Mit ‘Natalie Portman’ getaggte Beiträge

So wie ich das mitbekommen habe, war ANNIHILATION im vergangenen Jahr hierzulande vor allem deshalb mediales Gesprächsthema, weil Netflix sich weigerte, den von EX MACHINA-Regisseur Alex Garland inszenierten Film an deutsche Kinos zu verleihen, auch wenn diese explizit den Wunsch äußerten, ihn zu zeigen. In meiner Social-Media-Blase schloss sich daran eine bis heute nicht wirklich abgeebbte Diskussion über das Geschäftsgebaren von Netflix, die Pros und Contras von Streaming-Portalen, die Zukunft des Kinos sowie darüber, wie man denn Film nun „richtig“ zu sehen habe, an. Über den Film wurde dabei meines Wissens eher nicht gesprochen: Wie denn auch, es hatte ihn ja bis zu diesem Zeitpunkt noch niemand sehen können. Aber es schien klar, dass ANNIHILATION im Idealfall in deutschen Kinos gezeigt werden solle (vor allem, da ja eine offenkundige Nachfrage danach bestand), weil Film nun einmal auf die große Leinwand gehöre – und natürlich, weil das in den USA und Großbritannien auch möglich gewesen war. Allerdings hatte Garlands Film sein mit 40 Millionen Dollar nicht eben übermäßig beeindruckendes Budget in den USA nicht annähernd wieder eingespielt: Wahrscheinlich nur ein weiteres Argument für Netflix, von einer kostenintensiven Kinoauswertung abzusehen

ANNIHILATION basiert auf dem gleichnamigen ersten Band der von Jeff VanderMeer verfassten Southern-Reach-Trilogie. Im Zentrum der Geschichte steht die Biologin Lena (Natalie Portman), deren Ehemann, der Soldat Kane (Oscar Isaac), auf eine rätselhafte Mission geschickt wird, von der er erst ein Jahr später völlig verändert zurückkehrt – und dann verwirrt und blutspuckend zusammenbricht. Die Wissenschaftlerin Ventress (Jennifer Jason Leigh) erklärt Lena, was vorgefallen ist: Kane war Teil eines Erkundungstrupps, der in das sogenannte „Shimmer“ geschickt wurde, einer Art sich langsam aber unaufhörlich ausbreitender Dunstglocke wahrscheinlich außerirdischen Ursprungs. Lena erklärt sich bereit, mit vier anderen Frauen ebenfalls ins Shimmer vorzudringen, um herauszufinden, was dort mit ihrem Mann passierte. Hinter dem Vorhang finden die Frauen eine völlig veränderte Welt vor, in der die Gene aller Lebewesen immer wieder neu kombiniert werden und zu bizarren Mutationen führen …

Alex Garland widmet sich mit ANNIHILATION einer Spielart der Science Fiction, die eher nicht im Mainstream beheimatet ist. Als Vergleich fallen Filme wie Tarkowskis STALKER oder SOLARIS sowie Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY (oder auch Aronofskys THE FOUNTAIN) ein: Filme, in denen es nicht in erster Linie um Action und die Zurschaustellung von Technik geht, sondern um die Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen und das Erzeugen einer bestimmten Atmosphäre. Letzteres bewerkstelligt Garland vor allem mithilfe seines Scores, der introvertierten Singer/Songwriter-Pop, fremdartige Soundcollagen und experimentell anmutende Synthie- und Elektroklänge maximal effektiv miteinander kombiniert. ANNIHILATION konfrontiert den Betrachter nicht mit Spektakel, sondern nimmt ihn an der Hand und geleitet ihn behutsam in diese fremde Welt, die sich wie ein Traum vor ihm eröffnet. So entfaltet der Film eine meditative Stimmung, die sehr gut zur Haltung Lenas passt. Die Expedition führt die Protagonistin in eine andere Welt, ja, aber gleichzeitig tritt sie auch eine Reise in ihr eigenes Innenleben an. Die rätselhafte Präsenz wirft ihre Wahrnehmung durcheinander, verändert ihr Zeitempfinden sowie schließlich ihren Körper und ihr gesamtes Sein. Sind die Lena und der Kane, die das Shimmer am Ende anscheinend gesund verlassen, tatsächlich noch die Menschen, die es betreten haben?

