Mit ‘Ossie Davis’ getaggte Beiträge

the20standln den Achtzigerjahren, als sich die Stephen-King-Verfilmungen die Klinke der Kinosäle in die Hand gaben, waren George A. Romero und John Boorman im Gespräch gewesen, die Verfilmung von Kings epischem Tausendseiter über das Ende der Welt und den anschließenden Kampf von Gut und Böse bzw. Gott und Teufel zu übernehmen, bis man sich dann in einem Anfall der Vernunft darauf einigte, den Roman als „unverfilmbar“ zu erklären und das Projekt zu canceln. Die Idee, die Vorlage als insgesamt rund achtstündige TV-Miniserie umzusetzen, war angesichts des Romanumfangs naheliegend, doch nach der Sichtung der auf sechs Stunden eingedampften Heimkino-Version, würde ich behaupten, man hätte das ursprüngliche Urteil beherzigen und die Finger von dem Stoff lassen sollen. Für den TV-Sender ABC lohnte sich das Mammut-Unternehmen indessen: Die Fernsehausstrahlung erreichte Rekordquoten, doch künstlerisch bleibt die Serie hinter den Erwartungen weit zurück und mutet 20 Jahre später reichlich überkommen und bisweilen geradezu schmerzhaft kitschig und banal an.

Dabei ist der Auftakt sehr gut gelungen: Zu den Klängen von Blue Öyster Cults „(Don’t fear) The Reaper“schwebt die Kamera schwerelos durch die Räumlichkeiten einer Militärbasis und fängt beiläufig die leblosen Opfer eines ausgebrochenen Virus ein, der wenig später fast die gesamte Population der USA hinwegrafft. Nur ein paar Menschen, die aus unerfindlichen Gründen immun sind, überleben und werden infolge von Visionen heimgesucht, in denen sie entweder von einer hutzeligen, 106-jährigen schwarzen Oma namens Abagail Freemantle (Ruby Dee) oder aber von Randall Flagg (Jamey Sheridan), einem teuflischen Verführer mit Jeansjacke, Cowboystiefeln und Michael-Bolton-Gedächtnisfrisur, gerufen werden. Die ersten beiden Episoden beschäftigen sich mit dem Zusammenbruch der stolzen Nation und mit den Protagonisten, die ihren Träumen folgen und sich dann in den Episoden 3 und 4 für das titelgebende „letzte Gefecht“ formieren. Was sich wie oben erwähnt ganz schön anlässt, versumpft zusehends in der schmucklosen Inszenierung, die vor allem damit beschäftigt ist, die ausufernde, aber redundante Handlung (von Stephen King höchstselbst fürs Fernsehen adaptiert) unterzubringen. Es bleibt vor lauter Geschäftigkeit kaum Zeit, den Blick einmal schweifen, die Figuren zu Atem kommen zu lassen, und trotzdem hat man ständig das Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Je näher THE STAND seinem Ende kommt, umso banaler und vor allem kitschiger und klischierter wird der Film: Nirgends wird das deutlicher als in der Figur Randall Flaggs, der mit seiner Sprücheklopferei wie eine verspätete Freddy-Krueger-Variante anmutet, sich zu allem Überfluss auch noch mithilfe mieser Morphingeffekte in einen Teufel mit Gummihörnern verwandelt und nie die Bedrohlichkeit ausstrahlt, die das Script ihm zuweist. Auf der anderen Seite strapazieren die in ihrer Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen, überaus unsympathischen „Guten“ mit ihrem unablässigen Gerede über den lieben Gott und die Vorhersehung die Geduld weniger gläubiger Zuschauer. Das alles wäre noch zu verkraften, wenn THE STAND irgendwohin führte, aber das Finale, in dem die Hand Gottes als preiswerter Visual Effect vom Himmel herabsinkt, der Teufel sich in einer Krähe verwandelt, um den Abflug zu machen, und Las Vegas als Brutstätte des Bösen (gähn!) am Horizont in einer Explosion untergeht, lässt sich nach sechs Stunden nur als maßlose Enttäuschung bezeichnen. Dass dann immer noch nicht Schluss ist, im Finale mit rührseligen Überblendungen und einer Montage der auf dem Weg Verblichenen alle Register des Schnulzenmelodrams gezogen werden, schlägt dem Fass endgültig den Boden aus.

