Mit ‘Nick Nolte’ getaggte Beiträge

Ich erinnere mich noch an den Trailer zu EVERYBODY WINS, den ich wahrscheinlich auf irgendeiner VHS-Kassette gesehen hatte: Der Sprecher wiederholte da immer und immer wieder in markigem Tonfall den Titel, wahrscheinlich um mit Nachdruck jenen Sinn von Drama und Spannung zu erzielen, den die Ausschnitte von Karel Reisz‘ Film einfach nicht liefern konnten. Selbst vor dem Hintergrund der ja eh nicht in erster Linie um Schauwerte konstruierten Justiz- und Politthriller ist seine letzte Regiearbeit bemerkenswert spröde: Die viel beschworene Aussage, dass mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben werden, beschreibt EVERYBODY WINS, der auf einem Drehbuch von Arthur Miller basiert, das dieser auf der Grundlage seines Einakters „Some kind of love story“ geschrieben hatte, nahezu perfekt. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass der Reiz von EVERYBODY WINS darin besteht, dass er tatsächlich keine einzige der aufgeworfenen Fragen wirklich befriedigend beantwortet. Der Film ist ein Faszinosum, wenn man sich darauf einlassen kann.

Der Privatdetektiv Tom O’Toole (Nick Nolte) wird von Angela Crispini (Debra Winger) in ein verschlafenes Nest in Connecticut gerufen; Ein stadtbekannter Arzt wurde ermordet, sein Neffe des Mordes für schuldig befunden, verurteilt und inhaftiert. Doch Angela weiß, dass er unschuldig ist und bittet Tom – dem sie jede Menge süßen Honig um den Mund schmiert -, ihm zu helfen. Der geschmeichelte Tom beginnt mit seinen Untersuchungen, bei denen er auf einen tiefe Sumpf der Korruption bis in die höchsten Ämter der Stadt stößt. Ihm wird schnell klar, dass Angela mehr weiß als sie zugibt und dass sie wesentlich dazu beitragen kann, die ganze Stadt zu Fall zu bringen, doch genau das will die Frau überhaupt nicht. Und so lässt sie den zunehmend enervierten Tom am Haken zappeln wie einen hilflosen Fisch.

Das zentrale Mysterium des Films ist nicht so sehr die Frage, wer den Arzt ermordet hat, sondern wer diese Angela Crispini ist. Und die großartige Debra Winger, die ihre Karriere nach einigen herausragenden Leistungen an den Nagel hing, weil sie von den Rollen, die Hollywood ihr anzubieten hatte, frustriert war, interpretiert sie passend dazu als Frau mit pathologisch vielen Gesichtern, die auf eine tiefe seelische Verwundung schließen lassen. Scheint sie zu Beginn noch der archetypischen femme fatale zu entsprechen, die ihre weiblichen Reize dazu einsetzt, einen chancenlosen männlichen Trottel für ihre Zwecke einzuspannen, kommen bald Zweifel daran auf: Angela ist mal aggressiv und kalt, dann wieder verängstigt und verwundbar, sie bricht in Tränen aus, legt rätselhafte Verhaltensweisen an den Tag, berichtet vom Missbrauch durch den Vater und offenbart eine direkte Verbindung zum Verbrechen. Der furztrockene O’Toole – der eh schon immer etwas pennerhaft aussehende Nolte in einer besonders unglamourösen Variation seiner Persona – kann dem Zuschauer nur Leid tun: Er weiß einfach nicht, an wen er da geraten ist, bestaunt die abrupten Stimmungsschwankungen, unvorhersehbaren Ausbrüche und bizarren Charaktersprünge seiner Auftraggeberin und Geliebten mit zunehmendem Unverständnis und Erstaunen. Dieses Unverständnis wird zu O’Tooles Standard-Modus und Nolte, zwar ohnehin nicht unbedingt für ausgesprochen souveräne Charaktere bekannt, aber doch für solche, die sich in ihrer Unsicherheit zu Hause fühlen wie in einem Paar ausgelatschter Pantoffeln, macht diese konstante Verunsicherung greifbar. Konsterniert muss er feststellen, dass er die Welt ums sich herum nicht mehr begreift, dass er mitnichten „normal“ ist, sondern mit seiner rationalen Sicht auf die Ding ein krasser Außenseiter. Es gibt eine tolle Szene, in der er den Sonderling Jerry (Will Patton) – sehr wahrscheinlich der echte Mörder – zu einer Befragung in ein Diner begleitet. Jerrys Freundin, die verschüchterte, etwas einfältige Amy (Kathleen Wilhoite) unterbricht ihn im Satz und aus dem Mann, der vorher so freundlich und ruhig war, bricht es plötzlich ohne jede Vorwarnung heraus: Er schreit sie an, demütigt sie und verpasst ihr einen Schlag, woraufhin sie anfängt zu weinen. O’Toole sieht den Ausbruch mit Entsetzen, er möchte eigentlich eingreifen, um sie zu schützen, doch er kann nicht: Es steht ihm nicht zu, sich in diese Leben einzumischen, aber er ist bis ins Mark verstört von den Abgründen, die sich ihm offenbaren und hat keine Ahnung, womit er es zu tun hat.

