Mit ‘Olga Karlatos’ getaggte Beiträge

Auch bei der elfunddrölfzigsten Sichtung immer noch ein Fest: Lucio Fulcis frech und überaus selbstbewusst als Sequel von Romeros Megahit DAWN OF THE DEAD ausgegebener ZOMBI 2. Der Film, mit dem alles begann. Der Lucio Fulcis Wiedergeburt als „Zombie-Opa“ nach stagnierender Karriere als Regisseur von Komödien, Italowestern, Historien-, Gangsterfilmen und Gialli bedeutete und ihn gleichzeitig bis an sein trauriges Ende stigmatisierte. Der Dutzenden von italienischen Regisseuren eine neue, lukrative Richtung aufzeigte. Der eine wahre Flutwelle von Nachahmern aus Südeuropa nach sich zog, die in Deutschland auf besonders großes Interesse der Autoritäten stieß. Und natürlich: Ein Riesenerfolg, nicht zuletzt hier bei uns. Mehr als eineinhalb Millionen Menschn lösten in Deutschland eine Kinokarte für Fulcis Zombiespektakel, das reichte immerhin für Platz 18 in den Kinocharts des Jahres ’79, noch vor Filmen wie DRIVER, THE WARRIORS oder JAWS II. Heutzutage kann man das kaum noch glauben. Man kann die kulturelle und filmhistorische Bedeutung von ZOMBI 2 eigentlich kaum überbewerten.

Und das Schöne: Aus all den Zombiefilmen, die er zusammen mit Romeros großem Vorbild bis heute inspirierte, ragt er motivisch weit heraus. Romero hatte den Zombiemythos ja komplett neu erfunden, ihn von seinen karibischen Ursprüngen vollständig entkoppelt und die Gestalt des Untoten so überhaupt erst in diesem Maße verwertbar gemacht. Der Zombiefilm, wie wir ihn heute kennen, wäre ohne NIGHT OF THE LIVING DEAD überhaupt nicht möglich gewesen. (Wie relevant das Thema zuvor war, sieht man an der Handvoll von Filmen, die sich nach WHITE ZOMBIE von 1932 bis 1969 damit beschäftigt hatten.) Und Fulci? Der nimmt ein Stichwort von DAWN OF THE DEAD-Protagonist Peter und führt uns zurück zu den Ursprüngen des Zombiemythos: nach Matul, auf die „Schreckensinsel der Zombies“, wo sich der versoffene Doktor Menard (Richard Johnson) mit dem Phänomen wiederauferstandener Toter herumschlagen muss und zwei New Yorker – Ann Bowles (Tisa Farrow) und der Journalist Peter West (Ian McCulloch) – sich auf Spurensuche begeben, nachdem in New York das führerlose Boot von Anns Vater mit einem fetten Zombie an Bord angespült worden war.

Fulcis Verdienst ist es, einerseits die Atmosphäre schwüler Bedrohung aus Jacques Tourneurs Gruselklassiker I WALKED WITH A ZOMBIE eingefangen, sie andererseits mit den detailfreudigen Zerlegearbeiten des modernen Zombiefilms kombiniert und dann eine eine direkte Verbindung zwischen den beiden geschaffen zu haben. Am Ende, wenn Ann und Peter zurück nach New York schippern, hören sie im Radio, das die Stadt in der Folge des Bootsfundes am Anfang des Films von Zombies überrannt wird. Bilder zeigen die Untoten, wie sie langsam über die Brooklyn Bridge in Richtung der berühmten Skyline wanken, damit genau jenen apokalyptischen Ton treffend, den Romero mit DAWN OF THE DEAD etablierte. Bis dahin ist ZOMBI 2 eine klassische Geisterbahnnummer, die man fast rührend nennen müsste, wenn einen die ruppigen Effekte von Gianetto de Rossi nicht immer aufschrecken würden. In meinem Kopf geht Fulcis Film eine traute Verbindung mit einem der Horror-Hörspiele ein, die damals wahlweise mit neonroten oder -grünen Covern von Europa erschienen. Matul ist ein geheimnisvolles Eiland, auf dem die wenigen noch lebenden Menschen noch nicht bemerkt haben, dass ihre Heimat von jenseitigen Kräften annektiert wurde, sich genau hier das Tor zur Hölle geöffnet hat, um ihre Diener loszuschicken, die Welt zu erobern. Den ganzen Film über herrscht diese eigenartige Stimmung, eine Art Ruhe vor dem Sturm. Mir ist gestern aufgefallen, wie handlungsarm ZOMBI 2 eigentlich ist: Nach erledigter Exposition besteht der ganze Film eigentlich nur noch aus seinen diversen Set Pieces: Zombie vs. Hai, Olga Karlatos und der Splitter, Conquistadorenfriedhof. Dazwischen guckt Dr. Menard trübsinnig aus der Wäsche und verscharrt Tote in der Hoffnung, dass sie nicht wiederkommen.

