Mit ‘Neville Brand’ getaggte Beiträge

In meinem Herzen hatte ich immer einen Platz für Tobe Hoopers EATEN ALIVE. Schon die Beschreibung im Horrorfilmlexikon von Hahn/Jansen las sich für mich unglaublich reizvoll: ein irrer Motelbesitzer, der seine Opfer an ein in einem Tümpel lebendes Krokodil verfüttert. Die Sichtungen des Films waren dann immer eher Appetizer. Irgendwas war da, was mein Interesse rechtfertigte und mich immer wieder zurückkehren ließ, aber der Funke sprang nie so wirklich über. Vielleicht auch nur, weil dieser Funke durch die durchweg mäßige Qualität, in der ich EATEN ALIVE zu Gesicht bekam, erstickt wurde. Jedenfalls habe ich jetzt, nachdem ich mir Hoopers Film in HD zu Gemüte geführt habe, das Gefühl, ihn zum ersten Mal wirklich gesehen zu haben. EATEN ALIVE ist immer noch kein Meisterwerk, von der epochemachenden Brachialität eines THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE meilenweit entfernt, aber seine Reize wurden gestern offenbar und rechtfertigten meine anhaltende Mini-Faszination für ihn.

EATEN ALIVE kommt nahezu ausschließlich über seine Atmosphäre und das Setting: Eine Handlung ist zwar vorhanden, lässt sich aber im Wesentlichen darauf runterkürzen, dass die nacheinander eintreffenden Gäste eines abgelegenen Südstaatenmotels von seinem durchgeknallten Besitzer abgemurkst werden. Das Motel hatte Hooper offensichtlich irgendwo im Studio aufbauen lassen, den Score teilen sich eine quakende Sumpf-Atmo und dissonante Synthie- und Industrialklänge, die denen aus THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE nicht unähnlich sind, die Beleuchtung taucht alles in das blutrote Licht einer an der Studiodecke untergehenden Südstaatensonne, die Nebelmaschine macht Überstunden. Das alles verleiht dem Film eine klaustrophobische Stimmung, als tauche man direkt in das zerklüftete Unterbewusstsein des alten Judd (Neville Brand), dessen geistesabwesenden, irren Monologe die Tonspur füllen. EATEN ALIVE existiert in einem stilistischen Limbo zwischen beinahe argentoesker Artifzialität und der schorfigen Ungehobeltheit des Grindhouse-Kinos, auch inhaltlich, wenn die offenkundigen Anleihen bei Hitchocks PSYCHO und die Ausflüge in das gestörte Hirn eines Kriegsveteranen mit wüstem Krokodil-Schlock und feistem Splatter gepaart werden. Der ganze Film hat etwas von knarzigen Horrorcomics, die ihre naiv-blöden Moritaten auch in unvergessliche Bilder zu kleiden pflegten, die sich gerade jungen Lesern unauslöschlich ins Unterbewusstsein meißelten.

Entscheidend für die „richtige“ Lesart des Films ist wohl die Besetzung mit Neville Brand. Der zum Zeitpunkt des Films Mitte-50-Jährige war einer der meistdekorierten US-Soldaten des Zweiten Weltkriegs gewesen, eine Tatsache, die ihm bei seiner späteren Filmkarriere gewiss geholfen hatte, wenngleich sein Hollywood-Ruhm auch überschaubar blieb. In EATEN ALIVE sieht man die Schattenseiten vermeintlichen Kriegsheldentums, denn Brands Judd ist ein sabbernder Spinner, der nie wirklich von den Schlachtfeldern in Europa zurückgekehrt ist, immer noch in Armeekleidung herumläuft und sich ständig in ziellosen Selbstgesprächen verliert, wenn er nicht mit der Sense den grimmen Schnitter gibt. Hooper greift immer wieder Inszenierungsideen aus seinem großen Klassiker auf und manche Motive und Szenen wirken wie direkte Zitate: Der schon erwähnte Score natürlich, das Motel im Hinterland, das an das Haus des Sawyer-Clans erinnert, die Verfolgungsjagd am Schluss, wenn Judd die Prostituierte Lynette (Janus Blythe) durchs Unterholz jagt und dabei seine Sense schwingt wie ein Irrer. Ebenfalls auffällig ist, dass es in EATEN ALIVE einen schweren Überhang gestörter und gewaltbereiter Männer gibt, mit denen die Frauen irgendwie zurechtkommen müssen. Neben Judd zeigt auch der Freier Buck (Robert Englund) reichlich unangenehme Macho-Tendenzen und Hotelgast Roy (William Finley), Familienvater und Ehemann von Faye (Marilyn Burns), ist fast noch gestörter als der Inhaber: Der hysterische Anfall, den er erleidet, nachdem der kleine Familienhund dem Krokodil zum Opfer gefallen ist, seine Unfähigkeit, die Kritik seiner Gattin hinzunehmen, die verzweifelt darum bemüht ist, die aufgelöste Tochter zu trösten, sind noch gruseliger als alle Ausfälle des Sensenmanns und Finley, ein Stammgast im Frühwerk De Palmas, ist perfekt für die Rolle – ein echter scenestealer. Mel Ferrer hat den denkwürdigsten Tod und die vielleicht differenzierteste Männerrolle, aber auch er will letztlich seine Kontrolle über eine Frau ausüben – in diesem Fall seine Tochter, die sich im Bordell von Miss Hattie (Carolyn Jones) verdingt.

