Mit ‘Otto Preminger’ getaggte Beiträge

Richtig gern hätte ich BUNNY LAKE IS MISSING richtig gut gefunden, leider ist es mir bis heute nicht gelungen, das Gefühl der Enttäuschung loszuwerden, das mich schon im letzten Drittel des Films beschlichen hatte. Dabei bringt der britische Schwarzweiß-Thriller Premingers – deutlich von den psychologischen Hochspannungsfilmen Hitchcocks inspiriert – eigentlich alles mit, was es zur Begeisterung braucht: Die von Saul Bass gestaltete Title-Sequenz, in der eine Hand Stücke des schwarzen Bildschirms „wegreißt“ und darunter dann immer einen Teil der Credits freilegt, ist grandios, ebenso wie Denys Coops kontrastreiche und spannungsgeladene Kameraarbeit. Auch die Geschichte um eine Frau, deren Tochter Bunny plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist und die deshalb mehr und mehr in Verdacht gerät, sich diese Tochter nur ausgedacht zu haben, nimmt den Betrachter sofort gefangen. Und Preminger erzählt sie mit jener mühelos wirkenden Leichtigkeit, die einen Meister des Fachs auszeichnet.

Die Amerikanerin Ann Lake (Carol Lynley) ist vor wenigen Tagen auf Geheiß ihres älteren Bruders Steven (Keir Dullea) nach England übergesiedelt. Als sie ihre Tochter am ersten Tag aus dem ersten Kindergarten abholen will, ist diese nirgendwo aufzufinden. Mehr noch: Keine der in dem Kindergarten arbeitenden Frauen kann sich überhaupt an das kleine Mädchen erinnern. Um eine Vermisstenmeldung aufzugeben, bittet der ermittelnde Superintendent Newhouse (Lawrence Olivier) um Fotos des Mädchens, doch alle Gegenstände, die auf ihre Existenz hinweisen könnten, sind aus Anns Wohnung verschwunden. Der Verdacht, dass Bunny nur in der Einbildung der jungen Frau existieren könnte, erhärtet sich, als Newhouse von ihrem besorgten Bruder erfährt, dass sie bereits als Kind eine ausgedachte Freundin namens „Bunny“ hatte …

Raffiniert zieht Preminger dieses Schreckensszenario auf: Sehr nachdrücklich zeigt er das Leid der jungen Mutter, die in zweierlei Hinsicht um die Existenz ihrer Tochter bangen muss. Nicht nur, dass Bunny wie vom Erdboden verschluckt ist: Nun wird sie auch noch mit dem Verdacht konfrontiert, dass sie nie existiert haben könnte. Verzweifelt klammert sie sich an jeden Strohhalm, doch je hartnäckiger sie nach vermeintlichen Beweise sucht, die belegen sollen, dass es Bunny gibt, umso mehr scheint sie damit genau das Gegenteil zu beweisen. Die Empathie des Zuschauers verlagert sich im Verlauf des Films immer mehr: Leidet man zu Beginn des Films mit Ann, weil man die Sorge um ihr Kind und ihren Schmerz teilt, so sieht man später hilflos dabei zu, wie ihre „Fantasie“ zerschlagen wird. Für Ann ist Bunny ohne Zweifel so real wie ein „echter“ Mensch, aber sie wird gnadenlos damit konfrontiert, dass ihren Mitmenschen ihre „stichhaltigen“ Beweise nicht genügen. Was ist schmerzhafter: In einer Illusion zu leben oder aber darauf gestoßen zu werden, in einer Illusion zu leben? Wie beweist man die Existenz eines Menschen, der nur für einen selbst existiert?

Das sind faszinierende Fragen. Leider geht BUNNY LAKE IS MISSING einen anderen Weg. Und hier fangen dann meine Probleme mit dem Film an. Denn Preminger baut seine Spannung auf einer ganz gezielten und wie ich finde unaufrichtigen Manipulation auf, ohne die er sein Spiel unmöglich spielen könnte. Er führt ganz bewusst auf eine falsche Fährte. Das gehört natürlich zum modus operandi eines jeden Thrillers, nur finde ich seine Form der Manipulation eher plump – vor allem gemessen an der Subtilität, die er sonst an den Tag legt. Ich möchte hier nicht spoilern, auch wenn ich von der im Netz verbreiteten Spoilerparanoia eigentlich nichts halte. Es ist sogar durchaus denkbar, dass BUNNY LAKE IS MISSING erheblich davon profitiert, wenn man nicht auf seine Auflösung hinfiebert, sondern sich ganz auf seinen unnachahmlichen Flow konzentriert. Es gibt genug faszinierende und seltsame Szenen: Der britische Bonvivant Noel Coward hat eine großartige Nebenrolle als unheimlicher Vermieter abbekommen, von dem man gern mehr sehen würde, und eine späte Szene in einem „Puppenhospital“ ist von fast märchenhafter Qualität. Diese großen Qualitäten des Films wurden für mich am Ende leider überlagert. Ich fühlte mich an die Plotwistereien moderner Thriller erinnert, die ich von diesem Klassiker eher nicht erwartet hatte. Aber für inkompetente Nachahmer kann Preminger ja eigentlich nichts. Nur eine Zweitsichtung kann hier also Gewissheit bringen.

