Mit ‘Pat Hingle’ getaggte Beiträge

maxov7Gut, Stephen King ist nicht der erste und auch nicht der einzige Schriftsteller, der einen seiner eigenen Romane als Film umsetzen durfte. Trotzdem kann man an MAXIMUM OVERDRIVE ganz gut ablesen, wie verdammt groß der „Master of Horror“ damals war. Seine Romane waren nahezu allesamt vereits verfilmt worden, und selbst wenn die meisten dieser Verfilmungen von den Fans seiner Bücher mit wenigen Ausnahmen als Reinfälle betrachtet wurden, hatten  sie doch immerhin ordentlich Kasse gemacht. So durfte der Meister dann selbst mal ran und sich an einer seiner Kurzgeschichten versuchen. Nachdem MAXIMUM OVERDRIVE an den Kassen abgesoffen war und bei den „Golden Raspberrys“ nur von Prince‘ Regiedebüt UNDER THE CHERRY MOON übertroffen, schwor King dann aber, sich vorerst wieder ganz auf seine Kernkompetenz zu konzentrieren und „moron movies“ anderen zu überlassen. Die Einsicht macht ihn sympathisch, auch wenn ich MAXIMUM OVERDRIVE nicht sooo schlecht finde, wie er meist gemacht wird.

Die Geschichte um den durch einen Kometen ausgelösten Aufstand der Maschinen wird von King mit viel Humor und einigen hübsch blutigen Effekten erzählt, konzentriert sich im Stile alter Western oder Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD auf den Kampf einiger Personen, die in einer Raststätte von wütenden Trucks belagert werden. Angeführt werden sie vom jungen Burgerbrater Bill (Emilio Estevez), sein ausbeuterischer Chef Bubba Hendershot (Pat Hingle) hat zum Glück ein paar Waffen und eine Panzerfaust im Keller (die im Gegensatz zu allen anderen Maschinen immer brav ihren Dienst verrichtet), und damit es für den All American Boy nachts nicht zu langweilig wird, kommt auch noch Brett (Laura Harrington), ein selbstbewusstes Girl mit Klappmesser im Stiefel, vorbei, das sich in ihn verliebt. Am Ende macht es laut „Bumm“, die Überlebenden segeln auf eine maschinenlose Insel und eine unnötige Schrifttafel macht das Klischeeende auch nicht besser. Das ist alles durchaus unterhaltsam, obwohl oder gerade weil manches gnadenlos naiv und doof ist. Die Opfer müssen sich schon absichtlich dumm anstellen, um von den nun nicht gerade besonders wendigen Lkw plattgemacht werden zu können, und warum ein Mensch sterben soll, nur weil er eine Coladose gegen den Hintern bekommt, leuchtet auch nicht ein. Wirklich bedrohlich wird das ganze Szenario niemals, die Figuren sind einem entweder egal oder sie nerven: Kein Wunder, dass MAXIMUM OVERDRIVE im letzten Drittel genauso ins Schnaufen und Schnauben kommt wie seine dieselgetriebenen Monster.

Eines möchte ich dem Film dann aber doch hoch anrechnen: Schon super, wie man da für die AC/DC-Songs des Soundtracks immer genau den passenden Einsatz gefunden hat. Zu „Shake the Foundation“ reißen die Brummis etwa Tankstelle und Raststätte nieder. Bleibt nur die Frage, warum „Sink the Pink“ nicht während der Sexszene zwischen Estevez und Harrington läuft.

ELVIS, von Carpenter nach dem Riesenerfolg von HALLOWEEN für das Fernsehen gedreht, bot dem Regisseur die willkommene Gelegenheit, sich auch einmal außerhalb der Konventionen des Genrefilms zu versuchen, innerhalb derer er sich bis dahin bewegt hatte. Mit Erfolg: Das fast dreistündige Biopic erzielte bei seiner Fernsehausstrahlung Traumquoten und legte den Grundstein für die überaus fruchtbare Kollaboration von Carpenter und Hautdarsteller Kurt Russell, die in den folgenden 17 Jahren zusammen die Filme ESCAPE FROM NEW YORK, THE THING, BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA und ESCAPE FROM L.A. drehen sollten.

ELVIS erzählt vom Aufstieg des Sängers zur Ikone, zum Sexsymbol, zum ersten und wahrscheinlich immer noch größten Popstar überhaupt, hakt die wichtigsten Punkte der Karriere im typischen Biopic-Stil ab, integriert viele Songs, endet aber nicht mit dem Tod seines Helden im Jahre 1977, sondern einige Jahre vorher, 1970, als Elvis nach zehn Jahren ohne öffentlichen Auftritt sein großes Comeback mit einer Show in Las Vegas einleitete. Die letzten Sekunden des Films zeigen Elvis’ entschlossenes Gesicht halb angeschnitten links im Bildvordergrund, während rechts einige seiner vergangenen Auftritte als „Erinnerungsbilder“ ablaufen. Dieser Schluss suggeriert aber nicht nur, dass Elvis sich seiner Bedeutung als Ikone nach vor allem privat krisenhaften Jahren bewusst wird und eine erfolgreiche Zukunft als Showstar visualisiert: Er „konserviert“ den Menschen Elvis als mythische Gestalt, die die Zeiten überdauern und sich vom Kontext ihres historischen Hintergrundes komplett ablösen wird. Insofern ist es nur logisch, dass Carpenter sich nicht für den biologischen Tod seines Protagonisten interessiert. Elvis war ja vorher längst unsterblich geworden.

