Mit ‘Ninjafilm’ getaggte Beiträge

thunderboltWenn ich spontan zwei Filme nennen müsste, die mich in diesem noch jungen Jahr am meisten gekickt haben, dann wären das MENG LONG ZHENG DONG und eben NINJA THUNDERBOLT, beide gesehen als wunderschöne 35-mm-Kopien in Düsseldorf, beide Hongkong-Martial-Arts-Actioner vom eher unteren Ende des Preisspektrums, beide komplett wahnsinnig, Actionkino in Hyperspeed, ohne Airbag und Seitenaufprallschutz, beide von einer räudigen Power, die man wohl nur im Kino so richtig mitbekommt.

NINJA THUNDERBOLT (die IMDb gibt als O-Titel ZI ZHUN SHEN TOU an, aber ihre Inhaltsangabe stimmt nicht mit dem Film überein, den ich gesehen habe, deshalb halte ich mich an die OFDb) so gesehen zu haben, ist zudem ein besonderer Glücksfall, denn der Film ist in Deutschland eigentlich nie gelaufen, sondern – wie alle Ninja-Klopper von Godfrey Ho – direkt auf Video ausgewertet worden, wo sein prachtvolles Scopeformat auf ein karges 4:3 beschnitten wurde, das die Protagonisten schon einmal hinter dem rechten und linken Bildrand verschwinden ließ. Die vorliegende, synchronisierte Kopie war also nicht für den Kinoverleih bestimmt, sondern nur das Master, von dem dann das Video gezogen wurde. Und da stellt sich dann schon die Frage, warum man diese Blendgranate nicht einfach auf die Leinwände gebracht hat, wenn sie schon in dieser herrlichen Fassung vorlag. Hatte man vielleicht Angst vor der zersetzerischen Kraft, die dieses Werk entfachen würde, vor durch die Großstädte tobenden Jugendlichen, die alles in Schutt und Asche legen? Vor dem Dawn of the German Ninja? Wer wollte es den Verleihern in Zeiten von PAPA, MAMA, ZOMBIE verdenken?

DER NINJA, wie er bei uns hieß, ist der erste von rund 20 Ninjafilmen Godfrey Hos (die Angaben variieren), in denen Richard Harrison auftrat. Und wenn man Harrison Glauben schenken mag, war es auch der einzige, den er mit ihm zusammen drehte und für den er bezahlt wurde. Dummerweise hatte Harrison keine Ahnung, mit wem er es zu tun hatte: Ho wurde berühmt-berüchtigt für seine Cut&Paste-Technik, die es ihm erlaubte, selbst gedrehtes Material immer wieder neu (und oft ziemlich geschickt) mit anderswo geklautem Material zu kombinieren und so Dutzende von Filmen in kürzester Zeit auf den Markt zu schmeißen. Das Ninagenre, das für einige wenige Jahre in den Achtzigern die Videotheken einnahm, bestritt er zu wahrscheinlich weit mehr als 90 % selbst und in etlichen seiner Vertreter tauchte eben Harrison auf, der heute noch klagt, Ho habe ihm mit dieser dubiosen Methode die Karriere ruiniert (worüber man streiten kann). Sicherlich unstrittig ist hingegen, dass Ho aufgrund seiner Masche selbst keinen guten Ruf genießt, vielmehr bis heute als zynischer Ramschfilmer verschrien ist. Dass er neben dem ausgebufften Geschäftsmann tatsächlich ein verdammt guter Handwerker war, sieht man daran, dass er heute als Dozent an der Filmhochschule von Hongkong tätig ist, aber auch an NINJA THUNDERBOLT, der mit ziemlich geringen Mitteln ein rasendes Actionfeuerwerk entfacht. Die Fights sind hyperkinetisch und ultradynamisch, wahnwitzig schnell und überdies brillant geschnitten, gleiches gilt für die diversen Verfolgungsjagden. Selbst, wenn es mal ruhiger zueght, sprich: nicht geschossen oder gefightet wird, wird man da in einem Tempo mit Attraktionen beworfen, dass man kaum Zeit hat, in Deckung zu gehen. Von der fastpornösen Sexszene mit sichtbarem Sackansatz im Tittenzelt bis zur Synchronschwimmeinlage reicht das vielseitige Spektrum und fliegt teilweise so schnell an einem vorbei, dass man sich nur noch verwundert die Augen reiben kann.

