Mit ‘Oliver Tobias’ getaggte Beiträge

the_wicked_lady_filmposterTHE WICKED LADY war nach DEATH WISH II der zweite Film, den Michael Winner für die damals aufstrebende Produktionsfirma Cannon inszenierte und es genügt ein Blick auf die Besetzungs- und Stabliste, um zu wissen, dass es sich um ein absolutes Prestigeprojekt gehandelt haben muss. Faye Dunaway galt damals schon als Hollywood Royalty, Sir John Gielgud, Denholm Elliott und Alan Bates sind Namen, die jeden Freund des britischen Kinos mit der Zunge schnalzen lassen. Hinter der Kamera stand mit Jack Cardiff einer der ganz Großen des europäischen Kinos und den Score komponierte kein Geringerer als Tony Banks, seines Zeichens Gründungsmitglied der legendären Prog Rocker von Genesis. An Originalschauplätzen in England mit einem Budget von 8 Millionen Dollar gedreht, steht THE WICKED LADY ausstattungstechnisch und tonal durchaus in der Tradition des von Richard Lesters THE THREE MUSKETEERS losgetretenen Mantel-und-Degen-Revivals: Auch Poster und Tagline versprechen eine turbulente Kostüm-Komödie und eine solche ist der Film auch. Irgendwie. Zum Lachen ist THE WICKED LADY aber trotzdem nicht und die mageren 3,8 Sternchen, die er auf der IMDb eingeheimst hat, geben Zeugnis ab von der Irritation, die er bei seinen Zuschauern ausgelöst hat.

Zur Handlung: Die hübsche Kammerzofe Caroline (Glynis Barber) wird nach Jahren treuer Arbeit ihren Herrn, Sir Ralph Skelton (Denholm Elliott), ehelichen. Doch als ihre Cousine Barbara (Faye Dunaway) zu den Feierlichkeiten eintrifft und sofort beginnt, Skelton den Kopf zu verdrehen, ist es vorbei mit diesen Plänen. Skelton heiratet kurzerhand Barbara, die aber schon bei der Hochzeitsfeier anfängt, dem Edelmann Kit (Oliver Tobias) schöne Augen zu machen. Das Leben auf dem Land geht der rastlosen Frau schnell auf die Nerven und als sie von dem Räuber Jerry Jackson (Alan Bates) hört, der die Wälder der Gegend unsicher macht, schlägt kurzerhand selbst eine erfolgreiche Karriere als Wegelagerin ein. Nach einem Zusammentreffen mit ihrem großen Vorbild wird sie zu seiner Partnerin und Geliebten. Ein Mord und ein achtlos bei der Leiche zurückgelassenens Taschentuch gefährden aber ihr Geheimnis …

Möglicherweise steckt in der Geschichte der Lady Skelton (basierend auf dem 1945er Roman „The Life and Death of the wicked Lady Skelton“ von Magdalen King-Hall, der damals bereits schon einmal verfilmt worden war) tatsächlich eine Komödie. Aber wenn, dann ist es eine ziemlich finstere, und ein Film müsste zum Funktionieren zu allererst ein Bewusstsein von und ein Verhältnis zu dieser Finsternis entwickeln. Die Titelheldin ist nämlich absolut keine Identifikationsfigur und noch weniger sympathisch. Man mag ihr zugutehalten, dass sie in einer Gesellschaft aufwächst, die für eine selbstbewusste, ambitionierte Frau nicht gerade viele attraktive Optionen zur Selbstverwirklichung bietet: Mit der Heirat, am besten in eine höhere Schicht, ist das Lebenswerk einer Frau eigentlich getan, danach sind für sie nur noch häusliche Pflichten und repräsentative Aufgaben zu erfüllen. Aber selbst wenn man anerkennt, dass eine Frau sich damit nicht zufriedengeben mag, erteilt man ihr damit ja noch keinen Persilschein zum skrupellos durchgesetzten Egoismus. Faye Dunaways Lady Skelton handelt aber derart rücksichts- und empathielos, dass es einem die Sprache verschlägt. Sie spannt ihrer Cousine innerhalb eines Tages den Ehemann aus, der bei ihr aber schon kurz nach der Eroberung wieder auf dem Abstellgleis landet, ermordet dann später heimtückisch und brutal den Hausdiener Hogarth (John Gielgud), als der ihr auf die Schliche kommt, und verrät schließlich ihren Geliebten, um ihn an den Galgen zu bringen, als sie ihn mit einer anderen im Bett erwischt. Und wenn ihr doch einmal Konsequenzen drohen, dann winselt sie und fleht um Verschonung. Eine tolle Person.