Die titelgebende „Auslöschung“ – so die deutsche Übersetzung des Originaltitels – findet gleich auf mehreren Ebenen statt: Sie bezieht sich zum einen ganz einfach auf die existenzielle Bedrohung, die von der außerirdischen Dunstglocke und den unter ihr beheimateten Kreaturen ausgeht, aber noch vielmehr überhaupt auf die Auflösung jeglicher trennender Elemente zwischen den die Welt bewohnenden Organismen. Im Shimmer, so bemerken die Forscherinnen, ist alles eins, bestimmt ein allem übergeordneter Strukturwille die Gestalt aller Lebewesen. Es ist die radikale Interpretation des einleitenden Off-Kommentars Lenas, die darüber referiert, dass alles irdische Leben auf eine einzelne Zelle zurückzuführen ist. In gewisser Weise ist ANNIHILATION ein religiöser Film, der einer Art aufgeklärtem, naturwissenschaftlich unterfüttertem Pantheismus anhängt. Der Mensch ist eingewoben in ein riesiges Geflecht des Lebens, aus demselben Stoff wie die Bäume, Pflanzen und Tiere, die ihn umgeben. Schon diese Erkenntnis ist Teil der „Auslöschung“, weil der Mensch mit dem Wissen über seine „Verflechtung“ auch akzeptiert, dass er nur ein fließender Teil eines größeren Ganzen ist, „Bewusstsein“ und „Individualität“ im Grunde nur Illusionen, die ihm das genetische Programm einimpft. Während die Todesschreie der Forscherin Sheppard (Tuva Novotny), die von einer Kreuzung aus Bär und Wildschwein zerrissen wird, fortan als verzerrtes Röhren aus dessen Maul dringen und sich Lena am Ende einem außerirdischen Spiegelbild ihrer selbst stellt, wählen die todkranke Expeditionsleiterin Ventress und die Programmiererin Radek (Tessa Thompson) die freiwillige Auflösung: Vendress explodiert förmlich in Licht, Radek verschwindet ganz einfach vom Erdboden, der sie wahrscheinlich in sich aufgenommen hat. Ob man das nun für esoterischen Kokolores oder anregende Wissenschaftsphilosophie hält, sei mal dahingestellt. Es spricht nämlich Einiges dafür, dass Garland seinen Stoff als überaus treffende Verbildlichung von Trauerarbeit und Traumabewältigung betrachtete, es ihm mithin gar nicht so sehr um eine außerirdische Bedrohung oder naturwissenschaftliche Spekulationen ging, sondern vor allem um psychische Prozesse. So hatte ich gegen Ende des Films sogar die Befürchtung, ANNIHILATION könne mit einem gar nicht mal so überraschenden Plottwist alle Phänomene, die er vorher so prachtvoll ins Bild gerückt hatte, als Halluzinationen Lenas enttarnen, einer Frau, die den Tod ihres geliebten Ehemanns einfach nicht verarbeiten konnte. Zum Glück geht Garland nicht so weit, aber er lässt diese Interpretation als Möglichkeit gewissermaßen mitlaufen. Dieses gleichberechtigte Nebeneinander von Innen und Außen zeichnet ANNIHILATION aus und es passt natürlich zu einer außerirdischen Intelligenz, die alles Leben in einem gigantischen Prisma spiegelt und vervielfacht.