In Fulcis Zombie-Oeuvre ist ZOMBI 2 wahrscheinlich der straighteste, aber so viel unterscheidet ihn gar nicht von den surrealen Meisterwerken PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VOVENTI und L’ALDILA. Auch hier wird nichts erklärt, vollzieht sich das Unerklärliche einfach mit erschreckender Banalität, dass der Zuschauer gezwungen wird mitzuerleben wie in einem Traum, in dem er weder die Augen schließen noch sich abwenden kann. Die Kamera agiert seltsam ungerührt von allem, nimmt das alle mit beinahe kindlichem Staunen auf, auch Fulci kommentiert nichts, lässt das alles so stehen. Und Fabio Frizzis Score simuliert sowohl das Klopfen von innen gegen den Sargdeckel wie auch den Trauermarsch für die Menschheit. So geisterbahnknarzig und schwül ZOMBI 2 auch ist, es ist irgendwie auch ein sehr kalter, trauriger, hoffnungsloser Film, in dem keiner noch irgendeine Macht über die Dinge hat. Der Niedergang ist vorgezeichnet, die Zeichen unübersehbar, die Konsequenz unausweichlich. So finster wie bei Fulci war das Ende noch nicht einmal bei Romero.

EDIT: Kurzer Nachtrag: Das Herz des Films schien mir bei dieser Sichtung Auretta Gay als Susan Barrett. Ihre Badeanzug-Szene ist der eine D’Amatoeske Kariberotikmoment, ihr Blick, als ein frisch auferstandener Zombie ihr den Kehlkopf wegbeißt, der blanke Unglauben, den ZOMBI 2 im Wesentlichen zum Thema hat. Und ihr Ende, wenn sie als Wiedergängerin mit leerem Blick vor ihrem von der Erscheinung ins Mark getroffenen Geliebten Brian (Al Cliver) steht, ein Augenblick tiefer Romantik, der bei Fulci natürlich in der blutigen Enttäuschung enden muss.

purple20rainIch bin nicht der Typ, der anlässlich der Todesnachrichten von Prominenten regelmäßig in Trauer verfällt. Menschen sterben, und ab einem gewissen Alter ist das nur der natürliche Lauf der Dinge. Prince‘ Tod in der vergangenen Woche war schon von daher etwas anderes: Gerade einmal 57 Jahre alt, hätte er eigentlich noch ein paar Jahrzehnte auf diesem Planeten haben sollen. Es scheint mir unnötig, geradezu verschwenderisch, jemanden von solch unglaublichen Fähigkeiten in diesem Alter abzuberufen, noch dazu aufgrund einer Verkettung unglücklicher, dummer, wahrscheinlich vermeidbarer Umstände. Ich habe Prince‘ Musik in den letzten Jahren zugegebenermaßen nicht mehr verfolgt. Das letzte Album, das ich mir von ihm gekauft habe, war „The Rainbow Children“ aus dem Jahr 2001, und schon damals stieß mir seine zunehmend esoterische Ader etwas sauer auf. Als ein paar Jahre später „Musicology“ erschien, keimte kurz die Hoffnung, er könne in großem Stile zurückkommen, aber das war natürlich auch etwas naiv. Ich glaube, Prince hatte gar kein Interesse mehr daran, in den Charts herumzuhampeln und sich Mikros von MTV-Moderatorinnen unter die Nase halten zu lassen, die seine Kinder sein konnten.