Der Zuschauer identifiziert sich in zweifacher Hinsicht mit O’Toole: qua Konvention, weil  O’Toole die Figur ist, die wir begleiten, aber auch in der Hinsicht, dass die Erwartungen, die wir an EVERYBODY WINS stellen, fast allesamt enttäuscht werden. Wir kennen Filme wie diesen, zumindest glauben wir das, und haben eine ungefähre Vorstellung wie sie verlaufen: Der Ermittler ermittelt und kommt am Ende zu einem Ergebnis – auch wenn es nicht das ist, das er erwartet hat. Auch O’Toole glaubt zu wissen, wie er an sein Ziel kommt und wie dieses Ziel aussehen könnte. Aber seine Ermittlungen prallen letztlich immer an der Wand namens „Angela“ ab. EVERYBODY WINS endet mit einem Erfolg, der eigentlich eine Niederlage ist – oder auch nicht, denn O’Toole findet sich am Schluss lachend damit ab, dass die Welt absurd ist, dass seine Vorstellungen davon, was richtig ist, offensichtlich nicht mehr mehrheitsfähig sind. Er dreht dem Wahnsinn den Rücken zu. Er kann ihn nicht verhindern, muss sich mit ihm abfinden, aber daran teilhaben will er trotzdem nicht. Karel Weisz verarbeitet diese Camus’sche Erkenntnis des Absurden nicht in einer depressiven, resignierte Abrechnung mit der Welt, sondern in einer wenn schon nicht heiteren, so doch leichtfüßigen Farce, die ihren Rhythmus dem munteren Swing von O’Tooles im Kassettendeck laufendem Tape verdankt. Auch der Titel entspricht dieser Haltung: Am Ende von EVERYBODY WINS gibt es tatsächlich nur lachende Gesichter, alle haben „gewonnen“. Nur die Gerectigkeit nich, aber die kann sich ja eh nicht beschweren.

 

 

Die Siebzigerjahre waren ein merkwürdiges Jahrzehnt: Gesamtgesellschaftlich prägten die Demütigung in Vietnam und der Watergate-Skandal die Stimmung in den USA, sorgten für eine beachtliche Depression, die dann mit Drogen, Hedonismus, Yacht-Rock und Disco bekämpft wurde. Das zeigt sich auch an einer kleinen Reihe von Sportfilmen, die die nationalen Helden in ihren Football-, Baseball-, Basketball- oder Eishockeytrikots von ihrem Podest stießen. International am bekanntesten dürfte wahrscheinlich George Roy Hills wunderbarer SLAP SHOT sein (ein ewiger Lieblingsfilm): Er widmete sich den fragwürdigen Methoden, mit denen ein erfolgloses, zum Verkauf freigegebenes Eishockeyteam den eigenen Marktwert zu steigern suchte, und zeichnete die Sportler als Bande von ungebildeten Proleten, Säufern, Schlägern und Zynikern. Selbst ein „Kinderfilm“ wie THE BAD NEWS BEARS, den man wahrscheinlich als putzige Komödie abgespeichert hat, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als mindestens ambivalent: ein desillusionierter Säufer, der ein Kinder-Baseballteam betreut? Wenn man sich nicht einmal auf dem Sportplatz mehr sicher sein konnte, dass die amerikanischen Ideale Bestand hatten, woran konnte man sich dann überhaupt noch festhalten?

