Mit ‘Mystery’ getaggte Beiträge

10287_i_affiche20orfanatoWahrscheinlich hätte ich EL ORFANATO damals sehen sollen. Guillermo del Toro war nach einer ganzen Reihe von tollen Filmen so etwas wie der Hoffnungsträger für ein märchenhaftes, erwachsenes, aber nicht zynisches, im Gegenteil eher melancholisches Genrekino, und Spanien ein Fels in europäischer Brandung, auf dem immer wieder originelle Horrorfilme gediehen. EL ORFANATO kam kurz nach del Toros EL LABERINTO DEL FAUNO in die Kinos und profitierte ganz erheblich vom Namen des mit 42 Jahren auch nicht mehr ganz so jungen Wunderkinds. Man hörte eigentlich nur Gutes über das von del Toro produzierte Regiedebüt J. A. Bayonas, und ich weiß gar nicht mehr, warum es nie zu einer Sichtung kam. Ein paar mal hielt ich bei meinen Ausflügen nach Holland die DVD in der Hand, schon bereit zu Kauf, bevor mir dann einfiel, dass spanische Filme mit niederländischen Untertiteln nicht so das Gelbe vom Ei sind. Und irgendwann geriet EL ORFANATO in Vergessenheit.

Die nach fast zehn Jahren nachgeholte Sichtung war nun nicht unbedingt ernüchternd, aber doch etwas enttäuschend, weil ich deutlich mehr erwartet hatte. Ich will das gar nicht unbedingt dem Film ankreiden, denn ich fürchte, dass sich mein Geschmack in den letzten Jahren einfach in eine Richtung entwickelt hat, die EL ORFANATO diametral entgegengesetzt ist. Bayonas Debüt ist gediegenes Erzählkino, das mich mittlerweile eher langweilt oder – um es etwas freundlicher zu formulieren – kalt lässt. Unheimlich fand ich den Film überhaupt nicht, viel eher reichlich vorhersehbar, immer den Konventionen des Geisterfilms verpflichtet und daher viel zu leer und formelhaft, um richtig zu packen. Diese Mysteryfilme um Kinder, die irgendwelche Geister sehen, und ihre Eltern, die dem Verhalten der Bälger erst belustigt, dann immer ratloser gegenüberstehen, bevor sie schließlich erkennen müssen, dass die Welt weniger geordnet ist, als sie das angenommen haben, verlaufen immer nach dem gleichen Schema und so hatte EL ORFANATO mich eigentlich schon nach zehn Minuten verloren. Ja, das Schicksal des kleinen Simón ist tragisch und verfehlt seine Wirkung nicht, aber irgendwie wirkt das auch immer etwas kalkuliert: Wen würde der sinnlose Tod eines Kindes nicht mitnehmen?

Auf dem Weg zu diesem Finale gibt es leider keine einzige Überraschung oder auch nur einen wirklich spannende Szene, dafür etabliert Bayona eine heilige Ergriffenheit, die mich schon ein wenig genervt hat. Da wird ständig Bedeutungsschwere und Emotionalität vorgespielt – und ich glaube auch, dass Bayona das alles ernst meinte – und Hauptdarstellerin Belén Rueda hat vor lauter Leid tiefe Ringe unter den Augen, der Score schwelgt in Dramatik und Trauer, aber wenn davon einfach nichts bei einem ankommt, fühlt man sich unangenehm bevormundet. To make a long story short: EL ORFANATO hat bei mir einfach nicht funktioniert. So ist das manchmal.

alice, sweet alice (alfred sole, usa 1976)

