Mit ‘Nicolas Roeg’ getaggte Beiträge

Unser Familien-Halloween-Film: Roald Dahls doch ganz schön fieses Kinderbuch habe ich noch vor wenigen Jahren regelmäßig meiner Tochter vorgelesen – sie konnte nicht genug davon bekommen, hatte aber seltsamerweise keine Angst davor. Das war gestern ein bisschen anders, denn das meiste hatte sie längst vergessen und das schöne Hexen-Make-up für Anjelica Huston sowie der fehlende Finger der lieben Oma verfehlten ihre Wirkung nicht. Am Ende überwog aber dann doch die Begeisterung und Freude, die niedlichen Mäuschen haben sicher auch nicht geschadet und im Gegensatz zu meiner Gatti und mir, die ob des furchtbar aufgesetzten, von Roeg mit sichtbarem Widerwillen inszenierten Happy Ends mit der Nase rümpften, waren die beiden glücklich, dass der kleine Luke (Jasen Fisher) von seinem Fluch befreit wird – Roald Dahl hatte in seinem Buch natürlich auf einen solchen Rückzieher verzichtet. Dabei eignen sich Dahls Bücher und Geschichten auch ohne Modifizierungen wunderbar für Verfilmungen: Neben seinen wilden, makabren Ideen und den lebhaften Beschreibungen, die geradezu danach schreien, in Film übersetzt zu werden (meist liefert er oder ein anderer Zeichner die passenden Illustrationen direkt mit), bringt er auch schon eine ideale Zuschauerperspektive mit, indem er dem Leser den Blickwinkel der Kinder auferlegt. Mit Nicolas Roeg und Jim Henson haben sich dann auch genau die richtigen dieses schönen Stoffes angenommen: Künstler, die in Bildern denken, ihre Inspiration aus Märchen und Träumen beziehen, dabei aber auch immer wieder in die beunruhigenden Tiefen des Unterbewusstseins vordringen, unsere Dämonen in Bann schlagend.

THE WITCHES ist eine Geschichte um den lauernden Tod, der besonders Kinder werbend umgarnt: In Norwegen berichtet Oma Helga (Mai Zetterling) ihrem Enkel Luke von Hexen, die vor dene sich Luke in Acht nehmen müsse, von den schrecklichen Dingen, zu denen sie in der Lage sind und woran man sie erkennt. All das Wissen nützt dem Jungen nichts, als er nach dem Unfalltod seiner Eltern im gemeinsamen England-Urlaub mit der Oma mitten in eine Versammlung britischer Hexen stolpert, in der die Oberhexe (Anjelica Huston) von ihren Plänen berichtet, alle Kinder mittels eines Zaubertrankes in Mäuse zu verwandeln. Nachdem sie das Mittelchen am verfressenen Bruno (Charlie Potter) getestet hat, wid auch Luke verwandelt. Doch er und Bruno können als Mäuse entkommen und schmieden zusammen mit der Oma einen Racheplan.