Das piéce de resistance des Films, auf das das obige Plakat in Text und Grafik hindeutet, ist eine ausdauernde, anscheinend komisch gemeinte Szene, in der Lady Skelton die Geliebte (Marina Sirtis) ihres partners in crime Jerry angestachelt durch das anwesende Volk minutenlang quer durch die Pampa peitscht, woraufhin die Gepeinigte schnell ihre Oberbekleidung einbüßt und ihren schlackernden Busen offenbart. Die Szene verschaffte dem Film damals einige Probleme mit der Zensur. Winner schildert in seiner Autobiografie „Winner takes all“ sein Unverständnis, erklärt dass die Peitschenszene „comedic“ gewesen sei und erzält weiter, wie seine Lobbyarbeit die Zensurbenühungen schließlich zerschlug. Aber das Unbehagen des unbekannten Zensors ist trotzdem voll und ganz nachvollziehbar: Man spürt in dieser dramaturgisch ganz und gar unnötigen Szene das sadistische Vergnügen nicht so sehr der Protagonistin als vielmehr des Regisseurs, der eine eher unbedeutende Nebenfigur zum Opfer einer sexuellen Demütigung macht, die er offensichtlich für komisch hält. Solche geschmacklichen Fehlgriffe sind charakteristisch für THE WICKED LADY, der mit einer bitteren, ja grausamen Schlussnote endet, die dem Betrachter noch einmal vor den Kopf stößt: Das für alle Charaktere in Aussicht stehende Happy End wird von Lady Skelton unwissentlich torpediert, der Film schließt mit der (wahrscheinlich) sterbenden Protagonistin, die im Todeskampf von der letzten Person verlassen wird, die noch zu ihr stand.

THE WICKED LADY ist kein schlechter Film: Ich mag bekanntlich solch atonalen Unfug, bei dem man vermuten muss, dass alle Beteiligten unter kollektiver Unzurechnungsfähigkeit litten. Aber er wirft doch einige Fragen hinsichtlich Winners Menschenbild auf, das schon vorher nicht das allerbeste war, worüber man in Filmen wie THE SYSTEM, THE JOKERS oder I’LL NEVER FORGET WHAT’S ‚ISNAME, die ja als Provokation, als  gesellschaftlicher Weckruf gedacht waren, hinwegsehen konnte. Hier, in diesem durch und durch trivialen Unterhaltungsfilmchen, gilt diese „Ausrede“ nicht mehr. Es gibt mehrere Zeitzeuginnen, die Winner als Frauenhasser beschreiben. THE WICKED LADY wirkt wie ein belastendes Indiz.

02071401Bei diesem in seinem Klassenbewusstsein typisch britischen Vorläufer von Schraders AMERICAN GIGOLO handelt es sich um die Verfilmung eines zum damaligen Zeitpunkt ca. zehn Jahre alten Bestsellers von Jackie Collins, der Schwesterder berühmten  Joan. Mehrere Versuche, den Roman für die Leinwand zu adaptieren – u. a. mit Tony Curtis – waren zuvor bereits gescheitert, bis Joan, die dringend einen Hit brauchte, um ihre auf Grund gelaufene Karriere zu revitalisieren, ihre Schwester dazu überredete, ihr die Filmrechte zu verkaufen. Der Plan ging auf: THE STUD (deutscher Titel idiotischerweise DIE STUTE, was zwar phonetisch ähnlich klingt, aber den Inhalt des Films komplett auf den Kopf stellt) ein Riesenerfolg in den Kinos, rettete Joan Collins‘ Karriere, zog mit THE BITCH ein auf der gleichnamigen Fortsetzung des Erfolgsromans basierendes Sequel nach sich und dürfte außerdem erheblichen Einfluss auf die Zeichnung von Alexis Carrington, Joans geradezu ikonischer Rolle in der Hitserie DYNASTY, gehabt haben bzw. auf die Entscheidung, ihr diese auf den Leib zu schneidern.

In THE STUD ist sie als Fontaine Khaled, die nymphomane Ehefrau des arabischen Geschäftsmanns Ben Khaled (Walter Gotell), eigentlich nur eine Nebenfigur. Protagonist ist der aus einfachen Londoner Verhältnissen stammende Tony Blake (Oliver Tobias), ein einfacher Kellner, der es als Verhältnis Fontaines zum stilbewussten Manager eines ihrer Nachtclubs geschafft hat und nun – gerühmt für seine legendären Liebeskünste – Nacht für Nacht mit den tollsten Frauen ins Bett steigt. Weil der Laden auch wegen seines Charmes brummt, versteigt er sich bald zu der Idee, einen eigenen Club eröffnen, Fontaines Griff zu entfliehen und vielleicht gar eine Liebesbeziehung mit Alex (Emma Jacobs), der schönen Tochter Khaleds aus erster Ehe, führen zu können. Natürlich kommt seine Gönnerin hinter seine Pläne und Tony muss die bittere Lektion lernen, dass er nie dazugehörte zu Welt der Reichen und Schönen, lediglich ein Spielzeug für sie war und ebenso schnell auf der Müllkippe landet, wie er in ihrer Gunst gestiegen war.