Mir hat ANNIHILATION ausgezeichnet gefallen: Ich mochte seine Stimmung, diese gleichgültige Stille, die den Film gefangen nimmt, und dass seine durchaus happigen Effektszenen immer als Akzente gesetzt werden, den schlafwandlerischen Rhythmus des Films aber nie auflösen. Es gelingt Garland meines Erachtens ausgezeichnet, ein Gefühl der Fremdartigkeit und des Unbegreiflichen in Bild und Ton einzufangen, ohne dabei in die totale Abstraktion abzugleiten. Der Film bleibt durch seine Erdung in einem für jeden nachvollziehbaren emotionalen Konflikt immer greifbar, auch wenn er sich in die Sphäre eines Gedankenexperiments erhebt. Mit markanten Bildern geizt ANNIHILATION zwar nicht, dennoch fühlte ich mich von ihm nie angesprungen oder überrumpelt. Während andere Genrefilme oft in die Falle tappen, die im Plot gemachten Versprechungen durch Überexposition mit halbgaren CGI nicht einlösen zu können, möchte man bei ANNIHILATION eher mehr von dieser rätselhaften Welt und den Schöpfungen, die sie hervorbringt, sehen. Ob aus den ursprünglich wahrscheinlich angedachten Fortsetzungen indes etwas wird, erscheint nach dem mäßigen Erfolg eher fraglich. Ob die Produzenten noch einmal bereit sind, tief in die Tasche zu greifen? Wobei „tief“ eh relativ ist, denn ANNIHILATION wurde gemessen an Exzessen wie jenen des MCU nahezu für Peanuts produziert. Ich bin mir nach der Betrachtung auch gar nicht mehr so sicher, ob die Entscheidung, ihn ins Kino zu bringen, nicht eher nachträglich gefällt wurde: Speziell in den Dialogszenen sieht ANNIHILATION sehr fernsehmäßig aus, farbarm und matschig in den dunklen Tönen. Es ist der einzige echte Kritikpunkt, den ich habe.

 

 

 

Der von Kenneth Branagh inszenierte Vorgänger sah im Vorfeld aus, wie ein Film, den man schnell und ohne große Überzeugung rausgehauen hatte, weil der nordische Donnergott eben auch zum THE AVENGERS-Franchise gehörte. Thor war ja immer eine besonders anachronistische Figur, die sich für ein „gritty“ Reboot deutlich weniger eignet als seine Superheldenkollegen. Glücklicherweise versuchte man es dann auch gar nicht erst, ihn irgendwie „relevant“ zu machen: Klar, das Altenglisch, in denen Odins Sohn in den Comics früher stets parlierte, suchte man im Film vergebens, trotzdem vermied Branagh es, dem Stoff seine trashige Albernheit gänzlich auszutreiben. Zwischen den ganzen bedeutungsschwer aufgeplusterten Marvel-Verfilmungen blieb er trotz Multimillionen-Dollar-Budget immer noch tief im naiven, infantile Charme der Comic verwurzelt. THOR: THE DARK WORLD, der wie der zur Zeit anlaufende CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER zur zweiten Welle des Avengers-Filmzyklus gehört, bewahrt zwar von ersten Teil den Humor und das Wissen, dass der Titelheld im Grunde genommen eine ziemlich alberne Figur ist, aber er ist vor allem bemüht, diese Erkenntnis im großen, pathetischen Tamtam zu ersäufen, ohne dem auf der Storyseite wirklich etwas entgegensetzen zu können.

Während der „Convergence“, einer Zeit, in der die neun Dimensionen der Erde – zu denen eben auch Thors Heimat Asgard gehört – miteinander verbunden sind, entdeckt die Wissenschaftlerin Jane Foster (Natalie Portman) in London das für verschollen gehalten „Aether“, eine kosmische Kraft, die der Dunkelelf Malakith (Christopher Eccleston) in grauer Vorzeit zur Zerstörung Asgards nutzen wollte. Das „Aether“ ergreift Besitz von Jane und ruft sowohl Thor (Chris Hemsworth) als auch Malekith auf den Plan. Asgard sieht sich einem erneuten Angriff des Schurken gegenüber, dem Thors Mutter Frigga (Rene Russo) zum Opfer fällt. Gemeinsam mit seinem intriganten Bruder Loki (Tom Hiddleston) kann Thor dem Dunkelelf eine erste Schlappe zufügen, der echte Showdown ereignet sich dann von London aus quer durch die mit Wurmlöchern verbundenen Dimensionen …