NORTH DALLAS FORTY, Kotcheffs Film über den Titelkampf einer texanischen Football-Mannschaft, beginnt mit dem Blick auf Wide Receiver Philipp Elliott (Nick Nolte), der morgens wie zerschlagen auf einem mit Nasenblut besudelten Kopfkissen aufwacht, sich mit schmerzenden Knochen stöhnend erhebt und die Schmerztabletten mit einem offenen Bier runterspült, bevor er von seinen wild mit einer Schrotflinte herumballernden Teamkollegen zur „Jagd“ auf Kühe abgeholt wird. Dieser Beginn setzt den Ton, der bis zum Ende ohne Brechungen durchgehalten wird. Philipp, mit Anfang/Mitte 30 bereits ein körperliches Wrack, wird von seinem ekligen Manager (G. D: Spradlin) aufs Abstellgleis geschoben, weil er angeblich nicht über genug „Teamgeist“ verfüge. Was immer er tut, es wird gegen ihn ausgelegt. Umgeben ist er von grunzenden Psychopathen wie Jo Bob (Bo Svenson) oder O.W. (John Matuszak), der Teambesitzer (Steve Forrest) ist ein schleimiger Menschenfänger, der stets seine anzugtragenden Vollstrecker vorschickt, um ungeliebte oder ausgediente Spieler rauszuschmeißen. Die Spieler werden mit miesen Manipulationen dazu gebracht, sich fitspritzen zu lassen, im gleichen Atemzug kann eine Dose Bier oder ein Joint den Rauswurf nach sich ziehen, wenn man eh schon auf der Abschussliste steht. Während die Sportler also Blut, Schweiß, Tränen und letztlich ihre Gesundheit geben, stehen hinter ihnen eiskalt kalkulierende Arschgeigen im Anzug, für die das alles nur ein Business mit austauschbaren Spielfiguren ist.

Es gibt Vieles an NORTH DALLAS FORTY, was ich mag: Die Besetzung mit Kerlen mit Stiernacken sowie Tabak- und Whiskey-gegerbten Stimmen. Die saxophonlastige, melancholisch-plüschige Musik von John Scott. Den schmerzhaften Humor, der allerdings ganz ohne Gags und Lacher auskommt. Die großartige Fotografie von Paul Lohmann. Diese ätzende, selbstzersetzende Resignation. Gleichzeitig schafft Kotcheff es aber leider nicht, das alles in eine Form zu gießen, in der es wirklich sinnhaft würde. NORTH DALLAS FORTY gefällt sich irgendwie in seinem Zynismus und seiner einseitigen Sicht der Dinge – Sportler sind vielleicht etwas „einfach“, aber eigentlich gute Kerle, die Besitzer sind hingegen profitgeile Kapitalisten ohne Empathie -, kulminiert in einer flammenden Rede, die Elliott vor dem Management hält und färbt die Entgleisungen seiner Teammitglieder als verzeihliche Marotten schön. Dazu kommen klischierte Elemente wie Elliotts Beziehung zur intelligenten Charlotte (Dayle Haddon), der er sein vor Jahren gekauftes, aber immer noch unbebautes Grundstück auf dem Land zeigt, un die ihn dazu überreden will, die Schuhe an den Nagel zu hängen – womit sie den obligatorischen Wutausbruch heraufbeschwört, denn Football ist natürlich sein Leben. Alles läuft exakt so ab, wie man das vorhergesehen hat, ohne Überraschungen und auch ohne echten Mehrwert. Die Kritik, die Kotcheff auf der Grundlage des autobiografischen Romans des Footballspielers Peter Gent übt, wirkt vorgeschoben: Sie ist letztlich ein Vorwand, um Verfall, Dekadenz und Tabubrüche publikumsträchtig auf die Leinwand bringen zu können. Dem Film fehlt sowohl die satirische Schärfe als auch ein gewisser Idealismus. Interessant ist NORTH DALLAS FORTY allerdings im Kontrast zum heutigen Business: Seine kettenrauchenden, saufenden und herumhurenden Sportler könnten das Pensum der hochgezüchteten Stars von heute gar nicht mehr absolvieren, ohne zusammenzubrechen. Ironischerweise steht hinter dieser Entwicklung aber weniger die „Moral“ als vielmehr die wirtschaftliche Risikominimierung. Insofern ist die kleine Welle bitterer Sportfilme, für die auch NORTH DALLAS FORTY steht, durchaus relevant. Die Beobachtungen, die ihre Macher damals – aus welchen Gründen auch immer – machten, waren geradezu prophetisch.

