Mit ‘Oliver Platt’ getaggte Beiträge

Henry Hill benötigt in GOOD FELLAS einen guten halben Film, bis er bemerkt, dass das geile Leben als Mafiosi vielleicht doch nicht so prall ist, THE SPORANO gönnte sich gar mehrere Jahre, um es zu entzaubern. In Jonathan Demmes MARRIED TO THE MOB hat Angela DeMarco (Michelle Pfeiffer), Gattin von Frank „The Cucumber“ DeMarco (Alec Baldwin), seines Zeichens Killer in Diensten von Boss Tony „The Tiger“ Russo (Dean Stockwell) schon in der ersten Szene die Schnauze voll. Die aufgebrezelten Ehefrauen der anderen Familienmitglieder gehen ihr mit ihrem oberflächlichen Gesülze auf die Nerven, und dass ihr Sohn seinen Freunden das Geld mit Taschenspielertricks aus der Tasche zieht oder gar mit des Vaters Bleispritze hantiert gefällt ihr genauso wenig wie die Tatsache, dass ihr Wohlstand mit blutigem Geld erkauft wurde. Doch ihren Wunsch nach Scheidung lacht der Gatte einfach so weg: Es scheint kein Entkommen vor der Familie zu geben. Das ändert sich, als Frank von Tony mit dessen Geliebter ertappt und erschossen wird: Angela verschenkt ihr Haus und zieht in eine Bruchbude nach Manhattan, Hauptsache weit weg. Dummerweise hat Tony Pläne mit ihr und das zieht sowohl den FBI-Agenten Mike Downey (Matthew Modine) an, der den Mobster hinter Gitter bringen will, als auch Tonys eifersüchtige Ehefrau Connie (Mercedes Ruehl).

Demme kommt das Verdienst zu, den Mafiafilm mit MARRIED TO THE MOB schon vor den weiter oben genannten, aber weitaus berühmteren Genrevertretern „entzaubert“ zu haben. Hinter dem Gerede von Ehre und Familie verbirgt sich bei ihm ein grotesker Intrigenstadl von oberflächlichen Menschen mit schlechtem Geschmack und noch schlechteren Manieren. Auch wenn mit dem großen Geld herumgeworfen wird und sich alle in feinen Zwirn kleiden: Im Grunde ist die italienische Mafiafamilie nichts anderes als das Zerrbild der amerikanischen Keimzelle mit ihrem Häuschen in der Vorstadt, dem verzogenen Rotzbalg und den kleinbürgerlichen Vorstellungen von Wohlstand. Die Frau darf in den eigenen vier Wänden die Herrin des Hauses spielen, aber eigentlich hat sie nichts zu melden, und schon gar keinen Anspruch darauf, die „Einzige“ zu sein. Angela ist das zu wenig: Sie hat andere Vorstellungen vom Leben und um die umzusetzen, nimmt sie gern auch eine vorläufige wirtschaftliche Verschlechterung in Kauf. Hautsache endlich etwas Echtes. Die Ironie besteht darin, dass sie die ausgerechnet in der Beziehung zu einem Mann findet, der ihr etwas vorspielt. Zwar entwickelt Mike schnell einen echten Crush für die charmante junge Frau – und wie könnte er das angesichts von Michelle Pfeiffer auf dem Gipfel ihrer Attraktivität auch nicht? -, aber gleichzeitig verschweigt er ihr etwas: seine wahre Identität und seine Beweggründe.

MARRIED TO THE MOB ist etwas weniger komplex als der meisterhafte SOMETHING WILD, aber trotzdem ein Fest. Erneut erweist sich Demme als großer Komödienregisseur, der seine Filme mit dem Schwung, Esprit und der Eloquenz der Screwball-Klassiker infiziert, und darüber hinaus als sehr genaue Beobachter. Grandios ist vor allem Mercedes Ruehl als eifersüchtige Connie, Anführerin der Ehefrauenclique, die sich gegen die abtrünnige Angela verschwören und ihr natürlich da auflauern, wo Frauen „unter sich“ sind: zwischen den Regalreihen des Supermarktes. Mit ihrem Zorn stellt sie ihren wild um sich schießenden Gatten durchaus in den Schatten: Hell hath no fury like a woman scorned, indeed. Wie im Vorgänger gibt es auch wieder eine wunderbare Tanzszene, die die ganze transzendentale Kraft von Musik und sich verausgabendem Tanz einfängt, und die für Demme typischen Gastauftritte und Regulars: Tracey Walter ist als schmieriger Restaurantbesitzer zu sehen, Charles Napier als schwuler Stylist, Chris Isaak als Killer und Todd Solondz als Reporter. Anders als SOMETHING WILD drängt sich MARRIED TO THE MOB nicht direkt auf, aber er macht einfach Freude und zeigt Klasse in seiner Homogenität. Leider gibt es so etwas heute gar nicht mehr.

