Mit ‘Ökothriller’ getaggte Beiträge

chaw (shin jeong-won, südkorea 2009)

Veröffentlicht: Dezember 3, 2009 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Auf DVD erscheint dieser Tage ein Tierhorrorfilm mit Wildschwein-Content: der zweite nach Russell Mulcahys RAZORBACK. Für F.LM habe ich den Film besprochen. Interessenten klicken hier.

Nicht immer lohnt es sich, Filme, die man beim Fantasy Filmfest verpasst hat, per DVD „nachzuholen“. Im Gegenteil: So manches Mal bewahrt einen die per Timetable verordnete Zwangsbeschränkung vor schlimmen Langweilern. Bestes Beispiel ist THE THAW, der trotz seiner Laufzeit von 90 Minuten zäh wie Kaugummi ist. Immerhin hat er mich zu einer Rezension auf F.LM inspiriert, mit der ich doch recht zufrieden bin. Klick hier.

longweekend[1]Jamie Blanks‘ LONG WEEKEND war für mich das einsame Highlight bei den diesjährigen Fantasy Filmfest Nights. Die sehr ausgewogene Mischung aus Ökohorror, Ehedrama und Psychothriller ergänzt sich zu einem ausgesprochen unangenehmen, abgründigen Schocker, der genau das hält, was Blanks Vorgänger STORM WARNING bereits andeutete. Aber dem ehemaligen URBAN LEGENDS-Regisseur gebührt nur die halbe Anerkennung, ist er doch nur das Remake dieses kleinen australischen Indiehorrorfilms gleichen Namens.

Ein zerstrittenes, kurz vor der Scheidung stehendes Ehepaar – Peter (John Hargreaves) und Marcia (Bryony Behets) – will einen verlängerten Wochenendtrip dazu nutzen, sich  wieder näherzukommen. Doch schon auf der Hinfahrt gibt es die ersten Konflikte:  Marcia hat eigentlich keine Lust auf Camping, die Vorstellung, in einem Zelt in freier Natur zu übernachten, übt keinerlei Reiz auf sie aus, im Gegenteil. Peter, ein selbsternannter Naturbursche, kann es hingegen kaum erwarten, mit Hund und Flinte durch den Busch zu ziehen. An dem abgelegenen Strand angekommen, dringen nicht nur immer weitere lang unterdrückte Feindseligkeiten und Vorwürfe ans Tageslicht, die eine Versöhnung immer unwahrscheinlicher machen, die Natur selbst scheint sich gegen die Urlauber zu verschwören …

Die Veränderungen, die Blanks gegenüber Egglestons Film vornimmt, sind marginal, aber dennoch entscheidend: Wo Blanks‘ LONG WEEKEND dramaturgisch einer sich immer schneller drehenden Spirale gleicht, da lässt Egglestons Film einen ähnlich treibenden Rhythmus vermissen. Anstatt eines stetigen Spannungsanstiegs gleicht die Dramaturgie seines Films einer Berg- und Talfahrt. Immer, wenn man denkt, dass es nun „losgeht“, gönnt sich sein LONG WEEKEND wieder eine Pause, nur um das bereits zuvor erreichte Intensitätslevel erneut anzupeilen. Nirgends wird dieser Unterschied deutlicher als in der wahrscheinlich spektakulärsten Szene des Films, die bei Eggleston – obwohl als Höhepunkt markiert – beinahe wirkungslos verpufft, während sie mir bei der Betrachtung von Blanks‘ Film eine beachtliche Gänsehaut in den Nacken zauberte und tatsächlich als Kulminationspunkt des Films erkennbar ist. In der Gestaltung von Bild und Ton ist Egglestons Film „australischer“ als Blanks‘ Version: Der dissonante Score und die seltsam distanziert wirkenden Naturbilder lassen unweigerlich an PICNIC AT HANGING ROCK oder auch WOLF CREEK denken. Wahrscheinlich ist es auch dieser typisch australische Naturmystizismus, der Egglestons Film ein wenig von seiner Ambivalenz nimmt: Die Naturbedrohung manifestiert sich bei ihm um einiges deulicher als im Remake. Erstaunlich, meist ist es genau andersrum.

Es stellt sich die Frage, wie ich beiden Filmen gegenüberstünde, hätte ich sie in anderer Reihenfolge gesehen. Gerade die Tatsache, dass beide Film die gleich Geschichte erzählen, wirkt sich nachteilig für den Zuspätgekommenen aus, der nicht für sich in Anspruch nehmen kann, mich so überrascht zu haben wie das Remake. Nach jetzigem Stand der Dinge gefällt mir Blanks‘ Version des Stoffes also etwas besser: Eine Leistung, die man gerade wegen der Ähnlichkeiten zur Vorlage keineswegs unterschätzen sollte. Blanks sparsame Modifikationen haben große Wirkung und machen aus einem sehenswerten Indiefilm der Siebziger einen ausgesprochen nervenzerrenden Thriller (mehr zu diesem gibt es übrigens in der kommenden Ausgabe der Splatting Image von mir zu lesen), dem man aber vielleicht vorwerfen könnte, etwas stromlinienförmiger als das Original zu sein. Das Fazit fällt also alles andere als leicht: Ich mag beide Filme und Egglestons Version steckt längst nicht nur hinter Blanks‘ Remake zurück, in einigen Szenen hat er diesem durchaus eine Nasenspitze voraus. Eine von beiden Verfilmungen sollte man gesehen haben, die andere wird man dann wahrscheinlich sowieso nachlegen.