Diese traurige Klassenmoritat hat allerdings mit dem sozialen Realismus britischer Schule nur wenig am Hut, suhlt sich stattdessen lieber in Bildern der Dekadenz und bedient auf exploitativ-scheinheilige Art und Weise die niedersten Instinkte des Publikums: Sie gewährt ihm nämlich einerseits einen Einblick in das von Drogen, Reichtum und Sex bestimmte Leben der oberen Zehntausend und lockt mit dessen Reizen, schürt und bedient andererseits aber auch typische Die-da-oben-Ressentiments und färbt die Niederlage Tonys am Ende damit schön, dass er als einziger wenigstens eine „ehrliche Haut“ geblieben ist. Das ist nicht gerade eine originelle Geschichte, aber sie funktioniert, und das liegt vor allem in der unglaublichen Schmierigkeit des Films begründet, der ein buchstäbliches Disco Inferno herbeifabuliert, das aber keine Hitzewallungen, sondern akuten Gefrierbrand verursacht. THE STUD ist trotz aller Styleexplosionen, die da auf den Betrachter herniedergehen, dunkel und kalt, seine Bilder sind bestimmt von einer unglaublich geschmacklosen Fummelmode, die Statussymbole des Reichtums lassen auf akute Geschmackverkalkung schließen, das Gerede von Fontaine und ihren Freundinnen ist leer und zynisch und selbst die so unschuldig scheinende Alex ist schon auf dem besten Wege, ein ebenso abgezocktes Biest wie die Stiefmutter zu werden. Sex ist wild und animalisch, seine Wirkung bleibt aber rein muskulär: Emotionen sind nicht mit ihm verbunden, egal wie viele Räume da im Rausch des Augenblicks durchpflügt werden. Tony ekelt sich insgeheim vor der Schlampe, der er sein Auskommen verdankt, sie interessiert sich lediglich für seinen Körper und genießt es, einen Menschen nach Belieben benutzen zu können. Ein Experiment, dass sie in ihrem abgestumpften Misanthropismus und ihrer materialistischen Lebensanschauung bestätigt.

THE STUD katapultiert den heutigen Betrachter geradewegs in eine Zeit, die heute nur noch bizarr und fremd erscheint. Für die Zusammenstellung des Discosoundtracks wurden offenkundig keine Kosten gescheut, es ertönt ausschließlich die Creme de la Creme der Popmusik (u. a. Rod Stewart, Manfred Mann’s Earth Band, Roxy Music, Hot Chocolate, Leo Sayer, 10CC, Sweet, Odyssey und Baccara), und treibt die Tänzer in den ausgedehnten Clubszenen in die enthemmte Ekstase, Joan Collins trägt eine augenbetäubende Garderobe zur Schau, die sich nur durch einen Zimmer- und Schädeldecken wegsprengenden Kokainkonsum erklären lässt. Der drogeninduzierte Höhe- und Wendepunkt des Films ereignet sich in einer bizarren Villa, deren gesamtes unter Wasser stehendes Untergeschoss als Swimming Pool dient, in dem Fontaines reiche Freunde eine dekadente Sexorgie feiern. Es leuchtet, glitzert, funkelt, , schillert, oszilliert, blendet, strahlt, blitzt und gleißt, dass sich die Netzhaut in Fetzen ablöst, und dazu kein einziges Wort gesprochen, dass auf das Vorhandensein von Geist schließen ließe. Ein Horror, aber immer noch nicht so finster wie der folgende THE BITCH, bei dem auch der großzügig aufgetragene Hochglanzlack schon langsam abblättert und den Blick auf das fahle Gerippe darunter gnadenlos freigibt.

Joan Collins‘ Leistung ist für mich als Spätgeborenen kaum zu beurteilen: Als jemand, der in den Achtzigerjahren aufgewachsen ist und sie eben vornehmlich als intrigantes „Biest“ kennengelernt hat, das von ihrer wahren Persona kaum zu unterscheiden wahr, ist ihre Besetzung ein absoluter No-brainer, typisches Typecasting. Tatsächlich ist es aber genau andersherum: Erst die Rolle der Fontaine Khaled eröffnete ihr dieses Rollenspektrum machte sie zur prototypischen reichen und nymphomanen Schlampe. Sie lebt diese Rolle in THE STUD und mehr noch in THE BITCH und verkörpert sie so überzeugend, dass es beinahe schon schmerzhaft ist. Nicht nur deshalb ein faszinierend verkommenes Stück Siebzigerjahre-Sleaze.