Mit ‘Naziploitation’ getaggte Beiträge

Zwei britische Agentinnen werden als Gefangene in das berüchtigte „Love Camp 7“ der Nazis eingeschleust, um dort eine Frau ausfindig zu machen, die wichtige Information gegen die Deutschen hat, und sie nach Möglichkeit zu befreien. Das Lager dient als Bordell, in dem sich die Nazigrößen an den jungen Frauen vergreifen …

Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein ganzes, kommerziell zudem durchaaus erfolgreiches Genre von einem kleinen, schundigen Stück Bahnhofskino begründet wird: Lee Frosts LOVE CAMP 7 gilt gemeinhin als Vorreiter der Frauenknast- und Naziploitationwelle, die in den Siebzigerjahren in die Kinos schwappte. Allzu weit entfernten sich die weitaus erfolgreicheren Nachfolger zwar nicht vom Ursprung – will sagen, dass sie alle von gewieften Produzenten initiiert wurden, deren Erfolge nicht zuletzt darauf begründet waren, Filme möglichst billig zu produzieren -, aber LOVE CAMP 7 ist schon ein besonders unverschämtes Teil. Das meine ich nicht so sehr hinsichtlich seiner Gewaltdarstellung oder seiner natürlich höchst fragwürdigen Idee von Entertainment, denn Frosts Film lässt die grafischen Exzesse späterer Werke weitestgehend vermissen und kann durchaus als „zahm“ bezeichnet werden – sofern man diesen Begriff für einen Naziploiter verwenden möchte: Nein, LOVE CAMP 7 ist vor allem unfassbar billig und schäbig. Und das macht ihn auch irgendwie aus.

Die erste Einstellung mag den Londoner Big Ben und die Houses of Parliament zeigen, doch nach diesem opulenten Establishing Shot aus dem Archiv geht es geradewegs in den Schweinetrog. Das Zimmer eines britischen Militärs sieht wie auch das spätere Nazibüro aus, als habe man es in einer besonders hässlichen Garage oder aber in Ed Geins Folterkeller eingerichtet: Der Putz bröckelt von den Wänden, in die Ecken hat sich seit Jahrzehnten kein Mop mehr hin verirrt, Bilder hängen schief, Möbelstücke wurden wahrscheinlich vom einzigen Flohmarkt erworben, der den Hinweis auf die fiesen Krabbeltierchen verdient. Auf dem roten Plüschsofa ist wahrscheinlich mal jemand verendet und wahrscheinlich holten sich die Darsteller, die darauf Platz nahmen, die unterschiedlichsten Krankheiten von der Gonorrhoe über Wanzenbisse bis hin zu Blutvergiftung und Meningitis. In ähnlich erbarmungswürdigem Zustand sind auch die Kostüme, da muss man gar nicht erst mit historischer Akkuratesse anfangen, es gibt genug Mängel zu beklagen. Außenszenen gibt es fast gar nicht, Zuschauer mit Hausstaub-Allergie sollten den Film tunlichst meiden. Erstaunlich angesichts der einem ins Gesicht springenden Billigkeit, dass die Damen, die hier geschunden und getriezt werden und natürlich ständig ihre Brüste zur Schau stellen müssen, tatsächlich sehr ansehnlich sind. Sie tun einem hier einfach nur leid und ihre Aufopferungsgabe ist bemerkenswert. Wahrscheinlich haben Sie es positiv gesehen: Nach LOVE CAMP 7 konnte es unmöglich noch weiter bergab gehen.

Ich bin mir nicht nur zuletzt vor dem Hintergrund der derzeitigen Sexismus- und Missbrauchsdebatte bewusst, dass es nicht viele Argumente gibt, mit denen man LOVE CAMP 7 verteidigen kann. Es ist ein spekulativer, voyeuristischer Film, der auf die niedersten Instinkte lüsterner Kerle abzielt und keinerlei Finessen zu bieten hat. Aber verdammt noch mal, wenn ich nicht meinen Spaß mit diesem unglaublichen Hobel hatte!

