Mit ‘Mystery’ getaggte Beiträge

In Indien wird der altgediente Colonel Loring Leigh (C. Aubrey Smith) nach einer Verhandlung vorm Militärgericht unehrenhaft entlassen. Seinen vier Söhnen Geoffrey (Richard Greene), Wyatt (George Sanders), Christopher (David Niven) und Rodney (William Henry), die er per Telegramm aus der ganzen Welt ins britische Anwesen ruft, eröffnet er, dass er Opfer eines Komplotts geworden ist. Bevor er ihnen jedoch die Details erklären kann, wird er erschossen, sein Beweismaterial entwendet. Die vier Söhne wollen den Mörder ihres Vaters dingfest machen und seinen Ruf wiederherstellen. Sie kommen einer Verschwörung der Waffenindustrie auf die Spur …

Wow. Nach nun 31 gesehenen Ford-Filmen weiß ich mittlerweile, dass man bei ihm immer mit einer Überraschung rechnen muss, dass sich immer wieder neue Facetten seines Schaffens offenbaren, er in jedem Genre zu Großem fähig und seiner Zeit dabei oft weit voraus war (und das, obwohl seine ganz großen Meisterwerke mir ja eigentlich erst noch bevorstehen), aber einen Film wie FOUR MEN AND A PRAYER hatte ich trotzdem nicht erwartet. Nicht von ihm und eigentlich auch von keinem seiner Zeitgenossen. Selbst heute würden sich nur wenige Filmemacher innerhalb des Studiosystems solche Volten erlauben, wie sie Ford hier schlägt.

FOUR MEN AND A PRAYER beginnt verhalten mit der Gerichtsverhandlung, bei der sich die Entlassung des Colonels andeutet. Nur sein Gesichtsausdruck verrät, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe aus der Luft gegriffen sind, er Opfer eines Komplotts ist, gegen das auch die beste Verteidigung machtlos sein wird. Ford erzählt, wie man das von ihm kennt, mit großer Ökonomie: Als nächstes erhalten seine vier Söhne in kurzen Szenen ihr Telegramm, lassen daraufhin alles stehen und liegen, um ihrem Vater zur Hilfe zu eilen. Der Regisseur benötigt kaum Worte, um klar zu machen, was gerade passiert, und zu verdeutlichen, welche enge Bande zwischen dem Vater und seinen Söhnen geknüpft sind. Das bewahrheitet sich im folgenden Zusammentreffen der fünf Männer, das trotz der eingehaltenen Etikette – die Söhne sprechen den Vater natürlich mit „Sir“ an – von großer, beinager greifbarer Zuneigung geprägt ist. Neben der Schauspielerleistung ist es vor allem Fords blocking dieser Szenen, mit dem es ihm gelingt, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Es sind nur wenige Minuten, die die fünf Männer zusammen haben, bevor der Vater aus dem Film scheidet, aber sie sind für das weitere Geschehen immens wichtig, weil sie seine emotionale Grundlage bilden. Und der Eindruck ist nachhaltig: Auch im weiteren Verlauf sind die Liebe, das blinde Verständnis und der unbedingte Zusammenhalt der Brüder, die angetrieben sind von dem Wunsch, den Namen ihres Vaters von der Schande des Verrats reinzuwaschen, immer greifbar.

Das ist wichtig, weil FOUR MEN AND A PRAYER nach seiner Exposition ungewöhnliche Wege geht: Nicht nur begleitet er seine Protagonisten auf der Verbrecherjagd über drei Kontinente, er verwandelt sich dabei zu einer extrem bissigen Satire mit bisweilen tiefschwarzem Humor. Den Gipfel erreicht Ford während einer längeren Sequenz im vom Bürgerkrieg gebeutelten Argentinien. Das Militär nimmt dort zuerst einen der Waffenschieber fest, um ihn höflich bis peinlich berührt zu seiner Erschießung zu führen, was der Unglücksselige hinnimmt wie eine Gehaltskürzung mit anschließender  Wurzelbehandlung. Kann man angesichts der satirischen Überspitzung noch herzhaft über die Szene lachen, vergeht es einem bei der folgenden Szene, in der dann eine Schar protestierender und unbewaffneter Zivilbürger gnadenlos umgemäht wird. Ford verlangt dem Zuschauer gerade in diesem Mittelteil einiges ab: Er geht ein hohes Tempo, der Ton schlägt binnen Sekunden von einem Extrem ins andere, so wie auf Handlungsebene das Familiäre und das Global-Politische eng miteinander verknüpft werden. David Niven erweist sich in diesem Tumult wieder einmal als brillanter Komiker, der den Clown im Anzug des weltgewandten Gentlemans, eine Figur, die ihm später zu großem Ruhm verhelfen sollte, bereits hier zur Perfektion gebracht hatte. Er hat eine unfassbare, an den Dadaismus grenzende Comedyeinlage, die ich hier nicht näher beschreiben möchte und den Film in seinem eh schon turbulenten Mittelteil nahe an die Eskalation bringt.