Veröffentlicht: November 14, 2016 in Film
Schlagwörter:, , , ,

asw_vhsALICE, SWEET ALICE, ein kleiner, bleicher Psychothriller mit einer überwiegend aus Unbekannten bestehenden Besetzung, genießt einen ausgezeichneten kritischen Leumund, auch wenn er seinerzeit kaum Spuren hinterließ. Sein eigentlicher „claim to fame“ ist aber die Anwesenheit der damals gerade 11-jährigen Brooke Shields, die zwei Jahre später in Louis Malles PRETTY BABY auf sich aufmerksam machen sollte und nach weiteren zwei Jahren in THE BLUE LAGOON zum feuchten Traum zahlreicher Jungs avancierte. Als sie in den frühen Achtzigern für kurze Zeit als der kommende weibliche Superstar galt, erfuhr auch ALICE, SWEET ALICE eine Neuauswertung unter dem Titel HOLY TERROR, die allerdings von genauso wenig Erfolg gekörnt war wie seine Erstauswertung. Kein Wunder: Soles Films ist nicht der Stoff, aus dem die Hits gemacht werden, noch nicht einmal die kleinen. Sein antireligiöser Psychothriller ist zu komplex, zu intelligent, zu vielschichtig und zu wenig interessiert am lauten, aber schnell wieder vergessenen scare. ALICE, SWEET ALICE (ursprünglich als COMMUNION im Kino gestartet) ist durchaus dem Horrorfilm zuzurechnen, aber genauso handelt es sich um ein Familien- und Ehedrama. Übersinnliches ist hier gänzlich abwesend – auch wenn Sole sich vor Roegs meisterlichem DON’T LOOK NOW verneigt – der Wahnsinn kommt vielmehr direkt aus dem Schoße der christlichen Familie gekrochen.

Wir schreiben die frühen Sechzigerjahre (das erkennt man an den omnipräsenten Porträts von Präsident Kennedy): Die von ihrem Mann Dom (Niles McMaster) getrennt lebende Catherine (Linda Miller) hat alle Hände voll mit der Erziehung der beiden ungleichen Schwestern Karen (Brooke Shields) und Alice (Paula Sheppard) zu tun. Karen ist brav, zierlich und folgsam, Alice hingegen forsch, ungezogen und aufbrausend: Die Bevorzugung, die Karen aufgrund dieser Eigenschaften durch die Mutter erfährt, vergrößert die Kluft nur noch und führt schließlich – anscheinend – zur Katastrophe: Bei ihrer Kommunion wird Karen umgebracht, der Verdacht fällt schnell auf ihre Schwester und erhärtet sich, als auch die von Alice verachtete Tante Annie der Messerattacke eines maskierten Unbekannten zum Opfer fällt …

Soles Film beginnt noch wie ein relativ typischer Slasher oder auch wie ein italienischer Giallo: Nur zu gut könnte man sich nach dem Mord an Karen den für beide Subgenres Sprung in die Gegenwart vorstellen, in der die Bluttat dann von einem Unbekannten gesühnt wird. Doch anstatt das makabre Spiel um eine minderjährige Psychopathin weiter auszureizen, das Kind zum Monstrum zu machen und sich an der kognitiven Dissonanz und dem Schauer zu erfreuen, der daraus erwächst, geht der Regisseur andere Wege. Er verlagert den Fokus von der vermeintlichen Mörderin auf ihre Eltern und das soziale Umfeld. Was da zum Vorschein kommt, ist nicht unbedingt erschreckend, aber doch sehr vielsagend. Der Alltag im Haus der alleinerziehenden Mutter ist freudlos und emotional unbeholfen, die Trennung zwischen ihr und dem Vater keineswegs so sauber und klar, wie es zunächst den Anschein hat. Hinzu kommt die enge Bindung an die Kirche, die zwar bei jedem Schritt involviert ist, aber den Blick für den Pädophilen eine Etage tiefer auch nicht schärfen kann. ALICE; SWEET ALICE ist auch deshalb interessant, weil er ohne jeden ätzenden Zorn, ohne Verachtung und ohne Selbstgerechtheit auskommt. Die Vertreter des Klerus sind bei ihm keine bigotten Machtmenschen, sondern selbst ziemlich bemitleidenswert, weil sie gar nicht bemerken, was aus ihren rigiden Glaubenssätzen für eine Gefahr erwächst.