Fünf Jahre ist es her, dass der Zoowärter Griffin (Kevin James) seiner Freundin Stephanie (Leslie Bibb) einen Heiratsantrag machte und abgewiesen wurde. Die Wunden sind seitdem immer noch nicht verheilt. Als er erfährt, dass sie vor der Ehe mit dem Proleten Gale (Joe Rogan) steht, sie ihm aber eine neue Chance geben würde, unter der Voraussetzung, dass er einen „vernünftigen“ Job ergreift, wird Griffin schwach. Die Tiere des Zoos, die ihren Pfleger sehr zu schätzen wissen, sehen seine Wechselgedanken mit Sorge und beschließen, zum Äußersten zu gehen, um ihn zu halten: Sie offenbaren ihm, dass sie sprechen können. Aber noch jemand möchte, dass Griffin bleibt: Seine Kollegin Kate (Rosario Dawson), die in ihn verliebt ist …

Jajaja, ich weiß. Ein Text zu ZOOKEEPER ist nicht dazu angetan, für die eigene Cinephilie und den erlesenen Geschmack zu werben. Ich hatte einfach Lust auf den Film, weil es für mich in einer bestimmten Gemütsverfssung nichts Lustigeres gibt, als dem „King of Queens“ Kevin James bei seinen shenanigans zuzusehen. Das simple Aufs-Maul-Fallen hat er zur Kunstform erhoben, er verleiht dem Durchschnittstypen, der einen wahren Rausch erlebt, wenn er dann mal über sich hinauswächst, ein Gesicht. ZOOKEEPER hat von den von mir erwarteten Slapstickeinlagen zugegeben weniger, als ich erhofft habe, macht diesen Mangel aber durch einige andere schöne Ideen wett. An vorderster Stelle ist hier natürlich die Synchronisation der Tiere mit einigen echten Superstars zu nennen: Sylvester Stallone spricht den Löwen, Cher seine Gattin, Adam Sandler gibt das freche Kapuzineräffchen und Nick Nolte den depressiven Gorilla. Das wertet diesen „Gebrauchsfilm“ deutlich auf, der mit Rosario Dawson zudem über ein Love Interest verfügt, dass ausnahmsweise einmal nicht in erster Linie brav und langweilig ist. Kevin James ist die Idealbesetzung für den gutmütigen Simpleton, der seinen eigenen Wert erkennt. Ein netter Film für zwischendruch. Und mir ein Rätsel, warum man Filme wie diesen so barsch verreißen muss, wie das wieder einmal passiert ist. Sprechende Gorillas mögen nicht der Gipfel der sophistication sein, aber man kann den feinen Herren ja auch mal zu Hause lassen, gell?