Ein ganz, ganz schräger, dabei immens unterhaltsamer und rasanter Film, der bei all seiner beißenden, bisweilen schmerzhaften Kritik niemals sein Herz verliert.

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THE HEARSE ist einer dieser Filme, die mir damals, als ich einen nicht unerheblichen Teil meiner Freizeit in Videotheken zubrachte, ca. hundert Mal ins Auge gefallen sind, deren Hülle ich dann hundert Mal in die Hand nahm, um zu sehen, ob die Backcoverfotos den Leihimpuls in mir würden wecken können und die ich dann hundert Mal wieder wegstellte, weil das nicht der Fall war. Heute freue ich mich darüber, solche Lücken schließen zu können, selbst wenn ich oft zu dem Schluss gelange, dass ich damals nicht wirklich etwas verpasst habe.

THE HEARSE stammt aus dem wenig besungenen Hause Crown International Pictures, das in den Siebziger- und Achtzigerjahren den Markt fleißig mit preiswerten, immer etwas unspezifischen Komödien und Horrorfilmen beackerte (oder aber als Vertrieb für anderweitig gefertigten Schlock fungierte), dabei selten wirklich Beachtliches vorlegte, aber seltsamerweise trotzdem so etwas wie einen eigenen Stil entwickelte. Zu den interessanteren Filmen der Firma zählen etwa der finstere Serienmörderfilm DON’T ANSWER THE PHONE, die schöne Teeniekomödie MY CHAUFFEUR oder der Vietnam-Heimkehrer-Schocker STANLEY sowie der aus mir völlig unerfindlichen Gründen beschlagnahmete DOUBLE EXPOSURE. THE HEARSE ist ein sehr klassischer Mystery- und Geisterfilm, der so gediegen ist, dass besonders Vergnügungssüchtige ihn wahrscheinlich als „stinklangweilig“ bezeichnen würden. Soweit würde ich zwar nicht gehen, aber um den Schlaf gebracht hat mich THE HEARSE definitiv nicht.

Die Story um die alleinstehende Jane Hardy (Trish Van Devere), die nach einem Jahr voller Schicksalsschläge Ruhe im Haus ihrer verstorbenen Tante irgendwo in der nordkalifornischen Provinz sucht, und dort nicht nur von der abweisenden Dorfgemeinschaft (darunter Joseph Cotten), sondern auch von übersinnlichen Phänomenen heimgesucht wird, gewinnt keinen Originalitätspreis. Auszeichnungswürdig ist allenfalls die Ehrfurcht gebietende Geduld, mit der George Bowers seine Geschichte erzählt. Selbst am Schluss, wenn sich die Ereignisse zuspitzen, verliert er nicht die Ruhe und endet dann, ohne allzu großen Schaden angerichtet zu haben.

Ich weiß, das klingt jetzt nicht nach viel und ich wüsste auch nicht, was ich an THE HEARSE hervorheben sollte, wenn nicht diese Gemütlichkeit, die ja auch mal ganz wohltuend sein kann. Der Film hat definitiv etwas Fernsehhaftes, er ist wenig mehr als grundsolides Handwerk und bleibt auch, wenn die Satanisten losgelassen werden, immer mit beiden Füßen fest am Boden. Das lässt sich auch über Trish Van Devere sagen – langjährige Partnerin des grummeligen George C. Scott -, die bemerkenswert souverän mit dem Spuk umgeht und eine angenehme Abwechslung von den kreischigen Scream Queens des Horrorfilms ist, die beim geringsten Zeichen von Gefahr noch nicht einmal mehr geradeaus laufen können. In einer Nebenrolle ist neben dem jungen Christopher McDonald auch Blondschöpfchen Perry Lang als jugendlicher Verehrer der Protagonistin zu sehen: Er sollte später den ziemlich geilen Dolph-Lundgren-Kracher MEN OF WAR inszenieren, der auf der nach oben offenen Erregungsskala in ganz anderen Sphären residiert als THE HEARSE.