Nach THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE musste EATEN ALIVE als Riesenenttäuschung wahrgenommen werden: Der Film ist nicht viel mehr als ein schundiger kleiner Schocker, dessen fraglos vorhandenen guten Ideen sich nicht zu einem größeren Ganzen addieren, aber einen beknackten Horrorfilm eben ein bisschen besser machen. Und er ist fraglos hübsch anzusehen, verströmt eine Stimmung, die ihn aus der Masse vergleichbarer Filme hervorstechen lässt. Ich mag ihn genau so wie er ist.

 

Mark (Darby Hinton) und seine fesche Freundin Lynn (Diane Peterson) suchen mit ihrem Thunderbird nach „Action“ und treffen auf die Hi-Riders, eine Rockergang, die sich ihre Zeit mit illegalen Straßenrennen vertreibt. Nach anfänglichen Konflikten werden die beiden in die Gang aufgenommen. Als eines der Rennen mit einem Außenstehenden, dem Sohn des Unternehmers Mr. Lewis (Stephen McNally), einen tödlichen Verlauf nimmt, formiert der einen Lynchmob gegen die Hi-Riders, dem nur Mark, Lynn und der Anführer der Gang Mike (Ralph Meeker) entkommen. Sie wollen Rache …

Für seinen vierten Spielfilm verquickt Regisseur Greydon Clark den damals schon leicht angestaubten Rockerfilm mit dem durch aktuelle Erfolge wie EAT MY DUST!, GRAND THEFT AUTO, CANNONBALL oder SMOKEY AND THE BANDIT schwer im Trend liegenden Car-Crash-Film. Die Verbindung von kuttentragenden und biertrinkenden Männern, ihren wilden, ständig blank ziehenden Weibern und den aufgemotzten Karren ist nicht unbedingt plausibel, aber verglichen mit neumodischem und unangenehm materialistisch anmutenden Hochglanzschnickschnack wie der FAST & FURIOUS-Reihe dann doch recht sympathisch. Clark, der durch die harte Exploitationschule Al Adamsons ging, für dessen Megahit SATAN’S SADISTS ebenso das Drehbuch schrieb wie für den monolithischen Baddie DRACULA VS. FRANKENSTEIN, liefert den PS-Süchtigen im Publikum dann auch jede Menge Stoff, beschränkt sich während der gesamten ersten Hälfte des Films darauf, das (in dieser epischen Breite nicht mehr ganz so) lustige Lotterleben der Hi-Riders einzufangen, und bequemt sich erst dann, so etwas wie einen Plot zu etablieren. Für denjenigen, der nicht schon beim bloßen Anblick eines amerikanischen Muscle Cars die Hose aufgeht (wie mir), bietet HI-RIDERS dann auch reichlich Gelegenheit, das Klo oder den Kühlschrank aufzusuchen, auch wenn die Langeweile, die er produziert, etwas hübscher anzusehen ist als in THE BAD BUNCH. Das ist wohl auf die Kameraarbeit von Dean Cundey zurückzuführen, der oft mit Clark zusammenarbeitete, bevor er größere und bessere Filme ablichten durfte. In die genau entgegengesetzte Richtung bewegten sich Schauspieler wie Mel Ferrer, Neville Brand und Stephen McNally, die für ihre wahrscheinlich in wenigen Stunden eingekurbelten Szenen die vorderen Plätze in den Credits einheimsten und etwas verwitterten Glamour mitbringen. Im Finale ist Clark dann sichtlich bemüht, vorher Versäumtes nachzuholen, quetscht ebenso viele Wendungen in die letzten fünf Minuten, wie es in den 85 Minuten zuvor Autounfälle gab und lässt nach getaner Arbeit einfach die Credits rollen. Richtig gut ist das nicht, und dass Stuntman Vic Rivers für diesen Film bei einem missglückten Stunt sein Leben  ließ, ist eine besonders tragische Verschwendung.

