Mit ‘Nudie Cutie’ getaggte Beiträge

10710728_642657375850105_3069611424019944546_nAm frühen Sonntagabend schwappte dieser Film über die Kongressteilnehmer wie eine erfrischende Welle reinen Quellwassers, belebte den Geist, becircte die an den vorangegangenen Tagen mit kräftigen, erprobten Händen kräftig durchgewalkten Sinne durch leises, kaum vernehmbares Säuseln und zauberte allen ein sanftes Lächeln ins Gesicht. Dunkle Begierden, böse Gedanken und unerfüllte Wünsche traten für 60 Minuten, während derer man sich vertrauensvoll in die Leinwand versenkte wie in ein duftendes, angenehm kühles Daunenbett – oder, um im Bild zu bleiben, in das grüne, saftige Gras einer Wiese unter blauem Sommerhimmel, weit in den Hintergrund. Alles, was die Menschheit so bewegt, all die Konflikte, die auf unserem Erdenrund toben, sie erscheinen plötzlich nicht meilen-, sondern Lichtjahre weit entfernt. Ich versteige mich zu der Vorstellung, wie zwei sich an der Front begegnende Kriegsparteien plötzlich innehalten und die Waffen niederlegen, während TANJA – DIE NACKTE VON DER TEUFELSINSEL ans Firmament gebeamt wird. Männer, die eben noch Feinde waren, sitzen plötzlich lachend und staunend zusammen, frohlockend ob des Schauspiels, das sich ihnen bietet. Was ist das für ein Film, der solche Kräfte freisetzt?

TANJA – DIE NACKTE VON DER TEUFELSINSEL ist in vielerlei Hinsicht Exploitation in Reinkultur, doch wo dieser Begriff oft gleichbedeutend ist mit einer gewissen Grobheit, mit Zynismus und Konfrontation, gehen TANJA diese Eigenschaften völlig ab. Es ist einer der friedliebendsten, naivsten, schönsten und beschaulichsten Filme, die ich jemals gesehen habe. Wie von einem Einsiedler gedreht, der noch nie etwas von der Niedertracht des Menschen vernommen hat (aber seltsamerweise weiß, wie eine Kamera funktioniert), von einem Träumer, der sich mit äußerster Verzückung über das bloße So-Sein des Seins freuen kann, darüber, dass Entchen schnattern, Frösche quaken, Eichhörnchen Nüsse knabbern, Vögel zirpen und fliegen, der Wind durch das Schilf streicht und Gewässer lustig plätschern. Über das Gefühl, wie der Wind am nackten Popo vorbeistreift, die Fußsolen sich in Sand, Lehm und Gras drücken, Baumrinde sich angenehm rau an der Handfläche reibt. Eine Stunde lang widmet sich Regisseur Julius Hofherr diesen Reizen und Eindrücken, und er wird ihrer nicht müde. So wie seine Tanja da durchs Unterholz tollt, auf der Expedition ins Tierreich einen unschuldigen Enthusiasmus an den Tag legt, der sich beinahe in einen ekstatischen Urzustand verwandelt, so reiht er das Archivmaterial in einer nicht enden wollenden Schnittfolge impressionistischer Bilder aneinander. Hinter jedem Bild eröffnet sich ein neues. Die zunächst meditative Grundhaltung des Films, der sich selbst als schauend mehr denn als zeigend erweist, schlägt bald schon um in eine Art seltsamer Hysterie. Es wird einem ganz leicht im Kopf ob dieser vollkommen ungerichteten Zeigefreude, so als habe man zu viel frische Luft auf einmal genossen.

Der „Teufel“, der da am Schluss plötzlich auftaucht, nachdem er immer mal wieder angekündigt wurde, ganz so, als habe Hofherr der Verführungskraft seines Filmes nicht vertraut, wird verworfen wie die Schnapsidee, die er ist: Halbherziger wurde nie ein Film Richtung Horror gebügelt, aber ein Fehlgriff auch noch nie so offen zugegeben und bereinigt. Hier ist kein Platz für Thrill und Sensationen. Noch nicht einmal Tanjas Freundinnen nehmen Anstoß an ihrem nackten Hinterteil, und die Flasche mit dem berauschenden Pflaumenwasser bleibt auch unangetastet.Ob die Wurst schmeckt, die die Tante ihr eingepackt hat, werden wir nie erfahren. Wer benötigt schon Drogen, wenn er auf Bäume klettern oder unter einem Wasserfall duschen kann? Wer meint, die Welt habe sich in den letzten 40 Jahren nicht wesentlich verändert, der schaue diesen Film und lasse sich eines Besseren belehren. Wer meint, das Paradies sei für immer verloren, der schaue diesen Film und lasse sich eines Besseren belehren. Wer meint, er habe schon alles gesehen, schaue diesen Film und lasse sich eines Besseren belehren. Wer meint, das Kino sei kein Ort für Träume, der schaue diesen Film und lasse sich eines Besseren belehren.

