Mit ‘Nunsploitation’ getaggte Beiträge

flavvvMeine Erstbegegnung mit Mingozzis Klassiker, der mit dem Siegel des „Nunsploitationfilms“ leider sehr oberflächlich schubladisiert wurde, lässt sich unter dem Motto „Der richtige Film zur falschen Zeit“ einsortieren. Ich würde ihn gern nochmal in einem etwas anderen Geisteszustand sehen, denn eigentlich hat er mir mit seinem sparsamen, luftigen Plotting, dem dazu passenden, fast vollständigen Verzicht auf Exposition und Dialog und dem Ausflügen in libidinöse Wahnvorstellungen eigentlich gut gefallen. Nur war er mir am Ende einer saustressigen Woche eine Spur zu langsam und „frei“. Es fiel mir schwer, den Vorgängen zu folgen, die Konzentration fehlte. Ich hatte danach das Gefühl, irgendwas ganz Wichtiges verpasst oder nicht verstanden zu haben – vielleicht auch durch Schnitte, die die deutsche Fassung offensichtlich aufwies -, aber ein kurzer Blick auf die Inhaltsangabe von Wikipedia zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Mingozzi verzichtet lediglich darauf, alles noch einmal zu erklären. Er reiht seine Kapitel chronologisch aneinander und überlässt es dem Zuschauer, die Kausalzusammenhänge herzustellen.

FLAVIA, LA MONACA MUSULMANA basiert auf historischen Begebenheiten aus dem 15. Jahrhundert, als die Türken die italienische Stadt Otranto belagerten und 800 Christen enthauptet wurden, weil sie sich weigerten zum Islam überzutreten. Aber diese geschichtlich belegten Vorgänge sind eher der backdrop für die Leidensgeschichte einer Frau (Florinda Bolkan), die als Mädchen von ihrem Vater ins Kloster gezwungen wird, als sie erste sexuelle Gelüste ausgerechnet bei einem Moslem erlebt, dort Zeuge patriarchalischer Gewalt und religiösen Wahns wird, und schließlich, als die Türken einfallen, auf die Gegenseite wechselt, um sich an der Männerwelt zu rächen. So plump, wie sich das hier liest, stellt es sich im Film nicht dar, der Flavias Genese in nur lose verbundenen Tableaus eher skizziert als wirklich psychologisch greifbar zu machen. Mehrfach ist man sich nicht sicher, ob Mingozzi noch objektive Realität schildert oder ob er die Welt durch die wahnhaft verzerrte Perspektive seiner Protagonistin betrachtet. Eine Albtraumsequenz gegen Ende lässt dann kaum Zweifel daran, dass Flavia dem Wahnsinn anheimgefallen ist, der sich mit dem Blutbad, das die Invasoren anrichten, verbreitet. Da knieen nackte Frauen in ausgeweideten Kühen und machen sich nackte Christen in einer Karikatur des letzten Abendmahls über eine Frau her, der sie genussvoll in die Gliedmaßen beißen.

Bei Mingozzi ist Geschichte ein Ineinandergreifen politischer und psychologischer Faktoren, in dem persönliche Schicksale hoffnungslos im Tumult aufgehen. Flavia scheint am Ende wie ein Racheengel über ihre Lansleute zu kommen, die eigentlichen Aggressoren scheinen lediglich ihre Armee zu stellen, ihr Eroberungszug nur die Folge eines persönlich motivierten Rachefeldzuges zu sein. Möglich, dass diese Einschätzung der fehlgeleiteten Sichtweise der vollkommen obdachlosen Flavia zuzuschreiben ist, die Mingozzi dem Betrachter aufzwängt.Aber eher ist es andersrum, Flavia auch unter den vermeintlichen „Befreiern“ in erster Linie ein Spielzeug, das diese benutzen, weil es ihnen gerade in den Sinn kommt. Am Ende kann es natürlich keine Befreiung für Flavia geben, nur eine grausame Hinrichtung: Sie wird für ihren Frevel nur umso stärker ins patrairchalische Machtgefüge zurückgeworfen.

FLAVIA, LA MONACA MUSULMANA verdient eine zweite Betrachtung: Schon allein deshalb, weil er mir in der Rückschau besser gefällt als während der Sichtung, was meist ein ganz gutes Zeichen für die Nachhaltigkeit eines Films ist. Neben der tollen Fotografie von Alfio Contini – den Schnitt besorgte kein Geringerer als Ruggero Deodat0 -, der die sonnengegerbte Kargheit der Landschaft in eine traurige Seelentopografie verwandelt, und der schönen Musik von Nicola Piovani, hat mich vor allem María Casares als Schwester Agatha beeindruckt, die – optisch eine Mischung aus Maria Schell und Alida Valli – die ganze Verlogenheit der Kirche und den Irrsinn, den sexuelle Repression nach sich zieht, in ihrem mahnhaften Lachen einfängt. Und noch nicht einmal ihr Habit nassmacht, wenn sie im Stehen in die Walachei pinkelt.

