Mit ‘Okkultismus’ getaggte Beiträge

EXORCIST II: THE HERETIC gilt nicht nur als Riesenflop (obwohl er einen moderaten Gewinn einspielte), sondern gleich als einer der „schlechtesten Filme aller Zeiten“. Wer mein Blog regelmäßig verfolgt, weiß, dass ich ein Herz für diese gebeutelten Werke habe. Wenn ein Film eine solch heftige Negativreaktion hervorruft, halte ich das schon einmal per se für eine Leistung. Ist der „schlechteste Film aller Zeiten“ nicht automatisch „besser“ als die Tausenden von Produktionen, die lediglich ein unentschlossenes Schulterzucken auslösen? Ich denke schon: Der hyperbolische Superlativ ist ja auch ein Zeichen der Hilflosigkeit, Beleg für das Versagen oder die Unfähigkeit, mit dem Gesehenen irgendeine Verbindung herstellen zu können. Wer behauptet, EXORCIST II sei der qualitative Tiefpunkt der ganzen Kunstform, wird das nur äußerst schwer argumentativ untermauern könne, schließlich müsste er dafür jeden jemals gedrehten Film gesehen haben. Dass zudem mit PLAN 9 FROM OUTER SPACE üblicherweise ein Titel als „Spitzenreiter“ genannt wird, den ich für ein ausgesprochenes Wunderwerk halte, bestärkt mich nur in meinem unermüdlichen Kampf, die „schlechtesten Filme aller Zeiten“ zu rehabilitieren und die Menschen, die in solchen Kategorien denken, ihrer Ahnungs- und Fantasielosigkeit zu bezichtigen.

Liest man den Wikipedia-Artikel zu Boormans leidgeprüftem Film, dreht sich nahezu jeder Satz um sein großes Scheitern. Die zeitgenössischen Rezensionen spielten dem Mob in die Karten und schmissen nur so mit Schmutz um sich, selbst Friedkin, Regisseur des Originals, ließ es sich nicht nehmen, seine unmaßgebliche Meinung zum besten zu geben und Boorman als Dummkopf zu beschimpfen, der es verdient habe, namenlos zu bleiben. Wohlwollende Rezensionen gab es zwar auch, unter anderem von Pauline Kael, die das Sequel dem Original vorzog, aber sie fielen nicht wirklich ins Gewicht. Stattdessen gilt EXORCIST II: THE HERETIC noch heute als dumm, lachhaft und unfreiwillig komisch, schlecht gespielt und eine Schande für Friedkins Klassiker. Nicht alle dieser Vorwürfe sind unbegründet, lassen sich auf eine problematische Produktion zurückführen, die von etlichen Drehbuch-Rewrites, Erkrankungen und ungewollten Produktionsunterbrechungen geplagt wurde, vor allem aber auf die Tatsache, dass Boorman kein Interesse daran hatte, einen Horrorfilm zu drehen (Friedkins Film bezeichnete er als „ugly“, was vielleicht auch Friedkins heftige Reaktion auf das Sequel erklärt): Er wollte einen Film über das Konzept des Guten machen. Was, zugegebenermaßen nicht die beste Voraussetzung ist, wenn man die Fortsetzung zu einem Schocker dreht, der Millionen von Menschen die Freude am Fürchten lehrte.

EXORCIST II: THE HERETIC führt den Priester Phillip Lamont (Richard Burton) ein, der den Auftrag erhält, den Tod von Father Merrin (Max von Sydow) im ersten Teil aufzuklären. Er nimmt Kontakt zur Psychologin Dr. Tuskin (Louise Fletcher) auf, bei der sich die mittlerweile 16-jährige Regan (Linda Blair) in Behandlung befindet. Lamont ist der Überzeugung, dass der Dämon immer noch in Regan beheimatet ist, und erhofft sich Antworten von einer Hypnosetherapie, bei der sein Unterbewusstsein mit dem des Mädchens „synchronisiert“ wird. In Visionen sieht er Father Merrin bei seiner missionarischen Arbeit in Äthiopien, wo er einen Exorzismus an einem Jungen namens Kokumo vornimmt, der mit dem Dämon Pazuzu in Kontakt steht …

