Mit ‘Nora von Waldstätten’ getaggte Beiträge

Wie sehr ich den Brenner vermisst habe, habe ich erst gemerkt, als DAS EWIGE LEBEN dann endlich in meinem Player rotierte. Die mittlerweile vierteilige Film-Reihe ist gleich in zweierlei Hinsicht ein Glücksfall für den deutschsprachigen Film: zum einen, weil der lakonische Humor, geprägt durch den tiefenentspannten Eigenbrötler Brenner (Josef Hader) – so eine Art österreichischer Big Lebowski -, in hiesigen Gefilden eine wohltuende Abwechslung zum aufgekratzten Klamauk-Halligalli bedeutet, zum anderen, weil es dem Filmemacher mithilfe seines Hauptdarstellers und Wolf Haas, dem Autor der schlicht brillanten Romanvorlagen, gelungen ist, die eigentlich unverfilmbaren Bücher adäquat ins Medium Film zu übertragen, ohne dass dabei das, was sie in erster Linie auszeichnet, verloren ginge. Mehr noch: Sie fügen dem Leseerlebnis noch eine weitere Facette hinzu, dürfen als wunderbare visuelle Ergänzung verstanden werden.

Der Clou der Brenner-Romane ist ihre Erzählstimme: ein in einer unverwechselbaren Mischung aus Dialekt, Soziolekt und eigenwilligem Wortwitz parlierendes Original, das den Leser an eine Theke versetzt, wo er sich dem unwiderstehlichen Redefluss eines Fremden ausgesetzt sieht, der den Brenner in- und auswendig zu kennen scheint. Die Narration ist gespickt mit weit hergeholten, aber hoch pointierten Vergleichen, putzigen Redewendungen, unerwarteten Exkursen und Ausflügen in die Gossenphilosophie. Die Filme stehen vor der eigentlich unlösbaren Aufgabe, diesen Erzähler zu eliminieren, seinen Humor aber in die Handlung zu integrieren. Das gelang bislang bravourös, weil Haas spannende Stories aus dem Redefluss der Erzählers herausfilterte und Josef Hader die Figur des Ex-Polizisten, den man in den Büchern nur vermittelt kennen lernt, zu einem rundum glaubwürdigen, sympathischen Charakterkopf formt, der zudem den Witz des Dampfplauderers vom Kneipentresen absorbiert zu haben scheint. Für die Adaption des sechsten Brenner-Romans „Das ewige Leben“ (mittlerweile gibt es acht) stand das Drehbuch-Autorentrio aus Murnberger, Haas und Hader allerdings vor einem zusätzlichen Problem: Mit dem Verzicht auf die Erzählstimme geht ihnen auch eine handelnde Figur verlustig, die zum Höhepunkt des Romans selbst ins Geschehen eingreift, ihre Identität endlich preisgibt.

DAS EWIGE LEBEN unterscheidet sich von den vorangegangenen skurrilen Brenner-Verfilmungen – KOMM, SÜSSER TOD, SILENTIUM und DER KNOCHENMANN – durch seine sentimentalen Untertöne. Brenner ist nicht mehr nur der außenstehende Ermittler, er ist selbst in einen Fall involviert, der ihn mit seiner eigenen Vergangenheit, alten Freunden und verdrängten Fehltritten konfrontiert. Hader hatte seinen Brenner schon in den vorigen Filmen als enttäuschten, resignierten, knurrig gewordenen Träumer und Idealisten angelegt und dieser Wesenszug rückt nun ins Zentrum des Films. Gleich zu Beginn bekommt er die Quittung für seinen unsteten Lebenswandel, als ihm auf dem Sozialamt das berufliche Totalversagen bescheinigt wird und er Armut und Obdachlosigkeit nur entrinnen kann, weil ihm das leerstehende Häuschen der Eltern im verhassten Puntigam, einem Stadbezirk von Graz, einfällt. Das Haus ist mit „sanierungsbedürftig“ noch freundlich umschrieben und die prekären Umstände des von heftigen Migräneattacken geplagten Brenner führen ihn endgültig auf den Nullpunkt: Dass er den Kopfschuss, den er sich verpasst, überlebt, ist unverschämtes Glück und bietet ihm die Gelegenheit, ein nicht abgeschlossenes Kapitel seiner Jugend zu schließen. Tobias Moretti überzeugt als Brenners alter Freund und Nemesis nach DAS FINSTERE TAL zum zweiten Mal in einer Schurkenrolle. Christoph Waltz nichts dagegen.