Auch unter dem Titel THE KILLING HOUR oder, in Deutschland, als AMERICAN KILLING bekannt, handelt es sich bei Armand Mastroiannis Thriller um einen kleinen, wenig spektakulären, aber kompetent gemachten Film, der sich irgendwo zwischen den Polen „übersinnlicher Mysterygrusel“ und „dreckiger New-York-Copfilm“ einpendelt. Erster hatte seine große Zeit mit Filmen wie AMITYVILLE HORROR, AUDREY ROSE, THE EYES OF LAURA MARS schon etwas hinter sich, befruchtete aber immer noch den Exploitationfilm, letzterer taumelte seinem finsteren Höhepunkt entgegen.

New York in den Achtzigern, das war so etwas wie der Beweis für Pessimisten und Misanthropen, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, und die moderne Idee der Metropolen ein grausamer Irrtum. Religiöse Hardliner ahnten oder hofften vermutlich, dass die Folge der ständigen Horrornachrichten von steigenden Verbrechens- und Mordraten, von aufgegebenen, verfallenden Stadtvierteln und marodierenden Gangs unweigerlich die Sintflut nach sich ziehen müsse und Filmemacher wie John Carpenter setzten ins (übersteigerte) Bild, was andere bereits laut dachten: Mauer drum, Tür zu, Schlüssel wegschmeißen. Oder gleich die Bombe oben drauf. In dieses New York entführt uns THE CLAIRVOYANT.

Armand Mastroiannis Film beginnt dannn auch mit drei sadistischen Morden bzw. Leichenfunden: ein nacktes Mädchen wird aus dem Hudson gefischt, ein Mann im Swimming Pool ertränkt, eine anderer elektrifiziert. Die Kriminalbeamten Weeks (Norman Parker), Sporaco (Jon Polito), Rich (Joe Morton) und Cullum (Kenneth McMillan) haben nichts in der Hand, außer der Tatsache, dass bei allen drei Morden Handschellen zum Einsatz kamen, und sind eher genervt als wirklich frustriert. Sie kennen das schon zu Genüge. Das einzige, was sie vorerst tun können, ist Schadensbegrenzung betreiben und die Verbindung der drei Verbrechen unter Verschluss halten, um keine Panik aufkommen zu lassen. Doch der Fernsehjournalist und Talkmaster McCormack (Perry King) macht ihnen einen Strich durch die Rechnung: Er gibt Details über die Morde in seiner Call-in-Show bekannt, weil er die Chance auf eine große Karriere widmet. Dann kommt auch noch die Kunststudentin Virna Nightbourne (Elizabeth Kemp) ins Spiel: Sie verfügt über seherische Fähigkeiten und hat die Morde vorab auf ihren Bildern festgehalten …

Die Story ist zwar nicht besonders originell, aber aufgrund ihres Patchwork-Charakters auch wieder ganz interessant: Es gibt da die Konkurrenz zwischen den Bullen, die mangels Beweisen auf die Hilfe einer „Seherin“ angewiesen sind (deren Gabe sie natürlich erst einmal für Spinnerei halten) und dem Fernsehmoderator, der das Klima in der Stadt nutzt, um Stimmung zu machen. Die Wiederherstellung des Gesetzes und der Schutz der Unschuldigen spielen für ihn zwar nur eine untergeordnete Rolle, aber seine Show bietet ihm die Gelegenheit, sich zum furchtlosen Tatmenschen zu stilisieren und gleichzeitig reich und berühmt zu werden. Und seine Vorgesetzten machen natürlich nichts, weil sie letztlich doch der Meinung sind, dass die Quote jedes Mittel heiligt. McCormack ist ein Vorläufer von Robert Downey jr.s Wayne Gale aus NATURAL BORN KILLERS, der ja dann in äußerster Konsequenz gleich mit auf Mordtour ging. McCormack ist etwas braver, aber der geübte Zuschauer ahnt schon, dass er ein dunkles Geheimnis in seiner Brust spazieren trägt. Und so ist es dann auch.

