Mit ‘Nikolaj Coster-Waldau’ getaggte Beiträge

Für mich ist De Palma einer der All-Time-Greats und meiner Meinung nach hat der mittlerweile 79-Jährige noch keinen wirklich schlechten Film gemacht (WISEGUYS ist wahrscheinlich sein objektiv schwächster, REDACTED hat mich damals auch eher enttäuscht). Auch sein Spätwerk ist mit Filmen wie SNAKE EYES, FEMME FATALE, BLACK DAHLIA, mit Abstrichen auch PASSION oder jetzt eben DOMINO über jeden Zweifel erhaben, auch wenn diese Ansicht wahrscheinlich nicht allzu viele mit mir teilen. I’ll take De Palma over Scorsese, Scott or Polanski any day. (Nachdem ich vor über zehn Jahren mal eine umfassende Werkschau in meinem damaligen Filmforen-Tagebuch gemacht habe, werde ich mir ein paar seine Filme demnächst mal wieder zu Gemüte führen.)

Mit DOMINO, da müssen wir uns nichts vormachen, erfindet sich der Altmeister gewiss nicht neu, aber wenn er sich selbst kopiert, klaut er immerhin bei einem der besten. Einige seiner bewährten Tricks wirken hier, in einem Film, der mit einem geradezu lächerlichen Budget von knapp 8 Millionen Dollar ausgestattet ist, etwas weniger geschliffen und glamourös, als man es aus seinen besten Werken gewohnt ist, aber andere Filmemacher wüssten wahrscheinlich gar nicht, was sie mit einem solchen Betrag überhaupt anfangen sollten. DOMINO sieht ein bisschen wie ein TV-Film aus (allerdings ein schöner), wirkt manchmal eher zweckdienlich als elegant, was ihm dann auch einige Kritik eingebracht hat, aber mir ist ein solcher gut konstruierter, mit 85 Minuten wunderbar griffiger, angenehm altmodischer Reißer am Ende lieber als irgendwelcher High-Concept-Schmonzes, bei dem ich weiß, dass ein Drittel des Materials aus dem Rechner kommt.

Der dänische Cop Lars (Søren Malling) wird bei einem Einsatz von einem Afrikaner namens Ezra (Eriq Ebouaney) ermordet. der zuvor offenbar einen nordafrikanischen Waffenschmuggler gefoltert und hingerichtet hatte. Beim Versuch, ihn festzuhalten, verliert Lars‘ Partner und bester Freund Christian (Nikolaj Coster-Waldau) das Bewusstsein, sieht aber noch, wie Ezra von drei Männern entführt wird. Es stellt sich heraus, dass der CIA-Mann Joe Martin (Guy Pearce) einen ISIS-Anführer stellen möchte; und auf jenen Mann hat es eben auch Ezra abgesehen, weil der Terrorist seinen Vater umgebracht und seine Kinder verschleppt hatte. Christians und Joes Pläne kollidieren, denn während ersterer Ezra für den Mord an seinem Freund verhaften will, möchte Joe weitere Informationen. Aber noch eine vierte Person ist involviert: die Polizistin Alex (Carice van Houten), die eine Affäre mit dem verheirateten Lars hatte und ein Kind von ihm erwartet. Der Weg führt nach Almeria, wo der ISIS einen Terroranschlag plant.

DOMINO erinnert uns daran, dass der „War on Terror“ keine klinisch-saubere Mission auf der Ebene der Hochpolitik ist, sondern dass ganz normale Menschen in diese Schlacht involviert sind: Ezra nimmt keine Rücksicht, weil das Leben seiner Familie davon abhängt, dass er den Terroristenführer stellt. Christian kann wiederum weder Rücksicht auf diese noch auf Joes Motive nehmen, weil es für ihn darum geht, ein Verbrechen aufzuklären. Und Alex, die keiner auf der Rechnung hat, treibt noch etwas ganz anderes an. Der Terror spielt sich ebenso wenig wie der Kampf gegen ihn auf einer dem Alltag enthobenen Ebene ab: Er betrifft Menschen, die wiederum ihren eigenen emotionalen Ballast mit sich herumschleppen. Das Leben ist bei De Palma ja immer eine ziemlich unordentliche Angelegenheit, das zeigt sich auch hier. Lars‘ mürrische Art und das ständig verdreckte Innere seines Wagens sind Zeichen einer persönlichen Krise, von der weder seine Ehefrau noch sein bester Freund und Partner etwas wissen. Der Titel des Films bezieht sich natürlich auf die weitreichenden Folgen und die unvorhersehbare Kettenreaktion, die ein Verbrechen hier nach sich zieht.