Der „Fluss ohne Wiederkehr“ ist in Premingers Film natürlich in zweierlei Hinsicht ein ebensolcher: in wörtlicher, weil derjenige, der sich seinen Gefahren aussetzt, dabei ums Leben kommt, in bildlicher, weil sein Bezwinger, der Siedler Matt Calder (Robert Mitchum) die Rückreise nicht mehr als Derselbe antritt.

RIVER OF NO RETURN ist einer jener Filme, die einzig mit dem Begriff des „großen Kinos“ angemessen beschrieben sind. Leider muss man dieser Beschreibung heute einen mittellangen Exkurs anhängen, weil er längst zur hohlen Phrase verkommen ist. Inflationär wird nämlich jeder Quark als „großes Kino“ bezeichnet, sofern er nur teuer genug ist oder aber erfolgreich in dem Unterfangen, auch noch den taubsten Gestalten für anderthalb Stunden das Gefühl zu vermitteln, ein echter Mensch zu sein, mit richtigen Emotionen und tiefen Gedanken und so. Im Zusammenhang mit Premingers Klassiker bedeutet „großes Kino“ nichts weniger, als dass hier alles in erster Linie Bild ist und jede Interpretation dieses Bildes nur höchst unzureichend und nachrangig (womit ich natürlich auch eine super Ausrede habe, falls jemand meinen Text blöd findet).

Schon an seiner Struktur kann man erkennen, dass sich Preminger vor allem für etwas interessiert, was jenseits von Psychologie und Motivation liegt. Die Handlung ist kaum mehr als eine Prämisse, ein Vorwand, die Protagonisten auf dem Fluss ohne Wiederkehr durch diese Wahnsinnslandschaft zu schicken, die angeblich „alive with indians“ ist, die man dann aber auch eher selten zu Gesicht bekommt. Trotzdem sind sie natürlich ebenso da, wie alles andere, was man mit jenem Traumland weit im amerikanischen Westen verbindet, auch da ist. Von diesen Träumen handelt der Film, davon, wie sich Menschen in diese Träume werfen und ihnen dann ein Stück Realität abtrotzen – oder bei dem Versuch jämmerlich verrecken. Harry Weston (Rory Calhoun), ein Zocker und Ehemann der Sängerin Kay (Marilyn Monroe), hat einmal in seinem Leben Glück gehabt. Am Ende des Flusses ohne Wiederkehr winkt der Ort Council City und ein Fleckchen Erde, auf dem man Gold (noch so ein Traumbild: im ganzen Film bekommt man nicht ein Nugget zu Gesicht) suchen und hoffentlich finden kann. Um diesen Traum Realität werden zu lassen, ist dem kleinen Ganoven plötzlich jedes Mittel recht – auch Mord. Matt Calder, selbst ein reuiger Mörder, träumt von einem friedlichen Leben mit eigener Farm und seinem Sohn – einem ehrlichen Leben, für das er sich nicht zu schämen braucht, das zu verteidigen er aber auch bereit ist, alles zu riskieren. Dazwischen Kay, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, auszubrechen, und dem Bedürfnis, dabei ehrlich zu bleiben. Weston nimmt Calder alles, zumindest in der Bild-Sprache des Films, nämlich Pferd und Gewehr, um sein Ziel zu erreichen, und zwingt ihn so, auch noch den verbleibenden Rest – sein nacktes Leben – zu riskieren, um sich die Grundlage seiner Existenz zurückzuholen. Sie wartet am Ende des von reißenden Stromschnellen gepeitschten und von blutrünstigen Indianern belagerten Flusses, in Council City, einm utopischen Ort, der sich als erschreckend armselig entpuppt. Hier soll alles besser werden?