Spielte der erste Teil überwiegend in einem schmucklos aussehenden Wüstenkaff in New Mexico, entführt uns THOR: THE DARK WORLD über weite Strecken nach Asgard und die angrenzenden Fantasiewelten. Mit viel CGI-Power wird die fantastische Welt als Hybrid von Fantasy- und Science-Fiction-Welten sowie alten Wikinger- und Mittelalter-Monumentalschinken hochgezogen, erinnert am Ende aber doch nur ungut an den Bombast von Peter Jacksons LORD OF THE RINGS. Asgard erscheint als architektonische Mischung aus der Elfenstadt Rivendell und der Wolkenmetropole Bespin in THE EMPIRE STRIKES BACK, die Welt der Dunkelelfen sieht aus wie Mordor in klein, Malekiths drohend in den schwarzen Himmel ragendes Raumschiff ersetzt Saurons Turm Barad-dûr. Doch all der Pomp läuft irgendwie ins Leere: Das „Aether“ ist eine komplette Leerstelle, genau wie Janes Besessenheit durch die mystische Kraft und der Schurke Malekith, und man fragt sich, wie viele Marvel-Filme noch um irgendein uraltes Artefakt zur Beherrschung des Universums kreisen sollen, bevor sich die Dutzenden von Drehbuchautoren, die da beschäftigt werden, mal eine richtige Geschichte einfallen lassen. Klar, auch die Comics kreisen meist um archetypische Konflikte und ihre bunten Figuren, aber die durften da über die Jahre wenigstens so etwas wie Persönlichkeit aufbauen. Hier werden sie achtlos in den Tumult geworfen, der lediglich Anlass für vordergründiges Spektakel ist. Das macht durchaus Spaß und hat Tempo, vor allem zum Schluss hin, wenn Taylor den Effektbombast immer wieder mit kleinen Gags auflockert – im tollsten Moment des Films hängt Thor seinen Hammer an die Garderobe der Studentenbude, die er in London betritt –, ist größtenteils aber leer und austauschbar. Dabei sind Thor und sein Bruder Loki durchaus interessante Figuren, die ihr Potenzial immer wieder andeuten dürfen, bevor die nächste Verfolgungsjagd, der nächste Kampf, die nächste Explosion sie zu bloßen Körpern degradieren. Ich finde es durchaus lobenswert, dass mit Thor ein Franchise aufgebaut wurde, das gerade im Kontrast zu den moderneren, mehr in unserer Realität verhafteten Captain America oder Iron Man steht: Den Camp-Appeal, der die Comics Legionen Halbwüchsiger ans Herz schweißt, bildet das Herz von THOR: THE DARK WORLD. Gerade deshalb finde ich es so schade, dass er dafür keine visuelle Entsprechung findet, den kindischen Spaß in respektabel-generischer Computerperfektion erstickt, anstatt ihm ein bonbonfarbenes Denkmal zu errichten.

 

 

Nach dem Abtritt der Startänzerin des New Yorker Balletts sucht der Regisseur Thomas Leroy (Vincent Cassel) eine Hauptdarstellerin für seine neuartige Interpretation von Tschaikowskis „Schwanensee“. Die neurotische Nina Sayers (Natalie Portman), die immer noch mit ihrer wachsamen Mutter (Barbara Hershey) zusammenlebt, macht sich Hoffnungen, scheitert jedoch immer wieder an der Rolle des schwarzen Schwans. Zu kontrolliert, zu wenig verführerisch sei ihre Darbietung, kritisiert Thomas und fordert von ihr loszulassen, sich zu verlieren. Dabei hilft ihr schließlich die Mittänzerin Lily (Mila Kunis): Doch je mehr sich Nina von ihren Zwängen befreit, umso mehr driftet sie in Wahnvorstellungen ab …

