Mit ‘Nico Mastorakis’ getaggte Beiträge

Zweitsichtung. Meinen ersten Text möchte ich an diese Stelle nur um ein paar Bemerkungen ergänzen: Mastorakis selbst drehte diesen Film nach eigenem Bekunden mit dem Vorhaben im Hinterkopf, möglichst viel Geld mit möglichst wenig Aufwand, aber unter Rückgriff auf allerlei Geschmacklosigkeiten zu verdienen. Inspiration soll dabei vor allem THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE gewesen sein. Das scheint bei Betrachtung des Films, der keine richtige Geschichte erzählt, sondern eigentlich nur eine Situation schildert – ein psychopathisches amerikanisches Geschwisterpaar kommt nach Mykonos, um die Insel von „Perversen“ zu befreien –, die dann Anlass für zahlreiche Tabubrüche ist, auf den ersten Blick einleuchtend. Berücksichtigt man aber Mastorakis‘ Situation zu jener Zeit (und die Griechenlands), bekommt die Wut, die in TA PAIDIA TOU DIAVOLOU zum Ausdruck kommt, eine ganz andere Dimension.

Mastorakis, seit den späten Fünfzigerjahren eine Instanz in der griechischen Medienwelt, mit beträchtlichen Erfolgen als Zeitungsjournalist, Radio- und Fernsehmoderator und Musikproduzent, arbeitete unter der griechischen Militärdiktatur  von 1967 bis 1974 für den militäreigenen Sender, war dort jedoch nicht für staatserhaltende Propaganda, sondern in erster Linie für Unterhaltung zuständig. Er moderierte zahlreiche Fernsehhows, schrieb Drehbücher für Fernsehspiele, -serien und -filme. Zweimal geriet er dabei wegen angeblich systemkritischer Äußerungen mit den Machthabern aneinander und wurde entlassen, landete jedoch immer wieder auf den Füßen. Das änderte sich kurz vor dem Zusammenbruch der Junta. Als die Militärregierung nach den blutig niedergeschlagenen studentischen Aufständen an der TU von Athen merkte, dass sie etwas tun musste, um ihr Ansehen bei der Bevölkerung wiederherzustellen, kamen sie auf die Idee eine Dokumentation zu machen, bei der die inhaftierten Studenten zu Wort kommen sollten. Als Interviewer wurde Mastorakis auserkoren. Nach Fertigstellung des Films kam es jedoch zu einem handfesten Skandal, als einige der beteiligten Studenten behaupteten, mit Gewalt zur Mitwirkung an dem Projekt gezwungen worden zu sein. Auch Mastorakis gab zu Protokoll, nicht freiwillig mitgewirkt zu haben, doch sein Ruf war da schon längst ruiniert. Für eine Arbeit im griechischen Fernsehen war er verbrannt, seine Karriere zu Ende. Er fand eine neue Beschäftigung as Regisseur von Werbespots, bevor er mit TA PAIDIA TOU DIAVOLOU sein Spielfilmdebüt vorlegte.

Natürlich passt der Film sehr gut in eine Zeit, die nicht zuletzt geprägt war von der Enttäuschung über das sang- und klanglose Ende des Sommers der Liebe. Ernüchterung, Desillusionierung, Resignation, Pessimismus machten sich breit. Filme wie eben THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE oder THE LAST HOUSE ON THE LEFT erschienen und zeigten ihre Verachtung für ein Bürgertum, das seine Werte verkauft hatte. Das sieht man auch in Mastorakis‘ Film, dessen Protagonisten im Namen einer nicht näher definierten Freiheit die Arbeit von Faschisten machen. Auf Griechenland und Mastorakis selbst bezogen, ist TA PAIDIA TOU DIAVOLOU aber auch eine Art Befreiungsschlag, ein großes „Fuck you“ an die überwundene Militärdiktatur und ein bitter-ironisches Dankeschön an die Leute, die ihn fallengelassen hatten wie eine heiße Kartoffel. Aber, das zeigte die wunderschöne 35-mm-Kopie, die gestern zur Vorührung kam, es ist auch ein Film, der von einer gewissen Aufbruchsstimmung geprägt ist: Die Mittelmeersonne, das hypnotische Glitzern des Meeres lassen erahnen, dass nicht alles schlecht ist, und die am Ende sich anbahnende Beziehung zwischen der geläuterten Mörderin und dem schwachsinnigen, stummen griechischen Schafhirten kann man innerhalb der Gegebenheiten des Films nicht anders als als „romantisch“ bezeichnen. Ein toller Film, gleichzeitig Kind seiner Zeit wie vollkommen eigenständig.