 

Man muss über ILSA, SHE-WOLF OF THE SS nicht mehr viel sagen. Edmonds Film hat seinen Status als einer der berühmtesten Vertreter der sogenannten Naziploitation. Er ist weder der beste, gewiss nicht der anspruchsvollste oder gar künstlerischste dieser Gattung, die in den wenigen Jahren ihrer Popularität alles von fordernder Avantgarde (SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA) über aufwändigen Fetischsex (SALON KITTY) bis hin zu schäbigem Schmuddelkram abdeckte, aber vielleicht der berühmteste. Er musste dafür allerdings erst auf Video erscheinen: Seine Kinoveröffentlichung verlief eher unspektakulär, wahrscheinlich war die Konkurrenz an ähnlich niederträchtige Unterhaltung versprechenden Werken auf der 42nd Street in Manhattan einfach zu groß. Aus dem überwiegend europäischen Genre fällt er schon aufgrund seiner kanadischen Herkunft heraus, mehr aber noch, weil er aus dem Schrecken des Dritten Reichs eine grelle Komödie macht, voller markiger Sprüche und markanter Charaktere. Und die auffallendste Figur ist eben Ilsa, von Dyanne Thorne in unnachahmlicher Weise interpretiert.

Edmonds Film orientiert sich lose an Ilse Koch und Irma Grese. Koch ging als „Hexe von Buchenwald“ in die Geschichte einging, weil sie angeblich Lampenschirme aus den Häuten tätowierter KZ-Insassen gemacht hatte – eine Behauptung, die nie stichhaltig bewiesen werden konnte. Im Jahr 1967 nahm sie sich im Alter von 60 Jahren während ihrer lebenslänglichen Haftstrafe das Leben, indem sie sich in ihrer Zelle aufhängte. Grese arbeitete in den Konzentrationslagern Ravensbrück, Bergen-Belsen und Auschwitz. Sie bekam den Spitznamen „Hyäne von Auschwitz“ oder auch „die schöne Bestie“ und wurde im Alter von nur 22 Jahren zum Tod durch Erhängen verurteilt – bis heute die jüngste Frau, die je unter britischem Gesetz hingerichtet wurde.

Edmonds nutzt diesen wahrhaft grauenerregenden historischen Hintergrund für einen feisten Schwartenkracher, der die realen Naziverbrechen zum Anlass für schenkelklopfenden Humor, krachlederne pseudodeutsche Dialogzeilen, pralle Männerfantasien und Lagermelodram auf Soap-Opera-Niveau nimmt. Das ist alles erwartbar in bad taste und hochgradig zynisch, motivisch mit seiner Sexualisierung von Gewalt auch gar nicht so weit weg von den Ideen Pasolinis, aber letztlich auch ein ziemlicher Spaß. Grund dafür ist neben dem schwungvollen Tempo, das Edmonds anschlägt, Sexszenen, One-Liner und Splatterffekte in schneller Folge auf den staunenden Zuschauer einprasseln lässt, eben genannte Dyanne Thorne, die eine Darbietung für die Ewigkeit abgibt. Sie macht die Ilsa zu ihrer Figur, ganz so, als sei sie für die Rolle geboren worden. Eine andere Darstellerin ist schlichtweg nicht denkbar. Ein Glücksfall für diesen Film, der sein Sparbudget in produktionstechnischer Hinsicht zu keiner Sekunde verleugnen kann, aber in der Besetzung der Hauptfigur einen sensationellen Glückstreffer landete, ohne den er wahrscheinlich niemals diese Berühmtheit erlangt hätte. Sieht wahrscheinlich auch Edmonds so, der über das Drehbuch angeblich einmal gesagt hatte, es sei das „worst piece of shit I ever read“ gewesen.

Wahrscheinlich war es Luchino Visconti, der 1969 mit LA CADUTA DEGLI DEI den ursächlichen Windstoß für die kurze, aber heftige Welle dessen lieferte, was heute allgemein als „Naziploitation“ bezeichnet wird. Pier Paolo Pasolinis SALÒ, Liliana Cavanis IL PORTIERE DI NOTTE und Tinto Brass‘ SALON KITTY bedeuteten danach eine mutige Verschiebung der Grenzen dessen, was innerhalb des intellektuellen Kunstfilms noch eben so akzeptabel war. Ihnen konnten dann nur noch die  offen pornografischen Tabuverletzungen von Bruno Mattei, Sergio Garrone und Konsorten folgen, die die einst künstlerisch-kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte gegen geschmacklose Schweineigeleien tauschten. Wobei man der Fairness halber sagen muss, dass sie dabei bildlich nicht allzu weit von dem abgewichen waren, was speziell Pasolini und Brass vorgelegt hatten. Sie hatten als Ursache hinter dem Nationalsozialismus einen gefährlichen Narzissmus, die Kompensierung von Minderwertigkeitskomplexen durch sexuelle Aggression und Fetischismus ausgemacht. Mattei und seine Kollegen bedienten mit ihren Filmen letztlich ganz ähnliche Bedürfnisse, allerdings weitestgehend unreflektiert. Brass erkennt in den sexuellen Ausschweifungen der Nazis die Sehnsucht nach einer Liebe, zu der sie unfähig sind, und in ihrem Drang, alles zu zerstören, was ihnen widersteht, die Reaktion auf diesen emotionalen Mangel. Der Nazi sieht alles in Machtrelationen. Weil Liebe aber im Kern demokratisch ist, muss sie ihm verwehrt bleiben.