Hmmm. Wie schon bei Aronofskys THE WRESTLER fühle ich mich auch nach BLACK SWAN reichlich underwhelmed. Von den vielen euphorischen Kritiken, die einen visionären und verstörenden Film beschrieben, habe ich mich nach der Erfahrung von THE WRESTLER gar nicht zu sehr beeindrucken lassen, zumal es in meinem weiteren Bekanntenkreis auch einige weniger begeisterte Reaktionen gab, aber die Einfalt, mit der die Geschichte der verhärmten Balletttänzerin Nina Sayers teilweise dargeboten wird, hat mich dann doch ziemlich überrascht. Aronofskys Film handelt von dem Konflikt zwischen dem, was Nietzsche als das apollinische und das dionysische Prinzip identifiziert hat: Nina ist fast ausschließlich Geist, Ratio und Kontrolle, um die Rolle des schwarzen Schwans meistern zu können, muss sie aber genau das Gegenteil werden, nämlich Körper, Wahn und Rausch. Etwas, das ihr nahezu unmöglich ist, weil sie ihren Körper doch mit Skepsis, wenn nicht sogar mit Abscheu betrachtet. Die Selbstaufgabe, die dazu nötig ist, diese Barriere zu überwinden, zerstört Nina letzten Endes vollständig. Sie muss sterben, damit der schwarze Schwan lebendig werden, sie als Tänzerin triumphieren kann.

Der „Schwanensee“ liefert mit seiner Geschichte einer unschuldigen Schwanenkönigin und ihrer dunklen Widersacherin eine geeignete Basis, um den philosophischen Essay über den Gegensatz von Körper und Geist und die Frage, inwiefern man ein anderer werden und dabei trotzdem seine Identität wahren kann, in Bilder zu kleiden – und das Ballett ein passendes Sujet, das selbst im Spannungsfeld zwischen den Extremen von Kontrolle und Freiheit, Disziplin und Inspiration existiert. Aber Aronofsky geht es gar nicht um den Ballettbetrieb. Er interessiert ihn nur insoweit, als er eine Bildwelt bereitstellt, die zu seinem Thema passt. Trotzdem war ich erstaunt, wie klischeehaft und oberflächlich das alles ist. Die ganze Geschichte ist nur auf den Zusammenbruch Ninas hinkonstruiert, ohne sich dabei allzu lang mit Plausibilität aufzuhalten.

Die Klischees sind zahlreich: Nina ist magersüchtig und hat Angst vor ihrer eigenen Körperlichkeit, Sexualität ist für sie lediglich eine Quelle der Scham, etwas über das sie nicht nachdenken kann, ohne zu erröten oder sich unwohl zu fühlen. Ihre Mutter ist eine Kontrollfanatikerin, die ihre Tochter benutzt, um die eigene gescheiterte Karriere zu kompensieren: eine Karriere, die natürlich durch die Schwangerschaft mit Nina beendet wurde. Sie mahnt Nina zur Disziplin, steht wie ein Wärter bereit, wenn ihre Tochter mal zu spät nach Hause kommt, belohnt sie bei Erfolgen mit einer Sahnetorte und ist beleidigt, wenn sie darauf keinen Appetit hat. Regisseur Thomas ist einer jener Künstler, die Menschlichkeit bedingungslos der eigenen Vision und dem Erfolg unterordnen: Schonungslos knallt er der zerbrechlichen Tänzerin seine Meinung an den Kopf, steckt ihr auch schon mal die Zunge in den Hals, um sie aus der Reserve zu locken. Er weiß ganz genau, was er will, aber seine Entscheidung, die neurotische Nina entgegen seiner richtigen Einschätzung ihrer Fähigkeiten in der Doppelrolle zu besetzen, ergibt nur vor dem Hintergrund seines diabolischen Bedürfnisses, Menschen wie Schachfiguren zu benutzen, einen Sinn, widerspricht sowohl seinem künstlerischen Instinkt als auch seinem Wissen um die kommerzielle Bedeutung seines Stücks für das Haus, für das er arbeitet. Und die tätowierte Lily fungiert als Verführerin und Versucherin für Nina, nimmt sie mit in Bars, verkuppelt sie mit Jungs, bietet ihr Drogen an und erregt schließlich amouröse Gefühle in der verwirrten jungen Frau. Dabei bleibt einerseits unklar, was die ungezwungene Lily überhaupt an der verschlossenen und steifen Nina interessiert, wirkt es andererseits wenig glaubwürdig, dass Lily es mit ihrem Lebenswandel an die Spitze des Balletts geschafft hat. Jedes einzelne dieser Klischees ist verschmerzbar: Aber in der Anhäufung muss man den Drehbuchautoren eine gewisse Faulheit bescheinigen, die Probleme, die ihnen ihre Geschichte stellte, auf kreative Art und Weise lösen zu wollen.