 

gpux6atvSex über den Wolken. Mit ihrem Lover Luca (Gerardo Rossi), einem wilden, ungezügelten Hippie, unterhält die schöne Cristiana (Toti Achilli) die Gäste eines Linienfluges. Die einen schauen gebannt und erregt zu, feuern das Pärchen an und zählen die Sekunden bis zum Orgasmus, eine Nonne betet ob solcher Sünden den Rosenkranz hoch und runter, ältere Damen wissen nicht, ob sie sich abwenden oder weiter hinucken sollen, die Stewardess informiert den Piloten, der mit seiner Besatzung heiß diskutiert, welches Recht denn nun gerade gelten möge. Ein Gewitter stürzt das Flugzeug unmittelbar nach dem vollzogenen Akt in heftige Turbulenzen und als der sichere Tod wie durch ein Wunder ausbleibt, da ist Cristiana ein neuer Mensch, der der Sünde entsagen und stattdessen ins Kloster gehen will. Aber dieses Vorhaben erweist sich für eine junge, lebenslustige Frau nur schwer umsetzbar, vor allem, wenn einem die lesbische Schwester Eleonora (Magda Konopka) jeden Wunsch von den feuchten Lippen abliest. Aber das ist nur der Anfang einer langen, rauschhaften bis leidvollen Geschichte  …

CRISTIANA MONACA INDEMONIATA war bei dieser Ausgabe des Terza Visione wahrscheinlich das größte Geschenk, das den Zuschauern gemacht wurde: Es sind nicht zuletzt solche unter großen, völlig ehrenamtlich geleisteten Anstrengungen geborgenen Schätze, die das Festival (und die von den gleichen Kuratoren, Christoph Draxtra und Andreas Beilharz, betreuten Hofbauer-Kongresse) zu solch wertvollen Veranstaltungen machen. Bergonzellis Film ist in Deutschland nie ausgewertet worden, eine DVD existiert bislang weltweit nicht und der im Netz kursierende Rip einer Videofassung – de facto die bis vor kurzem noch überhaupt einzige Möglichkeit, CRISTIANA MONACA INDEMONIATA zu Gesicht zu bekommen – ist höchst unbefriedigend, im falschen Bildformat, schrabbelig, farbarm, unansehnlich, dank fehlender Untertitel zudem unverständlich für alle, die des Italienischen nicht mächtig sind. Den wahren Enthusiasten, der das verborgene Potenzial noch hinter der heruntergekommensten Fassade erkennt, hält das natürlich nicht ab, es stachelt ihn erst an: Und so wurde schließlich mithilfe eines Sammlers eine nicht mehr für existent gehaltene italienische Kopie des Films aufgetrieben, in angeblich hervorragendem Zustand, und nach Erhalt mit zittrigen Fingern begutachtet. In Anbetracht der sich darbietenden beklagenswerten Form des begehrten Objekts – verrostete Filmdosen, unerträglicher Essiggestank, Beleg für den im fortgeschrittenen Stadium befindlichen, irreversiblen Verfallsprozess des Materials, Hunderte von schlecht geflickten Filmrissen und Verschmutzungen – hätten viele den Traum einer Aufführung wieder aufgegeben. Nicht so Christoph, der in langen Nächten rettete, was zu retten war und nebenher auch noch deutsche Untertitel erstellte, die dem sprachlichen Tohuwabohu, das Bergonzelli auf der Originaltonspur entwirft, noch halbwegs Rechung tragen sollten. Und so kam es zu dieser Premiere eines über 40 Jahre alten Films, an den sich selbst in seiner Heimat niemand mehr erinnern konnte und der eigentlich unrettbar verloren schien. CRISTIANA MONACA INDEMONIATA wurde dem Vergessen entrissen und erlebte eine Auferstehung, die in näherer Zukunft vielleicht sogar noch greifbare Früchte tragen wird.Es soll ja auch der ein oder andere Labelmacher zugegen gewesen sein …

Das Label „Nunsploitation“, das auch ich dem Film aufgedrückt habe, um ihn für den Leser besser einordnen zu können, wird dem frei flottierenden Fabulierwahn Bergonzellis nur sehr bedingt gerecht: Natürlich enthält der Film einige Elemente, die er mit anderen Titeln des Subgenres teilt, aber CRISTIANA MONACA INDEMONIATA ist insgesamt zu groß für schnöde Schubladen. Kern des Films ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, in der es ganz wesentlich um die Entdeckung der eigenen Sexualität geht und die natürlich vor dem Hintergrund eines erzkatholischen Landes eine stark klerus- und gesellschaftskritische Note bekommt. Aber Bergonzelli hat keinen spröden Thesenfilm gedreht, vielmehr einen psychedelischen Genremix, der sich um Konventionen nur insofern schert, als er sie wunderbar dekonstruieren kann. CRISTIANA MONACA INDEMONIATA ist Sex- und Drogenfilm, Komödie, Drama und Musical, er ist witzig, traurig, anrührend, niederschmetternd, albern, bizarr und teilweise völlig bescheuert. Er ist gleichermaßen wahrhaftig wie er exploitativ ist, er schlägt einen breiten Bogen und bleibt doch immer kompakt. Er ist orgiastisch und wild, verliert sein Ziel aber nie aus den Augen. Es ist ein Film seiner Zeit, geprägt von den großen Hoffnungen der Hippieära, von Weltfrieden und freier Liebe, aber auch schon vom Kater danach befallen. Es ist eine beschissene, verlogene, oberflächliche Welt, die Bergonzelli zeigt, und wahrscheinlich zerstört sie einen, aber gerade deshalb ist es umso wichtiger, seinen Weg zu gehen, solange er noch nicht einplaniert ist und einem der eigene Körper noch gehorcht. Der liebe Gott kommt dann noch früh genug, um seine Ansprüche zu stellen.