Mit ‘Nudistenfilm’ getaggte Beiträge

f-004_01Der zweite Nudistenfilm führte die Kongressteilnehmer von den Tropen in gemäßigtere Gefilde nach Korsika und dort auf die idyllische Felseninsel Cavallo, die eine kleine Nudistenkolonie beherbergt. Bevor es den ausgiebigen Blick auf nackte Menschen gibt, nehmen die drei „Protagonisten“ – ein Mann und zwei Frauen – und der gut gelaunte Voice-over-Kommentator den Zuschauer jedoch bei der Hand und zeigen ihm auf dem Weg nach Cavallo ein paar Sehenswürdigkeiten. Hilarity ensues: Ein typisch südländisch-fauler Autovermieter vergisst bei der Herrichtung des 2CV einen neuen Vergaser einzubauen, sodass es für die drei Urlauber auf den Gebirgsstraßen schon bald nicht mehr weitergeht. Zum Glück ist die knorrige Inselbevölkerung immer hilfsbereit – wenn sie nicht gerade auf Wildschweinjagd ist und wüst ballernd im Wald herumrennt – und übernimmt mit einem braven Esel, bekanntlichermaßen „Freund des Menschen“, den Abschleppdienst, sodass die Drei doch noch am Ziel ankommen. Auf der anderen Seite der Insel bemerkt der Autovermieter unterdessen sein Versäumnis und rast den Nudisten auf dem Sozius eines motorisierten Pfarrers hinterher. Das war dann auch schon die Handlung.

Für den Rest des Films ergeht sich Regisseur Swiagenin in der Ins-Licht-Stzung des Insel- und Nudistenidylls: Man turnt am Strand mit seinen bizarren Felsformationen herum, taucht im kristallklaren Wasser, tanzt, empfängt den Lebensmittelboten, neckt sich mit Bällen (Zitat), wäscht den Esel und lässt es sich rundum gutgehen in seiner Nacktheit. Auf- oder gar erregend ist das alles nicht, aber irgendwie erholsam in all seiner Ereignis- und Harmlosigkeit, der fleißigen Gewissenhaftigkeit, mit der der Nudistenurlaub in all seiner Biederkeit protokolliert wird. Cavallo bietet eine hübsche Kulisse, doch nach knapp 80 Minuten hat man dann wirklich jeden Felsen gesehen. TÖCHTER DER SONNE ist auch darin fast wie Urlaub: Kurz vor Schluss freut man sich darauf, wieder nach Hause zurückzukehren, dem elenden Müßiggang endlich wieder etwas Stress entgegensetzen zu können. Mit von der Sommerbrise gut ausgelüftetem Gemächt ist man bereit, sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen.

Am Sonntagabend des 11. Hofbauer Kongresses badeten wir uns in Unschuld. Dazu hatte Kongress-Kurator Christoph ein passendes Nudie-Cutie-Double-Feature zusammengestellt, das uns mit Sonnenstrahlen wachkitzeln, mit einer kühlen Sommerbrise erfrischen, mit dem Zauber der Natur becircen und mit dem Blick auf nackte Schönheiten anregen sollte. Der Plan ging auf und nach 140 Minuten fühlten sich alle Teilnehmer wie frisch gebadet – und damit bereit, wieder in den Morast hinabzusteigen.

Los ging es mit HOW I LIVED AS EVE, der die wilde Geschichte einer Nudistengemeinschaft (der Film bezeichnet sie als „Naturalisten“) erzählt, die sich der Herausforderung stellen, drei Monate wie Wilde auf einerTropeninsel zu leben, um so ihre kleine Nudistenkolonie zu retten, die ein Geschäftsmann für sich haben möchte.