Boormans Film ist schwer zu greifen und funktioniert als klassischer Erzählfilm tatsächlich nur mäßig gut. Die Anknüpfung an THE EXORCIST gelingt schon deshalb nicht, weil einige der bei diesem beteiligten Darsteller ihre Mitarbeit an der Fortsetzung verweigerten oder schlicht verhindert waren. So werden Father Karras, dessen Tod ja eigentlich viel rätselhafter ist als der Merrins, und Regans Mutter mit keiner Silbe erwähnt. Es gibt auch keinen klassischen Konflikt oder auch nur einen klar entwickelten Plot, der das gespannte Mitfiebern ermöglichen würde: Stattdessen etabliert Boorman eine traumgleiche Bildsprache und ein schlafwandlerisches Tempo, das dem pseudodokumentarischen Stil des Originals heftig widerspricht. Der Kampf von Gut gegen Böse, der den Klassiker befeuerte, weicht im Sequel einer abstrakten Meditation über diese Konzepte, für die die Form eines kommerziellen Hollywood-Films nicht wirklich geeignet scheint. Die effektreiche Auseinandersetzung mit dem Dämon, zu der es im Showdown kommt, wirkt dann auch eher wie ein verzweifeltes Zugeständnis und passt nur wenig zum elegischen Rest.

Ich kann nicht behaupten, EXORCIST II: THE HERETIC wirklich verstanden zu haben. Er versperrt sich richtiggehend gegen eine logisch-hermeneutische Herangehensweise, arbeitet eher mit Suggestionen, Traumbildern, Mythen, Stimmungen und Emotionen. Auf Handlungsebene sind es nicht so sehr Aktionen, die die Marschroute vorgeben, sondern eben Träume, Intuition, Bestimmung. Das setzt sich auch in der formalen Gestaltung fort: Wirkte THE EXORCIST kalt, präzise, scharf konturiert, kommt Boormans Sequel im Bild der synchronisierten Hypnoselampen und ihres betäubenden Brummens zu sich: Es franst an den Rändern aus, ist ständig im Fluss und nimmt nie feste Gestalt an. Man vergleiche nur die Iran-Szenen aus Friedkins Vorgänger mit den Äthiopien-Sequenzen hier: Da der dokumentarisch-objektive Blick Friedkins, hier die wie durch ein Milchglas gefilmten Rückprojektions- oder Studio-Traumlandschaften, bei denen man nicht so genau weiß, ob sie wirklich existieren oder ob sie nur der Imagination Lamonts entspringen. Dann diese rätselhaften Szenen in Dr. Tuskins „Klinik“, die mit ihren wabenförmigen, vollverglasten Behandlungskabinen an ein Tonstudio erinnert, und auf dem ungesicherten Vordach von Regans Luxusappartement in Manhattan mit seinen desorientierenden Spiegelflächen. Es ist eine zwielichtige Weichheit in diesen Bildern, die den Betrachter eher verführen statt ihn konfrontieren zu wollen.

Für die Darsteller, allen voran Burton aber auch Blair, bringt dies sichtbare Probleme mit sich. Blair war wahrscheinlich einfach zu unerfahren, hat kaum weniger als ihr pausbäckiges Teenagergesicht, dessen naiv-süßlicher Ausdruck von einem zunehmend fragenderen Blick getrübt wird, aber Burton, der im Wesentlichen vom autoritativen Vibrieren seiner Stimme lebt, agiert auf verlorenem Posten, hat nichts, was er seinem Lamont anbieten könnte, außer diesen vom jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch müden, wässrigen Blick, der kaum noch in der Lage scheint, etwas wirklich zu fokussieren, stattdessen nach innen gerichtet ist, dorthin, wo EXORCIST II: THE HERETIC dann auch in allererster Linie angesiedelt ist. Wenn man die nicht immer geschmackssichere Melodramatik des Films verkraftet, wird man aber mit wunderschönen, rätselhaften Bildern und einem fantastischen Morricone-Score belohnt, die es mir allein schon unmöglich machen, mit dieser ekelhaften Gehässigkeit über den Film herzufallen, die die zeitgenössischen Kritiker an den Tag legten. Ich gebe aber zu, dafür etliche Anläufe gebraucht zu haben, denn mit seinem moderaten Tempo hat er tatsächlich einen sedierenden, hypnotischen Effekt, der bei Müdigkeit eine ideale Einschlafhilfe darstelllt. Da ich hier irgendwie zum Ende kommen möchte, würde ich das Seherlebnis vielleicht so zusammenfassen: Als Sequel des erfolgreichsten Horrorfilms aller Zeiten ist EXORCIST II: THE HERETIC ein Desaster, wenn man davon abstrahieren kann, aber auch eine der seltsamsten, weichesten, verträumtesten, rätselhaftesten und ungewöhnlichsten Studioproduktionen überhaupt.