 

Während Athen von einem Frauenmörder heimgesucht wird, entdeckt der für eine griechische Werbeagentur arbeitende Jonathon Ratcliff (Joseph Bottoms) bei einem Fotoshooting ein Model, das ihn frappierend an eine Jugendliebe erinnert. Besessen von dem Gedanken, die damals tragisch verlaufene Beziehung zu einem positiven Ende zu bringen, heftet er sich an ihre Fersen. Als er von ihrem Freund entdeckt wird und fliehen muss, erleidet er einen Unfall, der ihn erblinden lässt. Weil keinerlei physische Schäden erkennbar sind, stehen die Ärzte vor einem Rätsel. Nur Dr. Steiger (Keir Dullea) hat eine Idee: Mithilfe eines auf Ultraschall basierenden Gerätes verhilft er Jonathon zu einer neuen Sicht. Der ist begeistert, doch dann läuft er bei einem nächtlichen Spaziergang dem Killer über den Weg. Dummerweise lässt ihn seine neue Sehhilfe keine Gesichter erkennen …

BLIND DATE ist ein ziemlich seltsamer kleiner Thriller. Der Schauplatz des sonnigen Athens trägt seinen Teil dazu bei, dass sich dieser Film nie so richtig amerikanisch anfühlt, die unübersehbaren Giallo-Einflüsse tun ihr Übriges. Mit jeder Menge damals hochmodernem, fast futuristischem Technik-Schnickschnack – Walkman, Videospielkonsole, Diktiergerät, Fernsehwand – zeichnet Mastorakis eine Hochglanzwelt, während er dabei mit einem Bein bis zum Knöchel im Morast des Sleaze steckenbleibt. Die Opfer des Mörders – ein verhinderter Chirurg – ziehen allesamt blank, bevor sie der grimmer Schnitter ereilt, sodass der Betrachter unter anderem in den Genuss des Anblicks der Brüste einer jungen Marina Sirtis kommt. Extrem dialogarm mäandert BLIND DATE so dahin, lange Zeit anscheinend uninteressiert, die beiden Handlungsebenen sinnvoll zusammenzuführen, ganz seiner tagträumerischen, unterleibszentrierten Stimmung erlegen. Auch wenn der Vergleich etwas abgelutscht ist, weil ich ihn wohl schon 100 Mal gebracht habe: Mit der Leere, die Jonathon ausstrahlt, nachts vor seiner Fernsehwand liegt und „Super Breakout“ spielt, sich tagsüber bei jedem Schritt mit dem Walkman abkapselt, mit dem gut bezahlten Glamourjob, seinem luxuriösen Büro und der Freundin (Kirstie Alley), für die er nie Zeit hat, erinnert er etwas an den Wall-Street-Psychopathen Patrick Bateman. Aber die Kritik, die Bret Easton Ellis am Oberflächenfetisch der Achtzigerjahre übte, liegt hier noch in weiter Ferne. Hier ist der Regisseur selbst noch ganz fasziniert von den Verheißungen der neuen Technik. Der heutige Zuschauer ist eher ernüchtert, wenn er zum ersten Mal an Jonathons Ultraschall-Vision teilhat, und entsetzt von der Verantwortungslosigkeit des Arztes, der einen Mann mit einer solch mangelhaften „Hilfe“ in die Welt entlässt. Filmisch knüpft Mastorakis damit natürlich an eine lange Tradition von „Subjektivitäts-Thrillern“ an: Von James Stewart in REAR WINDOW über die blinde Audrey Hepburn in WAIT UNTIL DARK oder Mia Farrow in SEE NO EVIL oder auch den auf seine Tonaufzeichnungen angewiesenen Gene Hackman in THE CONVERSATION finden sich etlich Beispiele für Protagonisten, die mit den Beschränkungen ihrer Wahrnehmung zu kämpfen hatten. Mastorakis ist aber weder ein Hitchcock noch ein Coppola, noch nicht einmal ein Young oder Fleischer, deshalb gelingt es ihm nicht so recht, den vollen Ertrag des viel versprechenden Szenarios zu einzufahren. Vielleicht war ihm das aber auch gar nicht so wichtig: Wenn BLIND DATE am Ende zu seinem obligatorischen Showdown kommt, Jonathon dem Killer gegenübersteht, fällt das kaum ins Gewicht. Der Bösewicht ist nur ein Hindernis, das aus dem Weg geräumt werden muss, um sich weiter ziellos durch Athen treiben lassen zu können. Mehr als das Treiben des Frauenmörders bleibt das ebenso rätselhafte wie vollkommen sinnlose T-Shirt von Jonathon im Gedächtnis. Darauf steht: I love my dentist.