Was an BLACK SWAN ohne Frage begeistert, ist seine formale Gestaltung und das entbehrungsreiche Spiel Natalie Portmans. Visuell ist Aronofskys Film unheimlich reich, ohne dabei jemals überladen zu wirken. Sowohl Kameramann Libatique als auch die Effektkünstler arbeiten sehr effizient, erreichen viel mit kleinen Mitteln, anstatt den Zuschauer unter Dauerbeschuss zu nehmen und zu überwältigen. Die Transformationseffekte, denen Natalie Portman etwa unterworfen wird, sind bis zum Finale sehr subtil: Wenn man zwinkert, übersieht man sie. Mittlerweile klischierte Kameraeffekte, die Aronofksy mit REQUIEM FOR A DREAM zu etablieren noch mitgeholfen hatte, sucht man weitestgehend vergebens. Das herannahende Unheil bricht bis zum Schluss nicht deutlich hervor, stattdessen brodelt es unter der Oberfläche des Films, die nur manchmal durchlässig wird für die Signale, die andeuten, was da kommen wird. Und so sehr man auch von Beginn an weiß, wie BLACK SWAN ausgehen wird, sind es die letzten Einstellungen, die dann in einer Form überraschen und emotional einnehmen, die Aronofksy sonst leider zu selten anstrebt. Ein guter Film sicherlich. Das Meisterwerk, das so viele in ihm gesehen haben wollen, ist BLACK SWAN aber genauso wenig wie THE WRESTLER.

Weil Thor (Chris Hemsworth), Sohn Odins (Anthony Hopkins) und Anwärter auf den Thron von Asgard, einen Krieg gegen die „Frost Giants“ aus Jotunheim anzettelt, wird er von seinem Vater auf die Erde verbannt und seiner Kräfte beraubt. Während er in einem kleinen Kaff in New Mexico die Wege der Wissenschaftlerin Jane Foster (Natalie Portman) kreuzt und sein Hammer Mjolnir das Interesse der Organisation S.H.I.E.L.D. weckt, arbeitet sein Halbbruder Loki (Tom Hiddleston) zu Hause daran, die Macht zu übernehmen …

Als Fan des Marvel-Helden Thor muss man für gewöhnlich viel Spott über sich ergehen lassen. Mit seinem pompösen Gehabe, seinen blonden langen Haaren und der gestelzten Diktion (in den englischen Originalversionen der Comics sind seine Dialogzeilen vollgestopft mit „thou“s und „thy“s) ist der nordische Donnergott zwischen all den Mutanten, genialen Wissenschaftlern und menschlichen Tough Guys, die das Marvel-Universum bevölkern, ein krasser Außenseiter. Eine Verfilmung der Comicreihe – der Marvel wohl auch deshalb eine Zwangspause verordnet hat, weil Thor bestehenden Coolness-Konzepten diametral entgegengesetzt ist – war von daher denkbar schwierig. Während sich seine Superheldenkollegen je nach vorherrschenden Trends rebooten und umkonfigurieren lassen, gibt es bei Thor im entscheidenden Punkt keine Kompromisse: Er ist ein nordischer Gott. Wenn man ihm das nimmt, dann macht die ganze Figur keinen Sinn mehr. Die Macher von THOR standen also vor der schwierigen Aufgabe, die Figur auf die Leinwand zu transferieren, ohne ihre Wurzeln zu kappen, aber gleichzeitig dafür zu sorgen, dass der nordische Mummenschanz nicht allzu sehr ins Alberne abdriftet. Die Entscheidung, Kenneth Branagh auf den Regiestuhl zu hieven, ließ zunächst befürchten, dass die Produzenten dieses spezifische Problem einer Thor-Verfilmung eben nicht erkannt hatten: Sollte THOR tatsächlich ein dröger Kostümfilm im Stile seiner „werkgetreuen“ Shakespeare-Adaptionen werden? Einen spielerisch-leichten Umgang mit seinen Stoffen war man von dem Briten bisher schließlich eher nicht gewohnt. Letztlich scheint die Besetzung des Regisseur-Postens bei diesen Eventfilmen aber nahezu irrelevant: Zu viel Geld steht auf dem Spiel, als dass die Studios sich ihre Gewinnkalkulation von einer einzelnen Person und seiner höchst singulären „Vision“ kaputtmachen ließen. Und so mutet auch THOR sehr anonym und stromlinienförmig an: Allerdings stechen dafür die Pointen auch stärker hervor als beispielsweise in IRON MAN oder THE AVENGERS.