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Dieser Tage schnappte ich irgendwo die Nachricht auf, dass sich IT, die aktuelle Verfilmung von Stephen Kings Roman, anschicke, Friedkins über 40 Jahre alten THE EXORCIST als erfolgreichsten Horrorfilm aller Zeiten abzulösen. Ob ihm das mittlerweile gelungen ist, weiß ich nicht, aber darum soll es hier auch nicht gehen. Vielmehr finde ich es ziemlich beeindruckend, wie lange sich Friedkins Klassiker behaupten konnte: Es sind in den Jahrzehnten nach ihm ja nicht gerade wenige Horrorfilme entstanden, darunter einige, die als große Klassiker gelten und ihren Machern dicke Geldbörsen verschafften. Trotzdem reichte keiner an Friedkins Werk heran. Für den Horrorfilm nimmt THE EXORCIST darüber hinaus einen ganz ähnlichen Stellenwert ein wie Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY fünf Jahre zuvor für das Science-Fiction-Genre: Es ist der Film, mit dem das Genre, das zuvor weitestgehend als trivialer Schund für Halbwüchsige angesehen wurde, gewissermaßen rehabilitiert wurde. Es war also doch möglich, einen künstlerisch anspruchsvollen, erwachsenen Horrorfilm zu machen. (Dass es vorher schon einige gegeben hatte, hatten die Gatekeeper der Hochkultur wahrscheinlich einfach vergessen.)

Für Friedkin, der kurz zuvor mit THE FRENCH CONNECTION für Aufsehen gesorgt hatte, bedeutete der riesige Erfolg von THE EXORCIST einen gewaltigen Karrieresprung: Er konnte sich sein nächstes Projekt aussuchen und dabei aus dem Vollen schöpfen. Wir wissen, was passierte: SORCERER entpuppte sich als logistischer Albtraum und Riesenflop, von dem sich Friedkin kommerziell nie mehr wirklich erholte. Auch wenn er noch einige tolle Filme inszenierte – CRUISING, TO LIVE AND DIE IN L.A., RAMPAGE, THE HUNTED -, THE EXORCIST ist der Film, der ihm seinen Platz in den Annalen der Filmgeschichte sichert. Formal, aber auch dramaturgisch erreichte der damals 38-Jährige mit ihm eine Klasse, die innerhalb des Genres bis heute tatsächlich eher eine Ausnahme ist – und das sage ich als eingefleischter Horrorfreund, der mit THE EXORCIST bis heute so seine Probleme hat. So schrieb ich mal zu De Martinos Rip-off L’ANTICRISTO, dass ich ihn für den intelligenteren Film der beiden halte. Grund für diese Aussage ist die Tatsache, dass De Martino seine Exorzisten-Geschichte aus der Position des linksliberalen, antiklerikalen Intellektuellen erzählt, der Besessenheit für Ausdruck von Suggestion und religiösem Wahn hält, während Friedkin im Wesentlichen eine Geschichte über den ewigen Kampf von Gut und Böse erzählt: Basierend auf dem Roman des gläubigen Katholiken William Peter Blatty, der wiederum von einem realen Fall aus dem Jahr 1949 inspiriert ist, suggeriert er, dass es tatsächlich der Teufel ist, der von der jugendlichen Regan (Linda Blair) Besitz ergriffen hat, und der Exorzismus die einzige Möglichkeit, sie von dem Fluch zu befreien. Weltlichere Interpretationen kommen bei ihm zwar auch zur Sprache, aber der „wahre“ Hintergrund von Regans Besessenheit ist für ihn nicht wirklich entscheidend.