Sehr wichtig und De-Palma-typisch ist auch seine Thematisierung der Medien, die der ISIS ganz gezielt nutzt. Die obligatorische Splitscreen-Sequenz ist hier der mit zwei GoPros gefilmte Anschlag einer Terroristin während eines Filmfestivals: eine Kamera zeigt sie selbst und ihren gar nicht so triumphalen Gesichtsausdruck, die andere nimmt den Blick eines First-Person-Shooters ein und zeigt den Lauf ihres Maschinengewehrs, den sie auf verschiedene unschuldige richtet, bevor sie sich selbst in die Luft sprengt. Auch Handykameras und Drohnen kommen mehrfach zum Einsatz – letztere fungiert im doppelten Showdown unabsichtlich als tödliche Waffe – und in einer perfiden Verhörsequenz spielt De Palma geschickt mit verschiedenen Perspektiven. Auch wenn diese Stilmittel heute eher an Trademarks erinnern, die der Regisseur um ihrer selbst willen einsetzt, weil sie ihm vor rund 50 Jahren zu Weltruhm verhalfen, so macht ihre Anwendung im Rahmen des Films doch Sinn: Die mediale Inszenierung, die Macht über die eigene Darstellung durch das Filmbild sind integraler Bestandteil des Terrors als Organisation wie auch seiner Wirkung. Der „War on Terror“ ist ein Krieg der nicht zuletzt mit Bildern und um sie geführt wird.

 

551687Es ist schon seltsam: Wenn man sich auf einschlägigen Filmseiten umschaut, scheinen sich Filmfans nichts sehnlicher zu wünschen als buntes, großes, naives Entertainment, wie es Steven Spielberg und Konsorten in den Achtzigerjahren in Reihe zu produzieren pflegten. Doch wenn dann ein Film wie GODS OF EGYPT daherkommt, der eigentlich genau das bietet, dann hagelt es Spott und Verrisse. Der 140 Millionen teure Spaß von Alex Proyas ging an den Kinokassen heftigst baden, spielte in den USA noch nicht einmal ein Viertel seiner Kosten wieder ein – ein Desaster. Mit Sicherheit ist dieses miserable Abschneiden unter anderem auf das Fehlen jenes Staraufgebots zurückzuführen, das die Marvel-Verfilmungen regelmäßig aufzubieten pflegen, auch dass der Film nicht auf eine beliebte Vorlage verweisen kann, dürfte ihm in dieser Zeit nicht als Originalität, sondern als Mangel ausgelegt worden sein. Aber so nachvollziehbar sein kommerzielle Versagen vielleicht auch ist, es stimmt doch etwas traurig: GODS OF EGYPT liefert eine Extraportion überkandidelter Bilder, knallt einem die spektakulären Set Pieces um die Ohren, dass es nur so eine Art hat, und erzählt seine Geschichte mit jener perfekten Mischung aus fabulierfreudigem Enthusiasmus und milder Selbstironie, die ein solcher Stoff braucht, um dem Vorwurf des Zynismus mit pantherhafter Grazie zu entgehen.

GODS OF EGYPT ist so einer dieser Filme, die regelmäßig erboste Wortmeldungen von humorbefreiten Fachidioten, hier: Ägyptologen, nach sich ziehen, die sich dann beschweren, das irgendwas historisch total verfälscht dargestellt wurde, aber damit nur zeigen, wie wenig Spaß sie verstehen. Die Prämisse von GODS OF EGYPT ist tatsählich herrlich bescheuert: In Ägypten, der Wiege der Menschheit, leben die ca. drei Meter großen Götter mit den Menschen in friedlicher Eintracht. Der Himmel ist endlos weit und petrolblau, gewaltige Städte mit goldenen Prachtbauten und gigantischen Pyramiden erheben sich von den Inseln im Nil, die Topografie des Landes bietet genauso Platz für karge Wüsteneien wie für monolithische Gebirge mit ehrfurchtgebietenden Wasserfällen und Urwälder voller bizarrer Pflanzen. Und über all dem zieht Sonnengott Ra (Geoffrey Rush) auf seinem gläsernen Himmelsschiff seine Bahnen, zieht die Sonne hinter sich her und ballert jede Nacht dem gefräßigen Dämon Apophis einen vor den Latz, auf dass er die Erde in Ruhe lasse. Eben will der weise Osiris (Bryan Brown) seinen Sohn Horus (Nikolaj Coster-Waldau) zum neuen Gottkönig ernennen, da schneit sein Bruder, der missgünstige Set, (Gerard Butler) herein, tötet Osiris und rupft Horus die Augen heraus. Es liegt an dem sterblichen Bek (Brenton Thwaites), Horus die Augen zurückzugeben und ihm im Kampf gegen Set beizustehen, der sich anschickt, alle Götter umzubringen und Ägypten ins Chaos zu stürzen.

