Mit ‘O. E. Hasse’ getaggte Beiträge

Nach den Ereignissen von SCOTLAND YARD JAGT DR. MABUSE: Der vom Geist Dr. Mabuses „infizierte“ Dr. Pohland (Walter Rilla) wird in einer Nervenklinik untersucht. Als Major Bob Anders (Peter van Eyck) vom britischen Geheimdienst ihn verhören will, wird er nach Erwähnung des Wortes „Todesstrahlen“ entführt. Wenig später wird Anders beauftragt einen anderen Fall zu bearbeiten, der – wie es der Zufall will – mit eben jenen Todesstrahlen und eben Dr. Mabuse zu tun hat. Auf einer vor Malta gelegenen Insel hat der Wissenschaftler Professor Larsen (O. E. Hasse) eine Maschine erfunden, die ganze Städte binnen Sekunden dem Erdboden gleichmachen kann. Die Erfindung hat das Interesse diverser Schurken geweckt, die seitdem die Küstengegend unsicher machen. Anders soll, als Urlauber und Ehemann der etwas einfältigen Judy (Rika Dalina) getarnt, Maßnahmen zum Schutz Larsens treffen. Es stellt sich wenig überraschend heraus, dass es Dr. Mabuse ist, der die Vernichtungsmaschine in seinen Besitz bringen will …

Auch wenn Brauner seiner Mabuse-Reihe unter dem Eindruck des Erfolges, den die Filme um den britischen Geheimagenten James Bond zur selben Zeit an den Kinokassen feierten, mit DIE TODESSTRAHLEN DES DR. MABUSE einen entsprechenden Neuanstrich verpasst, kann man angesichts von dessen Lahmarschigkeit nur konstatieren, dass die Luft raus ist. Grundsätzlich ist die Idee, bei Bond zu klauen, nicht verkehrt, zumal Dr. Mabuse gewissermaßen als Pate und Inspirationsquelle jener größenwahnsinnigen, genialen Superschurken gelten darf, gegen die die Doppel-Null regelmäßig antritt. Die Parallelen waren schon vorher  da, Brauner tut nun nichts anderes, als die Schraube ein Stückchen weiter zu drehen. Die Bundesrepublik wird endgültig verlassen, van Eyck gibt einen britischen Geheimagenten, der seinen Charme bei gleich drei attraktiven Frauen spielen lassen darf, die urbanen Kulissen Westeuropas weichen dem Postkartenidyll Italiens, das als Stand-in für Malta fungiert. Inhaltlich ist TODESSTRAHLEN ein freches Rip-off von DR. NO, wobei der Part des ersten Bond-Schurken hier auf zwei Personen verteilt wird: O. E. Hasse ist als Larsen für die geniale, aber todbringende Erfindung verantwortlich, sein Assistent Dr. Krishna (Valéry Inkijinoff) verleiht der Gefahr den beliebten, fremdartig-exotischen Anstrich. Im Finale, wenn sich zwei Truppen von Froschmännern ein blutiges Unterwasser-Gefecht mit Harpunen liefern, wird gar der erst ein Jahr später erschienene vierte Bond-Film THUNDERBALL vorweggenommen. Das Potenzial, aus diesen Zutaten einen spannenden Eurospy-Film zu inszenieren, ist da, doch leider hapert es an allen Ecken und Enden. Setzt sich die „Ermittlungsarbeit“ des großen Vorbilds aus einer nicht abreißenden Folge von spektakulären Set Pieces und Suspense-Momenten zusammen, da hat sein Kollege Anders einen vergleichsweise ruhigen Arbeitstag. Hier und da führt er gesittete Gespräche, liefert sich den ein oder anderen Faustkampf, der jedoch selten wirkliche Gefahr bedeutet, und wenn auf ihn geschossen wird, dann zuckt er angesichts mangelnder Zielgenauigkeit des Schützen noch nicht einmal. Der größte Fehler des Drehbuchs ist sicherlich, dass Larsen eben nicht der Bösewicht ist, sondern ein freundlicher älterer Herr, dessen Motiv, eine Vernichtungswaffe zu bauen, gänzlich im Dunkeln bleibt. Von den Todesstrahlen, die der Film so vollmundig im Titel führt, geht bis zum Schluss keinerlei Bedrohung aus. Das Gleiche gilt für Dr. Mabuse, dessen Inklusion wie eine Last-Minute-Entscheidung wirkt. Jeglicher Horror, der mit dieser Figur einmal verbunden war, ist absent, und der eh schon zähe Fluss des Films wird durch seine „Anwesenheit“ noch weiter ausgebremst. Sanftes Amüsement bewirken einzig einige putzige Dialoge und die angesichts des schon über 50-jährigen van Eycks überaus tollkühnen Versuche, mit dem Sex Appeal der Bond-Filme gleichzuziehen. DIE TODESSTRAHLEN DES DR. MABUSE ist verglichen mit den sonst eher trockenen erotischen Bemühungen der Gruselkrimis aus jener Zeit geradezu ein Ausbund an Schlüpfrigkeit und Frivolität, bleibt aber natürlich doch immer gesittet und zahm.