Der Eindruck, den ALICE, SWEET ALICE beim Betrachter – oder wenigstens bei mir – hinterlässt, ist der einer unfassbaren Tragik. Niemand, wirklich niemand ist in der Lage, mit seinen Emotionen umzugehen, mehr noch, emotional ehrlich zu handeln. Alle an der Katastrophe Beteiligten, sind unfähig, in irgendeiner Form einzugreifen, auch nur ein einziges auf Verständigung und Verstehen abzielendes Gespräch zu führen. Nicht weil sie böse oder dumm wären: Die Mittel stehen ihnen einfach nicht zur Verfügung. ALICE, SWEET ALICE zeichnet ein sehr niederschmetterndes Bild einer Zeit, die man aus heutiger Perspektive – nicht nur wegend des damals amtierenden Präsidenten – gern verklärt. Da passte dann auch der ausgeblichene, ausgewaschene Look der Version, die mir gestern zur Sichtung vorlag, wie die Faust aufs tränende Auge. Starker Film, für den eine Sichtung nicht wirklich ausreicht. Jetzt würde ich gern noch Soles TANYA’S ISLAND sehen, in dem sich Vanity mit einem Affen vergnügt. Ich schätze mal, das wird eine andere Baustelle sein.

 

 

46698a_lgMan lernt doch nie aus: Nicht nur, dass ich diesen ultramegaerfolgreichen Film (bei Kosten von knapp 5 Millionen US-Dollar spielte er über 86 wieder ein) gestern zum ersten Mal gesehen habe, auch dass er auf einer wahren Begebenheit beruht und das Spukhaus tatsächlich existiert, war mir neu. Meine Beziehung zu Rosenbergs Kassenschlager beschränkte sich bislang auf die Parodie, die das MAD-Magazine dem Werk angedeihen lassen hatte und die die Sichtung des Films selbst meinem naseweisen Ich vor annähernd 30 Jahren wenig erstrebenswert erscheinen ließ. Spukhausfilme sind nie so ganz mein Ding gewesen und diese spezielle Sorte „respektabler“, ja „wissenschaftlicher“ Haunted-House-Filme, die sich in erster Linie an die Leser von Tratschmagazinen richten und die THE AMITYVILLE HORROR nicht unwesentlich inspiriert hat, finde ich meist besonders öde und lächerlich.

THE AMITYVILLE HORROR ist zugegebenermaßen einen Hauch besser als zeitgenössische Vertreter des Genres. Zum einen sieht er sehr gut aus, hat einen sehr schönen Score und eine gute Besetzung. Aber auch er nimmt seinen albernen Hokuspokus viel zu ernst, rettet über Umwege den lieben Gott vorm Aussterben und lässt sich elend viel Zeit, in der nichts passiert. Man kann ihm seinen Verzicht auf allzu markige Effekte auch zugute halten: Wer die Leidensgeschichte der Familie Lutz als einfaches Zeichen dafür werten möchte, dass sich die Ehepartner mit dem Kauf des Hauses kurz nach der Heirat hoffnungslos übernommen haben, bekommt von Rosenberg Beistand für seine These. Tatsächlich sind die „paranormalen“ Ereignisse überwiegend so banal, dass man sich über die Reaktionen, die sie hervorrufen, nur wundern kann. Und eine echte Bedrohung lässt sich eigentlich auch nicht ausmachen: Gut, die Pfaffen und Nonnen, die kotzend von dannen ziehen und sich erstmal ins Bettchen legen müssen, werden ganz schön mitgenommen, aber die Lutzens machen doch eigentlich noch eine ganz gute Figur. Papa George (James Brolin) gibt den Jack Torrance, sieht zunehmend mitgenommen aus und ist arg launisch, aber um sein Leben muss man genauso wenig fürchten wie um das von Gattin Kathy (Margot Kidder): Man weiß auch ohne Kenntnis des zugrunde liegenden Falls, dass der amerikanischen Traumfamilie batürlich nichts passieren wird. Am gruseligsten fand ich tatsächlich die Aussicht, dass sie 80.000 Dollar  verbrannt hat, die sie nie wieder bekommt.