Christopher (Robert Behling) und Celia (Jane Ryall), ein englisches Pärchen, kommen zum Urlaub auf die griechische Insel Mykonos. Doch sie sind keine normalen Touristen: Christopher ist von dem Gedanken besessen, die Insel von den „Perversen“, die sich dort niedergelassen und sie den „unschuldigen“ Einheimischen weggenommen haben, zu „reinigen“. Und Celia hilft ihm tatkräftig dabei …

Vor kurzem hatte ich noch über Mastorakis ein Jahrzehnt später entstandenen THE ZERO BOYS geschrieben, dass der Regisseur von allzu grafischer Gewaltdarstellung absehe und eher auf die Kraft der Suggestion setze: Dies im Hinterkopf kann man bei ISLAND OF DEATH, wie der internationale Titel von TA PAIDIA TOU DIAVOLOU lautet, zunächst kaum glauben, dass dort derselbe Regisseur am Werk gewesen sein soll. Denn ohne jede erkennbare Motivation lässt er seine beiden Protagonisten dort jeden nur erdenklichen Tabubruch begehen und ist stets darum bedacht, diesen auch wirkungsvoll ins Bild zu rücken. Mastorakis‘ Vorgehen erklärt sich aus einem aufschlussreichen Interview, das sich im Bonusmaterial der DVD befindet: Er wollte nach eigenem Bekunden einen Film drehen, der ihm bei geringstem Aufwand einen möglichst großen Gewinn bescheren würde, und ahnte – inspiriert von Hoopers THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE –, dass Gewalt ein probates Mittel dazu sein würde. Die Rechnung ging auf und ISLAND OF DEATH wird noch heute als eine der geschmacklosen Spitzen eines an geschmacklosen Spitzen nicht armen Genres bewertet.

Mit der Distanz von über drei Jahrzehnten relativiert sich diese Bewertung durchaus etwas: Man hat mittlerweile schon Grausameres – und dabei vor allem Mieseres – gesehen. Die Effekte von Mastorakis‘ Film sind zwar zweckdienlich, aber doch auch recht fadenscheinig und keinesfalls mit den Filigranarbeiten etwa eines Tom Savini zu vergleichen. Trotzdem lässt sich kaum bestreiten, dass ISLAND OF DEATH einen ganze eigenen Grad der Devianz erreicht. Dass er auch heute noch so radikal wirkt, liegt zum einen in der kalkulierten Haltung des Films begründet, die sich auch in der Gefühlskälte der beiden Protagonisten widerspiegelt, und in der genannten Überfülle der Tabubrüche, die ISLAND OF DEATH schon fast den Anstrich einer Enzyklopädie der Niedertracht verleihen. Wenn man bereit ist, sich diesem Werk im wahrsten Sinne des Wortes zu stellen, ihm aufgeschlossen zu begegnen, sieht man aber auch, dass hier unverkennbar die Enttäuschung der 68er-Generation abgebildet wird, deren Traum von einer besseren Welt nur wenige Jahre zuvor wie eine Seifenblase geplatzt war. In dem sich an diese Enttäuschung anknüpfenden Zorn, der hier zum Ausdruck kommt, erinnert ISLAND OF DEATH nicht wenig an die klassenkämpferischen Gewaltfilme aus Italien, etwa Aldo Lados L’ULTIMO TRENO DELLA NOTTE. Filmisch können sich zudem drei Viertel der Möchtegerns, die sich in diesem Genre betätigen, eine dicke Scheibe von Mastorakis‘ Film abschneiden. Dass der nämlich trotz seiner beschränkten Mittel eine absolute Augenweide ist, ist eigentlich der größte Affront dieses bizarren kleinen Schockers.