Aber selbst wenn Prince‘ Musik keine echte Rolle mehr in meinem Leben spielte: Er war eigentlich immer da gewesen, hatte mich in unterschiedlicher Intensität mein ganzes Leben begleitet und es ein paar Jahre lang mit seiner Musik und seiner Persona versüßt. Sein „Raspberry Beret“ war auf der ersten Platte, die ich selbst besaß, ein Compilation-Album namens „Hits3“, das ich zu Weihnachten 1985 von meinen Eltern geschenkt bekommen hatte. Ich weiß noch, wie mich der Song mit seiner poppigbunten flamboyance und der karnevalesken Stimmung damals verwirrte. Nichts auf der Platte klang auch nur annähernd vergleichbar.Songs, die damals neben ihm standen, sind heute vergessen oder nur noch für den kurzen Nostalgieflash gut, „Raspberry Beret“ ist noch immer so frisch wie eine Brise Sommerwind, die den Geruch von Erdbeereis und Sonnenmilch mit sich trägt. So sehr Prince als Musiker und Künstler auch die Achtziger mitprägte: Er gehörte nie so richtig dazu, schien über allen anderen zu schweben. Stars wie Madonna oder Michael Jackson waren größer als er oder überholten ihn irgendwann, aber sie waren immer ausgesprochen weltlich. Prince war eine Ausnahmeerscheinung, die in ihrer besten Zeit nur nach sich selbst klang, sich an niemandem orientierte und Musik machte, die wirklich zeitlos war.

Als ich die Nachricht von seinem Tode las, stand da ganz kurz die Möglichkeit im Raum, es handle sich um einen schlechten Internetscherz. Tatsächlich war einen Tag zuvor schon via Twitter die Nachricht seines Todes herumgegangen, doch die Hinweise auf diesen Hoax verschwanden binnen kürzester Zeit, als klar wurde, dass die Meldung diesmal echt war. Ich war fassungslos, begann sofort die diversen Nachrufe, Artikel und Essays zu lesen, die bis heute veröffentlicht werden, Videos zu schauen und, ja, zu trauern. Ich weinte. Mir wurde immer klarer, was für ein Unikat uns da verlassen hatte, wie unwahrscheinlich es ist, dass unsere Welt in absehbarer Zeit einen ihm ebenbürtigen Künstler hervorbringt. Und selbst wenn: Die Zeiten haben sich geändert. Nach Prince zu leben, bedeutet auch, in einer Welt aufzuwachsen, in der viele Grenzen schon niedergerissen wurden. Man schaue sich nur das Video von seinem Auftritt bei American Bandstand an (ich kann das leider nicht direkt verlinken, aber es findet sich hier auf Platz 13), wo er von zwei Rednecks angkündigt wird und dann mit schenkelhohen Schaftstiefeln, Leopardentanga und -top bekleidet und in schönstem Falsett „I wanna be your lover“ singt. Er musste anno 1980 ja nicht nur extrem mutig sein, so aufzutreten, als Schwarzer zudem: Er musste dieses Outfit ja auch verkaufen können. Und boy, how he did sell it! Er war Anfang 20 bei diesem Auftritt, aber er bewegt sich mit dem unverschämten Selbstbewusstsein echter Showbiz Royalty, fordert Respekt und Bewunderung ein. In Unterwäsche! Es gibt Bühnenkünstler, die sind mal mehr, mal weniger für ihren Job geboren, denen fliegen die Herzen des Publikums mal mehr, mal weniger zu und die verstehen, mal mehr, mal weniger diese Liebe zurückzugeben. Und dann gibt es einige wenige Künstler wie Prince, die einem das Gefühl geben, man befinde sich in der Gegenwart eines Gottes, der nur deshalb menschliche Gestalt angenommen hat, damit wir das Gebotene wenigstens halbwegs verarbeiten können.