f-004_01Der zweite Nudistenfilm führte die Kongressteilnehmer von den Tropen in gemäßigtere Gefilde nach Korsika und dort auf die idyllische Felseninsel Cavallo, die eine kleine Nudistenkolonie beherbergt. Bevor es den ausgiebigen Blick auf nackte Menschen gibt, nehmen die drei „Protagonisten“ – ein Mann und zwei Frauen – und der gut gelaunte Voice-over-Kommentator den Zuschauer jedoch bei der Hand und zeigen ihm auf dem Weg nach Cavallo ein paar Sehenswürdigkeiten. Hilarity ensues: Ein typisch südländisch-fauler Autovermieter vergisst bei der Herrichtung des 2CV einen neuen Vergaser einzubauen, sodass es für die drei Urlauber auf den Gebirgsstraßen schon bald nicht mehr weitergeht. Zum Glück ist die knorrige Inselbevölkerung immer hilfsbereit – wenn sie nicht gerade auf Wildschweinjagd ist und wüst ballernd im Wald herumrennt – und übernimmt mit einem braven Esel, bekanntlichermaßen „Freund des Menschen“, den Abschleppdienst, sodass die Drei doch noch am Ziel ankommen. Auf der anderen Seite der Insel bemerkt der Autovermieter unterdessen sein Versäumnis und rast den Nudisten auf dem Sozius eines motorisierten Pfarrers hinterher. Das war dann auch schon die Handlung.

Für den Rest des Films ergeht sich Regisseur Swiagenin in der Ins-Licht-Stzung des Insel- und Nudistenidylls: Man turnt am Strand mit seinen bizarren Felsformationen herum, taucht im kristallklaren Wasser, tanzt, empfängt den Lebensmittelboten, neckt sich mit Bällen (Zitat), wäscht den Esel und lässt es sich rundum gutgehen in seiner Nacktheit. Auf- oder gar erregend ist das alles nicht, aber irgendwie erholsam in all seiner Ereignis- und Harmlosigkeit, der fleißigen Gewissenhaftigkeit, mit der der Nudistenurlaub in all seiner Biederkeit protokolliert wird. Cavallo bietet eine hübsche Kulisse, doch nach knapp 80 Minuten hat man dann wirklich jeden Felsen gesehen. TÖCHTER DER SONNE ist auch darin fast wie Urlaub: Kurz vor Schluss freut man sich darauf, wieder nach Hause zurückzukehren, dem elenden Müßiggang endlich wieder etwas Stress entgegensetzen zu können. Mit von der Sommerbrise gut ausgelüftetem Gemächt ist man bereit, sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen.

Am Sonntagabend des 11. Hofbauer Kongresses badeten wir uns in Unschuld. Dazu hatte Kongress-Kurator Christoph ein passendes Nudie-Cutie-Double-Feature zusammengestellt, das uns mit Sonnenstrahlen wachkitzeln, mit einer kühlen Sommerbrise erfrischen, mit dem Zauber der Natur becircen und mit dem Blick auf nackte Schönheiten anregen sollte. Der Plan ging auf und nach 140 Minuten fühlten sich alle Teilnehmer wie frisch gebadet – und damit bereit, wieder in den Morast hinabzusteigen.

Los ging es mit HOW I LIVED AS EVE, der die wilde Geschichte einer Nudistengemeinschaft (der Film bezeichnet sie als „Naturalisten“) erzählt, die sich der Herausforderung stellen, drei Monate wie Wilde auf einerTropeninsel zu leben, um so ihre kleine Nudistenkolonie zu retten, die ein Geschäftsmann für sich haben möchte.