NINJA THUNDERBOLT dürfte tatsächlich ganz „traditionell“ gedreht worden sein: Zwar stand Harrison wohl nur für wenige Drehtage zur Verfügung  – mit einigen seiner Kollegen ist er nie gemeinsam zu sehen, der Großteil des Films muss ohne ihn auskommen, Auftakt und Finale mit ihm wirken wie angeklebt und passen inhaltlich kaum zum Rest -, aber immerhin wurden nicht fremde, ganz anders aussehende Filme geplündert und mit Selbstgedrehtem verschnitten, vielmehr zeichnete Ho recht offenkundig komplett selbst für sein Werk verantwortlich. So sucht man zwar auch diese höchst faszinierenden Momente vergebens, in denen da zwei völlig verschiedene Filme und die in ihnen beheimateten Figuren miteinander in Kontakt treten, aber dafür wirkt NINJA THUNDERBOLT wie aus einem Guss (plus Harrison). Der ellenlange, sich in eine wahre Prügelorgie hineinsteigernde Finalkampf raubte mir fast den Atem und hätte von mir aus ewig weitergehen dürfen, der bizarre Schluss lässt einen von einem Universum träumen, in dem Ho ein großes, krawalliges Harrison-Ninja-Franchise begründet und so Aberhunderte von japanischen Mittelklassewagen auf fantasievolle Art und Weise geschrottet hätte, die Fotografie fängt herrlich abgerissene Ecken Hongkongs in spannungsreichen Kompositionen ein und findet immer den perfekten Background für die nächste Keilerei. Geiler geht es nicht. DER NINJA? Die Offenbarung.

MV5BMTA5MjI3NTE5NzleQTJeQWpwZ15BbWU4MDc2Mjg5ODAx._V1_SX640_SY720_Es ist noch gar nicht lang her, da habe ich hier regelmäßig von einer neuen Welle aufregender Actionfilme geschrieben, die aus dem DTV-Bereich auf die heimischen Bildschirme schwappten und den geneigten Betrachter mit sich fortrissen in eine Zeit, als das Actionkino noch Körperkino war, reine Kinetik, und kein mit allen zur Verfügung stehenden technischen Mitteln aufgeblasener Eventkinoquark. Doch wie das mit Wellen so ist: Irgendwann brechen sie, branden an der Küste und was nicht im Sand versickert, das rollt zurück ins Meer. In den letzten beiden Jahren ist nicht viel aufregendes passiert im Actionfilm. Vielleicht war UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING tatsächlich der von mir beschworene Endpunkt, wenn auch auf ganz andere Art und Weise als gedacht. Der Erfolg der EXPENDABLESFilme dürfte bei dieser Entwicklung ein nicht zu unterschätzender Faktor gewesen sein: Für viele seiner Stars brachte er eine neue, ungeahnte, breite Form der Aufmerksamkeit, die Chance, vor der Rente noch einmal Kasse zu machen, die sie nicht mehr für künstlerisch anspruchsvolle Actionfilme „vergeuden“ wollten. Dolph Lundgren hat sich nach drei herausragenden Filmen (THE MECHANIK, MISSIONARY MAN, ICARUS) bedauerlicherweise aus dem Regiegeschäft zurückgezogen und fällt mit mäßiger Quality Control bei der Projektwahl in alte Muster zurück. Jean Claude Van Damme scheint noch nicht so recht zu wissen, wo er hin will, was er mit dem zurückerlangten Ruhm anfangen will, Steven Seagal ließ auf das späte Karrierehoch (URBAN JUSTICE, PISTOL WHIPPED, DRIVEN TO KILL, THE KEEPER) mit MAXIMUM CONVICTION prompt den Rückschlag folgen, und auf den Befreiungsschlag von Steve Austin wartet man auch noch, nachdem er mit DAMAGE großes Potenzial offenbarte. Die Actionhelden von einst werden nicht jünger, die Erben stehen nicht gerade Schlange und den Actionregisseuren gehen die geeigneten Darsteller aus. Scott Adkins, vielleicht noch am ehesten so etwas wie ein Nachfolger, fehlt das darstellerische Profil und die Persönlichkeit, um es mit den Stars von einst aufnehmen zu können. Auf John Hyams neuesten Film warten wir seit zwei Jahren, potenziell interessante Leute wie Roel Reiné oder William Kaufman sind abhängig von dem, was sich ihnen anbietet, und Isaac Florentine, einer der wichtigsten Auteurs des neuen Actionfilms, erlaubte sich mit ASSASSIN’S KISS eine kleine Pause von der superreduzierten Retro-Action (zumindest nach dem, was ich gelesen habe, denn gesehen habe ich ihn noch nicht). Das alles ließ den Eindruck entstehen, der Actionfilme befände sich in einer unerwarteten Krise. Kann der mit Spannung erwartete NINJA 2: SHADOW OF A TEAR daran etwas ändern?