In seiner kurzen Einleitung zum 25. Geburtstag des Films, die ihm auf der BR-Disc vorangestellt ist, sagt Friekdin sinngemäß, man nehme aus THE EXORCIST mit, was man an ihn herantrage. Das ist eigentlich eine triviale Aussage, die letztlich auf jede Kunstrezeption zutrifft, aber sie harmoniert mit einer wichtigen Szene des Films: Ein Arzt, der Chris McNeil (Ellen Burstyn), der Mutter der Besessenen, keine zufriedenstellende Diagnose geben kann, empfiehlt ihr, sich an einen Exorzisten zu wenden: Der Glaube an dämonische Kräfte reiche oft aus, um die Symptome einer Besessenheit durch Autosuggestion zu erzeugen. Genau aus demselben Grund funktioniere auch ein Exorzismus: weil die „Besessenen“ an ihn glauben. Mit anderen Worten: Für die Besessenheit und den Exorzismus ist es letztlich irrelevant, ob es wirklich einen Dämonen gibt, entscheidend ist lediglich der Glaube auf beiden Seiten. Es gibt eine ganz kurze Szene, die die Möglichkeit einer Wahnvorstellung nicht nur stützt, sondern sogar zu bekräftigen scheint: Als Vater Karras (Jason Miller), ein Priester mit psychologischer Ausbildung, Weihwasser auf Regan spritzt, windet diese sich und behauptet, es brenne. Karras gesteht gegenüber Regans Mutter kurz darauf jedoch, dass es sich um ganz gewöhnliches Wasser gehandelt habe – worauf der Dämon eigentlich nicht hätte reagieren dürfen. Es sind solche kleinen Details, die Friedkins aufgeklärtere Sicht stützen, aber sie treten gegenüber dem finalen Exorzismus, bei dem den ausführenden Priestern Karras und Merrin (Max von Sydow) sogar der Leibhaftige selbst erscheint, in den Hintergrund, ziehen keine Aufmerksamkeit auf sich – wahrscheinlich, weil es Friedkin fern lag, dem Zuschauer seine Sichtweise aufzuzwängen. Dass gerade Karras, der über den Tod seiner Mutter in eine schwere Glaubenskrise geraten ist, einen Gottesbeweis herbeisehnt und ihn demzufolge auch bekommt, liegt auf der Hand. Und was soll Merrin, ein Kirchenveteran, anderes sehen als den Teufel? Friedkin handhabt dieses Thema nicht einseitiger, sondern im Gegenteil offener als De Martino. THE EXORCIST ist kein antiklerikaler Kommentar, er zeigt einfach nur. Das ist auch der Grund, weshalb ich den Film jahrelang für einen verklausulierten Gottesbeweis gehalten habe. Er positioniert sich nicht eindeutig, sondern lässt zu, dass Christen und Atheisten sich gleichermaßen in ihren Ansichten bestätigt fühlen können. Wie Friedkin das macht, ist seine wahre Meisterleistung. Und er musste mit Blatty im Nacken wahrscheinlich überaus subtil vorgehen.

Mit dieser Einsicht konnte ich zwar ein seit langem bestehendes Missverständnis ausräumen, aber ein Problem habe ich immer noch mit THE EXORCIST: Ich finde ihn trotz seines famosen Sounddesigns, seiner auch heute noch überzeugenden Special Effects, der fantastischen Kameraarbeit und seinen bahnbrechenden Einfällen nur mäßig unheimlich. Besessenheitsschocker funktionieren für mich einfach nicht, weil mir dafür der nötige Glaube fehlt. Keinen Zweifel kann es aber hinsichtlich der Klasse von THE EXORCIST geben: Der Aufbau des Films ist einfach fantastisch, die Dialoge absolut glaubwürdig und was vor allem Ellen Burstyn, Jason Miller und der großartige Lee J. Cobb – eigentlich mein Lieblingscharakter – leisten, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Revolutionär war auch der quasidokumentarische Ton, den Friedkin aus THE FRENCH CONNECTION herüberrettete und mit großem Erfolg in einem Genrefilm etablierte. THE EXORCIST fühlt sich echt an, er benötigt keine standardisierten Plotverläufe, sondern entwickelt sich ganz und gar organisch. Das gibt es heute ja fast gar nicht mehr im Hollywood-Kino: Filme, die nicht alles endlos auserzählen und sich zu Tode erklären, die es verstehen, mit Auslassungen und Ellipsen zu erzählen, ohne diese Strategie als Gimmick auszureizen.

