Mit ‘Olivier Assayas’ getaggte Beiträge

Den Ort Sils Maria bringe ich immer mit Friedrich Nietzsche in Verbindung, der dort zu weilen pflegte, wenn ihn mal wieder die Syphilis drückte. Das Bild des weltentrückten Brüters mit dem imposanten Schnurrbart, der durch die Alpen spaziert, immer wieder ausharrt und beim Anblick der imposanten Bergwelt von geradezu kosmischer Erregung gepackt wird, sogleich nach Hause eilt, um die frischen Eindrücke in seinem Zarathustra zu verarbeiten, hat sich mir unwillkürlich eingebrannt. Folgendes Gedicht widmete er dem mysteriösen Kurort:

Sils-Maria
Hier saß ich, wartend, wartend, – doch auf Nichts,
Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.

Da, plötzlich, Freundin! Wurde Eins zu Zwei –
– Und Zarathustra ging an mir vorbei …

Olivier Assayas‘ gefeierter aktueller Spielfilm versetzt die Schauspielerin Maria Enders (Juliette Binoche) an den mystisch aufgeladenen Ort im Engadin, wo sie sich am einstigen Wohnort ihres großen Mentors gemeinsam mit ihrer persönlichen Assistentin Valerie (Kirsten Stewart) auf ihre neueste Theaterrolle vorbereiten will. In einer Neubearbeitung des Stückes „Majola Snake“, das sie vor 20 Jahren als junge Frau berühmt gemacht hatte – der Geschichte einer unheilvollen Affäre zwischen der Karrierefrau Helena und der jungen Praktikantin Sigrid -, soll sie nun, ihrem Alter angemessen, den Part der Helena spielen. Die Vorbereitungen erweisen sich als schwierig: Maria ringt selbst mit der Erkenntnis, ihre Jugend unwiederbringlich hinter sich gelassen zu haben, und die damit einhergehende Unzufriedenheit projiziert sie sowohl auf ihre Rolle, für die sie nur Verachtung übrig hat, als auch auf ihre Assistentin, deren Ansichten zu Kunst sie äußerst herablassend kommentiert, und natürlich auf ihre Kollegin, Teen-Superstar und Skandalnudel Jo-Anne Harris (Chloe Grace Moretz), die mit ihrer Interpretation der Sigrid auf Anerkennung aus ihr bislang unzugänglichen Kreisen hofft.

Der intradiegetische Konflikt spiegelt sich auch auf extradiegetischer Ebene: Juliette Binoche – die bereits 2006 für den Episodenfilm PARIS, JE T’AIME mit Assayas zusammenarbeitete – ist mittlerweile jenseits der 50 und Rollen wie die der verführerischen Tereza in der Kundera-Verfilmung THE UNBEARABLE LIGHTNESS OF BEING sind für sie heute nicht mehr erreichbar. Abgelöst wurde sie durch jüngere Schauspielerinnen wie eben Kirsten Stewart und Chloe Grace Moretz, die Filme, mit denen sie populär wurde, durch eine zunehmend andere Art von Kino. Es gibt eine längere Szene, in der sich Maria und Valerie nach der Betrachtung von Jo-Anne Harris‘ neuestem Superheldenfilm, heftig über die Meriten des kommerziellen Kinos streiten: Für die Diva ist all das Lob, das Valerie dafür aufbringt, nur Anlass für Gelächter, die Sphäre, in der sich ihre Jahrzehnte jüngere Kollegin bewegt, ist ihr vollkommen fremd. Erst eine ausgedehnte Google- und Youtube-Sitzung macht sie mit dem neuen Superstar bekannt, der bislang völlig an ihr vorbeigegangen war. Marias Unfähigkeit, festgefahrene Denkweisen und tief verankerte Erfahrungen abzuschütteln, versperrt ihr nicht nur den Zugang zu ihrer Rolle, sondern auch zur sie umgebenden Welt. Die Scheuklappen, die sie (aus Selbstschutz?) trägt, verprellen schließlich auch ihre einzige echte Vertraute.