THE CLAIRVOYANT ist ein bisschen unspektakulär und er könnte definitiv mehr New-York-Schmutz vertragen. Ein paarmal geht es in den Polizeigesprächen um Sexshops und Bordelle, aber zu Gesicht bekommt man diesen seedy underbelly Manhattans leider nicht. Mastroianni konzentriert sich meines Erachtens zu sehr auf den eigentlich uninteressantesten Teil der Story, nämlich die Begabung der schönen Virna (die dann auch mt beiden männlichen Protagonisten rumknutschen darf), was zulasten des grimmigen Tons geht, den er zu Beginn anschlägt. Der Film lullt ein bisschen ein, was dann aber zur Folge hat, dass die fiese Auflösung zum Schluss wieder ziemlich reinknallt. THE CLAIRVOYANT ist definitiv kein Muss, sondern ein klares Kann: Wer ihm aber eine Chance gibt, wird dies allein wegen der schönen Besetzung nicht bereuen.

Es ist gut, wenn ein Film, über den man rein gar nichts weiß, den man einfach mal so angeworfen hat, weil er gerade da war und einem nicht besseres eingefallen ist, damit beginnt, dass Richard Lynch mit Hüfthose, Hosenträgern und Ballettschuhen aus einem Kirmeswohnwagen steigt und Gymnastikübungen im Sonnenaufgang macht. THE PREMONITION hatte danach annähernd Narrenfreiheit bei mir oder zumindest einen solchen Bonus, dass ich es ihm manche Schwäche gern verziehen habe – was zugegebenermaßen immer schwieriger wurde, je näher er sich dem Ende zuneigte. THE PREMONITION ist nicht nur ein Beitrag zum Mitte/Ende der Siebzigerjahre populären New-Age-Parapsychologie-Metaphysik-Schwurbelspukfilm, eines sowieso schon ziemlich schwer tolerierbaren Genres, sondern auch noch eine echte Überzeugungstat von Director-Producer-Writer Robert Allen Schnitzer, dessen Imdb-Profil ohne Zweifel von ihm selbst geschrieben wurde, anders lassen sich solche Sätze nicht erklären: „Robert Schnitzer is Founder/CEO of Sedona, Arizona-based Elation Media, Inc., owner-operator of streaming content channels serving the Body Mind holistic consumer market.“ Äh, ja. Wenn man das liest, wundert er einen gleich viel weniger, dass THE PREMONITION jede gute Idee mit zwei immens blöden auskontert, inhaltlich ziemlich idiotisch ist und das dadurch auszugleichen versucht, dass er seinen pseudowissenschaftlichen Mumbojumbo noch bedeutungsvoller und ernsthafter behandelt als ebenfalls schon ziemlich bedeutungshuberische Filme wie etwa AUDREY ROSE. Laut der zitierten Schnitzer-Bio soll THE PREMONITION auch einen Award gewonnen haben, aber weder Imdb noch Wikipedia geben Aufschluss darüber, welcher das gewesen sein könnte. Interessant immerhin: In Schnitzers Spielfilmdebüt REBEL spielte niemand Geringeres die Hauptrolle als der damals gerade 24-Jährige Sylverster Stallone.

Zurück zu THE PREMONITION: Der geht nach der beschriebenen Eröffnung ziemlich interessant weiter. Richard Lynch ist Jude, der Geliebte und Partner Andreas (Ellen Barber), die auf der Suche nach ihrer leiblichen Tochter Janie (Danielle Brisebois) ist, die vor fünf Jahren zur Adoption freigegeben wurde. Janie wohnt bei Sheri und dem Wissenschaftler Miles Bennett (Sharon Farrell und Edward Bell): Sheri leidet unter seltsamen Albträumen und Visionen, in denen eine Frau – Andrea – ihr versucht, ihr Janie wegzunehmen. Eines Tages entdeckt sie die Frau aus ihren Träumen eines Tages an Janies Schule, wie sie versucht Kontakt mit dem kleinen Mädchen aufzunehmen. Die Situation eskaliert, als Andrea eines Nachts im Haus der Bennetts auftaucht, um Janie zu entführen und von Sheri ertappt wird. Es gelingt ihr, Andrea ohne Janie in die Flucht zu schlagen, doch einige Tage später verschwindet ihre Tochter nach einem Autounfall Sheris spurlos. Als dem Kriminalbeamten Denver (Jeff Corey) die Ideen ausgehen, zieht Miles seine Kollegin Dr. Kingsley hinzu, eine Expertin auf dem Gebiet der Parapsychologie …