 

flatliners-posterHing damals vielleicht sogar das deutsche Kinoposter in meinem Zimmer? Ich weiß es nicht mehr genau, wohl aber, dass ich FLATLINERS damals im Kino sah und ziemlich knorke fand. Wobei die Tatsache, dass ich mir für die Zweitsichtung trotzdem satte 26 Jahre Zeit gelassen habe, einige Rückschlüsse auf die Belastbarkeit dieser Meinung zulässt. Dass die Ernüchterung groß gewesen wäre, kann ich nicht behaupten: Schumacher hat ein paar brauchbare Filme gedreht, aber bedeutend häufiger großen Käse verbrochen. FLATLINERS ist nicht ganz so hirnerweichend dumm wie sein magnum opus 8MM, aber das liegt einzig daran, dass er sich für seine Auseinandersetzung mit der Frage, was nach dem Tod kommt, ins Reich der Fantasie begibt, wo man sich eben grundsätzlich einigen Unfug erlauben kann, ohne dafür ausgelacht zu werden. Dass die „Erkenntnisse“, die er bei seinem kleinen Ausflug ins Nachleben gewinnt, erschreckend banal sind für den Lärm, mit dem sie dargeboten werden, dürfte aber selbst dem einfältigsten Zuschauer kaum entgehen. Man spielt nicht mit dem Tod, weil es dafür gute Gründe gibt, die sich der liebe Gott in seiner Weisheit ganz allein ausgedacht hat. Und wenn doch, etwa weil man ein übermotivierter Medizinstudent ist, sollte man durch die Erfahrung wenigstens zum besseren Menschen werden, das ist ja wohl das Mindeste. So oder ähnlich könnte man FLATLINERS zusammenfassen.

Ich scheue trotzdem davor zurück, den Film rundheraus zu verreißen, obwohl er es durchaus verdient hat. Aber ich habe Mitleid mit ihm, denn er entspricht ziemlich genau dem Bild, dass man sich von einem Schumacher-Film aus dem Jahr 1990 macht. Der Mann war nie für seine besondere Subtilität bekannt, sondern dafür, seine Filme so zu designen, dass man den Zeitpunkt ihrer Produktion beinahe punktgenau benennen kann. FLATLINERS ist dann auch eine schöne Zeitkapsel, in der alles, was am Jahr 1990 glatt und oberflächlich und dumm und zum Glück schnell wieder vorbei war, für immer konserviert ist. Kiefer Sutherland trägt Restvokuhila und macht mit undefinierter Speckplauze klar, warum er seinen damaligen Jungstar-Status nicht zu einer richtigen Hollywood-Karriere ausweiten konnte. William Baldwin gibt einen Vorgeschmack auf SLIVER, einen anderen Nineties-Kackfilm, und bekommt von einer Verehrerin gesagt, er sehe aus wie ein Model. Ja, damals sahen Traumtypen eben aus wie schmierige Rasierwerbungsvergewaltiger. Julia Roberts hat fritzelige Endloslocken und trägt diese hüfthohen, arschbetonten Jeans. Kevin Bacon hat lange Haare, Lederjacke und Holzfällerhemden, fährt einen Armee-Jeep und seilt sich aus seinem Apartement ab, anstatt die Treppe zu benutzen. Außerdem ist er Atheist und hat die Regeln der Medizinschule gebrochen: ein Rebell eben. Oliver Platt ist brillant, deshalb trägt er Fliege und darf sonst nichts machen. Alles ist in goldbraunrotes Licht getaucht, man sieht ständig Kreuze und Heiligenbilder, weil es ja um Tod und Gott und so geht, und wenn es gruselig werden soll, knallt Jan de Bont den Blaufilter rein, passt dann schon.