Die vorweggenommene Antwort lautet: Ja und nein. Inszenatorisch bedeutet er für Isaac Florentine eine Rückkehr zur alten, gewohnten Stärke. Die Kampfszenen, von denen es etliche gibt, sind selten übermäßig spektakulär, dafür aber wunderbar choreografiert, mit großem Gespür für Bewegung und Geschwindigkeit in Szene gesetzt, traumhafte Körperstudien, in denen dem Zuschauer nichts verborgen bleibt, die aber trotzdem ihr Mysterium bewahren. Die Sachlichkeit und Dynamik, die in diesen Fights zum Ausdruck kommt, zeichnet den ganzen Film aus. Ohne ein Gramm Fett, perfekt austrainiert, jeder Muskelstrang scharf definiert, schreitet er unaufhaltsam voran, ohne Pausen, ohne Umwege, ohne selbstverliebte Schlenker, und kommt so zu großer Klarheit. Aber ein bisschen ist das auch sein Problem: Es bleibt nicht irrsinning viel hängen von NINJA 2: SHADOW OF A TEAR, es fehlt ihm sowohl der Sinn für das wenn auch nicht ornamentale, so aber doch authentifizierende Detail, als auch eine das ganze überragende Vision. Florentines Reduktionismus stand in Filmen wie THE SHEPHERD, UNDISPUTED 2 oder UNDISPUTED 3: REDEMPTION stets auch im Dienste einer Freilegung von verschütteter Bedeutung. Das zentrale Drama trat durch seine Behandlung glasklar hervor und konnte wieder seine ganze Wirkung entfalten. Vielleicht versucht er das auch hier: Seine Geschichte – ein aufs nackte Gerüst reduzierter Racheplot – erlaubt sich genau einen Twist zum Finale, aber genau das wirkt hier inkonsequent. Nicht nur, weil man diesen Twist von Anfang an kommen sieht, sondern weil er etwas liefern soll, was vorher versäumt wurde. Der Schmerz seines Protagonisten wird durch Florentines Entblätterung eben nicht fühlbar, er gerinnt zum reinen Plotvehikel. Was ich ebenfalls, vielleicht noch mehr, vermisst habe, sind die kleinen poetischen, cartoonesken Einfälle. Das Comichafte, was noch NINJA auszeichnete ist hier zugunsten grimmiger Ernsthaftigkeit gewichen. Und beglückende, beinahe rührende Szenen wie jene aus UNDISPUTED 3: REDEMPTION, in der der Freund dem Helden ein Blümchen aus dem Dreck pflückte, um damit seine Verletzung zu heilen, gibt es hier auch nicht zu entdecken. Die Idee der superökonomischen Thrillmaschine stößt hier an ihre Grenzen.

Letzten Endes ist das Jammern auf hohem Niveau: NINJA 2: SHADOW OF A TEAR ist rein von seiner Dynamik her betrachtet, wahrscheinlich der beste reine Actionfilm seit Hyams Überfilm UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING (der seinerseits natürlich sehr viel mehr war als ein reiner Actionfilm), und handwerklich reicht Florentine in den USA derzeit keiner das Wasser, wenn es um die Inszenierung von Martial-Arts-Fights geht. Aber man ist von dem Mann bislang nun einmal sehr verwöhnt worden und deshalb vermisse ich hier einfach den letzten Kick, das Neue, das, was über sein bisheriges Schaffen hinausragt. Sein neuester Film ist ein wunderbarer Arschtritt, rasant, temporeich, schön anzusehen. Aber emotional hat er bei mir fast gar nichts ausgelöst. Die leise Enttäuschung kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht verhehlen.