THE WITCHES ist tatsächlich ein Glücksfall, vereint alle Stärken von Dahls Buch und belebt dessen wilde Geschichte mit großem Drive, geschäftigem Slapstick, pointierten, temporeichen Dialogen, tollen Performances und natürlich den fantasievollen Effekten aus Henson Effektlabor. Dreh- und Angelpunkt ist wie im Buch die lange Sequenz im Tagungsraum, die die fantastische Huston für eine wahre Demonstration ihrer Kunst nutzt. Ihre Oberhexe ist für die Ewigkeit, voller Autorität, sadistischer Boshaftigkeit, aber auch jeder Menge dunklen Sex Appeals. Und die Schauspielerin genießt es, diese tolle Figur mit raumgreifenden Szenen, diabolischem Charme und arrogantem, lustvollem Funkeln in den Augen zum Leben zu erwecken, während um sie herum ein ganzer Saal glatzköpfiger Hexen vor Begeisterung gackert. (Den Pfiff des Films erkennt man in dem ebenso einfachen wie wunderbaren Einfall, einen Teil der Hexen von Männern spielen zu lassen.) Für Witz sorgen auch Rowan Atkinson als großtuerischer, letztlich aber duckmäuserischer Hoteldirektor, dessen Betrieb zu seinem großen Entsetzen im Chaos versinkt, als sich die versammelten Hexen unter großem Gekreisch in Mäuse verwandeln und die restlichen Gäste in Panik versetzen, sowie Bill Paterson als desinteressierter Vater Brunos, der ständig seine Verachtung für das unter seiner Würde liegende Hotel zum Ausdruck bringt. Mai Zetterling kommt als fürsorglicher Oma der Part zu, den Film mit einer geerdeten Performance zusammenzuhalten; eine Aufgabe, die sie mit Bravour meistert. Und Roeg wahrt mit ihr zusammen auch in den traurigeren Momenten des Films die Dahl’sche Zurückhaltung, ersäuft ihn niemals in Gefühlsduselei, Sentimentalität oder Pathos. Leider konnte er sich offensichtlich nicht gegen seine Produzenten durchsetzen, als diese auf ein wirklich saudummes, weil komplett unmotiviertes Happy End bestanden. Wie aus dem Nichts taucht eine der Hexen, die Lukes Giftanschlag entgangen war, bei ihm auf und verwandelt ihn in einen Menschen zurück. Warum sie das tut, bleibt völlig ungeklärt – das ganze Ende gründet sich ausschließlich auf dem Irrglauben, alles müsse immer gut enden – vor allem in einem Kinderfilm – und das schließe einen Jungen, der sein Dasein als Maus fristen muss, automatisch aus. Aber auch dieser Sabotageakt kann THE WITCHES nichts anhaben, was ein weiterer Beleg für seine Klasse ist.

cortezcastaway1981 begab sich der 45-jährige englische Verleger Gerald Kingsland mit der 21 Jahre jüngeren Lucy Irvine, die er zuvor aus über 50 Bewerberinnen ausgewählt hatte, für ein Jahr auf die entlegene Insel Tuin, in der Torres-Straße zwischen Neuguinea und Australien. Was als romantisches Abenteuer, soziales Experiment und nicht zuletzt Prämisse für ein Buch gedacht war, endete für die beiden, die mit Mangelernährung zu kämpfen hatten, beinahe tödlich. Ihre Erlebnisse schilderten sie anschließend in ihren Büchern „Castaway“ (Irvine, 1983) und „The Islander“ (Kingsland, 1984).

Roeg verzichtet in seiner Verfilmung der wahren Geschichte auf nahezu jede Kontextualisierung. Was Kingsland auf eine verlassene Insel treibt – abseits des schriftstellerischen Engagements -, bleibt ebenso vage wie Lucys Motive. Die beiden sind sich nicht unsympathisch, aber Lucy scheint den älteren Mann, der sich ihr gegenüber bereitwillig als konservativ eingestellter Pascha outet, durchaus als eine Art Kompromiss zu betrachten, den sie eingehen muss, wenn sie den „Zuschlag“ haben will. Sex ist ihr ein zu diesem Zweck billiges Mittel. Man versteht den späteren Zorn Geralds, wenn er ihr nach monatelangem Sexentzug vorwirft, ihm in der Heimat nur etwas vorgespielt zu haben, aber auch er selbst, entspricht auf Tuin nicht mehr dem Bild des patenten, motivierten und gut vorbereiteten Abenteurers, das er in London von sich entworfen hatte. Das wichtige Jod hat er ebenso einzupacken vergessen wie das Mehl, und anstatt den so wichtigen Unterschlupf zu bauen, liegt er lieber faul in der Sonne. Was wie eine Märchenromanze begann, entwickelt sich binnen kürzester Zeit in einen Albtraum aus Zickereien, handfesten Streitigkeiten und gegenseitigen Vorwürfen, der nur mit einem bitterbösen Erwachen enden kann. Mangelernährung und eitrige Entzündungen zerren an Psyche und Physis, nach einer langen Dürrezeit liegen die beiden ausgemergelt und unfähig, sich zu bewegen, in ihrem Zelt und warten auf den Tod. CASTAWAY endet an dieser Stelle aber nicht. Nach der Rettung durch zwei Nonnen von der größeren Nachbarinsel und dank der Hilfe einiger Bewohner richten sich Gerald und Lucy dann doch noch „häuslich“ ein und schließen Frieden miteinander. Nach Ablauf ihres Jahres bleibt er als Handwerker, der für die Einheimischen Motoren, Uhren und andere Geräte repariert, sie reist zurück in die Heimat, Stoff für einen Bestseller im Gepäck, aber auch die Gewissheit, dass das „Experiment“ auf menschlicher Ebene gescheitert ist.