Die „Zero Boys“, eine dreiköpfige Gruppe Gotcha-spielender Wochenendsoldaten um den obercoolen Steve (Daniel Hirsch), begibt sich nach gewonnenem Turnier mit den Freundinnen in die kalifornischen Berge, um den Sieg bei Dosenbier und Fummeln gebührend zu feiern. Doch statt eines lustigen Abends steht ihnen eine absolute Schreckensnacht bevor, als sie die Aufmerksamkeit zweier sadistischer Hinterwäldler auf sich ziehen, die in ihrer Scheune Snuff-Filme zur Stillung ihrer perversen Bedürfnisse drehen …

Wie fast alle Filme, die der griechische Regisseur Mastorakis in den Achtzigerjahren drehte, zeichnet sich auch THE ZERO BOYS durch eine sehr gediegene Inszenierung aus, bei der vor allem Kameraarbeit und Lichtsetzung hervorzuheben sind, die einen beträchtlichen Teil der Spannung und Atmosphäre des Filmes ausmachen. THE ZERO BOYS sieht toll aus und tröstet damit darüber hinweg, dass er auf der Handlungsebene nur wenig spektakulär ist. An vordergründiger Gewalt und Splattereffekten war Mastorakis offensichtlich nicht interessiert: Die wenigen Szenen um die Folterkammer, in der die Snuff-Filme gedreht werden, begnügen sich mit Andeutungen und verzichten auf explizite Gewaltdarstellungen. Meines Erachtens hebt das THE ZERO BOYS gegenüber den zahllosen in Blut und Gedärm watenden Filmen seiner Zeit aber eher positiv hervor, weil es ihn trotz des modischen Gotcha-Sujets und der achtzigertypischen Optik in Beziehung zu einer älteren Horrortradition setzt, in der Schrecken durch Suggestion erzeugt wurde, statt durch gnadenloses Draufhalten.

Interessant wird THE ZERO BOYS – den ein wieder einmal erschreckend indisponierter Frank Trebbin in seinem Horrorlexikon der blöden Meinungen in Bausch und Bogen verrissen hat – neben seinem damals noch längst nicht so gegenwärtigen Snuff-Diskurs durch seine Anlehnung an den Actionfilm und die seinerzeit wieder aktuellen Vietnam-Bezüge. Gleich zu Beginn richtet der kampfbereite Steve die mahnenden Worte „Sly, eat your heart out!“ an ein RAMBO II-Szenenfoto und die aus dem Hinterhalt mit archaischen Waffen operierenden Hinterwäldler, die man erst sehr spät zu Gesicht bekommt, lassen sich durchaus als Vietcong-Repräsentanten lesen. Oder aber man interpretiert THE ZERO BOYS strukturalistisch: Dann ist er eine Kampfansage des Horrorfilms an seinen damals die Kinokassen dominierenden Konkurrenten, das Actionkino. Aber auch ohne solche Exegesen ist THE ZERO BOYS feine unprätentiöse Unterhaltung. Ich mag den Film trotz seiner letztlich etwas unspektakulären Auflösung sehr gern, zumal mich nostalgische Gefühle mit ihm verbinden: Es war nämlich der erste Film, den ich als Gebrauchtkassette in einer Videothek erstand.