Die zigtausend Leute, die den Film damals zum Kassenschlager machten und dafür sorgten, dass etliche Sequels erschienen (eines der seltsamsten Phänomene des an solchen nicht armen Horrorgenres), werden das anders gesehen haben, aber meines Meinung nach ist THE AMITYVILLE HORROR kein Stück gruselig. Dafür ist Rosenberg viel zu beschäftigt, den „Realismus“ zu betonen; er vergisst darüber, dass so ein Horrorfilm vor allem schockierend und beunruhigend sein sollte. Die Geisteraktivitäten lassen jede Stringenz vermissen, wirken episodisch und konsequenzlos, wie etwa in einer kurzen Episode, in der von einer Sekunde zur nächsten 1.500 Dollar einfach so verschwinden, dann wieder, wenn dann doch mal das große Drama bemüht wird, etwa in den Szenen um Pfarrer Delaney (Rod Steiger) und seinen Adlatus Bolen (Don Stroud), nachgerade albern. Wenn das Auto der beiden plötzich spinnt, der panische Bolen schreit, dass das Lenkrad blockiert sei, obwohl man überdeutlich sieht, dass der Wagen genau das macht, was der wie wild am Steuerrad herumkurbelnde Fahrer ihm sagt, ist das schon ein ziemlich idiotischer Moment in einem Film, der sonst betont blutarm und unterkühlt vorgeht. Auch der ziellos durch die Gegend tapernde Kriminalbeamte mit dem Cordhut und der Vorleibe für fette Zigarren wirkt wie ein Überbleibsel aus einer verworfenen Drehbuchversion. Eigentlich eine ganz hübsche Figur, aber so tut er nichts weiter, als einen eh schon überlangen Film noch länger zu machen. Und das Ende ist ein totaler Reinfall. Sollte Kino nicht aufregender als die Wirklichkeit sein?

Was mein finales Urteil angeht, bin ich dennoch etwas unentschlossen: Einerseits fand ich THE AMITYVILLE HORROR besser als erwartet, andererseits liegt das aber auch gerade daran, dass er totalen Mumpitz mit dem heiligen Ernst eines Seelsorgers verkauft. Unglaublich, dass das manche Menschen für bare Münze nahmen.

zux00rrLila Lee (Cheryl Smith) ist der blonde Engel ihrer kleinen Gemeinde und ihre glockenhelle Stimme verzückt die Kirchgänger bei der Messe – und den Prediger (Richard Blackburn), der das Mädchen bei sich aufgenommen hat, als ihr Vater, der berüchtigte Gangster Alvin Lee aus Eifersucht ihre Mutter umbrachte. Als Lila den Brief einer gewissen Lemora (Lesley Taplin) erhält, die sie zu sich einlädt, um Abschied von ihrem todkranken Vater zu nehmen, macht sich das junge Mädchen auf eine Reise in die Nacht …

LEMORA lässt sich im allerweitesten Sinne der Welle der lesbisch-erotischen, dunkelromantischen Vampirfilme zuordnen, die in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre populär waren. Mich hat er besonders an den zwei Jahre zuvor entstandenen MAIS NE NOUS DÉLIVREZ PAS DU MAL erinnert: Zwar ist Lila Lee nicht so ein Satansbraten wie die Protagonistinnen jenes Films, aber wie dort zieht sich eine Auseinandersetzung mit institutionalisierter Religion und der philosophischen Idee von Gut und Böse durch ihre Geschichte. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Filmen ist ihr Ton bzw. ihre Perspektive: LEMORA: A CHILD’S TALE OF THE SUPERNATURAL versetzt den Zuschauer in die Figur Lila Lees, sieht die sich vor ihr entfaltende, albtraumhafte Märchenwelt durch ihre Augen – eine einleuchtende Entscheidung, entspringt diese Welt doch unmittelbar ihrem Innenleben. Lila ist in dem Glauben aufgezogen worden, aufgrund ihrer Herkunft ein Kind des Teufels zu sein: Nur der Schutz des Predigers hat sie zu einem guten Menschen, ja mehr noch: einem Engel, werden lassen, der in ihrer Gemeinde nun geradezu als lebendes Beispiel für allumfassende Güte unseres Herrgotts herhalten muss. Für Lila ist das alles überhaupt nicht verständlich: Sie hat vor allem Zweifel, dass die Saat des Bösen tatsächlich ganz ausgelöscht wurde. Ihre Reise in die Nacht, in das Reich der Vampirin Lemora, die mit einer Gruppe vampirischer Kinder in einem alten Landhaus lebt, und sich gegen ihre ehemaligen Opfer zur Wehr setzen muss, die als werwolfartige Wesen den umgebenden Wald durchstreunen, konfrontiert sie mit dunklen Trieben, die auch in ihren Lenden wohnen.