Japan im 16. Jahrhundert: Der machthungrige Kriegsherr Hideyoshi entsendet seinen Krieger Shogen (Sonny Chiba), um mit dem verhassten Momochi-Clan aufzuräumen. Der jüngste Spross des Clans, Takamaru, wird von seiner Mutter nach China in Sicherheit geschickt. Jahre später kehrt er, nun ein junger Mann (Hiroyuki Sanada), zurück ins eine Heimat, um die letzten Überlebenden seines Clans zum Kampf gegen Shogen zusammenzutrommeln …

Ein Überbleibsel meines NinjaMarathons aus dem vergangenen Jahr, ist NINJA BUGEICHO MOMOCHI SANDAYU (ab jetzt kurz SHOGUN’S NINJA) ein moderner Vertreter des Jidai-Geki, jenes Genres, das sich mit den Kaisern, Samurais, Shoguns (Shogunen?), Clans und Dynastien der japanischen Geschichte und ihren Schlachten auseinandersetzt. Steht man diesen Filmen als westlicher Zuschauer aufgrund ihrer Bezüge zu Begebenheiten, die einem völlig fremd sind, eh schon meist ratlos gegenüber, verliert man schon nach kurzer Zeit den Überblick über die zahlreichen handelnden Figuren, ihre Namen, Zugehörigkeiten und Motivationen, so potenziert sich die Verwirrung bei SHOGUN’S NINJA dank bizarrer moderner Regieeinfälle, der unbeholfenen deutschen Synchronisation (ein ausgesuchtes Zitat: „Diese Flöte ist mehr als ein Musikinstrument.“) und der eigenwilligen Struktur des Films, der Actionszene an Actionszene reiht, dabei von Höcksken auf Stöcksken kommt und nahezu auf jede Orientierung schaffende Exposition verzichtet, gleich um ein Vielfaches.

Um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie SHOGUN’S NINJA seine Geschichte erzählt: Suzuki beginnt seinen Film mit der Beauftragung Shogens und dem sich anschließenden Gemetzel an den Momochis, wendet sich dann schließlich einer Frau desselben Clans zu, die ihren Sohn an einen Diener abgibt und sich selbst hinrichtet. Nach satten 12 Minuten beginnt die Title-Sequenz zu rollen und mit ihr erhascht man den ersten Blick auf den eigentlichen Protagonisten des Films, den zurückkehrenden Takamaru. Der sucht seine Freunde auf – die ihn, der doch seine gesamte Jugend in China verbracht hat – gar nicht (mehr) kennen dürften – und trommelt sie zum Widerstand zusammen. Erfolge und Misserfolge wechseln sich in rascher Folge ab, führen entweder zum nächsten Kampf oder aber zu einer nötigen Befreiungsaktion, mehrfach werden zwei kostbare Schwerter der Momochis erwähnt, auf deren Klingen jeweils ein Teil einer Karte eingraviert ist, die zu einer Goldmine führen soll, und irgendwann erzählt Takamaru via Rückblende, was er in China erlebt hat und dass er dort von einer attraktiven jungen Frau in die Geheimnisse der Kampfkunst eingeweiht worden sei, die dann viel später – man hat sie schon fast wieder vergessen – auch noch ihren Auftritt in der Gegenwart des Films feiern darf. Die seit KILL BILL auch westlichen Kinogängern bekannte Figur des Hattori Hanzo taucht auch immer wieder am Rande des Films auf und am Ende sind die Bösen besiegt, die Momochis haben ihre Rache bekommen und die beiden Schwerter mit der Schatzkarte, die doch angeblich so wichtig waren, werden ins Meer geworfen. Untermalt wird das Ganze von entspannt groovendem Discofunk, der die Wirkung der Bilder völlig auf den Kopf stellt, außer in jener denkwürdigen Trainingsszene, in der Takamaru zu diesem Sound tatsächlich zu tanzen beginnt, als sei der Geist Jennifer Beals‘ in ihn gefahren. No shit!

SHOGUN’S NINJA ist dafür, dass er sich inhaltlich eigentlich überhaupt nicht von anderen Jidai-Geki unterscheidet, reichlich bizarr. Ich hatte keine Ahnung, was da eigentlich genau passiert, trotzdem war das bunte Treiben in höchstem Maße kurzweilig. Was dem Film aber total abgeht, ist die Kohärenz, die einem begreiflich machen würde, dass seine Szenen nicht nur chronologisch angeordnet sind, sondern eben auch in einem kausalen Zusammenhang stehen. Ich fühlte mich während des Films, als befände ich mich auf einer langen Reise, deren einzelnen Etappen zwar allesamt sehr interessant sind, deren Ziel mir aber völlig unbekannt ist. Der mit 110 Minuten schon nicht gerade kurze Film dehnte sich demzufolge in meiner Wahrnehmung ins Uferlose, weil er einen klaren Handlungsbogen zugunsten vieler ineinander fließender Episoden mit wieder eigenen Spannungskurven vernachlässigt und mit dieser Strategie so viel Raum und Handlung abreißt, dass alles in einem einzigen Nebel verschwimmt. Wenn der Film nach den knapp zwei Stunden, die einem wie vier vorkommen, schließlich zu Ende ist, hat man zwar keine Ahnung mehr, wie das eigentlich alles angefangen hat, aber man weiß noch, dass es irgendwie gut war. Sehr, sehr merkwürdig. Aber das gilt ja auch für Suzukis zumindest in Deutschland wohl bekanntesten Film, der bundesdeutschen Justiziaren den ein oder anderen Schluckauf verursachte und auf den schönen deutschen Titel EXZESSE IM FOLTERKELLER hört …