In der nordamerikanischen Wildnis werden diverse Urlauber (u. a. Cameron Mitchell und ein grünschnabeliger David Caruso) von merkwürdigen fliegenden kleinen Blutsaugermonstern angefallen und getötet. Sandy (Tarah Nutter) und Greg (Christopher S. Nelson) können eben noch in eine entlegene Kneipe entkommen, in der sich die beiden Veteranen Fred „Sarge“ Dobbs (Martin Landau) und Joe Taylor (Jack Palance) aufhalten, die schon lange ahnen, dass ein Alien in den Wäldern sein Unwesen treibt. Zusammen mit den Touristen gehen sie auf die Jagd nach dem Unhold …

Tja, wirklich aufregender als der zuletzt von mir im Wachkoma durchlittene THE DARK ist auch WITHOUT WARNING nicht, wenngleich sein Scheitern nicht ganz so eklatant ist. Greydon Clarks Film ist nämlich leider auf relativ herkömmliche Art und Weise monoton und langweilig: Der Film verheizt seinen einen, zugegebenermaßen ganz hübschen Spezialeffekt – die etwas an Maultaschen erinnernden Vampirfrisbees, die das Ober-Alien durch die Gegend wirft – gleich zu Beginn und hat dann nichts mehr nachzulegen, außer natürlich Martin Landau und Jack Palance, die seinerzeit tief in der B-Movie-Hölle versumpft waren und für manche Win-win-Situation sorgten: Kleine Exploitationfilme (etwa Jack Sholders spitzenmäßiger ALONE IN THE DARK) konnten sich mit der Präsenz der einstigen Hollywoodgrößen schmücken und die Stars endlich mal nach Herzenslust overacten. Vor allem Landau, der nach Greydon Clarks kurz zuvor entstandenem THE RETURN offensichtlich Gefallen an stulligen Alien-Stoffen gefunden hatte, frisst sich als durchgeknallter Ex-Soldat mit einem Bärenhunger durch seine Szenen und lockert die Gleichförmigkeit damit wohltuend auf. Palance muss demgegenüber nicht viel mehr tun, als seine Charakterfresse ins Bild zu halten, die ja für sich genommen schon ein unbezahlbarer Spezialeffekt ist. Sonst gibt es leider nicht viel, worüber man in Verzückung geraten könnte: Das Quäntchen Handlung ist nach zehn Minuten hinreichend durchgekaut und macht dann Raum für endloses Gelatsche durch den dunklen Tann. Schauwerte: Fehlanzeige, und das, obwohl mit Dean Cundey erwiesenermaßen ein Meister seines Fachs (u. a. die Carpenter-Klassiker HALLOWEEN, THE FOG, ESCAPE FROM NEW YORK, THE THING und BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA) hinter der Kamera stand (wie auch bei Clarks früheren Filmen). So dauert es bis zum kurzen und leider viel zu schmerzlosen Finale, bis man mit dem kürbisköpfigen Alienmonster endlich mal wieder was zu gucken bekommt. Genrehistorisch erwähnenswert ist WITHOUT WARNING vielleicht für die seinerzeit wohl unvermeidlichen ALIEN-Anleihen (die Opfer, die als „Vorrat“ aufgehängt werden, und die erwähnten Maultaschen, eine Art Quasi-Facehugger) sowie die vorsichtige Vorwegnahme von PREDATOR, dessen Darsteller Kevin Peter Hall auch hier ins Alienkostüm kletterte. Allerdings sollte man das nicht überbewerten, schließlich ist der Plot „Alien läuft durch den Wald und killt Menschen“ nicht so wahnsinnig spezifisch, dass nicht mehrere Menschen unabhängig voneinander auf diese brilliante Idee kommen könnten, ohne Urheberrechtsverletzungsklagen befürchten zu müssen. Mich hat an WITHOUT WARNING vor allem seine Besetzung fasziniert, die ihn fast zum OCEAN’S ELEVEN des Trash macht. Neben den Erwähnten übernehmen auch Neville Brand, Ralph KISS ME DEADLY Meeker und Fernseh- und Synchronstar Larry Storch Klein- und Kleinstrollen. Und hätte Greydon Clark David Caruso in weiser Voraussicht noch eine Sonnenbrillen-Szene ins Script geschrieben, wäre mein Urteil über seinen Film wahrscheinlich ganz anders ausgefallen.