Es ist gut, dass Roegs Film im letzten Drittel diese mild positive Wendung nimmt, die sich vorher nicht unbedingt abgezeichnet hat (zumindest dann nicht, wenn man den realen Ausgang der Geschichte nicht kennt). Während der ersten knapp 90 Minuten ist CASTAWAY zunehmend schwere Kost, wenn auch in berückend schönen, fies trügerischen Bildern des Inselidylls. Dem langsamen Verfall der beiden zuzusehen, die sich ja eigentlich nichts zu Schulden haben kommen lassen, die einfach nur stinknormale Menschen mit all den gängigen Verfehlungen sind, bereitet fast körperliche Schmerzen und man wähnt sich in einem dieser seit einiger Zeit angesagten Horrorfilme, in denen als „arrogant“ apostroophierte Zivilisationsmenschen die Quittung für ihre Hybris bekommen. So eindimensional ist CASTAWAY nicht, wie es sich Roeg ganz generell verkneift, ein Urteil über seine Protagonisten zu fällen oder ihre Geschichte als Gleichnis aufzuziehen, das dem Zuschauer irgendetwas über den Zustand der Gesellschaft oder des Individuums im ausgehenden 20. Jahrhundert erzählen soll. Es geht hier um Lucy und Gerald, um zwei konkrete Personen, darum, wie und warum ihre Träume platzen, und was das mit ihnen anstellt. Natürlich werden dabei einige unvermeidliche Themen angerissen: die Naivität des Zivilisationsbürgers, der sich in der Isolation der Natur von all seinen Makeln reinwaschen zu können hofft, die Romantisierung des Inselidylls, das sich schnell als genauso tückisch entpuppt wie die dunkleren Ecken Londons, schließlich der Geschlechterkonflikt und die Frage, inwiefern fremde Menschen unter den gegebenen Extrembedingungen überhaupt eine auf Ehrlichkeit basierende Beziehung zueinander aufbauen können. Aber die Bearbeitung dieser Themen emanzipiert sich eben nicht von der eigentlichen Geschichte, es gibt für den Zuschauer am Ende keine handlichen, universell anwendbaren Antworten. Das ist durchaus nicht selbstverständlich: Man beachte nur einmal, wie wenig Aufhebens Roeg darum macht, dass da eine 24-Jährige auf die Zeitungsannonce eines mittelalten Mannes antwortet, und vergleiche das mit der Paranoia, die heute immer noch um das böse Internet und finstere „Chatrooms“ gemacht wird, in denen jeder zweite ein potenzieller Serienmörder ist.

CASTAWAY war eigentlich dazu angetan, die nach kein Ende nehmen wollenden Skandalmeldungen sowie zahlreichen Publikums- und Kritikerflops traurig versandete Karriere Reeds wiederzubeleben. Es ist eine Darbietung für die Ewigkeit, die der damals 48-Jährige abliefert, wie er mühelos und überzeugend zwischen sympathischem Spaßvogel, peinlich-notgeilem Jammerlappen und cholerisch polterndem Derwisch hin- und herschaltet, körperlich immer weiter abbaut und am Ende mit bärigem Grinsen alle Sympathien auf seiner Seite hat. Zwar wurde seine Leistung erkannt, doch die erhoffte Sogwirkung blieb leider aus. Wahrscheinlich auch, weil CASTAWAY insgesamt nur wenig Erfolg beschieden war. Liest man heute die Einschätzungen der Rezensenten, so erkennt man, dass dem Film genau das angelastet wurde, was ich oben als seine ausgesprochene Stärker herausgearbeitet habe. Roeg gibt dem Zuschauer keine Bedienungsanleitung, keine Reiseroute an die Hand, die ihm erklärte, was er mit dem Gesehenen anzufangen habe. Warum auch? Es ist ausnehmend faszinierend, Lucy und Gerald zuzusehen und sich zu fragen, was sie glauben ließ, eine Robinsonade mit einem wildfremden Partner sei eine gute Idee. Es ist anzunehmen, dass sie darauf selbst keine befriedigende Antwort geben konnten. Manche Dinge muss man eben einfach tun, mit allen Konsequenzen.