CLOUDS OF SILS MARIA ist ein Film voller Spiegelungen, Parallelisierungen und Dopplungen – das Verschwinden Helenas im Stück findet ein Echo im Verschwinden Valeries, das gleichermaßen klar wie rätselhaft bleibt; statt des nietzscheanischen „Eins wird zu Zwei“ ist es bei Assayas eher ein „Zwei wird zu Eins“ -, der trotzdem nie wie ein überformtes Puzzlespiel wirkt, stattdessen immer nah bei seinen Charakteren bleibt. Die drei Hauptdarstellerinnen geben sich dann auch keine Blöße und speziell Kirsten Stewart dürfte sämtliche Kritiker, die sie bislang als TWILIGHT-Nichtskönnerin abgetan haben, eines Besseren belehrt haben. Die selbstreflexiven Elemente – die wie in Nietzsches Gedicht nahtlos eingeflochten sind – sind keine leere Spielerei, lassen sich vielmehr als Kommentar oder Fußnote zum eigentlichen „Text“ verstehen. Und sie verleihen dem Film dieses verführerisch-geheimnisvolle Oszillieren und Wabern, das die titelgebende Wolkenformation der „Majola-Schlange“ verkörpert. Assayas hat einen Film gedreht, dessen Mysterium in seiner nahezu gebirgsfrischen Klarheit besteht. Die Wahrheiten von CLOUDS OF SILS MARIA liegen in betörender Nacktheit vor dem Betrachter.

Die Karriere des als „Carlos“ berühmt gewordenen Terroristen Ilich Ramírez Sánchez zeichnet Olivier Assays in seiner für das Fernsehen gedrehten, rund 5 1/2-stündigen Miniserie nach. Wie eine Schrifttafel zu Beginn verkündet, erhebt er dennoch keinen Anspruch auf „Wahrhaftigkeit“: Zu viele Lücken gebe es in Carlos‘ Lebenslauf, zu viel bleibe der Spekulation überlassen. Dennoch gewährleistet allein die epische Laufzeit, dass hier gegenüber „normale“ Spielfilmen noch kleinste Details mit äußerster Akribie und Genauigkeit behandelt werden. Der Einblick, den Assayas dem Zuschauer gewährt, ist dann auch gleichermaßen faszinierend wie erschreckend, gerade weil das Milieu, in dem der Film spielt, sich heute kaum noch begreifen lässt.

Da verschreiben sich gewöhnliche Studenten einem bewaffneten antiimperialistischen Kampf, lassen sich im Nahen Osten an der Waffe ausbilden, transportieren Waffen und Handgranaten mit dem VW-Bus durch das Land, verschaffen sich schwerst bewaffnet Zutritt in Gebäude, in die man heute nicht einmal mehr einen Teelöffel schmuggeln könnte, und knüpfen Kontakte zu Regierungschefs, Geheimdiensten und Militärs. Dieses arrogante Selbstverständnis, die explosive Mischung aus hoher Bildung bei minimaler Fähigkeit zur Selbstreflexion und gleichzeitig haarsträubender Naivität hat in den Siebzigerjahren tatsächlich skrupellose Mörder hervorgebracht, wie CARLOS eindrucksvoll zeigt. Dabei zeichnet sich doch schon früh ab, dass der „Sieg“, den Carlos da für die „Unterdrückten“ erringen möchte, eine Utopie ist, der Weg, wie er errungen werden soll eine Sackgasse, die Verbündeten, von denen man sich einspannen lässt, keinen Deut besser als die, gegen die man eigentlich zu kämpfen meint. Am Ende geht es doch nur ums Geld, um das Gefühl von Macht (das eine Illusion ist), um Materialismus. Vom Revoluzzer mit Che-Barrett verwandelt sich Carlos in den verfetteten Mercedes-Fahrer und Familienvater, der seine Gattin mit Prostituierten und jungen Mädchen hintergeht. Sein Ruf als berüchtigter Killer ist nichts mehr wert, nun ist er selbst nichts anderes mehr als ein gedungener Mörder, dessen Anschläge das System nur noch kurz erschüttern.

Ich habe zu CARLOS leider gar nicht viel zu sagen. Der Film ist toll, unheimlich aufwändig produziert, fantastisch gespielt und fast ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht. Was ihm fehlt, ist vielleicht ein Geheimnis, die Poesie: Als Versuch einer Fiktionalisierung von Geschichte ist er sehr „wörtlich“, eher dokumentarisch als poetisch. Sein Reiz besteht in erster Linie darin, in dieses fremde Milieu einzutauchen, die Siebzigerjahre auferstehen zu sehen, einen Eindruck von den Menschen hinter den Schlagzeilen zu erhalten, egal ob sie nun so waren oder nicht, zu verstehen, was die Welt damals beschäftigte. Assayas hat eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen und stellt sich ganz in den Dienst dieser Aufgabe. Die Stärke von CARLOS besteht darin, dass man die Anwesenheit der Kamera vergisst.