Ob das für den Director’s Cut auch gilt, weiß ich nicht. Ich habe seine Existenz immer als einen Affront verstanden. Jahrelang beteuerte Friedkin, die Kinofassung sei der Director’s Cut, wenn er auf fehlende Szenen angesprochen wurde, dann erlag er doch den Verlockungen des Geldes. Ich fand das damals immens enttäuschend und habe mich der Langfassung bis heute verweigert. Aber wenn mir die Sichtung von THE EXORCIST etwas beigebracht hat, dann das: Es ist nie zu spät, seine Meinungen zu ändern.

 

 

 

Nicht mehr superaktuell, aber immer noch neu genug, um sie hier anzupreisen, sind drei Veröffentlichungen, an denen ich die Freude hatte, mitzuarbeiten.

Besonders freut es mich für die Blu-ray von Umberto Lenzis fantastischem MILANO ODIA: LA POLIZIA NON PUÒ SPARARE, mit der ich in diesem Leben schon nicht mehr gerechnet habe. Der Booklettext von mir dürfte mittlerweile zwei, wenn nicht gar drei Jahre alt sein – so lang hat es gedauert, bis das gute Stück endlich erschienen ist. Neben meinem Booklet gibt es außerdem einen Audiokommentar von meinen lieben Kollegen Christian Kessler und Pelle Felsch, der bestimmt superknorke ist.

Deutlich frischer ist der Text, den ich zu Alberto de Martinos tollem Exorzismus-Film L’ANTICRISTO beigesteuert habe. Das Booklet vereint Kurzessays von Pelle Felsch, Marcus Stiglegger, Christian Kessler und einigen anderen Autoren und bietet damit einen neuen Ansatz für die beliebten Beipackheftchen. Als dritter Teil in Wicked Visions Jean-Rollin-Reihe ist LES DEMONIAQUES, zu Deutsch DIENERINNEN DES SATANS. Auch hier habe ich einen längeren Text beigesteuert, Pelle Felsch liefert eine Biografie zum französischen Filmemacher, der auch mit eigenem Audiokommentar zu hören ist.

Drei Veröffentlichungen, mit denen man gewiss nichts falsch macht.

horror-hotel-posterIch bin müde und habe keine Lust mehr zu schreiben, deshalb nur kurz: Auf Critic.de kann man meine Rezi zu Moxeys CITY OF THE DEAD lesen, der dieser Tage als schönes Mediabook erschienen ist. Haut rein.

kuwcdvm13vjlrbkgmkjrp6yzku8Dass ich mir diesen Film angeschaut – und auch noch meine Gattin mit hineingezogen – habe, gründet auf einem tragischen Missverständnis: Ich habe DEVIL DOG: THE HOUND OF HELL nämlich mit dem zwar angeblich auch beschissenen, zumindest den Bildern nach zu urteilen aber dennoch hundertmal lustigeren DRACULA’S DOG verwechselt, den ich seit meiner Kindheit sehen will, in der er als ZOLTAN, DRACULAS BLUTHUND über die Mattscheibe flimmerte und meine Fantasie anregte. Mit Dracula hat der titelgebende Wauwau dieses für das amerikanische Fernsehen produzierten Films rein gar nichts zu tun: Es handelt sich bei ihm vielmehr um einen Köter, der vom Teufel in Hunderperson gezeugt wurde – bei einer schwarzen Messe, die von Martine Beswick und R. G. Armstrong in einer alten Scheune organisiert wurde und den Höhepunkt eines Films darstellt, der danach nur noch ein laues Lüftchen produziert, das am besten mit einem leisen, aber dafür besonders faulig riechenden Furz zu vergleichen ist.