Ein puertoricanischer Gangster wird vom Polizisten Mike Brennan (Nick Nolte) erschossen – in Notwehr wie der Polizist behauptet und mehrere Zeugen bestätigen. Der Staatsanwalt Al Reilly (Timothy Hutton), ein Anfänger, wird damit beauftragt die Ermittlungen zu leiten – und das vorgefertigte Urteil „Notwehr“ am Ende zu bestätigen. Doch Reilly stößt schnell auf Ungereimtheiten: Es sieht so aus, als habe Brennan den Gangster förmlich hingerichtet – doch auf wessen Auftrag? Er stößt bei seinen Nachforschungen nicht nur auf eine lange Geschichte der Korruption, sondern auch auf unter der Oberfläche schwelenden Rassismus. Kann er sich selbst davon freisprechen?

Mir fällt nicht wirklich etwas Schlaues zu Q&A ein – weshalb ich dann auch wieder einmal den ganz konservativen Einstieg mit Inhaltsangabe gewählt habe. Mit SERPICO und PRINCE OF THE CITY hat Lumet Klassiker des Polizeifilms geschaffen; Filme, die bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren haben und als definitive Statements zu Korruption im Polizeidienst gelten dürfen. Q&A hat dem nichts wesentlich Neues hinzuzufügen: Der Idealist Reilly stößt auf einen bis in die Mikrostruktur des Systems reichenden Filz, der sich auch dann nicht beseitigen lässt, wenn man ein paar Köpfe ihrer gerechten Strafe zuführt. Am Ende sind einige Sündenböcke geopfert worden, doch der politisch ambitionierte Chef des Morddezernats Quinn (Patrick O’Neal), ein Hardliner mit geheim gehaltener krimineller Vergangenheit, darf weiter im Amt bleiben. Mit gewohnt unprätentiösem Professionalismus erzählt Lumet diese Geschichte mit etwas weniger Konzentration, als ihr gut getan hätte. Die Ermittlungen – die der Titel ins Zentrum rückt – treten schnell zugunsten der Fokussierung auf die involvierten Gangsterbosse in den Hintergrund. Armand Assante gibt den Belastungszeugen Bobby Texador als schmierigen Verführer und beansprucht so etwas zu viel Aufmerksamkeit. Die Mafia mischt auch noch mit und tritt in den genretypischen Kleinkrieg mit dem Puertoricaner, inklusive konspirativer Treffen, Verrat und Auftragsmorden. Das alles verwässert den Film und wirkt im Jahr von GOOD FELLAS wie ein Zugeständnis an den Zeitgeist. Wenn man sich daran erinnert, was Lumet aus seinem Kammerspiel 12 ANGRY MAN herauszuholen wusste, der ahnt, dass die hier vollführten Handlungssprünge von New York nach Miami nach Puerto Rico und zurück nicht sein Steckenpferd sind.

Zu sich kommt der Film in den leisen Momenten. Im romantischen Subplot, sonst meist lästige Beigabe, tritt am klarsten hervor, worum es Lumet eigentlich geht. Während der Zeugenbefragungen trifft Reilly seine ehemalige Freundin, die Puertoricanerin Nancy (Jenny Lumet), wieder. Sie hatte ihn vor sechs Jahren ohne Nennung von Gründen verlassen, war von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben verschwunden. Nun ist sie mit dem Gangster Bobby Texador liiert. Als Al sie, immer noch schwer verletzt von ihrer Trennung, konfrontiert, erfährt er, was sie damals dazu brachte, so abrupt aus seinem Leben zu verschwinden: es war sein Blick, als er feststellte, dass der Vater seiner Geliebten ein Schwarzer ist. Reilly muss akzeptieren, dass er sich von dem Allagsrassismus, den er in der Polizei am Werk sieht, selbst nicht frei machen kann. Die Probleme, auf die er in seinem Job stößt, haben ihren Ursprung in jedem einzelnen Individuum. Der Film schließt mit Reillys Voice-over. Er hat Nancy auf einer kleinen Karibikinsel ausfindig gemacht, auf die sie sich nach der Ermordung Bobbys zurückgezogen hat. Schweigend sitzen sie nebeneinander am Strand, schauen wortlos aufs Wasser. Solange, bis er selbst mit sich im Reinen, der Keim des Rassismus in seinem Innersten abgetötet ist. Es ist der stärkste Moment des Films. Schade, dass man 2 Stunden auf ihn warten muss.