Den Regisseur werde ich trotzdem mal ins Auge fassen, liest sich seine Filmografie doch so, als hätte dieser Mensch viel, viel Spaß in seinem Job gehabt. BLACK SHAMPOO dürfte eine Blaxploitationvariante auf Hal Ashbys SHAMPOO sein, SATAN’S CHEERLEADERS, HI-RIDERS (auch mit Brand und Meeker) und ANGELS‘ BRIGADE haben schon geile Titel, THE RETURN ist nach WITHOUT WARNING wahrscheinlich eh, ähem, Pflicht, JOYSTICKS steht nach der Lektüre von DESTROY ALL MOVIES!!! THE COMPLETE GUIDE TO PUNKS ON FILM ganz weit oben auf meiner Wunschliste und mit THE FORBIDDEN DANCE, jenem Lambada-Film, der ohne den Lambada-Song und ohne die Nennung des Tanzes im Titel auskommen musste, war er ja auch an dem albernen Schwanzvergleich der im Zorn auseinandergegangenen Cannon-Bosse Menahem Golan und Yoram Globus beteiligt. Vielleicht sollte man seine Biografie verfilmen.

In einem Collegestädtchen landet ein Raumschiff mit den drei außerirdischen Wissenschaftlern Dr. Kozmar (John Carradine), Dr. Zarma (Julie Newmar) und Cora (Tina Louise) an Bord. Diese brauchen frisches Teenagerblut, um ewige Jugend zu erlangen. Vor Ort engagieren sie die beiden Tankwärter Fred (Aldo Ray) und Kurt (Neville Brand), um ihnen das Frischfleisch zu besorgen. Ein Baggersee hält zahlreiche leichtbekleidete Opfer bereit …

EVILS OF THE NIGHT, dessen Geschichte Rustam so toll fand, dass er sie zwei Jahre später mit EVIL TOWN gleich nochmal erzählte, vertritt jene Spielart US-amerikanischer Exploitationfilme, die sich gar nicht erst lang damit aufhält, auf Seriosität zu machen, sondern sich gleich beherzt mitten in die Jauche begibt. Den oben genannten (abgehalfterten) Stars auf Seiten der Schurken werden die typischen Pornoaktricen auf Opferseite gegenübergestellt (u. a. Amber Lynn und Crystal Breeze), die dann auch die dringend notwendigen hohlen Dialogzeilen erhalten. Überhaupt ist Dummheit die menschliche Eigenschaft, die den Film überhaupt am Laufen hält. Schon das fröhliche Nacktbaden zu Beginn hält einige Überraschungen bereit, so etwa einen jungen Mann, der zwei Lesben in Anwesenheit der nur wenige Schritte entfernten eigenen Freundin beim gegenseitigen Einölen der Brüste bespannt und einen lustigen Jokus zweier besonders einfältiger Jocks, die eine blonde Schönheit damit zu becircen gedenken, dass sie ihr glibberige Algen über den Bauch reiben und in ihre Badehose stecken. Dazu läuft ein schrecklicher 80s-Popsong namens „Boys will be Boys“, der das ausgelassene Treiben untermalt und auf dem so viel Hall liegt, dass man das Gefühl hat, ihn zweimal gleichzeitig zu hören. Hallo, Echo?

Auf diesem Niveau geht’s munter weiter, sodass ein Großteil der Handlung von EVILS OF THE NIGHT logischerweise darin besteht, dass die Protagonisten sinnlos im Wald sitzen und darauf warten, dass einer nach dem anderen verschwindet. Die Notgeilheit nimmt pathologische Züge an, wenn ohne jede Lichtquelle im dunklen Tann herumgevögelt wird oder Charaktere auch schonmal in ein leerstehendes Haus einbrechen, um dann aber nicht etwa das Schlafzimmer aufzusuchen, sondern sich gleich auf dem Fliesenboden in der Eingangshalle ineinander zu verbeißen. Irgendwann wird das verbleibende Trio aus zwei besonders dummen Frauen und einem besonders notgeilen Typen von Fred und Kurt geschnappt und in der Garage festgebunden. Die dümmste Tussi kann sich zwar befreien, weiß dann aber nicht weiter: Als Kurt bemerkt, was passiert ist, läuft sie ziel- und kopflos vor ihm weg und reagiert auf die Befehle des noch festgebundenen Freundes, nach irgendwas zu greifen und als Waffe zu benutzen, gedankenschnell, indem sie allen möglichen nutzlosen Tand greift und nach dem Peiniger wirft, ohne ihm auch nur einen Kratzer zuzufügen. Die Szene endet in einem sogar recht unangenehmen Bohrmaschinenmord, bevor sich das Spielchen dann mit der anderen Tussi fortsetzt. Aber die Blödheit der Menschen ist tröstlich, weil auch die Außerirdischen ziemlich dämlich sind: Enttäuscht über die schwache Opferausbeute, gesteht Dr. Kozmar einen folgenschweren Fehler ein. Zwar sei der Ort vom Computer für seinen hohen Anteil an Studenten im richtigen Alter ausgewählt worden, man habe aber schlicht und ergreifend die Sommerferien vergessen. Shit happens!