Das Besondere an LEMORA ist die Bildwelt, die Regisseur Blackburn auf die Leinwand malt. Er spielt weder im 18. noch 19. Jahrhundert noch überhaupt in Europa, sondern in den Zwanziger- oder Dreißigerjahren in den US-amerikanischen Südstaaten. Die Bilder zeigen nicht den gothischen bis barocken Pomp vergleichbarer Filme, sondern sind deutlich dunkler und sparsamer, oft durch bizarre Perspektiven und spannungsreiche Bildkompositionen verzerrt, die man fast als „comichaft“ bezeichnen könnte (ich habe die Vermutung, Sam Raimi hat den Film auch gesehen, bevor er THE EVIL DEAD drehte). Die Ausleuchtung taucht alles in blaues und rotes Licht, verstärkt den Eindruck der Desorientierung, die Lila befällt noch zusätzlich. Dabei wirkt LEMORA aber nicht überstilisiert oder gar kalt: Blackburn bewahrt sich bei aller Artifizialität jene gewisse grobe Textur des Exploitationfilms, die man mit Auto- und Bahnhofskinos verbindet. Der Film ist nicht sauber und theoretisch, sondern tatsächlich dunkel, albtraumhaft und bisweilen beunruhigend. Nicht alles, was sich Blackburn vornimmt funktioniert perfekt, hier und da bröckelt der Putz. Es rumpelt und rumort im Unterholz, wenn man so will, aber genau das zeichnet LEMORA aus.

Vor Urzeiten stieß ich in Frank Trebbins damals noch postalisch geordertem Horrorfilmlexikon auf Blackburns Film: Es war damals die einzige Publikation, die LEMORA überhaupt erwähnte (zumindest von denen, die ich besaß). Heute ist er etwas einfacher zu bekommen, es gibt, wenn ich das richtig gesehen habe, sogar eine schöne Blu-ray-Veröffentlichung des Titels. Blackburn hat einen echten Kultfilm gedreht, aber einer, der immer noch unter dem Radar fliegt, eher auf Listen mit raren Filmen gelistet wird, als dass er zur Referenzgröße herangereift wäre. Er ist einfach anders, „einzigartig“ würde ich fast sagen, fällt immer wieder durchs Raster, sobald man ihn einzuordnen versucht. Das kann man nicht allzu oft behaupten. Ich habe viel erwartet und bin nicht enttäuscht, sondern sogar noch überrascht worden.

bcx3xuxAuch im anscheinend so gut erschlossenen Subgenre des Giallo gibt es sie noch, die kleinen Überraschungen und wenig besungenen Filme, die während der Siebzigerjahre nicht nach Deutschland gelangten und deshalb einer Wiederentdeckung harren. UN SUSSURRO NEL BUIO vom wenig namhaften Marcello Aliprandi – wer wie ich in den Achtzigerjahren aufwuchs, erinnert sich  vielleicht noch an seine TV-Serie DIE HÖHLENKINDER – ist so ein Fall: Statt sich einer solchen Perle anzunehmen und sie hierzulande herauszubringen, schmeißen die Labels lieber die xte Blu-ray von SUSPIRIA auf den Markt, mit limitiertem, mundgemaltem Covermotiv, von Daria Nicolodi selbstgetöpferter Sammelhülle, zweistündigem Exklusivinterview mit dem Caterer und gegenüber der letzten, vor sechs Monaten noch als „ultimativ“ bezeichneter Abtastung noch einmal verbesserter Bild- und Tonqualität. In den ignoranten USA hat man es da besser: Da liegt UN SUSSURRO NEL BUIO unter dem Titel A WHISPER IN THE DARK als DVD vor, auf dass sich der geneigte Zuschauer einen eiskalten Schauer in den Nacken kriechen lassen kann. Aliprandi hat einen Mysterygiallo gedreht, der nicht so sehr mit einem knalligen Twist überrascht, als mit gnadenloser Unausweichlichkeit herunterzieht. Und dazu eine unvergleichliche Herbstatmosphäre kreiert.