Die Kursänderung führte leider nicht zu dem gewünschten Erfolg. DIE TODESSTRAHLEN DES DR. MABUSE blieb unter den Erwartungen, sodass die beiden von Brauner für das Jahr 1965 geplanten Fortsetzungen namens DAS UNHEIMLICHE KABINETT DES DR. MABUSE und DIE RACHE DES DR. MABUSE ausgesetzt wurden. 1972 gab es noch einmal einen eher halbherzigen neuen Versuch Brauners, den Superverbrecher wieder auf die Leinwand zu bringen: Doch der von Jess Franco inszenierte DR. M SCHLÄGT ZU begnügte sich schließlich mit wenigen Dialog-Anspielungen auf den einstigen Kassenmagneten. Da der Film in diesem Sommer über Pidax seine DVD-Veröffentlichung in Deutschland erfährt, werde ich hier darüber aufklären, was es sonst mit diesem Film auf sich hat. Nun wende ich mich erst einmal anderen Dingen zu.

In Wien hat sich Miss Kitty Warren (Lilli Palmer) in den höchsten Kreisen der Gesellschaft einen Namen gemacht: In ihrem Edel-Bordell geben sich angesehene Männer aus Politik und Wirtschaft die Klinke in die Hand und werden von der Britin kompetent und diskret bedient. Sie darf sich als überaus erfolgreiche Unternehmerin fühlen, doch was ihr fehlt, sind Legitimität und ein öffentliches Leben, das dem Status, den sie in gewissen Kreisen genießt, entspricht. Mit dem Kauf eines altehrwürdigen Schlosses im vornehmen England möchte sie den entscheidenden Schritt wagen, der sie dann auch mit ihrer studierten Tochter Vivie (Johanna Matz) wiedervereinigen soll. Deren Erziehung hatte sie für viel Geld von anderen, für diese Aufgabe besser geeigneten Menschen und Institutionen besorgen lassen. Gemeinsam mit ihrem väterlichen Freund, Gönner und Bewunderer Sir George Crofts (O. E. Hasse) – man könnte ihn auch als ihren ehemaligen Zuhälter bezeichnen – reist Kitty also nach England, um die neu erworbene Immobilie zu begutachten und zu beziehen. Vor Ort ist mit dem Innenausstatter Praed (Ernst Fritz Fürbringer) ein weiterer ihrer alten Freunde mit der Renovierung des Schlosses betraut, während es Frank Gardner (Helmut Lohner), den Freund Vivies, vor Neugier über die Dame schon fast zerreißt. Er ist der Sohn des wegen diverser moralischer Fehltritte unehrenhaft aus dem Dienst der Kirche entlassenen Predigers Samuel Gardner (Rudolf Vogel), der seinerzeit selbst zufriedener Kunde Kittys war – und mit seinen Moralpredigten bei ihr daher an der falschen Adresse ist.