Schnitzer macht zunächst sehr viel richtig: Er schenkt sich jegliche Exposition und gibt dem Zuschauer nur nach und nach die Informationen, die der braucht. Das hält das Interesse wach, weil man wissen will, was es mit Andrea und Jude eigentlich auf sich hat. Die rätselhaften Vorgänge, die man aufgrund dieses Mangels an Wissen nicht einzuordnen weiß, werden durch die sehr effektive Inszenierung, Bildsprache und Musik noch unterstützt: THE PREMONITION ist kein glatter Parapsychologiethriller, sondern bemüht eher avantgardistische Verfremdungs- und Überrumplungsstrategie, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Immer wieder brechen da Bilder über einen ein, die nicht mehr zum „objektiven“ Erzählstrang gehören, sondern einen in die Subjektive der von unverständlichen Träumen gepeinigten Sheri zwingen. Und Andrea und Jude geben ein superbes Außenseiterpärchen ab, das einen lange darüber rätseln lässt, ob man nun mit ihnen mitfühlen oder sich vor ihnen fürchten muss. Vor allem Andrea, ein Ausbund mütterlicher Neurosen, hinter deren prinzessinnengleichem Antlitz sich eine wahre Furie verbirgt, gräbt sich tief ins Gedächtnis. Leider bleibt Schnitzer nicht bei diesen beiden, sondern verlegt den Fokus gerade in der zweiten Hälfte des Film ganz auf die Bennetts und ihre Versuche, hinter die Visionen Sheris zu kommen. Das ist leider oft unangenehm melodramatisch und außerdem deutlich weniger faszinierend als Schnitzer glaubt: Ziemlich schlimm wird es immer, wenn Dr. Kingsley auftritt und mit bierernster Miene über parapsychologische und „spirituelle“ Phänomene doziert, vor allem weil man merkt, das hinter diesen Szenen auch noch so eine Art aufklärerische Intention steckt. Das Finale ist dann wirklich der Gipfelpunkt dieser Entwicklung. Was schade ist, weil THE PREMONITION mit ein bisschen mehr Zurückhaltung und weniger missionarischem Eifer wirklich das Zeug zu einem bizarren kleinen Klassiker gehabt hätte. Bizarr ist er auch so noch, allein deshalb auch ziemlich interessant, aber das Gefühl der Enttäuschung kann ich am Ende nicht ganz abschütteln. Da war so viel mehr drin. Aber wie gesagt: Der Film legt die Messlatte mit seiner Auftaktszene auch verdammt hoch …

10287_i_affiche20orfanatoWahrscheinlich hätte ich EL ORFANATO damals sehen sollen. Guillermo del Toro war nach einer ganzen Reihe von tollen Filmen so etwas wie der Hoffnungsträger für ein märchenhaftes, erwachsenes, aber nicht zynisches, im Gegenteil eher melancholisches Genrekino, und Spanien ein Fels in europäischer Brandung, auf dem immer wieder originelle Horrorfilme gediehen. EL ORFANATO kam kurz nach del Toros EL LABERINTO DEL FAUNO in die Kinos und profitierte ganz erheblich vom Namen des mit 42 Jahren auch nicht mehr ganz so jungen Wunderkinds. Man hörte eigentlich nur Gutes über das von del Toro produzierte Regiedebüt J. A. Bayonas, und ich weiß gar nicht mehr, warum es nie zu einer Sichtung kam. Ein paar mal hielt ich bei meinen Ausflügen nach Holland die DVD in der Hand, schon bereit zu Kauf, bevor mir dann einfiel, dass spanische Filme mit niederländischen Untertiteln nicht so das Gelbe vom Ei sind. Und irgendwann geriet EL ORFANATO in Vergessenheit.