Der Alkoholismus von Vater Paddy (Nick Nolte) hat die Familie Conlon zerrissen: Sohn Tommy (Tom Hardy) flüchtete mit der todkranken Mutter, sein älterer Bruder Brendan (Joel Edgerton), der eigentlich mitkommen wollte, entschied sich für seine Frau Tess, Paddy blieb als Verstoßener allein zurück. Jahre später sitzt Tommy wie ein Geist aus einer längst vergangenen Zeit vor Tür des mittlerweile trockenen Vaters. Er will am hochdotierten MMA-Wettbewerb „Sparta“ teilnehmen und sucht noch einen Trainer – an einer Wiederaufnahme der Beziehung zu Paddy hat er jedoch kein Interesse. Gleichzeitig droht der Lehrer Brendan sein Haus zu verlieren: Auch er erinnert sich an seine Kämpfer-Vergangenheit und meldet sich zum Turnier an, in der Hoffnung, mit dem großen Preisgeld die Existenz seiner Familie retten zu können. Als die drei Männer aufeinandertreffen, kommen all die Konflikte, die nie wirklich ausgetragenen wurden, wieder auf den Tisch – und werden schlagkräftig ausgetragen …

Es ist eine Weile her, dass mich ein aktueller Film so dermaßen mitgenommen hat wie Gavin O’Connors WARRIOR. Während des Finales zitterte ich vor Spannung, das Herz hämmerte wie verrückt in meiner Brust, bei den Abschlusscredits fand ich nur mühsam wieder zur Ruhe – und meine Gattin saß völlig in Tränen aufgelöst neben mir. WARRIOR ist eine emotionale Achterbahnfahrt – kompromisslos, direkt, ungeschönt, hart, tieftraurig, hoffnungsfroh, bitter, wunderschön – und einer der besten Männerfilme der letzten Jahre. Die Beziehung – oder besser: die Nichtbeziehung – zwischen den drei Männern bestimmt ihn, bildet seinen Kern. WARRIOR ist ein Film über die männliche Dickköpfigkeit und ihren falschen Stolz, der ihnen verbietet, über ihren Schatten zu springen, über ihre Unfähigkeit, zu verzeihen – aber auch über ihre perverse Lust am Schmerz, sei er nun physisch oder psychisch. Was diese Unfähigkeit und diese Lust anrichten, ist nur schwer mitanzusehen: Vater Paddy lebt isoliert von seinen Söhnen und Enkeltöchtern, wie im Fegefeuer wird er jeden Tag mit seinen vergangenen Fehlern konfrontiert. Auch als Tommy wieder zurück ist, hat die Qual für den Vater kein Ende: Der bis tief in den Kern verletzte Sohn tritt dem gebrochenen Mann mit unverhüllter Verachtung gegenüber, lässt ihn immer wieder wissen, dass er ihn für alles erlittene Leid verantwortlich macht. Nicht anders reagiert Tommy auf seinen Bruder Brendan, von dem er sich verraten fühlt. Ein Verzeihen ist nicht vorgesehen – und so steuert der Film auf eine körperliche Auseinandersetzung zu, bei der nur einer der beiden Brüder gewinnen kann.