Vorab ein paar Takte zum Genre des Nudistenfilms oder auch „Nudie Cutie“: Das erlebte vor allem in den Sechzigerjahren kurze Popularität, lockte unter dem Vorwand, sich mit der neuen Freikörperkultur auseinanderzusetzen, natürlich vor allem Männer mit nackten Tatsachen ins Kino, die sich vielleicht nicht in ein „richtiges“ Pornokino trauten. Die Fassade wird dabei immer gewahrt: Mehr als dem Geschichtenerzählen haben sich die Filme der (Pseudo-)Dokumentation verschrieben. Die lose Zusammenstellung von Strand-, Urlaubs- und Freizeitszenen wird von einem Voice-over-Kommentar begleitet, der Objektivität und einen gewissen Bildungsanspruch vorgaukelt. (HOW I LIVED AS EVE fährt zu diesem Zweck sogar eine – an „The Road to Hell“ den Film im Film aus CANNIBAL HOLOCAUST erinnernde – Dokumentation über einen brasilianischen Indianerstamm auf, die zu Beginn vorgeführt wird und Inspiration für die folgende Wette ist.) Sex oder andere grafische Anzüglichkeiten gibt es überhaupt nicht: Lediglich den Blick auf nackte Körper. Was dieses auch mit durchaus vorhandener Sympathie als „eindimensional“ zu bezeichnende Genre so interessant und im Wortsinn liebenswert macht, das ist die Abwesenheit jedes bösen Gedankens, Auch HOW I LIVED AS EVE ist so unglaublich süß, naiv und unschuldig, so … ja, fremdartig in seinem Verzicht auf jegliche Konflikte, Gewalt oder Zynismus, so unglaublich beruhigend in seiner Genügsamkeit, dass man das beseelte Dauergrinsen kaum noch wegbekommt.

HOW I LIVED AS EVE ist – vor allem im Vergleich zum nachfolgenden TÖCHTER DER SONNE – sogar noch relativ handlungslastig mit seiner eigenartigen Prämisse, aber umso frappierender fällt auf, wie wenig ihn Spannungsaufbau und -auflösung interessieren. Nicht wilde Tiere, Hunger, interne Konflikte, Naturgewalten oder Infektionskrankheiten stellen die größte Gefahr für den Erfolg des Unternehmens dar, sondern schlicht die Langeweile. Der Voice-over-Kommentator macht gar keinen Hehl daraus und sich offensichtlich keinerlei Sorgen darum, dass der Zuschauer von diesem Eingeständnis abgeschreckt werden könnte: Ganz selbstverständlich räumt er immer wieder ein, dass die armen Nudisten ihre Wette abbrechen könnten, weil auf dieser Insel einfach nichts passiert und drei Monate verschissen lang werden können. Bei so viel Nachdruck will dann auch das Drehbuch nicht dazwischenfunken. Wann immer sich die ersten vereinzelten leisen Zweifel an der ganzen Unternehmung bemerkbar machen, ist die Harmonie schon nach kürzester Zeit wieder vollkommen hergestellt. Und wenn es einmal doch dramatisch wird, ganz am Ende, wenn sich die Nudistenschönheit bei dem Versuch, ein kleines Zicklein einzufangen, den Kopf stößt und das Bewusstsein verliert, dann ist die Kamera beim Unfall nicht dabei, ganz so als wolle sie den Zuschauer schonen. Die Verantwortung des Spannungsaufbaus liegt ganz auf den Schulter des Kommentators, der sich redlich bemüht, die Stimmung hochzuhalten. Er hat immer einen lustigen, aber niemals zu grellen Spruch auf den Lippen, kein Anlass ist ihm zu banal. (Er erinnert in seinem Duktus und seiner Begeisterungsfähigkeit nicht wenig an das fleißige Kegelclubmitglied, das den gemeinsamen Ausflug nach Rüdesheim für alle Beteiligten in einem fünfseitigen Aufsatz festhält.) So gibt es auch keinerlei echte Spannung, allerhöchstens leise, in sich ruhende Belustigung, etwa über den wohlmeindenden und engagierten, aber immer etwas unglücklich agierenden John, dessen Heimwerkerarbeiten nie erfolgreich sind. Aber natürlich haben auch seine Fehlleistungen am Ende etwas Gutes.

HOW I LIVED AS EVE ist – wie sein ganzes Genre – so weit weg von uns, dass man nicht anders kann, als das Geschehen  mit äußerster Faszination zu betrachten. Dieser Film ist fernab allen Kitsches so zuckersüß, herzlich und gutmütig, dass er heute, wo Zynismus, Sarkasmus und Ironie die allgemeine Grundhaltung bestimmen, wie von einem anderen Planeten zu uns herabgebeamt wirkt. EIn filmisches Sonnenbad, nachdem man sich mit Erdbeeren und Schlagsahne stärkt.