FLATLINERS ist so besessen von seinem eigenen Style, dass er seine haarsträubend dumme Geschichte gar nicht bräuchte, um Lachattacken auszulösen. Die Medizinstudenten wohnen allesamt in riesigen Loftwohnungen oder Altbauappartements mit jeweils eigener Lichtstimmung und perfekt ihren Charakter widerspiegelnder Einrichtung. Aus Gullideckeln steigt immer diese ominöse Dampf auf. Mit Vorliebe stromern die Protagonisten des nachts durch menschenleere Straßen in abgerissenen Vierteln oder an Bahndämmen entlang. In einem riesigen, blutrot ausgeleuchteten Diner ist außer ihnen keine Menschenseele. Ihre geheimen Experimente machen sie in einer prachtvollen alten Kirche, die eigentlich eine Touristenattraktion sein sollte, hier aber völlig verlassen ist. Die erste Gruselszene ereignet sich wie durch Zufall in einer dunklen Sackgasse mit ominösen Neonfratzen-Grafittis. Und die Todeserfahrungen beinhalten so originelle Bilder wie den Flug über verschneite Berggipfel und im Wind wogende Wiesen oder hinein in dunkle U-Bahn-Schächte. Man versteht sofort, dass das alles sehr, sehr deep ist, weshalb es gar nicht schlimm ist, dass FLATLINERS tatsächlich soviel Tiefgang hat wie ein Fischkutter auf einer Sandbank.

Die Story dreht sich bekanntlich um ein paar Jungmediziner, die herausfinden wollen, was nach dem Tod passiert, weshalb sie ihren Tod medizinisch kontrolliert herbeiführen und sich dann zurückholen lassen. Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse treten jedoch bald zugunsten eines jugendlichen Mutprobengehabes in den Hintergrund. Nachdem der coole Nelson (Kiefer Sutherland) zwei Minuten im Jenseits verblieben ist, müssen die anderen ihn überbieten, bringt ja sonst nix, so wissenschaftlich gesehen und so. Das bietet Anlass für cooles Mackergehabe der Typen einerseits und für beleidigtes Weibergezicke von Rachel (Julia Roberts) andererseits, weil sie immer wieder von den Kerlen überboten wird. Sie darf zum Ausgleich dafür den BH anbehalten, als sie ins Jenseits geschickt wird. Die Probleme, die die Protagonisten aus dem Totenreich mitbringen, sind, wie man das von Schumacher erwarten darf, erschreckend bieder und furchtbar moralisch: Nelson hat als Kind aus Versehen einen Schulkameraden getötet (und nebenbei noch dessen Hund). David (Kevin Bacon) hat immer ein kleines Mädchen gehänselt. Joe (William Baldwin) benutzt und belügt Frauen (und filmt sie beim Sex!). Rachel hat ihren Veteranenpapa beim Fixen erwischt und in den Selbstmord getrieben. Was das mit dem Jenseits zu tun hat, bleibt das Geheimnis von Schumacher, der am Ende aber trotzdem alle zu besseren Menschen macht, weil das so schön amerikanisch ist und zu einem Film halt dazugehört, auch wenn es keinen Sinn ergibt.

FLATLINERS erinnert mich ein bisschen an meine Tochter, die sich manchmal die Ohren zuhält, wenn wir sie mit etwas Unangenehmem konfrontieren oder sie schimpfen. Schumacher hat seine Idee, von der lässt er sich nicht abbringen, auch wenn er sich damit selbst widerspricht. Einmal fragt Rachel den Atheisten David, warum alle Menschen, die von einer Todeserfahrung sprechen, Ähnliches davon berichten, wenn es doch seiner Meinung nach kein Jenseits gebe. David antwortet überzeugend, dass dahinter die Tätigkeit eines Hormons stecken könnte, das im Moment des Todes freigesetzt wird. „Now you’re reaching“, ist Rachels Antwort, die das Gespräch autoritär beendet. Schumacher ist der Troll unter den amerikanischen Filmemachern: kackdreist, unverschämt, dumm und für vernünftige Argumente unempfänglich. Aber manchmal auch ganz praktisch, wenn man jemanden ohne Reue beleidigen will. Schumacher, du blöde unfähige Sau, deine Filme sind so kackfickdumm wie ein Meter Feldweg. Bitte mehr davon.