Der Ninja Yuen-Wu (Hiroyuki Sanada) wird seinem Clan untreu, um in China den Mörder seines Vater ausfindig zu machen. Der vermeintliche Übeltäter führt ein beschauliches Dasein als Spiegelmacher und Onkel des großmäuligen Kampfsportlers Jay (Conan Lee), der selbst keinem Kampf aus dem Weg geht. Die Wege Jays und Yuen-Wus kreuzen sich schließlich …

Im selben Jahr wie der zuletzt gesehene FIVE ELEMENT NINJAS entstanden, könnte NINJA IN THE DRAGON’S DEN kaum weiter von diesem entfernt sein. Kein Wunder: Chang Cheh war 1982 schon seit über 20 Jahren als Regisseur tätig, hatte in dieser Zeit über 80 Filme inszeniert und den hongkong-chinesischen Kung-Fu-Film ganz entscheidend geprägt, während der gerade 31-jährige Corey Yuen sein Regiedebüt eben erst hinter sich gebracht hatte. Man sieht in seinem Film also schon das kommende, kommerziell und künstlerisch so erfolg- und einflussreiche Jahrzehnt des Hongkong-Kinos heraufziehen: Beschwingte Disco-Beats treiben den von einer Attraktion zur nächsten springenden Film an, Slapstick-Sequenzen wechseln sich mit halsbrecherischen Martial-Arts-Choreografien ab, innovative Kamera- und Schnitttechniken erhöhen das Tempo noch weiter. Auch inhaltlich bedeutet NINJA IN THE DRAGON’S DEN eine Abkehr von den Schwertkämpfer- und Kung-Fu-Epen Chang Chehs, in denen dieser einen wehmütigen Blick zurück auf eine Zeit warf, in der das Wort eines Mannes noch zählte und der Erhalt der Ehre alles war, auch wenn das auf Kosten des eigenen Lebens ging. Bei Corey Yuen sieht man das Dasein weniger streng und so kann auch der Schulterschluss zwischen dem Chinesen und dem Japaner geprobt werden, was wenige Jahre vorher noch undenkbar gewesen wäre.

NINJA IN THE DRAGON’S DEN ist neben seiner historischen Bedeutung vor allem für seine Stunts und Kampfchoreografien sehenswert – der Humor ist wie immer bei Hongkong-Filmen Geschmackssache. Ich mag ihn für seine ungebremste Naivität und selbstvergessene Albernheit, die sich einen Scheißdreck um Kategorien wie Coolness schert, mittlerweile sehr gern, habe dafür aber durchaus einige Zeit gebraucht. Yuens Zweitwerk ist relativ populär, erlebte Mitte der Achtzigerjahre sogar eine deutsche Veröffentlichung unter dem sich damals wohl aufdrängenden Titel NINJA KOMMANDO und lief auch mal im Fernsehen, wo ich ihn als Teenie auszugsweise sah, ohne zu wissen, um welchen Film es sich handelte. Viele Jahre später war ich dann sehr verdutzt, als ich die feine Hongkong-Legends-DVD aus den Niederlanden einlegte und unverhofft mit einem längst vergessenen Bekannten konfrontiert wurde.