Es entwickelt sich ein munteres Hin und Her zwischen den vier Männern – Crofts, Praed, Frank und Samuel – auf der einen und Kitty auf der anderen, die auch als mittelalte Dame noch die sexuellen Fantasien der Herren anregt. Ein Hin und Her, das durch die Anwesenheit Vivies, die wie auch Frank nichts über Kittys „unehrenhaften“ Beruf weiß, besondere Brisanz erhält, denn natürlich soll sie nach Möglichkeit auch weiterhin nichts erfahren. Während die Herren also mit unverhohlenem Amusement in Erinnerungen über die „Erlebnisse“ mit der gemeinsamen Freundin schwelgen und damit schon erste Zweifel am Erfolg von Kittys Seriositäts-Mission aufkommen lassen, muss die die Brücke zu ihrer Tochter schlagen, die keineswegs voll der Freude über die erste Begegnung seit vielen, vielen Jahren ist. Die Uneinigkeiten zwischen den beiden reichen von der Frage, welches Zimmer Vivie künftig bewohnen wird, bis hin zu den Vorstellungen über den richtigen, standesgemäßen Ehemann. Frank, ein Schwerenöter, der sich ganz auf sein gutes Aussehen verlässt und sonst nicht viel zu bieten hat, kommt, wenn es nach Kitty geht, nicht in Frage. In diesem Wunsch verquicken sich zwei sehr gegensätzliche Impulse: Zum einen will sie ihre Tochter vor der Armut bewahren, die sie selbst einst überhaupt erst ins „älteste Gewerbe der Welt“ trieb, zum anderen hat sie als Prostituierte die Großzügigkeit wohlhabender Männer in vollen Zügen genossen und ihr ihren Lebensstandard zu verdanken. Ist es also wirklich etwas Anderes, Besseres, was sie für Vivie will? Oder geht es dabei doch nur um eine andere, sublimierte Form der Prostitution?

Die Erkenntnis, dass Kitty ihren Wurzeln vielleicht doch nicht entfliehen können wird, sinkt bei ihr nur ganz langsam ein, auch wenn sie die Ablehnung der Gesellschaft, an der sie teilhaben möchte, schnell und mit voller Härte zu spüren bekommt: Kein einziger der von ihr in das neue Heim mit dem vornehmen Wappen über der Tür geladenen Gäste nimmt ihre Einladung wahr, niemand will die Prostituierte begrüßen oder sie gar als Gleichberechtigte empfangen. Kitty sucht noch Ausflüchte, vermutet, dass sie ihre Einladung zu kurzfristig ausgesprochen habe, während sich ihre Freunde volllaufen lassen und schmutzige Lieder singen. Sie haben ja auch gut lachen: Als Männer brauchen Sie keinerlei Repressionen zu befürchten, da gehört der Puffbesuch zum guten Ton, wird er beinahe wie ein Männlichkeitsorden am Revers getragen, der seinen Träger nicht etwa stigmatisiert, sondern ihn auszeichnet, ihm Anerkennung und Respekt einträgt. An Kitty klebt das Vermögen, das sie sich mit ihren Dienstleistungen erworben hat, hingegen wie Pech: Es ist beschmutzt, öffnet ihr keine Türe, sondern verschließt sie noch fester. Am Schluss steht sie wieder in ihrem Bordell in Wien. Ihre Tochter, die soeben erfahren hat, womit ihre Mutter ihr das Studium finanziert hat, hat ihr den Rücken zugedreht und sie verlassen, der Wunsch, das Leben mit ihr zu teilen, ist genauso mit lautem Knall zerplatzt wie der Traum vom Leben in der hohen Gesellschaft. Die Freundschaft mit Crofts ist daran zerbrochen, dass der nach ihr nun auch noch Vivie mit seinem Geld kaufen wollte. Eine Neue (Anneli Sauli) ist eingetroffen, um das „Handwerk“ zu lernen. Konsterniert begrüßt Kitty sie, wendet sich ab und einem Leben zu, das sie doch mehr hasst, als sie zugeben wollte.

FRAU WARRENS GEWERBE basiert auf dem 1893 von George Bernard Shaw verfassten Theaterstück „Miss Warrens Profession“, mit dem der Autor die Scheinheiligkeit der viktorianischen Gesellschaft und ihre verkrusteten Vorstellungen über die Rolle der Frau aufs Korn nahm. So sehr Kitty mit ihrem Beruf auch außerhalb der Gesellschaft steht, so sehr hängt sie doch an deren Wertvorstellungen: Eine Frau braucht einen wohlhabenden Mann, der sie versorgt und dem sie im Gegenzug Kinder gebären kann. Sie will daher auch ihre Tochter Vivie unter die Haube bringen, denn so allein bestimmt sich der gesellschaftliche Wert einer Frau. Doch Vivie ist an einem solchen Leben als Anhang eines Mannes gar nicht interessiert: Sie ist gebildet, verfügt über einen Studienabschluss in Mathematik und will ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Eine Einstellung, die ihr auch die Verachtung von Crofts einträgt, der ihr sein gesamtes Vermögen verspricht, wenn sie ihn ehelicht, von ihr aber schroff und unmissverständlich abgewiesen wird. Es ist nicht erwünscht, dass eine Frau so über ihr Leben entscheidet: Kitty muss für den Rest ihres Lebens die Konsequenzen tragen, Vivie mit den entsprechenden Vorurteilen rechnen, während die Männer die carte blanche genießen, ihre Ehen mit regelmäßigen Bordellbesuchen oder Seitensprüngen würzen. Wenn ihre Lieblingsprostituierte am Boden der Tatsachen liegt, kehren sie einfach bei der nächsten ein.