2012. Die Erde geht unter. Die Reichen und Mächtigen haben vorgesorgt und riesige Archen gebaut, auf denen die letzten Menschen einer neuen Zeitrechnung entgegensteuern werden. Und der Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack) will für seine beiden Kinder, seine Ex-Frau (Amanda Peet) und auch für sich selbst einen Platz an Bord ergattern …

Roland Emmerichs liebt es, Filme über die Ohnmacht zu drehen. Das Gefühl, das den Menschen beschleicht, wenn er sich einer Sache gegenübersieht, die er als größer erkennt, als er selbst es ist, die ihn an seine Nichtigkeit erinnert und all seine bisherigen Sorgen und Wünsche als schwaches, kurzlebiges Aufflackern im unendlichen Universum erscheinen lässt, und das Kant als das „Erschaudern vor dem Erhabenen“ bezeichnete. In allen Emmerich-Filmen, in denen es um diese Ohnmacht, dieses Erschaudern geht, also sowohl in INDEPENDENCE DAY als auch in GODZILLA, THE DAY AFTER TOMORROW oder jetzt eben 2012, gibt es diesen Moment, in dem die Menschen des Unbegreiflichen, Undenkbaren gewahr und vom Status der „Krone der Schöpfung“ auf den des Staubkorns in der Unendlichkeit zurückgeworfen werden, und Emmerich inszeniert ihn fast immer gleich: Vorn im Bildvordergrund der Mensch und weit weit im Bildhintergrund eben das Erhabene, das den Menschen auf Zwergengröße schrumpft, sodass ihm nichts mehr bleibt als ehrfüchtig und mit weit aufgerissenen Augen zu erstarren. Und man ahnt, dass Emmerich seine Zuschauer in eine ganz ähnliche, wenn auch deutlich weniger prekäre und endgültige Lage bringen will. 

2012 hält der Größe der Katastrophe angemessen gleich mehrere dieser Augenblicke bereit und der eine, in dem der paranoide Verschwörungstheretiker Charlie (Woody Harrelson) der Explosion des Yellowstone-Nationalparks beiwohnt und seinen Followern via Podcast mitteilt „I wish you could see what I see“, und die Kamera den Blick des Zuschauers für eine Sekunde auf das stattliche Klempnerdekolletee Charlies lenkt anstatt auf die Apokalypse im Bildhintergrund, zeugt auch von dem Humor und der Intelligenz des Schwaben, für den das Feuilleton gemeinhin nicht allzu viele Nettigkeiten bereithält. Seine Figuren seien flach, seine dramaturgischen Einfälle plump und vorhersehbar, seine Weltanschauung erzkonservativ und vielleicht sogar protofaschistisch. Diesen Vorwürfen lässt sich nur schwer widersprechen, doch sind sie meines Erachtens nicht dem Unvermögen zuzuschreiben, sondern nur logische Konsequenz von Emmerichs Themen. Wenn nicht weniger auf dem Spiel steht als das Fortbestehen der gesamten Menschheit, dann ist es sowieso schwer, Subtilität zu wahren, umso mehr, wenn die adäquate Ins-Bild-Setzung dieses Weltuntergangs von so großer Bedeutung ist wie bei Emmerich. Folglich gibt es in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die Emmerichs Charaktere unterhalten, auch keine kleinen Probleme und auch keine Nichtigkeiten; es ist kein Platz für schmückende, aber in diesem Kontext erst recht bedeutungslose Details. Wenn also Jacksons Tochter als Bettnässerin eingeführt wird, dann nur, damit sie diese Schwäche am Ende überwinden kann. Aber immerhin: Die meisten anderen Figuren bekommen gerade so viel Zeit, um sich in dramatisch aufgeblasenen Momenten von ihren Lieben zu verabschieden. 

Emmerich beweist mit 2012 aber, dass er nicht als Hollywoods ahnungsloser Vollstreckungsgehilfe in Sachen Untergangsstimmung unterwegs ist: Er weiß sehr genau, was er da macht und welche Implikationen seine Geschichten mitbringen, dass man ihm nach so vielen Weltuntergangsszenarios eine gewisse Morbidität unterstellen muss. Der Blick auf das monumentale Massensterben in 2012 wird daher mehr als einmal ironisch gebrochen, was ihn von den wahnsinnigen Untergangspropheten, die unter anderem im Internet oder in diversen Sekten ein fruchtbares Beschäftigungsfeld gefunden haben, abhebt. Mehr als als Warnfabel, als die man den Klimakatstrophenfilm THE DAY AFTER TOMORROW noch bezeichnen konnte, ist 2012 ein Film über das menschliche Bedürnis nach der Apokalypse als Generator von Visionen und Träumen, die sich an diese anknüpfen. Emmerich betreibt Bildproduktion. Und darin ist er tatsächlich meisterlich.