Ein guter Startpunkt für die Prince-Huldigung ist PURPLE RAIN, der Film, der ihn im Verbund mit dem dazugehörigen Soundtrack endgültig zum Superstar machte und außerdem zeigte, dass der Musiker/Sänger/Songwriter/Produzent sich nicht damit begnügen wollte, einfach nur Platten aufzunehmen. Zwar waren schauspielernde Musiker in den Achtzigerjahren längst nichts Neues mehr, doch die Art der Selbstinszenierung, oder besser: Selbstmythologisierung, die Prince vorschwebte, war eher die Ausnahme. Selbst kommerzielle Schwergewichte und Ikonen wie Elvis oder The Beatles hatten sich bei ihren Leinwandausflügen meist als nahbare Jungs von nebenan ablichten lassen, die eher zufällig gut singen konnten oder aber geniale Songwriter waren und durch diese Tatsache kaum wesentlich tangiert wurden. PURPLE RAIN hingegen bezieht seinen Reiz gerade aus der unüberwindbaren Kluft, die zwischen Prince‘ überirdischem Talent und seinem Menschsein klafft. Prince, der während seiner beispiellosen Karriere nur höchst selten wie „einer von uns“ anmutete, spielt „The Kid“, einen Musiker aus einfachen Verhältnissen, der mit seiner Band „The Revolution“ versucht, den Durchbruch zu schaffen. Bei ihrem Engagement im Rockclub „First Avenue“ in Minneapolis (Prince‘ realer Heimatstadt) konkurrieren sie mit dem schmierigen Morris Day und seiner Funk-Band The Time um die Gunst der Zuschauer, die Existenz als Musiker und die Anerkennung als Künstler. Mit seinem offen sexuellen, aber Genderunterschiede niederreißenden Auftreten („I’m not a woman/I’m not a man/I’m something that you’ll never understand“, singt er in „I would die 4 U“), der (vor allem im Vergleich zum businessmäßigen Funk von Morris Day and The Time) sehr seltsamen Musik und den extravaganten Outfits, zieht The Kid längst nicht nur Bewunderung, sondern Befremden, Neid und Verachtung auf sich. Und er scheint selbst noch nicht wirklich er selbst zu sein, ist hin- und hergerissen zwischen seinen Ambitionen und seinen künstlerischen Instinkten auf der einen Seite, seinem Bedürfnis, dazuzugehören auf der anderen Seite. Erst als er den Frieden mit seinem alkoholkranken, gewalttätigen Vater (Clarence Williams III) schließt, kann er mit vollem Selbstbewusstsein er selbst sein. Der Film ist gewissermaßen Prince‘ origin story.

PURPLE RAIN war damals ein Riesenerfolg, trotz eines völlig namenlosen Regisseurs und eines Casts, der zu einem Großteil aus Nicht-Schauspielern rekrutiert worden war. Ein Grund dafür war natürlich die Musik. Viele halten das zugehörige Soundtrack-Album bis heute für Prince‘ bestes Werk: Angetrieben von Hits wie dem fantastischen Titeltrack, einer tieftraurigen Ballade mit Gospelanklängen und rätselhaften Lyrics, die sich mit einem der großartigsten Gitarrensolos aller Zeiten und Prince‘ wortlosem Falsettgesang in die totale Transzendenz hineinsteigert, und dem makellosen „When doves cry“ (von Irrsinnsnummern wie „The beautiful ones“, „Darling Nikki“ und „I would die 4 U“ gar nicht zu reden), entwickelte es sich zu seinem bis dahin größten Verkaufsschlager, dominierte die amerikanischen Charts und verbannte selbst einen sicheren Mittelstandshelden wie Bruce Springsteen mit seinem ebenfalls monumentalen „Born in the USA“ auf die Ränge. Aber es war natürlich auch Prince‘ Persona mit seinen fantasievollen Outfits und den provokanten Sexlyrics, die entwaffnende Naivität seines Spiels und die Geschichte vom Kampf eines Außenseiters um seine (künstlerische) Autonomie, die Heranwachsende in den Achtzigerjahren einfach ansprechen mussten. Wenn man Prince in den letzten Jahrzehnten als mysteriösen Eigenbrötler wahrgenommen hat, der sich selbst als „Slave“ seiner Plattenfirma bezeichnete, ein gespaltenes Verhältnis zum Internet entwickelte und idiosynkratische betitelte Platten an allen „normalen“ Vertriebswegen vorbei veröffentlichte, wird überrascht sein, wie naiv, jungenhaft, unsicher und tatsächlich nahbar er in PURPLE RAIN wirkt. Möglicherweise war er nie wieder so nah an seinem Publikum wie in diesem Film, in dem er über den Selbstmordversuch seines Vaters weint, seine Freundin Apollonia (Apollonia Kotero) schlägt, weil er mit ihren Widerworten nicht umgehen kann, seine Mitmusiker verprellt, weil er Angst hat, dass sie ihm etwas wegnehmen könnten, er nach der Darbietung von „Purple Rain“ voller Angst von der Bühne in die Katakomben rennt, bis er bemerkt, dass das Publikum vor Begeisterung tobt. PURPLE RAIN ist das Porträt eines tief zerrissenen Mannes, der seinen sicheren Schritt erst noch finden muss – auch wenn in jeder Sekunde offensichtlich ist, dass er längst ganz genau weiß, was er tut.