Die nach fast zehn Jahren nachgeholte Sichtung war nun nicht unbedingt ernüchternd, aber doch etwas enttäuschend, weil ich deutlich mehr erwartet hatte. Ich will das gar nicht unbedingt dem Film ankreiden, denn ich fürchte, dass sich mein Geschmack in den letzten Jahren einfach in eine Richtung entwickelt hat, die EL ORFANATO diametral entgegengesetzt ist. Bayonas Debüt ist gediegenes Erzählkino, das mich mittlerweile eher langweilt oder – um es etwas freundlicher zu formulieren – kalt lässt. Unheimlich fand ich den Film überhaupt nicht, viel eher reichlich vorhersehbar, immer den Konventionen des Geisterfilms verpflichtet und daher viel zu leer und formelhaft, um richtig zu packen. Diese Mysteryfilme um Kinder, die irgendwelche Geister sehen, und ihre Eltern, die dem Verhalten der Bälger erst belustigt, dann immer ratloser gegenüberstehen, bevor sie schließlich erkennen müssen, dass die Welt weniger geordnet ist, als sie das angenommen haben, verlaufen immer nach dem gleichen Schema und so hatte EL ORFANATO mich eigentlich schon nach zehn Minuten verloren. Ja, das Schicksal des kleinen Simón ist tragisch und verfehlt seine Wirkung nicht, aber irgendwie wirkt das auch immer etwas kalkuliert: Wen würde der sinnlose Tod eines Kindes nicht mitnehmen?

Auf dem Weg zu diesem Finale gibt es leider keine einzige Überraschung oder auch nur einen wirklich spannende Szene, dafür etabliert Bayona eine heilige Ergriffenheit, die mich schon ein wenig genervt hat. Da wird ständig Bedeutungsschwere und Emotionalität vorgespielt – und ich glaube auch, dass Bayona das alles ernst meinte – und Hauptdarstellerin Belén Rueda hat vor lauter Leid tiefe Ringe unter den Augen, der Score schwelgt in Dramatik und Trauer, aber wenn davon einfach nichts bei einem ankommt, fühlt man sich unangenehm bevormundet. To make a long story short: EL ORFANATO hat bei mir einfach nicht funktioniert. So ist das manchmal.

alice, sweet alice (alfred sole, usa 1976)

Veröffentlicht: November 14, 2016 in Film
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asw_vhsALICE, SWEET ALICE, ein kleiner, bleicher Psychothriller mit einer überwiegend aus Unbekannten bestehenden Besetzung, genießt einen ausgezeichneten kritischen Leumund, auch wenn er seinerzeit kaum Spuren hinterließ. Sein eigentlicher „claim to fame“ ist aber die Anwesenheit der damals gerade 11-jährigen Brooke Shields, die zwei Jahre später in Louis Malles PRETTY BABY auf sich aufmerksam machen sollte und nach weiteren zwei Jahren in THE BLUE LAGOON zum feuchten Traum zahlreicher Jungs avancierte. Als sie in den frühen Achtzigern für kurze Zeit als der kommende weibliche Superstar galt, erfuhr auch ALICE, SWEET ALICE eine Neuauswertung unter dem Titel HOLY TERROR, die allerdings von genauso wenig Erfolg gekörnt war wie seine Erstauswertung. Kein Wunder: Soles Films ist nicht der Stoff, aus dem die Hits gemacht werden, noch nicht einmal die kleinen. Sein antireligiöser Psychothriller ist zu komplex, zu intelligent, zu vielschichtig und zu wenig interessiert am lauten, aber schnell wieder vergessenen scare. ALICE, SWEET ALICE (ursprünglich als COMMUNION im Kino gestartet) ist durchaus dem Horrorfilm zuzurechnen, aber genauso handelt es sich um ein Familien- und Ehedrama. Übersinnliches ist hier gänzlich abwesend – auch wenn Sole sich vor Roegs meisterlichem DON’T LOOK NOW verneigt – der Wahnsinn kommt vielmehr direkt aus dem Schoße der christlichen Familie gekrochen.