Ehepaar Camilla (Nathalie Delon) und Alex (John Phillip Law) führen mit ihren drei Kindern, der Erzieherin Françoise (Olga Bisera) und mehreren Bediensteten ein eigentlich traumhaftes Leben in einer pompösen, ausladenden Villa. Doch die Sorge um den zwölfjährigen Sohn Martino (Alessandro Poggi), der hartnäckig an seinem imaginären Freund Luca festhält, entzweit die Ehepartner langsam aber sicher und schafft immer größere Probleme im familiären Miteinander. Die Situation verschärft sich, als ein Psychologe (Joseph Cotten) hinzugezogen wird und sich die Hinweise häufen, dass Luca tatsächlich existieren könnte …

Frank Trebbin, deutscher Horrorfilmlexikonschreiber, über den ich mich schon häufiger negativ ausgelassen habe, speist auch Aliprandis Meisterwerk mit mageren zwei Pünktchen ab. Wer von seinem Giallo große Knalleffekte, blutige Morde, einen dampfenden Beatscore, viel nackte Haut und eine bescheuerte Auflösung erwartet, wird hier wahrscheinlich tatsächlich enttäuscht werden. Was sich hinter dem Phantom verbirgt, wird schon nach ca. einer Stunde aufgeklärt und von diesem Moment an, spielt Aliprando bis zum Ende nur noch die emotional-seelischen Implikationen dieser Auflösung aus. UN SUSSURRO NEL BUIO endet im Nichts. Statt einer vollständigen Bereinigung der Situation – etwa durch eine erfolgreiche Therapie Martinos oder die Vertreibung des Gespenstes – bleibt ein höchst wackliges Arrangement: Man macht gute Miene zum bösen Spiel. Der Ursprung des Problems liegt natürlich nicht bei dem unschuldigen Sohn, sondern bei den Eltern selbst, deren Verdrängung in der Gegenwart damit „belohnt“ wird, fortan für immer mit den handfesten Folgen ihres Traumas konfrontiert zu werden. Den Sprung vom vermeintlich übersinnlichen Mystery- und Geisterfilm hin zum deprimierenden Psycho- und Familiendrama schafft Aliprandi mit großer Eleganz. Man wartet auf den Geisterbahneffekt in der Schlusseinstellung, aber er bleibt aus: Stattdessen hält die Kamera von Claudio Cirillo die ganze Trauer und Einsamkeit der Mutter fest, die allein am Frühstückstisch zurückbleibt. UN SUSSURRO NEL BUIO ist auch ein Film über die unüberwindliche Kluft zwischen Vätern und Müttern, die tiefe, unerklärliche Verbindung, die letztere zu ihren Kindern haben. Und über die Schmerzen, die damit einhergehen.

Dem oft kalten Formenspiel des Giallo setzt Aliprandi Menschlichkeit und Empathie entgegen. Zwar gibt es genug „herkömmlich“ unheimliche Szenen, vor allem in der ersten Hälfte, aber wenn UN SUSSURRO NEL BUIO den Zuschauer dann in die Nacht entlässt, bleibt vor allem die Gewissheit, dass Geisteraktivität auf nie verheilende seelische Wunden bei den Hinterbliebenen zurückgeht, die bisweilen ganz greifbare Folgen für das physische Leben nach sich ziehen. Dass der Zuschauer emotional nicht außen vor bleibt, liegt an den Leistungen der Hauptdarsteller, die die peinlich überspielte Brüchigkeit des Familienglücks mit großer Sensibilität hervorkitzeln und als Menschen glaubhaft sind, sowie Aliprandis Zurückhaltung. Selbst wenn er wie etwa in einer kurzen, aber willkommenen Venedig-Sequenz auf den Spuren von Roegs DON’T LOOK NOW wandelt (mit dem er überhaupt viel gemein hat) oder seine wunderschöne Hauptdarstellerin aufgelöst im Nachthemd durch die dunkle Wildnis des nebligen Gartens taumeln lässt, bleibt er eng bei den Gefühlen seiner Protagonisten, ohne sie für den billigen Effekt zu verkaufen. Und für die Komplettisten, die weitere Argumente brauchen, sei auch Pino Donaggios toller Score erwähnt.