Der stramme Nazi Wallenberg (Helmut Berger) erhält den Auftrag, systemtreue Frauen als Prostituierte auszubilden. Im Nobel-Bordell von Kitty (Ingrd Thulin) sollen sie künftig ihrer neuen Aufgabe nachgehen. Doch natürlich verfolgen die Nazis damit einen geheimen Plan: Die Prostituierten fungieren als Spitzel. Nicht nur sollen sie über jeden ihrer Kunden ein Protokoll anfertigen, ihre gemeinsamen Schäferstündchen werden ebenfalls abgehört. So bekommen die Nazis Wind von den Desertationsplänen des Piloten Hans Reiter (Bekim Femiu) und exekutieren ihn. Als Margharete (Teresa Ann Savoy) davon erfährt, die Prostituierte, die mit ihm verkehrte und sich in ihn verliebt hatte, setzt sie mit Kitty alle Hebel in Bewegung, um Wallenberg mit seinen eigenen Waffen zu schlagen …

SALON KITTY kann Brass‘ Fellini-Einfluss nicht verleugnen: Der Film ist opulent, lustvoll, prall, ausschweifend, schwelgerisch und musikalisch, bestimmt von ausdrucksstarken Gesichtern. Und natürlich körperlich: Gleich zu Beginn zeigt er in schneller Abfolge den Vortrag eines Nazi-Pathologen über Rassentheorie anhand einer Leiche, Übelkeit auslösende Bilder aus einem Schlachthaus, zwischen dessen Schweinehälften sich fette Metzger und Metzgerinnen verlustieren, schließlich die Leibesertüchtigungen der Nazi-Prostituierten und ihre anschließende Prüfung im Liebesspiel mit Lilliputanern, Krüppeln und Greisen. Es ist ein schwer zu ertragender, rauschhafter Beginn, der einen sprichwörtlich penetriert. Die Deckung ist geöffnet nach diesem Beginn, die Beine des Zuschauer sozusagen gespreizt, das Jungfernhäutchen durchstoßen. Doch die Vergewaltigung, die man erwartet, bleibt aus. Anstatt Gewalt besingt Brass im Folgenden die Freuden der körperlich-geistigen Befreiung im Sex – und im Idealfall der Liebe. Doch dieses Gefühl schlägt kaum durch. Bestimmender und prägender als die Lust, die Margarethe und Hans empfinden, die Liebe, die die Prostituierte den schrecklichen Irrtum hinter der Nazi-Ideologie erkennen lässt, ist der Blick von Wallenberg, in dem sich eine Lust spiegelt, die keine Erfüllung finden kann. SALON KITTY ist der Film über die Suche nach der Befreiung, über die Grenzen, die dabei überschritten werden, und die Hindernisse, an denen sie abprallt. In Kittys Bordell bleibt kein noch so ausgefallener Wunsch unerfüllt. Doch Befriedigung und Befriedung wollen sich nicht einstellen. Der Nazi projiziert so lange den Film einer Hitlerrede auf „seine“ Prostituierte, bis sie einen epileptischen Anfall erleidet. Wallenberg ist so besessen nach Macht, dass er seine Frau und seine Familie dafür verrät und mitleidlos Todesurteile ausspricht. Man ahnt, dass es ihm nie genug sein wird, dass er verzweifelt einem Gefühl hinterherrennt, das für ihn unerreichbar ist. SALON KITTY handelt von der totalen Entfremdung, der Entkernung des Menschen. Um sich selbst zu spüren, muss alles andere zerstört werden.

Und dann ist da noch dieses unbeschreibliche Gesicht von Teresa Ann Savoy, dominant, unterwürfig, verrucht und mädchenhaft zugleich, die perfekte Projektionsfläche für dunkelste Fantasien wie romantische Träumereien …