Wir schreiben die frühen Sechzigerjahre (das erkennt man an den omnipräsenten Porträts von Präsident Kennedy): Die von ihrem Mann Dom (Niles McMaster) getrennt lebende Catherine (Linda Miller) hat alle Hände voll mit der Erziehung der beiden ungleichen Schwestern Karen (Brooke Shields) und Alice (Paula Sheppard) zu tun. Karen ist brav, zierlich und folgsam, Alice hingegen forsch, ungezogen und aufbrausend: Die Bevorzugung, die Karen aufgrund dieser Eigenschaften durch die Mutter erfährt, vergrößert die Kluft nur noch und führt schließlich – anscheinend – zur Katastrophe: Bei ihrer Kommunion wird Karen umgebracht, der Verdacht fällt schnell auf ihre Schwester und erhärtet sich, als auch die von Alice verachtete Tante Annie der Messerattacke eines maskierten Unbekannten zum Opfer fällt …

Soles Film beginnt noch wie ein relativ typischer Slasher oder auch wie ein italienischer Giallo: Nur zu gut könnte man sich nach dem Mord an Karen den für beide Subgenres Sprung in die Gegenwart vorstellen, in der die Bluttat dann von einem Unbekannten gesühnt wird. Doch anstatt das makabre Spiel um eine minderjährige Psychopathin weiter auszureizen, das Kind zum Monstrum zu machen und sich an der kognitiven Dissonanz und dem Schauer zu erfreuen, der daraus erwächst, geht der Regisseur andere Wege. Er verlagert den Fokus von der vermeintlichen Mörderin auf ihre Eltern und das soziale Umfeld. Was da zum Vorschein kommt, ist nicht unbedingt erschreckend, aber doch sehr vielsagend. Der Alltag im Haus der alleinerziehenden Mutter ist freudlos und emotional unbeholfen, die Trennung zwischen ihr und dem Vater keineswegs so sauber und klar, wie es zunächst den Anschein hat. Hinzu kommt die enge Bindung an die Kirche, die zwar bei jedem Schritt involviert ist, aber den Blick für den Pädophilen eine Etage tiefer auch nicht schärfen kann. ALICE; SWEET ALICE ist auch deshalb interessant, weil er ohne jeden ätzenden Zorn, ohne Verachtung und ohne Selbstgerechtheit auskommt. Die Vertreter des Klerus sind bei ihm keine bigotten Machtmenschen, sondern selbst ziemlich bemitleidenswert, weil sie gar nicht bemerken, was aus ihren rigiden Glaubenssätzen für eine Gefahr erwächst.

Der Eindruck, den ALICE, SWEET ALICE beim Betrachter – oder wenigstens bei mir – hinterlässt, ist der einer unfassbaren Tragik. Niemand, wirklich niemand ist in der Lage, mit seinen Emotionen umzugehen, mehr noch, emotional ehrlich zu handeln. Alle an der Katastrophe Beteiligten, sind unfähig, in irgendeiner Form einzugreifen, auch nur ein einziges auf Verständigung und Verstehen abzielendes Gespräch zu führen. Nicht weil sie böse oder dumm wären: Die Mittel stehen ihnen einfach nicht zur Verfügung. ALICE, SWEET ALICE zeichnet ein sehr niederschmetterndes Bild einer Zeit, die man aus heutiger Perspektive – nicht nur wegend des damals amtierenden Präsidenten – gern verklärt. Da passte dann auch der ausgeblichene, ausgewaschene Look der Version, die mir gestern zur Sichtung vorlag, wie die Faust aufs tränende Auge. Starker Film, für den eine Sichtung nicht wirklich ausreicht. Jetzt würde ich gern noch Soles TANYA’S ISLAND sehen, in dem sich Vanity mit einem Affen vergnügt. Ich schätze mal, das wird eine andere Baustelle sein.

 

 

46698a_lgMan lernt doch nie aus: Nicht nur, dass ich diesen ultramegaerfolgreichen Film (bei Kosten von knapp 5 Millionen US-Dollar spielte er über 86 wieder ein) gestern zum ersten Mal gesehen habe, auch dass er auf einer wahren Begebenheit beruht und das Spukhaus tatsächlich existiert, war mir neu. Meine Beziehung zu Rosenbergs Kassenschlager beschränkte sich bislang auf die Parodie, die das MAD-Magazine dem Werk angedeihen lassen hatte und die die Sichtung des Films selbst meinem naseweisen Ich vor annähernd 30 Jahren wenig erstrebenswert erscheinen ließ. Spukhausfilme sind nie so ganz mein Ding gewesen und diese spezielle Sorte „respektabler“, ja „wissenschaftlicher“ Haunted-House-Filme, die sich in erster Linie an die Leser von Tratschmagazinen richten und die THE AMITYVILLE HORROR nicht unwesentlich inspiriert hat, finde ich meist besonders öde und lächerlich.