Wahrscheinlich ist es zu spät, UN SUSSURRO NEL BUIO in den Stand des Klassikers zu erheben, der ihm gebührt. Die Giallogeschichte ist in den Augen vieler „Eurotrash“-Fans bereits fest gefügt und lieber bleibt man bei den etablierten Namen und von den Gewinnern verfassten Narrativen. Was einem alles entgeht, wird einem bewusst, wenn man den Blick einmal schweifen lässt. Offenheit und Neugier zahlen sich immer wieder aus. Und die Geister, die einen dabei heimsuchen, begleiten einen für den Rest des Lebens.

young_sherlock_holmes-782808703-largeImmer schwierig: „Nostalgiefilme“, zu denen die nostalgische Bindung fehlt. YOUNG SHERLOCK HOLMES ist so ein Film. In den Achtzigerjahren wäre diese Spielbergproduktion, mit der das langsam den Kinderschuhen entwachsende Wunderkind eine Art jugendfreien TEMPLE OF DOOM in die Kinos brachte, genau meine Kragenweite gewesen. Gut, streng genommen war ich 1986, als er mit einer Freigabe ab 12 in die deutschen Kinos kam, immer noch zwei Jahre zu jung, aber hätte ich ihn damals zu Gesicht bekommen, ich hätte ihn bestimmt geliebt. Ein jugendlicher Held, superschlau, schlagfertig, ausgezeichnet mit dem Degen und trotz durchschnittlichem Äußeren mit hübscher Freudin ausgestattet, dazu ein treuer Sidekick, unterirdische Tempel, finstere Kulte, wahnwitzige Erfindungen und jede Menge aufwändiger Ausstattung und fantasievoller Effekte: YOUNG SHERLOCK HOLMES hat alles, was ein Heranwachsender zur Identifikation benötigt, was ihn begeistert und seine Fantasie beflügelt. Mit dem Erwachsenen sieht es da schon etwas anders aus.

Der Film, den ich bislang noch nicht kannte, hat mich dann doch eher kalt gelassen bei der gestrigen Sichtung. Ich bin einfach nicht reingekommen (was auch an äußeren Umständen gelegen haben mag), die Story war mir herzlich egal, das Staunen, auf das Spielberg und Sonnenfeld gewiss hingearbeitet haben, entsprach bei mir einem grundsätzlich wohlwollenden, aber doch eher teilnahmslosen „Ach guck mal, nett“. Ich will das YOUNG SHERLOCK HOLMES nicht ankreiden, der vieles richtig macht und seine Prämisse sehr ernst nimmt (auf jeweils einer Schrifttafel am Anfang und Ende des Films entschuldigen sich die Macher förmlich dafür, dass sie nicht auf eine Originalvorlage zurückgreifen konnten). Die Spezialeffekte sind toll und lassen einen jene Zeit zurückwünschen, in denen das meiste von dem, was man da zu Gesicht bekam, tatsächlich noch Handarbeit war. Die Kulissen – ob echt oder nachgebaut – verleihen dem Film jenen sense of place, den man bei den meisten Greenscreen-Schöpfungen vergeblich sucht, auch wenn sie noch so detailverliebt sind. Besonders hervorzuheben ist aber die Besetzung, die ohne jeden mit Gewalt reingezwungenen Star auskommt. Britische Charakterdarsteller bestimmen das Bild und sorgen mit ihren Stimmen und dem charakteristischen Akzent für Authentizität, um die sich Guy Ritchie bei seinen Vehikeln sicher weniger scherte. YOUNG SHERLOCK HOLMES lässt sich Zeit dafür, seine Charaktere einzuführen, und sein Hauptplot kristallisiert sich fast nebenbei aus dem episodischen Flow der Ereignisse heraus. Das ist alles sehr sympathisch, auch und vor allem, wenn man es mit vergleichbaren Großproduktionen von heute vergleicht, denen Stromlinienförmigkeit alles ist. Aber wie gesagt: Der Funke wollte nicht richtig überspringen. Vielleicht bin ich tatsächlich zu alt für diesen Scheiß.