Nach der sportlichen Auseinandersetzung zweier verfeindeter Kampfsportschulen  beauftragen die Verlierer einen japanischen Ninja-Clan, um sich zu rächen. Die Ninjas beherrschen die mysteriöse „Five Elements Formation“, der die besten Kämpfer ihres Gegner schnell zum Opfer fallen, ihre Schule damit dem folgenden Großangriff der Ninjas schutzlos ausliefern. Nur Shao Tien-hao (Tien Chi-cheng) kann entkommen und sucht seinen alten Meister auf, der ihn in der Kunst des Ninjitsu unterweisen soll, damit er die „Five Element Ninjas“ besiegen kann …

Von der Düsternis und Melancholie seiner Filme aus den Sechziger- und Siebzigerjahren ist in Chang Chehs kultisch verehrtem Ninjafilm nicht mehr viel zu spüren. Ganz im Stile von Filmen seines Spätwerks wie FIVE DEADLY VENOMS oder CRIPPLED AVENGERS bildet nicht mehr länger das einst bestimmende Schwertkämpfer-Ethos den erzählerischen Mittelpunkt, sondern vielmehr das lustvolle und überschwängliche Fabulieren, die Anhäufung poppigbunter Kostüme, bizarrer Kampfstile und greller Bluteffekte. FIVE ELEMENT NINJAS ist tatsächlich kaum mehr als eine Aneinanderreihung von langen Kampf- und Actionsequenzen, die nicht mehr länger auf realistischem Boden fußen, sondern dem Reich der Fantasie entspringen. Bemüht sich Chang Cheh auch, mithilfe von Schrifteinblendungen den Eindruck einer historisch faktengetreuen Annäherung an die Ninjafigur aufrechtzuerhalten, so lässt er in den Szenen um die Five Elements Formation – die Ninjas treten gegen ihre Kontrahenten in „Levels“ an, deren Thema von jeweils einem der Elemente Metall, Holz, Wasser, Feuer, Erde inspiriert ist – jeden Realismus fahren. Die Metall-Ninjas kämpfen mit goldenen Helmen, die ihnen sowohl als Schilder und Waffen als auch als Reflektoren dienen, mit denen sie die Gegner blenden, die Holz-Ninjas verkleiden sich als Bäume, die Wasser-Ninjas greifen aus einem Teich heraus an, die rotgewandeten Feuerninjas arbeiten mit Rauchbombem und brennenden Pfeilen und die Erd-Ninjas schließlich graben sich ein und aus. Es ist wohl zwingend notwendig, sich eine gewisse Kindlichkeit bewahrt zu haben, um FIVE ELEMENT NINJAS schätzen zu können, dann allerdings ist er ein wahres Fest für Augen, Herz und Geist. Die eindimensionalen Charaktere, denen man ihre simplen Gemütsregungen – Wut, Trauer und Freude – am Gesicht ablesen kann, ebnen den Weg für einen Film, der in seiner moralischen Eindeutigkeit an alte Volksmärchen erinnert und so umweglos zum Ziel gelangt. Alles findet unmittelbaren Niederschlag in den herrlich klaren Bildern, die von den traumhaft detailverliebten Kostümen und Studiosettings leben, für die man die Filme der Shaw Brothers so liebt. FIVE ELEMENTS NINJAS ist kein Film, der lange Exegese und Analyse benötigte oder dadurch reicher würde: Er ist pure in Bilder gepresste Lust. Und das Kind im Manne, das gestern mit leuchtenden Augen vor dem Fernseher saß, wird in diesem Jahr sehr wahrscheinlich nicht mehr besser bedient werden als von Chang Cheh.

Man ist es als auch abseits ausgetretener Pfade suchender Filmseher gewohnt, allerlei krudes Zeug zu finden, das einem deutlich macht, wie eindimensional und auch singulär das Kino ist, das man aus Fernsehen, Kino und Videothek kennt. Philippinische Söldnerfilme, türkische Superheldenepen, bizarrer Trash aus den Sechzigerjahren, nigerianischer Horror: Man schaut diese Filme, weil man weiß, dass man etwas bekommt, das es nirgendwo anders gibt. Aber nach einiger Zeit merkt man: Die dort vorgefundene Craziness ist einfach nur eine andere Normalität. Anders verhält es sich aber mit einem Film wie GYMKATA: Von Robert Clouse inszeniert, dessen 1973 entstandener ENTER THE DRAGON entscheidend verantwortlich für den Martial-Arts- und Kung-Fu-Film-Boom der Siebzigerjahre war, und von MGM produziert, ist GYMKATA ein im Schoße des Mainstream entstandener Actionfilm, wie er auch im exotischen Mikronesien nicht bizarrer und bescheuerter hätte ausfallen können.

