Mit ‘Owen Wilson’ getaggte Beiträge

zoolander-2-posterIch habe einen besonderen Platz in meinem Herzen für ZOOLANDER reserviert, eine Komödie aus dem Jahr 2001, die auf einem Charakter basiert, den Ben Stiller für eine Reihe von MTV-Sketchen erdacht hatte. In Deutschland gab es mangels Bekanntheit dieser Sketche eigentlich gar keinen Markt für diesen Film, aber als ich ihn in völliger Unkenntnis seiner Basis zu Gesicht bekam war es trotzdem um mich geschehen. In den folgenden Monaten und Jahren avancierte ZOOLANDER in meinem Freundeskreis zur beliebten Stimulanz und als selbst meine neueste weibliche Eroberung bei einer unserer allerersten gemeinsamen Filmsichtungen über die Grimassen lachen musste, die Will Ferrells verrückter Modedesigner Jacobim Mugatu seinem androgynen Sidekick Todd (Nathan Lee Graham) zuwirft, wusste ich, dass ich sie ruhigen Gewissens heiraten kann.

In den Jahren nach ZOOLANDER boomten die Komödien um seine Stars und deren erweitertes Umfeld und eine mögliche Fortsetzung geriet im Trubel der Geschäftigkeit in Vergessenheit. Mittlerweile ist das einst als „Frat Pack“ bezeichnete Ensemble längst von der nächsten Generation von Komikern abgelöst worden: Ben Stiller verdient sein Auskommen heute vor allem mit ebenso sicheren wie uninteressanten FOCKERS- oder NIGHT IN THE MUSEUM-Sequels, Owen Wilson ist seit seinem Selbstmordversuch vor einigen Jahren aus dem großen Rampenlicht verschwunden, von jemandem wie Vince Vaughn hört man nach einigen harschen Flops fast gar nichts mehr. Der einzige, der noch regelmäßig und mit einigem Erfolg Komödien im bewährten Stil liefert, ist der anscheinend unkaputtbare Will Ferrell. Man kann also nicht gerade sagen, dass Stiller mit ZOOLANDER 2 offene Türen einrennt, auch wenn sich Fans des Originals sicherlich gefreut haben. Trotzdem: Die Zeiten haben sich geändert und das merkt man auch dem Sequel an, das glücklicherweise nicht den Fehler macht, so zu tun, als wäre nichts gewesen.

Die einstigen Supermodels Zoolander (Ben Stiller) und Hansel (Owen Wilson) sind mittlerweile in Vergessenheit geraten, finden bei ihrem Comebackversuch eine Modewelt vor, die sich massiv verändert hat und in der kein Platz mehr für selbstverliebte Gecken und die Publicity-Stunts von vor 15 Jahren zu sein scheint. Wenn der neueste It-Designer Don Atari (Kyle Mooney) seinen Mund aufmacht, verstehen die Protagonsten kein Wort und ihr überkommener Style macht sie bei einer Modenschau zum Gespött des Publikums. Das lässt sich auch auf den Film als solches übertragen, der sich in den Szenen um seine beiden Helden in erster Linie auf bereits bewährte und noch einmal aufgewärmte Gags verlässt und so einen etwas müden Eindruck macht, der aber durchaus zur Verfassung seiner Helden passt. Es stellt sich heraus, dass man Stiller und Wilson in ihren Rollen zwar immer noch gern zuschaut, sie ihren Charakteren aber auch nichts wirklich Neues abzuringen wissen. Konzeptionell folgt der Film dem Vorgänger, bietet wie dieser zahlreiche Cameos und Gastauftritte auf, die die ganze Bandbreite von „gezwungen“ (Katie Perry ist einfach nur da) bis „gelungen“ (Sting, der sich als leiblicher Vater Hansels herausstellt, oder Benedict Cumberbatch als hermaphroditisches Model namens „All“) abdecken, und steigert sich in ein absurdes Szenario hinein, das Elemente der Bond-Reihe mit esoterischem Verschwörungsschwurbel verknüpft und herrlich bescheuert ist. Die echten Höhepunkte gehören auch diesmal wieder den Nebendarstellern: Man spürt förmlich, wie ZOOLANDER 2 abhebt, seinen dringend benötigten Adrenalinschub erhält, wenn Will Ferrell endlich als Mugatu auftreten darf, und zuvor zeigt Kristen Wiig als Modezarin Alexanya Atoz, warum sie derzeit eine der gefragtesten Komödiantinnen Hollywoods ist: Unter dickem Make-up nicht wiederzuerkennen, verleiht sie ihrer Figur einen haarsträubenden Fantasieakzent, von dem man gern noch mehr gehört hätte.

