in dessen von Murnau beeinflussten, düsteren, schattig-nebligen Bildern man schon Tourneurs I WALKED WITH A ZOMBIE um die Ecke lugen sieht. Fotografie und Bildkomposition sind sowieso exzellent und ich vermute, dass mir der Detailreichtum von Fords Inszenierung erst beim zweiten Mal sehen so richtig aufgehen wird.

 

the-black-watch-1929Fords erster richtiger Tonfilm ist auch – zumindest von denen, die ich gesehen habe (was ja nur ein Bruchteil von dem ist, was er bis dahin tatsächlich gedreht hatte) – sein bis dahin mit einigem Abstand schwächster: Ja, eigentlich überhaupt der erste, den man tatsächlich als „misslungen“ bezeichnen kann. Zur Ehrenrettung des Meisters würde ich die Umstände, sowohl die meiner Sichtung als auch die, unter denen Ford den Film inszenierte, strafmildernd hinzuziehen: Das unscharfe, kontrastarme, akustisch teilweise unverständlich-vermatschte, dann wieder unangenehm übersteuerte VHS-Rip, das mir zur Verfügung stand, ist gewiss nicht die ideale Quelle, diesen Film angemessen zu beurteilen. Aber THE BLACK WATCH hat auch so unübersehbare Schwächen, von denen eine darauf zurückzuführen ist, dass sich die meisten Schauspieler wohl erst mit der neuen Drehsituation und Technik anfreunden mussten. Myrna Loy, nur wenige Jahre später kongeniale Partnerin von William Powell in den THIN MAN-Filmen, ist hier eine einzige Zumutung, die Intonierung ihrer Dialoge furchtbar gekünstelt und leblos. Man kann hier am Objekt beobachten, was ein Allgemeinplatz der Filmgeschichte geworden ist: dass der Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm erst einmal einen gewaltigen künstlerischen Rückschritt bedeutete. Die Dialogszenen sind statisch und ungeschickt aufgelöst, der Text selbst schmucklos und umständlich. Der Film wirkt steife, unechter und theatralischer als alle vorangegangene Stummfilme. Weg ist die Eleganz und Ökonomie.

Darüber hinaus ist aber auch das ganze Sujet des Films problematisch. THE BLACK WATCH erzählt von Captain Donald King (Victor McLaglen), stolzes Mitglied des titelgebenden Regiments der schottischen Armee, der zu Beginn des Ersten Weltkriegs nicht mit seinen Kameraden nach Frankreich gehen darf, sondern stattdessen auf eine Sondermission nach Indien geschickt wird. Dort hat sich unter der Führung der verführerischen Yasmani (Myrna Loy) eine Rebellenarmee zusammengetan, die die britische Kolonie bedroht. Kings Aufgabe ist es, sich das Vertrauen der Frau zu erschleichen und sie und ihre Leute unschädlich zu machen. Alles ist streng geheim, und so halten Kings Kameraden ihn für einen Drückeberger, weil er ihnen den wahren Grund für seinen Rückzieher nicht nennen kann.

Diese Geschichte bietet zwar Raum für exotisch-fantasievolle Studiosettings, Kostüme und Charaktere sowie einige aufwändige Actionszenen, ist in der Umsetzung aber vor allem eins: Camp in Reinkultur. Die Inder tragen allesamt imposante Bärte und Turbane, sprechen der Einfachheit halber in einem altmodischen Englisch voller thees, thys und thous und rollen bedrohlich mit ihren verschlagenen Augen, die Rebellen leben im temple of doom und Myrna Loy liegt mit dunklen, sehnsüchtig ins Nichts starrenden Augen auf dem Diwan oder spricht in diesem salbungsvoll-poetischen Tonfall, den Hollywood auch gern für tapfere Indianer verwendet hat und der hier effektiv verhindert, dass man sie als Menschen aus Fleisch und Blut ernstnehmen kann. Die Liebesgeschichte, die sich zwischen ihr und King anbahnt, funktioniert dann auch zu keiner Sekunde. In einem bunten, übersteuerten Abenteuerschinken könnte man sich das alles gefallen lassen, aber dafür ist Ford nicht der richtige Mann bzw. hatte er hier sichtlich anderes im Sinn. Die Ernsthaftigkeit, mit der er seine Räuberpistole erzählt, fühlt sich deplatziert an. Wenn sich THE BLACK WATCH für zwei Szenen Kings Kameraden auf den europäischen Schlachtfeldern zuwendet, hat man plötzlich einen ganz anderen Film vor Augen. In nur wenigen Minuten entfaltet Ford eine physische Dramatik, die dem restlichen Mummenschanz leider total abgeht.

Wie gesagt: Sehr wahrscheinlich, dass THE BLACK WATCH in einer vernünftigen Kopie besser wegkäme, an Fords vorangegangene Großtaten würde er aber auch dann eher nicht anknüpfen können. So finde ich den Film eigentlich nur deshalb ganz interessant, weil er ein Beispiel für einen frühen Agentenfilm ist, einer der Ursprünge der späteren Bond-Filme sozusagen. Mal sehen, wie es weitergeht.