THE AMITYVILLE HORROR ist zugegebenermaßen einen Hauch besser als zeitgenössische Vertreter des Genres. Zum einen sieht er sehr gut aus, hat einen sehr schönen Score und eine gute Besetzung. Aber auch er nimmt seinen albernen Hokuspokus viel zu ernst, rettet über Umwege den lieben Gott vorm Aussterben und lässt sich elend viel Zeit, in der nichts passiert. Man kann ihm seinen Verzicht auf allzu markige Effekte auch zugute halten: Wer die Leidensgeschichte der Familie Lutz als einfaches Zeichen dafür werten möchte, dass sich die Ehepartner mit dem Kauf des Hauses kurz nach der Heirat hoffnungslos übernommen haben, bekommt von Rosenberg Beistand für seine These. Tatsächlich sind die „paranormalen“ Ereignisse überwiegend so banal, dass man sich über die Reaktionen, die sie hervorrufen, nur wundern kann. Und eine echte Bedrohung lässt sich eigentlich auch nicht ausmachen: Gut, die Pfaffen und Nonnen, die kotzend von dannen ziehen und sich erstmal ins Bettchen legen müssen, werden ganz schön mitgenommen, aber die Lutzens machen doch eigentlich noch eine ganz gute Figur. Papa George (James Brolin) gibt den Jack Torrance, sieht zunehmend mitgenommen aus und ist arg launisch, aber um sein Leben muss man genauso wenig fürchten wie um das von Gattin Kathy (Margot Kidder): Man weiß auch ohne Kenntnis des zugrunde liegenden Falls, dass der amerikanischen Traumfamilie batürlich nichts passieren wird. Am gruseligsten fand ich tatsächlich die Aussicht, dass sie 80.000 Dollar  verbrannt hat, die sie nie wieder bekommt.

Die zigtausend Leute, die den Film damals zum Kassenschlager machten und dafür sorgten, dass etliche Sequels erschienen (eines der seltsamsten Phänomene des an solchen nicht armen Horrorgenres), werden das anders gesehen haben, aber meines Meinung nach ist THE AMITYVILLE HORROR kein Stück gruselig. Dafür ist Rosenberg viel zu beschäftigt, den „Realismus“ zu betonen; er vergisst darüber, dass so ein Horrorfilm vor allem schockierend und beunruhigend sein sollte. Die Geisteraktivitäten lassen jede Stringenz vermissen, wirken episodisch und konsequenzlos, wie etwa in einer kurzen Episode, in der von einer Sekunde zur nächsten 1.500 Dollar einfach so verschwinden, dann wieder, wenn dann doch mal das große Drama bemüht wird, etwa in den Szenen um Pfarrer Delaney (Rod Steiger) und seinen Adlatus Bolen (Don Stroud), nachgerade albern. Wenn das Auto der beiden plötzich spinnt, der panische Bolen schreit, dass das Lenkrad blockiert sei, obwohl man überdeutlich sieht, dass der Wagen genau das macht, was der wie wild am Steuerrad herumkurbelnde Fahrer ihm sagt, ist das schon ein ziemlich idiotischer Moment in einem Film, der sonst betont blutarm und unterkühlt vorgeht. Auch der ziellos durch die Gegend tapernde Kriminalbeamte mit dem Cordhut und der Vorleibe für fette Zigarren wirkt wie ein Überbleibsel aus einer verworfenen Drehbuchversion. Eigentlich eine ganz hübsche Figur, aber so tut er nichts weiter, als einen eh schon überlangen Film noch länger zu machen. Und das Ende ist ein totaler Reinfall. Sollte Kino nicht aufregender als die Wirklichkeit sein?

Was mein finales Urteil angeht, bin ich dennoch etwas unentschlossen: Einerseits fand ich THE AMITYVILLE HORROR besser als erwartet, andererseits liegt das aber auch gerade daran, dass er totalen Mumpitz mit dem heiligen Ernst eines Seelsorgers verkauft. Unglaublich, dass das manche Menschen für bare Münze nahmen.