Ob einem ZOOLANDER 2 am Ende des Tages gefällt oder nicht, hängt wohl davon ab, wie sehr man den Vorgänger mochte. Ich habe mich über das Wiedersehen gefreut und fand die Wiederbegegnung kurzweilig und amüsant genug, um auch mit den unübersehbaren Schwächen leben zu können. Der ganz ähnlich gelagerte ANCHORMAN 2: THE LEGEND CONTINUES hat mir da zum Beispiel deutlich weniger gut gefallen. Wer aber schon mit ZOOLANDER nichts anfangen konnte, kann auch hier getrost passen.

hall-pass-movie-posterRick (Owen Wilson) und sein bester Kumpel Fred (Jason Sudeikis) bekommen von ihren Gattinnen einen „Hall Pass“, einen eine Woche gültigen „Freifahrtschein“ ausgestellt, nachdem sie sich mit ihrer Sexobsession und der Angewohnheit, ständig hinter anderen Frauen herzustieren, zum wiederholten Mal unmöglich gemacht haben. In einer Woche Urlaub von der Ehe steht es ihnen frei, sich nach Belieben auszutoben und ihre unerfüllten Fantasien auszuleben, um hoffentlicht „geheult“ in den Ehealltag zurückzukehren. Die anfängliche Euphorie der beiden Männer weicht jedoch schnell der Ernüchterung, denn das andere Geschlecht ist alles andere als wild danach, mit zwei Fortysomethings ins Bett zu springen. Und während also Ricks und Freds Bemühungen immer verzweifelter werden, bändeln ihre Gattinnen Maggie (Jenna Fischer) und Grace (Christina Applegate) ihrerseits mit ihren Urlaubsbekanntschaften an.

Die Farrellys galten mit THERE’S SOMETHING ABOUT MARY mal als Erfinder der Gross-out- bzw. Anything-goes- bzw. Equal-opportunities-Komödie, fielen aber irgendwann dem eigenen Trend zum Opfer als sie von der nächsten Generation von Filmemachern hinsichtlich vulgärer Zoten übertroffen wurden. HALL PASS wirkt in seiner Exposition, in der Rick und Fred sich vor aller Welt zum Affen machen, laut über die Geschlechtsteile ihrer weiblichen Mitmenschen fantasieren oder der Bedienung im Café ungehemmt auf den Arsch glotzen und imaginäre Fotos für die „spank bank“ schießen, geradezu versessen darauf, verlorenen Boden gutzumachen, schwenkt dann aber recht schnell in versöhnlichere Gefilde ab. Anstatt Ricks und Freds Fantasien Wirklichkeit werden zu lassen, führt der Film ihnen natürlich vor Augen, dass sie mit ihren Gattinnen doch sehr zufrieden sind, ein Traum durch seine Verwirklichung nicht unbedingt besser wird. Die Filme der Farrellys waren zwar schon immer von einer letztlich konservativen Moral geprägt, doch in HALL PASS ist auch die letzte Flamme des Aufbegehrens verloschen, mutet jeder Tabubruch nur noch wie das Ausreizen einer längst totgerittenen Masche an. Sie sind eben mit ihren Protagonisten zusammen älter geworden.

Wirklich überrascht wird von HALL PASS wohl nur noch der unbedarfteste Zuschauer, aber es fallen trotzdem ein paar gute Gags ab: Die Kumpels vollkommend stoned auf dem Golfplatz, die weibliche Eroberung, die plötzlich über Krämpfe klagt und der ein Nieser unangenehme Erlechterung verschafft, Rick und Fred vollends besoffen beim Anpöbeln entgeisterter Frauen. HALL PASS ist nicht ohne Wahrheit und demütigende Einblicke in das Wesen des Mannes, aber ein wenig mehr Mut hätte ihm trotzdem gut getan.

Es ist hilfreich, wenn man vor der Betrachtung von INHERENT VICE eine ungefähre Vorstellung von Thomas Pynchon’s Literatur hat. Pynchon wurde berühmt mit seinem 1974 erschienenen Roman „Gravity’s Rainbow“, einer über 1.000 Seiten starken Collage unterschiedlichster Stile, sich über mehrere Jahrhunderte erstreckender Plotlines und Dutzender handelnder Charaktere, der als Meisterwerk der modernen amerikanischen im Allgemeinen und der postmodernen Literatur im Besonderen gilt. Pynchon verfügt über einen ungemein dichten Stil, der voller Witz steckt und auf einen dicht gewebten Referenzsystem basiert. Hippie-, Drogen- und Popkultur – Musik, Film, Fernsehen, Comics, Verschwörungstheorien –, Politik, Philosophie, Naturwissenschaften: Alles findet Eingang in seine Texte, wird dort nicht getrennt voneinander verhandelt, sondern fließt fortwährend zu einer untrennbaren Melange zusammen, die immer wieder erstaunliche Bezüge zu Tage fördert. Pynchons Romane werden gemeinhin mit dem Etikett „unverfilmbar“ versehen, eben weil sie gängige Vorstellungen von Narration über den Haufen werfen, eher diskursiv als dramaturgisch strukturiert sind. „Gravity’s Rainbow“ am Stück von vorn bis hinten zu lesen, macht wahrscheinlich kaum mehr Sinn, als ihn sich abschnittsweise in beliebiger Reihenfolge zuzuführen. „Inherent Vice“, ein Roman aus dem Jahr 2009, gilt wegen seiner vergleichsweise geradlinigen Storyline als „Pynchon lite“, was ihn für eine Verfilmung prädestinierte, aber es empfiehlt sich trotzdem, Andersons Film einfach an sich vorbeifließen zu lassen, ihn als lebendiges, oszillierendes Stimmungsbild zu betrachten, als Sammlung von nur lose miteinander verbundenen Episoden, die weniger einem rationalen „Sinn“ verpflichtet sind, als einer gewissen Atmosphäre drogeninduzierter Paranoia, wie sie auch Pynchons Kollege Hunter S. Thompson als treffendes Bild für den amerikanischen Seelenzustand an der Schwelle zu den Siebzigerjahren begriffen hatte.