Curtis Harringtons Film ist ganz unverkennbar ein Nachzieher von Richard Donners THE OMEN, der zwar auch dusselig war, aber dabei wenigstens effektiv und spannend. Wenn hier eine spanische Haushälterin beim Anblick des knuddeligen (aber vom Teufel besessenen) Welpen wie vom Donner gerührt ihr Kruzifix greift und von einer Atmosphäre des Bösen spricht, die das Tier umgebe, wenn die Protagonisten den treudoof glotzenden Hund voller Angst anstarren und vor ihm wegrennen, während er ihnen gelangweilt hinterhertrottet, wenn die Gattin und Mutter sich unter dem bösartigen Einfluss des Köters in eine Femme fatale verwandelt, die den Ehemann mit Pelzrobe und Kippe empfängt und zum nächtlichen Nacktbad in des Nachbars Pool einlädt, dann ist das vor allem eins: albern. Der Todesstoß für die Ambitionen des Films, aber gewiss nicht sein Hauptproblem: Das ist nämlich, dass DEVIL DOG von geradezu herausfordernder Ödnis ist. Ich gestehe, beim ersten Anlauf irgendwann von der gähnenden Langeweile ins Land der Träume hinfortgerissen worden zu sein, aber tapfer wie ich bin, habe ich das Verschlafene nachgeholt. DEVIL DOG ist wirklich ideal zum Einpennen, auch zartbesaitete Gemüter müssen hier nicht fürchten, von Albträumen geplagt oder von kreischigen Horrorsounds wachgerissen zu werden. Auf dem Soundtrack pluckert plüschige Loungemusik, die auch auf dem Love Boat gut unterhalten hätte, der unter der Sonne L.A.s gedrehte Film hat insgesamt eher die Anmutung einer Familiensoap. Schlimmer als der fiese Hund ist es, dass sich Frau und Kind vom braven Familienoberhaupt abwenden. Statt blanken Entsetzens regiert milder Desorientierung, bei der man nicht weiß, ob es nicht eher die Darsteller sind – Richard Crenna und Yvette Mimieux -, die von akuter Ratlosigkeit heimgesucht werden, statt ihrer Figuren.

Der Film hat ein paar hübsch hirnrissige Szenen, etwa jene, in der der von den Geschehnissen in seinem Haus zunehmend beunruhigte Papa einen Bericht über einen Mann im Fernsehen sieht, der aus heiterem Himmel zum Massenmörder wurde. Die panische Ehefrau des Mörders weiß wer Schuld daran ist: der Hund, ganz wie bei der Familie des Protagonisten. Der Beweis! Bei einer schrulligen Alten erfährt der Papa dann, dass ein uralter Dämon in seinem Hundchen am Wirken dran ist, weshalb er sich in Ecuador Rat bei einem nahezu akzentfrei sprechenden Eremiten holt, der extra für ihn von seinem Berg klettert. Dann stellt er sich der Bestie zum Kampf, einem unfassbar dröge gefilmten Showdown, bei der er seine mit einem religiösen Symbol bemalte Hand solange hochhält, bis sich der Teufelswauwau in einer Wolke schlechter visueller Effekte auflöst. Die Offenbarung, dass der Killerköter noch neun Geschwister hatte, soll am Ende wohl präapokalyptische Anspannung auslösen, aber der Zuschauer ist zu diesem Zeitpunkt längst zu keiner Gefühlsregung mehr in der Lage. Da hat der eigentlich fähige Harrington wirklich ganze Arbeit geleistet.

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LA CHIESA, Michele Soavis zweiten Spielfilm, mochte ich damals nicht besonders, heute hat er mit hingegen ausgezeichnet gefallen. Da sage noch einer, man schaue ältere Filme nur aus nostalgischer Verklärung. Ich hatte es anlässlich einiger anderer Filme schon einmal geschrieben: Die italienischen Horrorfilme aus jener Zeit, als der Niedergang schon nicht mehr aufzuhalten war, mögen weniger gut beleumundet sein als die allgemein geliebten und verehrten Klassiker aus den Siebziger- und den frühen Achtzigerjahren, aber sie haben im Idealfall eine einzigartige sinnliche und ästhetisch Qualität, die eng mit dem zusammenhängt, was an ihnen gemeinhin kritisiert wird. LA CHIESA, eigentlich ein kaum verhohlenes, ins Sujet des Okkultschockers verlegtes Remake von Argentos INFERNO, ist ein guter Beleg dafür. Der gemeine „Italofan“ mag die Anwesenheit lieb gewonnener Stars vermissen (lediglich Giovanni Lombardo Radice ist mit von der Partie), die geleckte Eighties-Optik, das Fehlen gammliger italienischer Straßenzüge und die hohe Zahl uncharismatischer, gestriegelter und gegelter Hackfressen bemängeln, aber diese Elemente begünstigen auf der anderen Seite auch die enigmatische Atmosphäre des Films. Soavi interessiert sich rein gar nicht für eine wie auch immer geartete Realität – besonders rätselhaft wird es bei ihm immer, wenn er zu erkennen gibt, dass er tatsächlich ein Erdenbürger ist, wie in einer Discoszene im letzten Drittel des Films -, schirmt seine Geschichten und Charaktere geradezu hermetisch von jeder alltäglichen Banalität ab und kreiert Welten, in denen nichts sicher, aber alles möglich ist.