Nach meiner Kritik an BLACK SWAN muss ich fairerweise einräumen, dass auch O’Connor weiß, welche Knöpfe er drücken muss, um eine Reaktion beim Zuschauer zu erzielen. Auch diese Familienkonstellation ist mit ihren zahlreichen Katastrophen und Konflikten natürlich enorm konstruiert. Aber anders als bei Aronofskys Film, bei dem die Neurosen der Nina Sayers nur selten wirklich gelebt und mit Historie unterfüttert wirkten, kauft man O’Connor diese Familiengeschichte ab. Das liegt vor allem daran, dass das, was man sieht, ja nur die Spitze des Eisbergs ist, die Charaktere vielmehr komplexe Beziehungen zueinander unterhalten, von denen O’Connor immer nur kleine Details offenbart. Was genau diese Familie zerstört hat, bleibt im Nebel verborgen. Es ist aber auch egal, weil das Hier und Jetzt zählt: Und da haben sich alle ihr eigenes Bild der damaligen Umstände zurechtgezimmert und darin eingerichtet. Brendan und Tommy leben in einem Zustand der Verleugnung – und sie nehmen gern in Kauf, daran zu zerbechen und ihren Vater mitzuehmen.

WARRIOR ist aber auch ein Action-, genauer ein Kampfsportfilm. Und er benutzt sein Sujet, um die inneren Konflikte seiner Protagonisten auf die Spitze zu treiben. Diese Männer haben sich so weit voneinander entfernt, haben sich so in ihren eigenen Verletzungen eingemauert, dass Worte gar nicht mehr zu ihnen durchdringen können. Nur noch Fäuste vermögen dies. Das verkörpert vor allem Tommy: Eingehüllt in Kapuzenpullis, immer in leicht geduckter Haltung, die Muskeln grotesk aufgeblasen, einsilbig und konfrontational in seiner Gesprächsführung, beinahe autistisch im Umgang mit anderen, die Augen immer wachsam wie bei einem in die Ecke gedrängten Tier, erkennt man in ihm schnell, dass sich da jemand gegen sich selbst hart machen will. Tommys Brutalität im Kampf entspringt dem Wunsch, dass da jemand endlich die Schale knacken möge. WARRIOR ist damit auch das, was man einen transgressiven Film bezeichnet: Mit dem erlittenen Schmerz soll eine höhere Bewusstseinsstufe erklommen werden. Und der Zuschauer muss mitleiden, wenn die Fausthiebe einschlagen wie Bomben.

WARRIOR ist ein fantastischer Film. Hat mich fast umgebracht. Schon bei den ersten Bildern des rauchenden Industriemolochs Pittsburgh wusste ich, dass ich hier ein Zuhause finden würde. Dann sind da die drei Hauptdarsteller, die mich empfangen haben – wenn auch nicht mit offenen Armen: Am bewegendsten ist sicherlich Nolte. Wie er als Paddy sein Schicksal trägt, eine heftige Demütigung nach der anderen über sich ergehen lässt, weil er zum einen weiß, dass er diese in gewisser Weise „verdient“ hat, vor allem aber, weil er seine Söhne liebt und nicht mehr gegen sie kämpfen will, ist ergreifend. Tom Hardy ist furchteinflößend als Tommy und man merkt hier, wie sehr er als bemaskter Bane in THE DARK KNIGHT RISES eigentlich verschenkt war. Er verkörpert die tickende Zeitbombe mit derselben körperlichen Hingabe, die er schon seinem BRONSON angedeihen ließ. Joel Edgerton hält den Film als „straight man“ quasi zusammen. Seine Rolle ist die unspektakulärste der drei, gerade deshalb ist es bemerkenswert, wie er sich behauptet. Dann ist da der Score von Mark Isham, die melancholischen Folksongs, die immer genau dann anheben, wenn man eh schon um Fassung ringt. Das brutale Turnier, das fast die komplette zweite Hälfte des zweistündigen Films in Anspruch nimmt. Der Rhythmus O’Connors, der niemals ins Wanken gerät. Das Gefühl, mit dem er auch potenziell kitschige Szenen meistert. Die atemlose Spannung, die Begeisterung des Publikums, die Atmosphäre des Turniers, die sich nahtlos auf  den Zuschauer überrägt, ihn zum Teil des Events macht. Und – wie schon erwähnt – die vielen kleinen Geheimnisse, die der Film vor dem Betrachter bewahrt und die ihn daher auch nach seinem Ende noch beschäftigen. WARRIOR ist einfach ein Traum. Als sei er nur für mich gedreht worden. Ich glaube nicht, dass ich dieses Jahr noch einen besseren Film sehen werde. Hier bleibe ich.