Was mir aufgefallen ist und mich am meisten fasziniert hat (am Film, aber auch in der Wiederbegegnung mit Prince‘ Musik): So sehr er in den Achtzigern verwurzelt ist, so sehr seine Kompositionen mit vielen Details belegen, dass sie aus dieser Zeit stammen, so vollkommen eigen und singulär klingen sie. Man muss sich nicht in den Nostalgiemodus begeben, um zu erkennen, dass „Darling Nikki“ oder „When doves cry“ Songs für die Ewigkeit sind, dass „Purple Rain“ aus seinen klar benennbaren Einflüssen etwas macht, das Zeit und Raum überdauert. Es ist mir unbegreiflich, wie solche Musik, solche Ideen aus diesem einen Menschen (der körperlich nicht gerade ein Riese war) sprudeln und in solcher Brillanz umgesetzt werden konnten. Die Welt wird Prince vermissen. PURPLE RAIN ist der Beweis, dass er tatsächlich ein Mensch war.

 

 

 

bcd746995e8e01ea7a831913ef78e167Mir MURDEROCK – UCCIDE A PASSO DI DANZA kehrte Fulci in den Achtzigern noch einmal zum Giallo zurück, nicht allerdings ohne ihn stilistisch an das neue Jahrzehnt anzupassen. Der Film beginnt mit einem 1984 allerdings schon etwas überholt klingenden Song aus der Feder Keith Emersons: Man fühlt sich eher in eine Discothek in den späten Siebzigern versetzt, woran auch die B-Boys nichts ändern können, die zu den Klängen ihre verhaltene Darbietung liefern. Auch sonst merkt man Fulci an, dass er noch in den Siebzigern steckt. Die Opferschar mag sich aus Teenie-Hupfdohlen rekrutieren, die ganz nach dem Vorbild von Tanzfilmen wie ALL THAT JAZZ, FAME oder A CHORUS LINE durch die harte Schule ihrer Lehrerin Candice Norman (Olga Karlatos) und des Schuldirektors Dick (!) Gibson (Claudio Cassinelli) müssen, um zu Broadway-Stars aufzusteigen, die Synthies von Emerson rauchen und dampfen, aber von Neonfarben, Pop-Euphorie und Modeexzessen ist in MURDEROCK nichts zu sehen, stattdessen dominiert ein kontrastreicher, aber eher monochromer Look, der wohl auch in Schwarzweiß nicht viel verloren hätte.

Fulci machte damals keine ganz leichte Zeit durch: Unmittelbar nach Fertigstellung von MURDEROCK musste er für zwei Monate ins Krankenhaus, um die Folgen seiner – möglicherweise während der Dreharbeiten von CONQUEST zugezogenen – Hepatitis-Infektion behandeln zu lassen. Sein alter Weggefährte Dardano Sacchetti fühlte sich verprellt, weil Fulci den Barbarenfilm ohne ihn gemacht hatte, die großen Erfolge seiner Zombiefilme konnte er mit den Nachfolgeprojekten nicht wiederholen. Wie es ihm wärend der Arbeiten an MURDEROCK ging, lässt sich nicht sagen, aber der Film wirkt schwer, dunkel und irgendwie auch müde. Er ist immer noch fantastisch fotografiert (Giuseppe Pinori hatte mit Fulci zuvor den Endzeitfilm I GUERRIERI DELL’ANNO 2072 gemacht) und montiert, zeigt die Stilsicherheit seines Schöpfers und profitiert zudem von der gegenüber späteren Filmen hochkarätigen Besetzung, aber er lässt die Leichtfüßigkeit Fulcis weitestgehend vermissen. Das Ende ist seltsam antiklimaktisch und Gags wie jene, den ermittelnden Polizisten „Borges“ zu nennen, wirken wie hingeworfen, die Idee, einen Giallo im Umfeld einer Tanzschule zu machen, angetrieben von einem Achtzigerjahre-Soundtrack, quasi die schmutzige Version von FLASHDANCE, wird nie richtig umgesetzt.

Was unterm Strich bleibt ist ein seltsam somnambuler Eighties-Chiller, ein irgendwie unbefriedigender Film, der aber deutlich besser als sein miserabler Ruf ist.