Der Turner Jonathan Cabot (Turnweltmeister Kurt Thomas) erhält von der US-amerikanischen Regierung einen Spezialauftrag: Er soll in die Zwergnation Parmistan am Hindukusch einreisen, dort am traditionellen „Game“ mitwirken, dem sich alle Immigranten stellen müssen, um bleiben und außerdem am Ende einen Wunsch äußern zu dürfen. Cabots Wunsch soll die Erlaubnis zur Stationierung von Bodenabwehrstationen des US-amerikanischen Star-Wars-Programms erwirken. Es gibt nur ein Problem: Seit 900 Jahren hat kein Teilnehmer das „Game“ bestanden – und jedem Verlierer winkt der Tod …

Diese bescheuerte Story wirft ja schon einmal etliche Fragen auf: Warum müssen die Amerikaner ihre Technologie unbedingt in Parmistan stationieren? Warum gehen sie den Umweg über die Teilnahme an einem Spiel, wenn die Erfolgsaussichten doch als ausgesprochen gering angesehen werden müssen, anstatt den diplomatischen oder militärischen Weg zu gehen? Warum wählen sie ausgerechnet einen Turner aus, der dann erst noch zum Martial-Artisten ausgebildet werden muss, anstatt gleich einen solchen anzuwerben? Der Film beantwortet diese Frage schon in seiner Tagline: „The Skill of Gymnastics, the Kill of Karate!“ Ja, der Logik des Films zufolge, ist ein karatekämpfender Turner besser als ein Karatekämpfer. No shit! Aber woher wissen die Amis überhaupt, dass sie einen Kämpfer brauchen, wenn doch noch nie jemand überlebt hat, um vom Wesen des berüchtigten „Game“ zu berichten? Nach allem, was die Amerikaner wissen, könnte es sich dabei ebenso gut um ein Wissensquiz, ein Schachspiel, Topfschlagen oder Wettessen handeln. Aber selbst, wenn sie annehmen, es setze Zweikampfkünste voraus: Warum muss Cabot dann lernen, auf Händen die Treppe hochzulaufen? (Die verblüffende Antwort: Damit man mehrere Draufsichten auf seine beturnhosten Eier unterbringen kann.) Zugegebenermaßen sind solche Logikfragen immer etwas kleinlich, aber man stimme mir bitte darin zu, dass vom Zuschauer hier etwas zu viel Suspension of Disbelief verlangt wird.

Weiter im Text: Cabot willigt ein – auch, weil bereits sein Vater dem „Game“ zum Opfer fiel. Wie unwahrscheinlich ist DAS bitte? Man muss doch eine seltene vererbbare Geisteskrankheit annehmen, wenn die Vertreter zweier aufeinander folgender Generationen einer Familie nichts Besseres mit ihrem Leben anzufangen wissen, als sich in einer Dritte-Welt-Nation am Hindukusch einem aussichtslosen Wettbewerb zu stellen. Das Überraschende an GYMKATA ist, dass er diesen Wahnsinn bis zum Ende durchhält. Das „Game“ entpuppt sich als Menschenjagd-Spiel, bei dem die Kandidaten durch einen reichlich anspruchslosen Hinderniskurs gehetzt werden, auf dem Ninjas als Fahnenstangen und Wegweisern platziert sind. Jaja, Ninjas: Die werden zwar nicht explizit so bezeichnet, sind mit ihren schwarzen Tarnanzügen aber eindeutig als solche zu identifizieren – auch wenn sie kaum ihren einzigartigen Talenten nachgehen dürfen. Der oberböse Jäger ist Zamir (Richard Norton in seinem charakteristischen Look mit Vollbart und Nackenspoiler), der in dieser Funktion auch Cabots Papa ermordete und außerdem auch dessen Love Interest, Prinzessin Rubali, ehelichen soll. In Actionfilmkonventionen gedacht, qualifiziert ihn das gleichzeitig zur dreifach lebenslänglichen Haftstrafe, zur Vierteilung, Enthauptung und Kastration, ewigen Verdammnis und öffentlicher Bloßstellung: Er bettelt förmlich um seine Hinrichtung durch den Helden. Die kommt dann auch, weil Cabot dank seiner Gymkata-Kampfkunst unbesiegbar ist: Und das ist dann wirklich der Gipfel des Films. Sein bevorzugter Move ist ein aus dem Stand gesprungener Salto mit einfacher Schraube, den er benutzt, um seinen Feinden auf den Kopf zu springen. Aber die Parmistanis – sämtlichst mittelalte Bauern mit Fellmützen und faulen Zähnen – bauen ihm förmlich goldene Brücken: Im letzten „Level“ des „Game“ muss Cabot durch eine alte Irrenanstalt, deren aufgebrachte Insassen ein wenig an die Mobs aus alten Universal-Filmen erinnert. Dort steht – aus unerfindlichen Gründen – dieses Turngerät herum, das man Pferd nennt und das Cabot nun für eine Turnerroutine nutzt, bei der die Irren bevorzugt mit ihren Gesichtern in seine herumwirblenden Füße rennen, anstatt ihn mit ihren Mistgabeln einfach runterzupieksen.