Ich will einräumen, dass die ursprüngliche Langfassung möglicherweise weniger holprig ist, aber ich habe da meine Zweifel. Das einzige, was mich davon abhält, von einer totalen Zeitverschwendung zu sprechen, ist neben dem erwähnt schönen Auftakt die wirklich tolle Besetzung. Neben den Hauptakteuren Gary Sinise, Rob Lowe, Molly Ringwald, Adam Storke, Ray Walston, Ossie Davis, Bill Fagerbakke und Ruby Dee aufseiten der Guten sowie Miguel Ferrer, Matt Frewer, Corin Nemec, Laura San Giacomo, Shawnee Smith und eben Jamey Sheridan als Bösewichter treten auch solche Darsteller wie Ed Harris, Kathy Bates, Howard Sherman oder Kareem Abdul-Jabbar auf, absolvieren u. a. Stephen King, John Landis, Sam Raimi und Tom Holland Gastauftritte. Es wurde gewiss ein immenser Aufwand betrieben, aber man vermisst einen freieren Umgang mit dem vorliegenden Script an allen Ecken und Enden. Wer Film in erster Linie als visuelles Abarbeiten von Handlung und Plot betrachtet, für den mag THE STAND in der vorliegenden Form adäquat sein, aber ich glaube, die 30 Millionen, die die Produktion verschlungen hat, hätte man um Einiges besser anlegen können.

 

Dank der Hilfe von Detective Hugh Andrews (Robert F. Lyons) hat Molly Stewart (Betsy Russell) es geschafft, dem Rotlichtmilieu zu entkommen und eine Karriere als Rechtsanwältin einzuschlagen. Doch als ihr väterlicher Freund bei einem Einsatz in L. A. erschossen wird, schlüpft sie wieder in Minirock und Trägertop, um als „Angel“ mit ihren alten Freunden Kit Carson (Rory Calhoun) und Solly (Susan Tyrrell) gemeinsam herauszufinden, wer hinter dem Mord steckt. Der Straßenkünstler Johnny Glitter (Barry Pearl) kann ihnen dabei als Augenzeuge behilflich sein, doch auch die Killer sind bereits hinter ihm her …

AVENGING ANGEL hat ein ganz großes Problem: den Vorgänger. War es Regisseur O’Neill mit ANGEL noch bravourös gelungen, die Geschichte der minderjährigen Prostituierten mit viel Respekt, Einfühlungsvermögen, Sympathie und Menschlichkeit zu erzählen, sich potenziell darbietende Untiefen – Sexismus, Voyeurismus, Kitsch – zu umschiffen und so ein bewegendes, authentisch wirkendes und vom Exploitationfilm weitestgehend emanzipiertes Drama vorzulegen, stürzt er sich mit dem Sequel umso euphorischer in die Arme des Kintopps. Heraus kommt dabei ein Film, dem man seinen Unterhaltungswert nicht absprechen kann, der aber ständig vom Schatten des um ein Vielfaches besseren Vorgängers überragt wird. Alles, was ich von ANGEL eigentlich erwartet hatte, bevor ich dann positiv überrascht wurde, findet sich in AVENGING ANGEL: Der klischeehafte Selbstjustiz-Plot wirkt allein durch die Kontrastierung mit dem ersten Teil schon unglaubwürdig und Angels Rückkehr ins alte Gewerbe, von der sie sich erhofft, an exklusive Informationen heranzukommen, ist vollkommen unmotiviert und unnötig, weil sie eh von allen Bekannten wiedererkannt wird und jeder bereit ist, ihr zu helfen. Man liegt vermutlich nicht falsch, wenn man hinter ihrer Motivation, wieder in den Nuttenfummel zu schlüpfen, nicht so sehr die Erfordernisse der Geschichte, sondern eher kommerzielle Aspekte vermutet. Wahrte ANGEL stets schamvoll Distanz zu seiner minderjährigen Protagonistin, werden ihre Beine hier gleich mehrfach aufreizend in Szene gesetzt und genau jener Voyeurismus bedient, dem sich der erste Teil noch beharrlich verweigerte. Wäre AVENGING ANGEL nicht dennoch ziemlich zahm, man könnte meinen, O’Neill habe es kaum erwarten können, die Fortsetzung mit der erwachsenen Angel zu drehen, um darin endlich alles das unterbringen zu können, was ihm vorher verboten war.