Auch DAS EWIGE LEBEN ist wieder ein Genuss, knochentrocken und doch warmherzig, weise, ohne altklug zu sein, intelligent, ohne sich aber die ein oder andere beherzte Albernheit zu verbieten. Vermisst habe ich vielleicht den Sense of Place, der die Vorgänger so lebendig gemacht hatte: Graz ist ein etwas austauschbarer Schauplatz und über Puntigam erfährt man fast gar nichts. Dafür ist DAS EWIGE LEBEN, ganz unabhängig von seinem Brenner-Kontext, ein ungemein schöner Film über das Altern, weil er sich traut, den auf Raten vollzogenen Abschied von der Jugend und den damals gehegten Hoffnungen als traurigen und auch furchteinflößenden Prozess zu zeigen, anstatt ihn hemmungslos zu romantisieren. DAS EWIGE LEBEN ist schmerzhaft und „schonungslos“ in seiner Darstellung eines ins Nichts laufenden Lebenswegs, aber er ist niemals deprimierend oder gar depressiv. Man muss sich den Brenner, dieses menschgewordene Schulterzucken, tatsächlich als glücklichen Menschen vorstellen.

Die Karriere des als „Carlos“ berühmt gewordenen Terroristen Ilich Ramírez Sánchez zeichnet Olivier Assays in seiner für das Fernsehen gedrehten, rund 5 1/2-stündigen Miniserie nach. Wie eine Schrifttafel zu Beginn verkündet, erhebt er dennoch keinen Anspruch auf „Wahrhaftigkeit“: Zu viele Lücken gebe es in Carlos‘ Lebenslauf, zu viel bleibe der Spekulation überlassen. Dennoch gewährleistet allein die epische Laufzeit, dass hier gegenüber „normale“ Spielfilmen noch kleinste Details mit äußerster Akribie und Genauigkeit behandelt werden. Der Einblick, den Assayas dem Zuschauer gewährt, ist dann auch gleichermaßen faszinierend wie erschreckend, gerade weil das Milieu, in dem der Film spielt, sich heute kaum noch begreifen lässt.

Da verschreiben sich gewöhnliche Studenten einem bewaffneten antiimperialistischen Kampf, lassen sich im Nahen Osten an der Waffe ausbilden, transportieren Waffen und Handgranaten mit dem VW-Bus durch das Land, verschaffen sich schwerst bewaffnet Zutritt in Gebäude, in die man heute nicht einmal mehr einen Teelöffel schmuggeln könnte, und knüpfen Kontakte zu Regierungschefs, Geheimdiensten und Militärs. Dieses arrogante Selbstverständnis, die explosive Mischung aus hoher Bildung bei minimaler Fähigkeit zur Selbstreflexion und gleichzeitig haarsträubender Naivität hat in den Siebzigerjahren tatsächlich skrupellose Mörder hervorgebracht, wie CARLOS eindrucksvoll zeigt. Dabei zeichnet sich doch schon früh ab, dass der „Sieg“, den Carlos da für die „Unterdrückten“ erringen möchte, eine Utopie ist, der Weg, wie er errungen werden soll eine Sackgasse, die Verbündeten, von denen man sich einspannen lässt, keinen Deut besser als die, gegen die man eigentlich zu kämpfen meint. Am Ende geht es doch nur ums Geld, um das Gefühl von Macht (das eine Illusion ist), um Materialismus. Vom Revoluzzer mit Che-Barrett verwandelt sich Carlos in den verfetteten Mercedes-Fahrer und Familienvater, der seine Gattin mit Prostituierten und jungen Mädchen hintergeht. Sein Ruf als berüchtigter Killer ist nichts mehr wert, nun ist er selbst nichts anderes mehr als ein gedungener Mörder, dessen Anschläge das System nur noch kurz erschüttern.

Ich habe zu CARLOS leider gar nicht viel zu sagen. Der Film ist toll, unheimlich aufwändig produziert, fantastisch gespielt und fast ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht. Was ihm fehlt, ist vielleicht ein Geheimnis, die Poesie: Als Versuch einer Fiktionalisierung von Geschichte ist er sehr „wörtlich“, eher dokumentarisch als poetisch. Sein Reiz besteht in erster Linie darin, in dieses fremde Milieu einzutauchen, die Siebzigerjahre auferstehen zu sehen, einen Eindruck von den Menschen hinter den Schlagzeilen zu erhalten, egal ob sie nun so waren oder nicht, zu verstehen, was die Welt damals beschäftigte. Assayas hat eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen und stellt sich ganz in den Dienst dieser Aufgabe. Die Stärke von CARLOS besteht darin, dass man die Anwesenheit der Kamera vergisst.