Ich schließe den Text jetzt, weil der Irrsinn namens GYMKATA nicht zu fassen ist. Ich empfehle jedem meiner Leser, diese unerklärliche Mischung schlechter Einfälle und mieser Umsetzung, US-amerikanischer Herablassung und rassistischer Klischees, schlechtem Schauspiel und katastrophaler Inszenierung ausfindig zu machen (es gibt eine US-DVD) und sich davon zu überzeugen, dass GYMKATA einer der bizarrsten Filme ist, die das Studiosystem jemals hervorgebracht hat. Ein Erlebnis.

Als Sean (David Bradley) noch ein kleiner Junge war, wurde sein Papa, ein Karatekämpfer, umgebracht und Sean fortan von Izumo (Calvin Young) in der Kunst des Ninjitsu unterwiesen. In der Gegenwart reist er in den fiktiven Staat Triana, um an einem Karateturnier teilzunehmen. Als er dort seinem alten Meister begegnet und dieser kurz darauf entführt wird, macht er sich mit Jackson (Steve James) und Dexter (Evan J. Klisser) auf die Suche nach ihm. Die führt ihn zu „The Cobra“ (Marjoe Gortner), der für General Andreas (Yehuda Efroni) eine Rasse von Supersoldaten kreieren soll und nur auf Sean gewartet hat …

Aller Guten Dinge sind zwar nach Volksmund drei, doch AMERICAN NINJA 3: BLOOD HUNT ist wohl die berühmte Ausnahme von der Regel. Alle Jubeljahre wird er von mir in der Hoffnung eingeworfen, dass er mir vielleicht endlich seine mir bislang verborgen gebliebenen Qualitäten offenbart, aber auch bei dieser Sichtung steht am Ende nur die Erkenntnis, dass der dritte Eintrag der Erfolgsserie eine reichlich freudlose Angelegenheit ist. Selbst wenn man die Ansprüche ganz weit runterschraubt und AMERICAN NINJA 3 lediglich als hohlen Trashfilm betrachtet, gibt es hier rein gar nichts zu holen. Wirklich alle Beteiligten haben ihr Schlechtestes gegeben – oder aber sie haben in dem Bemühen, auch noch den letzten Funken Spaß aus dem Film zu saugen, Überstunden gemacht. Die Story ist selbst dann noch unfassbar dämlich, wenn man sie nur als Wegbereiter für die Actionszenen begreift, die Inszenierung hausbacken und angestrengt, die Kampfchoreografien unter aller Sau und – der Todesstoß für den Film – David Bradley ein so dermaßen unsympathischer Protagonist, dass das Unterfangen eigentlich von vornherein hoffnungslos ist. Die Cannon wollte den einstigen Karatechampion wohl zum neuen Actionstar aufbauen, doch das ist gründlich in die Hose gegangen und vielleicht das beste Beispiel dafür, wie Golan und Globus in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre von ihrem Urteilsvermögen verlassen worden sind. Bradley lässt sich in eigentlich allen seinen Filmen nur ertragen, wenn es einem gelingt, sich an seiner prollig-machohaften Art hochzuziehen. Klar, auch Dudikoff war kein guter Schauspieler, aber er war als Handkanten-James-Dean gut besetzt und vor allem sympathisch. Wenn David Bradley mit Leichenbittermiene die Muckis anspannt, denkt man hingegen an Steroidmissbrauch, Date Rape und Demütigungen in der Jungsumkleide beim Sportunterricht. Im Vergleich mit dem sonnigen Fun-Actioner AMERICAN NINJA 2: THE CONFRONTATION wirkt Teil 3 unfreundlich, düster und misanthropisch. Das ist nicht per se schlecht, nur gibt der Stoff das gar nicht her. Sundstroms Film ist albern, ohne dabei Spaß zu machen. Eigentlich das vernichtendste Urteil, das man über einen Film verkünden kann. Bis zum nächsten Mal.