Ja, wider Erwarten hat mir THOR richtig gut gefallen – und vielleicht ist es tatsächlich nur dieses „wider Erwarten“, dass mich hier behaupten lässt, dass THOR von den vergangenen Marvel-Verfilmungen für mich die ist, bei der die Mischung aus verantwortungsbewusster Hommage, aufgedunsenem Effektbrimborium, käsigen B-Film-Charme und postmodernem Augenzwinkern am besten funktioniert, die den Spirit der zugrunde liegenden Comics am besten einfängt. Chris Hemsworth verleiht dem großmäuligen, selbstverliebten Popanz Gestalt und Persönlichkeit, findet mit Branagh und den Autoren einen Weg, die potenziell lächerliche Figur glaubwürdig und ohne allzu großes Pathos auf die Leinwand zu bringen. Die Szenen, in denen der Held selbst zur Zielscheibe des Spottes wird, ziehen ihn nicht ins Lächerliche, sondern konturieren ihn als aus der Zeit Gefallenen. THOR verfolgt über weite Strecken eine Fish-out-of-Water-Plotline, die immer wieder mit Ausflügen in das fantastische Asgard kontrastiert wird. Donnergott Thor wird so zu einer ambivalenten Figur: Seine Heldentaten sind real, jedoch nicht eins zu eins auf unsere Welt übertragbar. Um der Erbe seines Vaters zu werden, dient ihm die Erde als der Ort, an dem er Demut lernt und seine Methoden überdenkt. Was auf den ersten Blick ein lahmer Kostümfilm zu werden drohte, ist die erfolgreiche Bewältigung des weiter oben geschilderten Problems geworden: THOR zeigt, wie man auf der Erde ein altertümlicher Gott sein kann, ohne sich zu verraten. Und wie man ihn zum Protagonisten eines Films machen kann.

Was dem Film dabei sehr zugute kommt – und vielleicht ist das dem Enfluss Branaghs geschuldet, den man nun nicht gerade im Verdacht haben muss, ein Comicnerd zu sein –, ist, dass er sich nie zu ernst nimmt, sich trotz seines gigantomanischen Budgets von 150 Mio. Dollar als fest im B-Film verwurzelt zeigt. THOR kommt angenehm flüchtig und unaufgeregt daher: Anders als bei anderen Marvel-Filmen hat man hier nicht ständig das Gefühl, dazu angehalten zu werden, ehrfurchtsvoll und im Wissen um den historischen Moment auf die Leinwand zu starren. Schon dass der Film wenigstens zur Hälfte in einem kleinen Wüstenkaff spielt, zeugt von einer Bescheidenheit, die auch anderen Comicverfilmungen ganz gut zu Gesicht stünde. In der Rezeption, wie sie die Filme vornehmen, drohen meiner Meinung oftmals der Spaß, die kindliche Unschuld und die Naivität der Comics flöten zu gehen. Superheldengeschichten darf man ruhig ernst nehmen, aber man sollte trotzdem nicht vergessen, dass es dabei nicht zuletzt um bunte Bildchen, überlebensgroße Figuren und die Erfüllung von Kinderträumen geht. THOR hat keine Angst, sich zu genau dieser Trivialität voll zu bekennen. Ein Gewinner. Trotz Natalie Portman.