Auf der Seite des Schnitt gibt es einen längeren Festivalartikel von mir, in dem ich noch etwas näher auf DEADGIRL und LONG WEEKEND eingehe. Klick hier.

Wenn ein Film mit traditionellen Credits beginnt, dann ist das ein Zeichen. Die Credits zu Anfang eines Films sind ja nahezu vollständig verschwunden, was wohl vor allem der Absicht geschuldet ist, den Zuschauer gleich vom Start weg in den Film zu ziehen. Aber noch mehr: Die Credits sind ja ein ganz untrüglicher Hinweis auf die Gemachtheit des Films, auf eine Künstlichkeit, die dem Wunsch nach Authentizität und Realismus entgegen steht. Wenn THE HAPPENING sich also erst mehrere Minuten Zeit nimmt, vor einem Wolkenpanorama und zur Musik von James Newton Howard die Credits ablaufen zu lassen, dann ist das auch ein Statement, das den Zuschauer auf das Kommende vorbereiten und ihn einstimmen soll. THE HAPPENING ist – das ist das Hauptmissverständnis, mit dem dieser Film zu kämpfen hatte – kein Suspense-Film, kein Thriller, kein Horrorfilm, sondern in erster Linie ein Filmfilm, ein Essay über die Möglichkeiten filmischer Sinnstiftung und -erzeugung und erst dann auch einer über das menschliche Bedürfnis nach Kausalität. Und wo sollte sich dieses Bedürfnis deutlicher abzeichnen als in der Dichtung und damit auch im Film? Aber wie erzählt man über den Verlust von Sinn?

THE HAPPENING arbeitet mit Zeichen: das Rauschen der Blätter, das Säuseln des Windes, die Augen Zooey Deschanels, die an den Wasserspiegel am Fuße eines Brunnenschachtes erinnern, der Ring Elliotts (Mark Wahlberg), der seine Farbe – angeblich je nach Gemütszustand seines Trägers – verändert, der Hot Dog des merkwürdigen Gärtners, die Tränen von Alma am Tag ihrer Hochzeit. Diese Zeichen werden immer wieder mit Bedeutung aufgeladen, einer Bedeutung, die sich jedoch ebenfalls immer wieder als hochgradig arbiträr herausstellt. Hat der Ring Recht, weil er den Gemütszustand der kleinen Jess vorhersagt, oder reagiert Jess ihrerseits nur richtig auf den Ring, weil sie weiß, welche Stimmung dieser ihr zuschreibt? Wie die Farbe des Rings mit seinem Träger in Verbindung steht, bleibt ebenso unklar wie die Ursache für das plötzliche Sterben der Menschen. Sind wirklich die Pflanzen dafür verantwortlich, die immer wieder bedeutungsvoll im Wind rauschen? (Dieses Bild ist aus zwei Gründen der größte Kniff Shyamalans: 1. Das Wiegen der Baumwipfel ist ja gar keine Handlung, sondern selbst wieder nur Wirkung, der hier allerdings Ursachencharakter zugeschrieben wird. Aber niemand hinterfragt das im Film. 2. Das geheimnisvolle Rauschen der Baumwipfel ist kulturhistorisch betrachtet ein Zeichen, das für uns lesbar ist. „Das Rauschen im Walde“ ist nicht nur ein geflügeltes Wort, es ist auch filmisch vorbelastet. Wann immer wir es im Horrorfilm sehen oder hören, denken wir nicht an Wind, sondern an Unheil.) Mit der Ungewissheit, die daraus entsteht, dass wir zwischen zwei getrennten Phänomenen keine Verbindung herstellen können, können wir, Technokraten, Empiriker, Mystiker, die wir allesamt das Bedürfnis haben, unsere Umwelt zu verstehen, nicht leben. Shyamalan, der in SIGNS einer sehr religiösen Ausdeutung von Kausalität erlegen war, zeigt in THE HAPPENING sehr eindringlich, wie verzweifelt unsere Versuche, die Welt um uns herum mit Sinn aufzuladen, eigentlich sind. Wir können uns mit den Mitteln der Wissenschaft zwar an einer Interpretation versuchen, das schützt uns aber nicht vor dem vermaledeiten Induktionsproblem: Wenn morgen die Sonne nicht aufgeht, dann ist das kein „Fehler“ der Welt, sondern einer unserer Berechnungen. Im Zweifelsfall war unser Datenmaterial nicht ausreichend.

Über THE HAPPENING ist viel Spott und Hohn ausgeschüttet worden. In erster Linie wohl von solchen Zuschauern, die von Shyamalan immer wieder THE SIXTH SENSE erwarten – den sie auch schon nicht verstanden haben. Die Schauspieler würden overacten, das Geschehen sei theatralisch, die „Botschaft“ aufgesetzt (in Wahrheit gibt es gar keine): Diese Vorwürfe greifen nur dann, wenn man THE HAPPENING als den Erzählfilm missversteht, der er nicht ist. THE HAPPENING ist zu allererst ein ausgesprochen experimenteller Film, der neue Formen erprobt, das Unsagbare sichtbar zu machen. Wenn er von etwas erzählt, dann davon, dass die größte Katastrophe, die den Menschen ereilen kann, der Verlust von Sinn ist.