Die neureiche Familie Whiteman um den Kleiderbügel-Fabrikanten David (Richard Dreyfuss), seine im New-Age-Wahn befindliche Gattin Barbara (Bette Midler), den verklemmten Sohn Max und die essgestörte Tochter Jenny hat eigentlich schon genug Probleme.  Offensichtlich aber nicht für Dave, denn der eilt nicht nur geistesgegenwärtig zur Rettung, als der Obdachlose Jerry (Nick Nolte) sich in seinem Pool ersäufen will, er nimmt den Geretteten auch noch bei sich auf. Und Jerry beginnt nun mit unkonventionellen Methoden die Probleme der Whitemans nach und nach aufzulösen. Doch dabei ist er längst nicht nur auf den Vorteil der anderen bedacht … 

downandoutinbeverlyhills1MY MAN GODFREY goes 80er. In dem Screwball-Klassiker mit William Powell engagierte eine Millionärstochter den zwar obdachlosen, aber nichtsdestotrotz hochgebildeten Godfrey als Butler. In dieser Funktion deckte dieser die Borniertheit, Undankbarkeit und Langeweile seiner Geldgeber gnadenlos auf und hielt ihnen den Spiegel vor, um so schließlich einen Selbstfindungs- und Besserungsprozess einzuleiten (mehr dazu hier). Mazursky versieht diesen Stoff mit entscheidenden Variationen, um ihn für die Achtzigerjahre zu adaptieren. So äußert sich in Daves plötzlichem Wandel zum Menschenfreund das Bedürfnis der Reichen nach Absolution und das diesem zugrunde liegende schlechte Gewissen. Daves Leben liegt in Trümmern, das Bekenntnis zum Altruismus ist letztlich dem Egoismus verpflichtet: Dave rettet Jerry, weil er die Notwendigkeit erkannt hat, in seinem Leben etwas ändern zu müssen. Jerry kommt ihm gerade recht, ist letztlich Daves Mittel zum Zweck. So frönt Dave dem simulierten Pennerleben und probt den konsequenzlosen Ausstieg aus dem Wohlstand. Auch Barbara frisst nach anffänglichem Misstrauen einen Narren an Jerry, findet in ihm einen neuen Lifestyle-Guru, dessen Weisheiten sie nachhängen kann. Mazursky zeichnet die Verlogenheit der Neureichen treffend nach, jedoch – und das unterscheidet ihn von unsympathischeren, forcierteren Abgesängen auf Ober- und Mittelschicht – ohne seinen Protagonisten mit Hass und Zynismus zu begegnen. Die Whitemans sind eigentlich eine sympathische Familie, die lediglich in den Konventionen ihres Biotops Beverly Hills gefangen ist. Dass sie sich kopfüber in ihre Neurosen stürzen und dann an den unmöglichsten Orten nach Hilfe suchen, kann man ihnen kaum vorwerfen. Und anders als in vergleichbaren Lehrstücken ist Jerry hier auch kein Quell unerschütterlicher Tugend: Als er merkt, was es für ihn zu holen gibt, nutzt er die Whitemans nach Strich und Faden aus, nimmt sich, was er bekommen kann. Es ist ein meisterlicher Zug dieser Komödie, dass sie beide Seiten am Ende miteinander versöhnt, anstatt den einen seinen „Sieg“ auf Kosten des anderen feiern zu lassen. Die Whitemans haben dank Jerry Einsicht in ihre Fehler und Irrtümer erhalten. Einer davon war, dass sie die Verantwortung für ihr Leben einem Fremden in die Hände legten. Einen schwereren begehen sie jedoch nicht: Sie geben ihm nicht die Schuld dafür, dass er nicht das Ausbund an Moral ist, das sie in ihm sehen wollten, sondern ein auch nur Mensch wie sie.