Vorab ein paar Takte zum Genre des Nudistenfilms oder auch „Nudie Cutie“: Das erlebte vor allem in den Sechzigerjahren kurze Popularität, lockte unter dem Vorwand, sich mit der neuen Freikörperkultur auseinanderzusetzen, natürlich vor allem Männer mit nackten Tatsachen ins Kino, die sich vielleicht nicht in ein „richtiges“ Pornokino trauten. Die Fassade wird dabei immer gewahrt: Mehr als dem Geschichtenerzählen haben sich die Filme der (Pseudo-)Dokumentation verschrieben. Die lose Zusammenstellung von Strand-, Urlaubs- und Freizeitszenen wird von einem Voice-over-Kommentar begleitet, der Objektivität und einen gewissen Bildungsanspruch vorgaukelt. (HOW I LIVED AS EVE fährt zu diesem Zweck sogar eine – an „The Road to Hell“ den Film im Film aus CANNIBAL HOLOCAUST erinnernde – Dokumentation über einen brasilianischen Indianerstamm auf, die zu Beginn vorgeführt wird und Inspiration für die folgende Wette ist.) Sex oder andere grafische Anzüglichkeiten gibt es überhaupt nicht: Lediglich den Blick auf nackte Körper. Was dieses auch mit durchaus vorhandener Sympathie als „eindimensional“ zu bezeichnende Genre so interessant und im Wortsinn liebenswert macht, das ist die Abwesenheit jedes bösen Gedankens, Auch HOW I LIVED AS EVE ist so unglaublich süß, naiv und unschuldig, so … ja, fremdartig in seinem Verzicht auf jegliche Konflikte, Gewalt oder Zynismus, so unglaublich beruhigend in seiner Genügsamkeit, dass man das beseelte Dauergrinsen kaum noch wegbekommt.

HOW I LIVED AS EVE ist – vor allem im Vergleich zum nachfolgenden TÖCHTER DER SONNE – sogar noch relativ handlungslastig mit seiner eigenartigen Prämisse, aber umso frappierender fällt auf, wie wenig ihn Spannungsaufbau und -auflösung interessieren. Nicht wilde Tiere, Hunger, interne Konflikte, Naturgewalten oder Infektionskrankheiten stellen die größte Gefahr für den Erfolg des Unternehmens dar, sondern schlicht die Langeweile. Der Voice-over-Kommentator macht gar keinen Hehl daraus und sich offensichtlich keinerlei Sorgen darum, dass der Zuschauer von diesem Eingeständnis abgeschreckt werden könnte: Ganz selbstverständlich räumt er immer wieder ein, dass die armen Nudisten ihre Wette abbrechen könnten, weil auf dieser Insel einfach nichts passiert und drei Monate verschissen lang werden können. Bei so viel Nachdruck will dann auch das Drehbuch nicht dazwischenfunken. Wann immer sich die ersten vereinzelten leisen Zweifel an der ganzen Unternehmung bemerkbar machen, ist die Harmonie schon nach kürzester Zeit wieder vollkommen hergestellt. Und wenn es einmal doch dramatisch wird, ganz am Ende, wenn sich die Nudistenschönheit bei dem Versuch, ein kleines Zicklein einzufangen, den Kopf stößt und das Bewusstsein verliert, dann ist die Kamera beim Unfall nicht dabei, ganz so als wolle sie den Zuschauer schonen. Die Verantwortung des Spannungsaufbaus liegt ganz auf den Schulter des Kommentators, der sich redlich bemüht, die Stimmung hochzuhalten. Er hat immer einen lustigen, aber niemals zu grellen Spruch auf den Lippen, kein Anlass ist ihm zu banal. (Er erinnert in seinem Duktus und seiner Begeisterungsfähigkeit nicht wenig an das fleißige Kegelclubmitglied, das den gemeinsamen Ausflug nach Rüdesheim für alle Beteiligten in einem fünfseitigen Aufsatz festhält.) So gibt es auch keinerlei echte Spannung, allerhöchstens leise, in sich ruhende Belustigung, etwa über den wohlmeindenden und engagierten, aber immer etwas unglücklich agierenden John, dessen Heimwerkerarbeiten nie erfolgreich sind. Aber natürlich haben auch seine Fehlleistungen am Ende etwas Gutes.

HOW I LIVED AS EVE ist – wie sein ganzes Genre – so weit weg von uns, dass man nicht anders kann, als das Geschehen  mit äußerster Faszination zu betrachten. Dieser Film ist fernab allen Kitsches so zuckersüß, herzlich und gutmütig, dass er heute, wo Zynismus, Sarkasmus und Ironie die allgemeine Grundhaltung bestimmen, wie von einem anderen Planeten zu uns herabgebeamt wirkt. EIn filmisches Sonnenbad, nachdem man sich mit Erdbeeren und Schlagsahne stärkt.