Ákos von Ráthonys Film ist eine leicht zwiespältige Angelegenheit, zumindest nach der Erstsichtung. Die wunderbare erste Stunde lässt an der Sympathieverteilung und der kritischen Stoßrichtung keinen Zweifel aufkommen: Die bigotten Herrschaften aus Politik, Wirtschaft und Klerus bekommen schön ihr Fett weg, werden als bequeme Opportunisten gezeichnet, die das Leben in vollen Zügen genießen, während sie andere mit größter Selbstverständlichkeit verurteilen. Kitty ist letztlich ein Opfer der Umstände, eine kluge Frau, aber naiv, was ihren Status und ihren Einfluss angeht. Sie hat es mit Glück und Einsatz geschafft, der Armut, aus der sie stammt, zu entkommen, doch sie bezahlt ihr neues Leben mit dem Preis der gesellschaftlichen Isolation. Auch ihre Tochter begegnet ihr mit unerbittlicher und selbstgerechter Härte. Die Ungerechtigkeit dieser Haltung infiziert leider irgendwann den Film, der Kitty am Ende als große Gescheiterte präsentiert, die eine falsche Entscheidung getroffen hat. Anstatt also Prostitution auch nur als ein mögliches von vielen Geschäften zu betrachten, wie es der Film die ganze Zeit nahelegt, schlägt sich Ráthony am Ende anscheinend doch auf die Seite derer, die darüber pikiert die Nase rümpfen, präsentiert Kitty als „Gefallene“, die die gerechte Strafe ereilt. „Anscheinend“, denn vielleicht vollzieht Ráthony auch nur das nach, was auch 1960 noch herrschende Meinung war. Es kann für Kitty – und daher auch für diesen Film – kein gutes, zufriedenstellendes Ende nehmen.

Trotzdem oder sogar deshalb würde ich für FRAU WARRENS GEWERBE   – und die DVD von Filmjuwelen  – eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen. Ráthonys Regie mag ein bisschen theaterhaft und uninspiriert sein, doch die Dialoge sprühen vor Witz und das Zusammenspiel von O. E. Hasse, Rudolf Vogel, Lilli Palmer und Ernst Fritz Fürbringer ist unbezahlbar. Gerade Hasse, trotz seiner Homosexualität gern als braves wie biederes deutsches Vorbild in Filmen wie DER ARZT VON STALINRAD eingesetzt, brilliert als jovialer Lebemann, der immer tiefere charakterliche Abgründe offenbart. Die zentrale Rückblende in Kittys Vergangenheit – quasi ihre „Origin-Story“, mit Elisabeth Flickenschildt als Mutter und Helga Feddersen als dem Tode geweihter Fabrikarbeiterin – weist eine wunderbar düstere Atmosphäre auf, die so etwas wie die Schnittmenge der deutschen Gruselkrimis jener Zeit und dem märchenhaft überspitzten Sozialrealismus eines Charles Dickens darstellt, und markiert den visuellen Höhepunkt eines Films, der sonst eher durch seine makellose Ausstattung als durch kompositorische Meisterleistung besticht. Mit seiner spritzig-unmoralischen Thematisierung von Sex avancierte FRAU WARRENS GEWERBE zum Skandalfilm „für reife Menschen“, wie es die zeitgenössische Werbung etwas gestelzt formulierte, auch wenn Der Spiegel abgeklärt zu Protokoll gab, dass „[d]ie keimfreie Spielleitung Akos von Rathonys […] der Freiwilligen Selbstkontrolle jegliche Konflikte [ersparte]“. Das muss man schon deshalb für zweifelhaft halten, als der mittlerweile über 50 Jahre alte Film heute immer noch mit einem „Ab 18“-Siegel versehen ist. Naja, immerhin die Bewertung der Leistung Ráthonys kann man so stehenlassen.