Der Film beginnt mit einem Gemetzel, dass ein christlicher Ritterorden an vermeintlichen Satanisten anrichtet: Arme, wehrlose Dorfbewohner werden brutal absgeschlachtet und in einem Massengrab verscharrt, auf dem dann die Kathedrale errichtet wird, der LA CHIESA den Titel verdankt. Dort passieren dann in der Gegenwart des Films äußerst merkwürdige Dinge: Im Keller tut sich ein bodenloser Schlund auf, Menschen erliegen seltsamen Visionen und verwandeln sich in sabbernde Monstren, einige Touristen werden eingeschlossen und fallen dann nacheinander dem dämonischen Treiben zum Opfer, bis das gothische Bauwerk schließlich einstürzt und alles unter sich begräbt.

Zu Beginn stehen die Restaurateurin Lisa (Barbara Cupisti) und der Bibilothekar Evan (Thomas Arana) im Mittelpunkt des Geschehens, aber irgendwann werden sie von den immer chaotischer werdenden Vorgängen an den Rand gedrängt und der schwarze Priester Gus (Hugh Quarshie) und die kleine Lotte (Asia Argento) geraten in den Fokus. Der Versuch, einen geschlossenen Plot aus dem wilden Bilderreigen zu filtern, bleibt einigermaßen erfolglos und übersieht die Stärken von Soavis Film: Die große Kreativität, die er bei der Zeichnung albtraumhafter Bilder und der Schaffung jener schon erwähnten Atmosphäre an den Tag legt. Unterstützt wird er dabei von Keith Emerson und Goblins sakral-fiebrigem Score und den tollen Effekten, die deutlich über dem Standard liegen, den man zu dieser Zeit aus Italien gewohnt war. Wenn sich am Ende der Erdboden auftut, und eine Statue aus lebenden, nackten Leibern emporfährt, ist das schon ziemlich großes, bildgewaltiges Kino, das den Vergleich mit Meister Argento nicht zu scheuen braucht. Aber auch die kleineren Momente verfehlen ihre Wirkung nicht: Die alte Frau, die die Kirchenglocke läutet, indem sie mit einem abgehackten Kopf dagegenschlägt, vergisst man nicht so schnell, genauso wenig wie die Vergewaltigung durch den Leibhaftigen höchstselbst. Man muss es Soavi hoch anrechnen, dass er solche Szenen mit Stil über die Bühne bringt: Bei einem weniger begabten Filmemacher wäre da gewiss Schicht im Schacht gewesen, hier werden die Augen von Minute zu Minute größer und das Chargieren der überwiegend talentfreien Nebendarsteller verstärkt den Verfremdungseffekt den Soavi anstrebt. Wie traurig, dass dieser  große Genrefilmer dem Niedergang der italienischen Filmindustrie zum Opfer fallen musste. Andererseits hat er der Nachwelt vier nahezu makellose Filme hinterlassen.

 

 

lasetta1Michele Soavis dritter Spielfilm wurde damals in Deutschland schwerst misshandelt auf Video verramscht: Unmotivierte Handlungsschnitte und eine gruselige Pornosynchro setzten dem Werk ziemlich zu. Nach den beiden vorangegangenen, visuell zwar beeindruckenden, inhaltlich aber eher „einfachen“ DELIRIA und LA CHIESA zeigt LA SETTA, was sich da in näherer Zukunft anbahnen sollte. Mit DELLAMORTE DELLAMORE sollte Soavi nur weniger Jahre später ein absolutes Meisterwerk des europäischen Genrefilms vorlegen – und danach dem Niedergang des italienischen Kinos zum Opfer fallen. Der damals 36-Jährige drehte in den 20 darauffolgenden Jahren sage und schreibe zwei Kinofilme, arbeitete sonst ausschließlich fürs Fernsehen. Traurig.