Das ist alles natürlich total Banane, aber es spielt nicht wirklich eine Rolle, weil es einfach Spaß macht, sich von Alex Proyas in diese Welt entführen zu lassen. Der Regisseur, nach 20 Jahren im Business immer noch ein Geheimtipp, versteht es, die einzelnen Episoden zusammenzuhalten und seine Figuren nicht zu Spielbällen der Effekte verkommen zu lassen. GODS OF EGYPT als „charakterzentriert“ zu bezeichnen, wäre sicherlich zu viel der Ehre, aber es ist schon auffallend, dass es immer die Motivationen der Figuren sind, die in all dem Gewirbel und Gewusel die Richtung vorgeben. Der etwas lethargische Horus ist ein toller Held, der auch noch ein Sequel rechtfertigen würde, dass er nach dem Versagen dieses Films wohl eher nicht bekommen wird. Schade. Und das Pärchen aus Bek und seiner geliebten Zaya (Courtney Eaton), die auch der Tod nicht trennen kann, ist so zuckersüß, dass man ihm glatt noch länger beim Lächeln zusehen möchte. Und dann ist da ja auch noch Horus‘ Partnerin Hathor (Elodie Yung), die sich einfach nicht auf das Klischee des exotisch anmutenden Eye Candys reduzieren lassen möchte und ebenso beharrlich wie erfolgreich gegen die dahingehenden Bemühungen des Drehbuchs ankämpft. Proyas macht viele kleine Sachen richtig, die in anderen Filmen regelmäßig in die Binsen gehen. Den meisten wird das nicht aufgefallen sein, weil sie gekommen sind, um großes Effektkino zu sehen. GODS OF EGYPT liefert auch hier, aber er kann sich nicht merklich von seiner Konkurrenz abheben. Und er orientiert sich natürlich stark an den Klassenbesten der letzten Jahre. Ohne die Erfolge der Marvel Studios gäbe es auch diesen Film nicht, dessen Ikonografie ein wenig an die Asgard-Episoden aus den THORFilmen erinnert, der auch in seinen zahlreichen Kampfszenen natürlich mit einem Auge auf die beliebten Superheldenkeilereien schielt. Im direkten Vergleich musste Horus in der Gunst des durchschnittlichen Kinogängers wohl einfach den Kürzeren gegen Iron Man, Captain America und Konsorten ziehen.

Mir hingegen, der hier seit Jahren im Clinch mit den Marvel-Filmen liegt, hat gerade der Verzicht darauf, hier irgendeine Form der Relevanz oder sonst einer Bedeutung herbeizukonstruieren, enorm gefallen. Die generelle Nachlässigkeit, mit der Proyas seine Story behandelt, finde ich sehr sympathisch: Warum sollte man sich das Hirn dabei verrenken, einer Story zu folgen, die doch für jeden von vornherein ganz klar als Tinnef, als Mittel zum Zweck enttarnt werden kann, wenn es doch in erster Linie darum geht, sich an den Bildern zu erfreuen, über fremde Welten und Kreaturen zu staunen, dem nächsten Set Piece entgegenzufiebern? INDIANA JONES AND THE TEMPLE OF DOOM kam damals auch gut ohne vorgeschobene Ambitionen aus und noch nicht einmal die unzähligen Anschlussfehler taten dem Vergnügen einen Abbruch. Nur Spielverderber und geistige Schrebergärtner lästern bei GODS OF EGYPT über eine „dumme Story“ oder „seelenlose CGI“. Alle anderen freuen sich darüber, jenen Eskapismus zu bekommen, der diesen Begriff tatsächlich verdient – und nebenbei einen Film zu bekommen, der cleverer ist als viele jener Werke, die heutzutage so als „intelligent“ durchgewunken werden.