INHERENT VICE folgt strukturell der klassischen Noir-Dramaturgie: Der Detektiv Doc Sportello (Joaquin Phoenix), ein dauerbekiffter Hippie, wird von seiner Ex-Freundin Shasta (Katherine Waterston) aufgesucht. Sie berichtet ihm, dass die Ehefrau ihres derzeitigen Liebhabers, des erfolgreichen Immobilienspekulanten Mickey Wolfmann (Eric Roberts), versucht, diesen in eine Anstalt einzuweisen, um sich sein Vermögen unter den Nagel zu reißen, und bittet um Hilfe. Bei seinen Ermittlungen stößt er nach kurzer Zeit auf die Leiche von Glen Charlock, seines Zeichens Leibwächter Wolfmanns, und wird von seiner Nemesis, dem Cop Christian F. „Bigfoot“ Bjornsen (Josh Brolin), wegen Mordverdacht festgenommen. Die Bitte einer alleinerziehenden Mutter, Hope Harlinger (Jena Mason), ihren verschwundenen Gatten wiederzufinden, bringt Doc in Kontakt mit Coy (Owen Wilson), einem Saxophonspieler, der sich als Informant für zahlreiche staatliche und illegale Organisationen verdingt, und deshalb untertauchen musste. Er erzählt Doc von einem Syndikat namens „Golden Fang“, das vielleicht auch nur ein Schiff ist, mit dem Schmuggelware in die USA gebracht wird, oder eine aus Steuerzwecken gegründete Zahnarztvereinigung …

Der Versuch einer Inhaltsangabe verdeutlicht, dass Anderson/Pynchon die Stilistika des Noirs nutzen, um einerseits tief in den drogenvernebelten Kopf ihres Protagonisten einzudringen, andererseits in einen Kosmos voller bizarrer Charaktere, die über rätselhafte, unerklärliche Umwege miteinander verbunden zu sein scheinen. Dabei wird ebenso auf typische Sechzigerjahre- und Hippieklischees zurückgegriffen – Esoterik, Beatnik-Kultur, Drogenszene –, wie auf gesellschaftspolitische Phänomene. „Paranoia“ ist das Stichwort: Vieles von dem, was Doc herausfindet, scheint seinem eigenen Wahn zu entspringen, andererseits spiegeln Figuren wie Bjornsen, mit seinem Fünfzigerjahre-Haarschnitt und den No-Nonsense-Methoden, und Aussagen wie die eines Streifenpolizisten, das jede Versammlung von drei oder mehr Personen als „Kult“ betrachtet werden müsse, vor allem, wenn sich unter diesen Personen Langhaarige befinden, auf die tiefe Kluft an, die zu jener Zeit mitten durch die amerikanische Gesellschaft verlief.

Aus dieser Collage von Trivialem und Bedeutungsvollem, von Witz und Tragik, Poesie und Klamauk ergibt sich ein ungemein vielschichtiges Porträt der amerikanischen Gesellschaft, das immer neue Facetten offenbart, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet. Anderson greift oft auf den „Originalton“ Pynchons zurück, lässt seine Worte durch die Voice-over-Erzählerin Sortilége (Joanna Newsom) rezitieren, schafft so einen reizvollen Kontrast zu den komischen Ereignissen. Aber auch, wenn man INHERENT VICE lediglich als Sammlung bizarrer, witziger, überraschender, immer brillant besetzter Kurzgeschichten betrachtet, kommt man hier mehr als nur auf seine Kosten. Die benebelte Stimmung des Films ergriff schnell von mir Besitz, er flog an mir vorbei wie ein Nachmittagsrausch und nie hatte ich das Gefühl, ihn nicht zu verstehen, auch wenn ich den Faden schon nach kürzester Zeit verloren hatte. Den inneren Zustand des Bekifftseins fängt Anderson brillant ein. Und nicht nur das. Für mich, der ich ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Paul Thomas Anderson habe, seinen THERE WILL BE BLOOD für einen unerträglich selbstgefälligen Klumpen halte, ist dies seine bislang beste Arbeit. Und einer der stärksten amerikanischen Filme der letzten Jahre.