Auch Angels Freunde Kit, Solly und der anstelle Maes hinzugekommene Johnny Glitter sind nur noch ein Schatten der ersten Filminkarnation. Vorbei ist es mit der behutsamen Charakterisierung und der Differenzierung, hier werden alle zu reichlich eindimensionalen Karikaturen gemacht. Zwar bewahrt O’Neill auch im zweiten Teil das Außenseitertum seiner Figuren und sympathisiert mit ihrem nonkonformen Lebensstil, doch wird dieser kaum noch weiter von ihm ergründet: Stattdessen reicht ihm das äußere Erscheinungsbild aus, um Kit, Solly und Johnny als „Freaks“ zu kennzeichnen. Was sie antreibt, was sie sich erhoffen, wohin sie wollen, bleibt unklar. So fuchtelt der aus dem Altersheim befreite Kit wieder mit seinen Knarren rum, was hier, wo es um gefährliche Schwerverbrecher geht, reichlich albern wirkt, und Solly verkommt zigarrenstummelkauend zur weiblichen Beatnik-Antwort auf Kater Karlo. Die Freude über das Wiedersehen wird mächtig getrübt, weil alles das, was die Charaktere zuvor ausfüllte, nun fast völlig weg ist.

Anhand meiner Kritik, die vor allem aus dem Vergleich von AVENGING ANGEL mit ANGEL entsteht, sollte klar geworden sein, was ich mit meinem einleitenden Satz sagen wollte: AVENGING ANGEL wäre deutlich besser, wenn man nicht immer seinen Vorgänger im Kopf hätte. Als flotter 90-minütiger Timewaster ist O’Neills Sequel nämlich durchaus zu gebrauchen: Die Story ist flott, die Originalschauplätze verleihen dem Film jenen authentischen Straßenlook, der für mich jeden Film aus dieser Zeit aufwertet, einige äußerst blutige Schießereien sorgen immer wieder für Oho!-Momente (auch wenn O’Neill definitiv kein Action-Regisseur ist) und der Schluss, bei dem Angel und ihre Freunde vor dem Problem stehen, dass die Geisel, die sie im Tausch gegen ein entführtes Baby herausgeben sollen, bereits tot ist und sie die Leiche deshalb geknebelt und gefesselt im Rollstuhl ankarren, ist von genau jener hübschen Abseitigkeit, die einen den Umschwung vom ernsten Drama zum Exploiter viel leichter hätte verschmerzen lassen können, aber leider viel zu selten angestrebt wird. Das allergrößte Manko ist aber sicherlich, dass die Art und Weise, wie sich das Sequel seinem Sujet nähert, die Aufrichtigkeit des Vorgängers nachträglich in Frage stellt. Wenn eine minderjährige Prostituierte Angel im Knast mal eben so gesteht, dass sie von ihrem Vater missbraucht wurde, dann ist das genau in jenem Maße platt und theatralisch, in dem es der erste Teil nicht war. Dort benötigte Angel fast den ganzen Film, um ihre Scham zu überwinden und jemandem anzuvertrauen, dass sie von ihren Eltern verlassen wurde und nun ganz allein lebt; ein Schicksal, dass dadurch umso glaubwürdiger erschien, weil es mit spürbarem Schmerz verbunden war. In AVENGING ANGEL haben die Figuren keine echte Geschichte und damit auch keinen Schmerz mehr, nur noch eine Dialogzeile oder ein Etikett, die sie vollständig umreißt. Sie sind dem Zweck unterworfen, prostituiert.