Um zu verdeutlichen, dass RIVER OF NO RETURN ein Film über unerreichbare Träume und ihre Verheißungen ist, hätte ich auch einfach nur zwei Namen in die Runde werfen können: Marilyn Monroe und Robert Mitchum. Zwei Schauspieler, die die Überlegenheit des US-amerikanischen Kinos jener Zeit symbolisieren: Keine andere Filmindustrie hat Stars hervorgebracht, die zu solch mächtigen Mythen wurden, das Begehren des Publikums so kommandierten, wie Hollywood. Die Monroe ganz fraugewordene Verführung, als steter Tease die Verlockungen eines Heims verkörpernd, das nun einmal ohne Frau nicht vollständig ist, Mitchum der Inbegriff (na gut, das war vielleicht eher John Wayne) des All-American Man, jenes Raubeins, das das Ideal am Horizont selbst dann noch verfolgt, wenn es weiß, dass es unerreichbar ist. Warum dann also nicht diese blonde Fieberfantasie von Frau schnappen und das Beste aus den wenigen Möglichkeiten machen? Warum sich nicht der nächsten Herausforderung stellen, wenn man den Fluss ohne Wiederkehr bereits bewältigt hat?

Ich bin einigermaßen entsetzt über die nur leicht überdruchschnittliche Bewertung dieses Films auf Imdb. Peter Greenaway hat mal gesagt, der moderne Mensch sei unglaublich gut mit Worten und Texten, aber er habe es verlernt, Bilder zu lesen. Die Größe von RIVER OF NO RETURN muss man nicht suchen. Sie liegt ganz offen dar. Man muss nur hinschauen. Das können viele wohl nicht mehr.

Die attraktive und erfolgreiche Werberin Laura Hunt (Gene Tierney) wurde erschossen. Der Detective Lieutenant Mark MacPherson (Dana Andrews) ermittelt und bekommt es mit zwei Hauptverdächtigen zu tun: dem arroganten Journalisten Waldo Lydecker (Clifton Webb), einem alternden Verehrer der Verstorbenen, und dem verweichlichten Versager Shelby Carpenter (Vincent Price), ihrem Verlobten, die sich beide spinnefeind sind. Als MacPherson ein Porträt Lauras sieht, erliegt auch er ihrem Charme …

Ein eigenartiger Film. Er beginnt mit der (Film-Noir-typischen) Voice-Over-Narration, allerdings eines Charakters, der dann doch nicht der Protagonist ist. Und seine titelstiftende weibliche Hauptfigur, um deren Ermordung sich zunächst alles dreht, steht nach ca. der Hälfte der Spielzeit quicklebendig in der Tür und sorgt so für einen harten Stimmungswechsel. Alles wirkt irgendwie unterdrückt, doch da schwelt etwas im Verborgenen und schimmert immer nur kurz durch. Und diese Merkwürdigkeiten sind es, die den auf den ersten Blick so harmlosen Film so interessant machen und ihn im Gedächtnis haften zu lassen.

Wie schon bei DOUBLE INDEMNITY hat mir das Bonusmaterial auf der DVD sehr geholfen, das Gesehene in Perspektive zu bringen. Aber auch die Stimmen von Filmgelehrten und Regisseuren sind nicht in der Lage, das Rätsel vollständig aufzulösen. Merke: Wenn mehrere Minuten darauf verwendet werden, zu erklären, warum LAURA ein Film Noir ist, dann beweist das m. E. sehr viel eher, dass er sich nur mit viel Mühe überhaupt in diese Schublade stecken lässt. Zwar gibt es einen ermittelnden Polizisten, der wird aber im Gegensatz zu anderen Noir-Helden fast ausschließlich positiv gezeichnet. Zwar gibt es eine verführerische Frau, in deren Umlaufbahn gleich mehrere Männer hilflos kreisen, doch eine Femme Fatale ist sie nicht, ganz im Gegenteil. Zwar entpuppt sich die feine Gesellschaft, in der der Film spielt, als durch und durch verkommen, aber so richtig apokalyptisch ist das alles nicht. Otto Premingers Regie tut ihr übriges zur Wolf-im-Schafspelzhaftigkeit des Films: Er inszeniert auffallend zurückhaltend und dieser Widerspruch macht recht deutlich, dass LAURA ein Film mit leicht zu übersehenden Tücken ist. Umgehauen hat er mich noch nicht, aber er hat die Potenz, das bei weiteren Sichtungen noch zu tun. Lust darauf habe ich jedenfalls.