11948-i-lunghi-capelli-della-morteVorab: Nachdem ich Antonio Margheritis Gothic-Horror-Masterpiece DANZA MACABRA beim dritten Terza Visione auf großer Leinwand erleben durfte, ist es kein Wunder, dass I LUNGHI CAPELLI DELLA MORTE, der von Margheriti inszenierte Nachfolger, in der Heimkinovorführung anhand einer nur guten Konservenfassung im Vergleich Federn lassen muss (auch der in dieser Form noch einmal geschaute DANZA MACABRA kam nicht mehr ganz so eindrucksvoll daher). Ich will das dem Film aber keinesfalls ankreiden: I LUNGHI CAPELLI DELLA MORTE ist eigenständiger, ungewöhnlicher, auch komplexer als der Vorgänger, aber diese dunkelromantischen Schwarzweiß-Schauerstücke brauchen einfach den dunklen Kinosaal und den entsprechenden Bildraum, um sich zu voller Kraft entfalten zu können.

I LUNGHI CAPELLI DELLA MORTE erzählt eine klassische Rache-aus-dem-Totenreich-Geschichte, geht dabei allerdings recht eigene, wenig ausgetretene und labyrinthisch verschlungene Wege. Ausgangspunkt ist ein heimtückischer Mord in der Vergangheit, der die Verbrennung der unschuldigen Adele (Halina Zalewska) als Hexe sowie einen weiteren Mord an der unliebsamen Zeugin Helen (Barbara Steele) nach sich zieht. Erstere stößt einen Fluch aus, der in der Gegenwart des Films in Form der Pest wütet, letztere kehrt aus dem Totenreich zurück, um mit der Tochter der Hingerichteten, die mit dem wahren Mörder, dem intriganten Fürstensohn Kurt (George Ardisson), verheiratet wurde, um den Fluch zu stillen, Rache zu üben. Kurt hat natürlich keine Ahnung, wer die mysteriöse schwarzhaarige Frau ist, die da eines Nachts aus dem Regen auftaucht, weil ihre Erscheinung seinem Vater (Giuliano Raffaelli), ihrem Mörder, sofort einen tödlichen Herzanfall beschert.beginnt er, mieser Drecksack, der er ist, sofort eine Liebesaffäre hinter dem Rücken seiner Gattin mit ihr …

Was sofort auffällt an I LUNGHI CAPELLI DELLA MORTE ist seine visuelle Gestaltung, die im Vergleich zu DANZA MACABRA oder anderen Schwarzweiß-Gothic-Horrors nicht den Schwarz-, sondern den Weißanteil des Bildes betont. Besonders auffällig natürlich zu Beginn, bei der Hexenverbrennung, wenn das Bild selbst förmlich abbrennt, aber auch später, in der vielleicht tollsten Einstellung des Films, als Kurt, das Schlafgemach der mysteriösen Schönen schleicht und sie dort vor einem weiß leuchtenden Himmelbett wartend antrifft. Ein Bild, dessen seltsame Kraft sich kaum begreifen und noch weniger in Worte fassen lässt, aber ein gutes Beispiel dafür ist, wie Poesie, Schönheit, Schrecken und blanker Horror in I LUNGHI CAPELLI DELLA MORTE Hand in Hand gehen. Der Zuschauer weiß natürlich, dass die Schöne eine Wiedergängerin ist, dass Kurt nicht nur mit einer Toten ins Bett steigen wird, sondern sich durch sein Verhalten immer noch tiefer in die ihm eh schon bis zum Kinn stehende Scheiße reitet. I LUNGHI CAPELLI DELLA MORTE ist auch deshalb so perfide, weil er im Zuschauer Empathie für einen Menschen weckt, der eigentlich nicht mehr zu verteidigen ist. Margheriti muss den Horroranteil des Films, seine fantastischen Elemente, deshalb auch kaum explizit ausspielen, er tut dies weitaus weniger als noch in DANZA MACABRA – die „langen Haare des Todes“, die der Titel verspricht, kommen nur einmal kurz vor -, weil er stattdessen eine den ganzen Film über anhaltende, eigentümliche, unheilvolle Stimmung verbreitet. Sie kündet von der Unausweichlichkeit des Schicksals und natürlich von Wahnsinn und Tod, die in den kaum verhohlenen Hinweisen auf Nekrophilie zusammentreffen. DANZA MACABRA ist die geschickt konstruierte Geisterbahn, die einem eine hartnäckige Gänsehaut beschert, I LUNGHI CAPELLI DELLA MORTE ist dagegen leiser, verhaltener, aber sein Schrecken kriecht tiefer, weil er sich mehr noch als der Vorgänger aus einer Angst speist, die uns allen vertraut ist.