LA SETTA beginnt in der Wüste, irgendwo in den USA. Vom Soundtrack erklingt Americas Evergreen „A Horse with no Name“, während sich ein paar Hippies um ein Wohnmobil scharen. Sie bekommen Besuch aus dem Nichts, ein bärtiger, ebenfalls langhaariger Mann in einem langen Kaftan bittet sie um Wasser, stellt sich als „Damon“ vor und zitiert „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones. Am nächsten Morgen sind die Hippies tot, niedergemetzelt von den Schergen Damons. Der Film springt ins Frankfurt der Gegenwart: Ein Mann (Freunde des Italofilms erkennen ihn als Giovanni Lombardo Radice oder auch „John Morghen“) verfolgt eine Frau, überfällt sie in ihrem Haus und sticht sie brutal nieder. In der U-Bahn wird er mit ihrem herausgerissenen Herzen gestellt. Er jammert, im Auftrag einer Sekte gehandelt zu haben, dann entwendet er einem Polizeibeamten die Waffe und bläst sich das Gehirn weg. Wieder ein Szenenwechsel: Ein alter Mann (Herbert Lom) packt ein Päckchen und begibt sich auf eine Busreise. Als der Bus an einer Landstraße hält, blickt er verträumt in die Sonne. Eine Frau (Kelly Curtis) rast mit ihrem Wagen heran und kann gerade noch ausweichen. Der Mann stürzt, scheint aber unversehrt. Die Frau nimmt ihn mit nach Hause, damit er sich ausruhen kann. Und jetzt beginnt LA SETTA wirklich.

Der verschachtelte Anfang suggeriert einen komplizierten Plot mit vielen verschiedenen Schauplätzen und Parteien, aber so, wie da schon in den ersten 20 Minuten immer wieder Geschichten abgebrochen werden oder enden, bevor sie richtig begonnen haben, macht Soavi auch im weiteren Verlauf jede Hoffnung auf eine geradlinige Storyentwicklung zunichte. Die Frau – Miriam – ist das Opfer der Bemühungen einer satanischen Sekte, der alte Mann ein Bote, der sie mit dem Bösen infiziert und dann verstirbt, ihr Haus ein Tor zur Hölle. Das ist ungefähr die Handlung, die sich in einem stetigen Wegbröckeln der Ratio entspinnt, Fulcis LA PAURA NELLA CITTA DEI MORTI VIVENTI oder L’ALDILA nicht unähnlich, nur dass das hier alles weniger albtraumhaft und grotesk, sondern eher enigmatisch und rätselhaft daherkommt. Die Wirkung von LA SETTA ist nicht leicht zu beschreiben: Er zeichnet keine überspannten surrealen Tableaus und Soavi akzentuiert auch nicht den Realitätsverlust seiner Protagonistin durch grelle Effekte, vielmehr nimmt er ihre Perspektive ein und teilt ihren Wahn, der sich meist eher in Kleinigkeiten zeigt. Es lässt sich nicht mehr genau sagen, ob sich die unheimlichen Vorgänge wirklich ereignen oder ob sie nur Halluzinationen sind, die Miriam eingeimpft wurden. Es spielt auch keine Rolle: Der Film folgt seiner eigenen Logik – und tut sich dann auch schwer damit, ein sinnvolles Ende zu finden, anstatt, wie es wahrscheinlich richtig wäre, bloß aufzuhören. Noch nicht alles ist voll und ganz ausgereift – mit DELLAMORTE DELLAMORE gelang es Soavi deutlich besser, eine Welt zu zeichnen, die gleichermaßen innere wie äußere Apokalypse ist. Aber faszinierend ist LA SETTA in jedem Fall und bietet einige fantastische Bilder und Regieeinfälle. Allein diese Schnittfolge im Prolog, wenn John Morghen sein Opfer überfällt, ist reines Kino und zeigt, was für ein Wunderkind mit Soavi einer ungünstigen Marktlage zum Opfer fiel. Was hätte man von ihm noch erwarten dürfen?

Anlass dieses Textes ist übrigens eine anstehende deutsche Veröffentlichung, zu der ich etwas beisteuern darf, und mit der die Schmach der alten Videoveröffentlichung dann auch vergessen sein sollte. Ich empfehle schon jetzt: Zuschlagen!