Das markanteste Detail des Films ist natürlich sein Besetzungscoup: Kurt Russell, der Elvis als kleiner Junge in einem von dessen Filmen vors Schienbein treten durfte, sieht dem „King“ nicht unbedingt ähnlich, hat ein weniger feines, dafür „kernigeres“, männlicheres Gesicht. Aber es gelingt ihm perfekt den swagger und drive einzufangen, den Elvis verkörperte und der ihn zum Sexsymbol machte. Die Kritik, die Elvis seit jeher begleitet, besagt ja, dass er ein „Retortenrocker“ war, vielleicht das erste Beispiel eines mithilfe von geschicktem Marketing „gebauten“ Stars, der eine per se rebellische, zudem afroamerikanische Musik, „sicher“ und für ein weißes Mittelklasse-Publikum zugänglich gemacht hatte. Carpenters Elvis-Bild ist ein ganz anderes: Sein Protagonist wird von einem dunklen, dionysischen Trieb befeuert, der aus seinem tiefsten Innern kommt, und die Musik der Afroamerikaner wird von ihm nicht „gestohlen“, sondern von frühester Jugend an aufgesogen. In einer fantastischen, in Elvis’ Kindheit angesiedelten Szene, sitzt er mit seiner Familie auf der abendlichen Veranda eines kleinen Holzhauses irgendwo in den Wäldern von Tennessee und begleitet die gemeinsame Intonation eines christlichen Liedes auf der Gitarre. Das Bild der Familie auf der Veranda, tief versunken in diesem tieftraurigen Lied, hat etwas immens Archaisches, beinahe Ritualistisches und vermittelt sofort, dass Musik nicht von außen über den jungen Elvis gestülpt wurde, sondern Zentrum seines ganzen Seins war. Demzufolge kommt Elvis erst auf der Bühne ganz zu sich und vermittelt dort eine Energie, die für seine Zuschauer kaum noch fassbar ist. Russell spielt den jungen Elvis, der gar nicht weiß, was für eine Gabe er besitzt, über die Reaktionen, die er bewirkt, nur staunen kann, dann aber mehr und mehr zum perfekt leitenden Medium für die ihn durchströmenden Energien wird, mit großer Sensibilität. ELVIS ist nach dem Evangelium von Carpenter beinahe eine Messias-Erzählung: In seinem Zentrum ein mit überirdischem Talent gesegneter junger Mann, der mühsam lernen muss, was es bedeutet, diese Rolle einzunehmen.

Ich hatte oben etwas salopp geschrieben, Carpenter „hake“ die wichtigsten Punkte von Elvis Karriere checklistenhaft „ab“: Das ist rein dramaturgisch sicherlich richtig, gibt den sehr natürlichen, organischen Flow des Films und des Eindrucks, der sich beim Zuschauer niederschlägt, aber nur sehr unzureichend wieder. Außerdem: Elvis’ Karriere steht ja in gewisser Hinsicht prototypisch für Musiker-Laufbahnen. Alle Gipfel und Niederungen, die ein Pop- und Rockstar in seiner aktiven Zeit erklimmen und durchwandern kann, hatte Elvis als erster bezwungen und erfolgreich hinter sich gelassen. Insofern wirkt ELVIS (bzw. Elvis’ Karriere) ein bisschen wie die Ur-Erzählung, der mythische Ursprung, auf den sich alles, was danach kommt, zurückführen lässt (das ist dann vielleicht eine strukturelle Parallele zu HALLOWEEN und THE FOG), der Schlüssel, mit dessen Hilfe wir andere, neuere Geschichten dechiffrieren können.

Obwohl Carpenter selbst für seine ausladenden 170 Minuten noch immens viel Stoff abzuarbeiten hat, findet er doch immer wieder Gelegenheit für leise Momente, die eher symbolischen Charakter haben, aber dabei helfen, dass ELVIS von der bloßen Faktenhuberei zur sinnstiftenden, sich dann und wann auch Leerstellen erlaubenden Erzählung wird. Nachdem der Sänger von seinem Wehrdienst aus Deutschland nach Graceland zurückkommt, gibt es eine Szene, in der er seine bei ihm wohnenden Freunde und Bandmitglieder überrascht. Er steht einfach in der Tür und dreht wortlos am Propeller eines Spielzeugflugzeugs. Die nächste Einstellung zeigt ihn umringt von denselben Freunden, wie sie ihm erst alle wie aus der Pistole geschossen Feuer für seine Zigarette anbieten, und dann gespannt seinen verzweifelten Versuchen beiwohnen, den Motor des Flugzeugs anzuwerfen. Es ist eine humoristische kleine Szene, die dann einfach so abgebrochen wird, aber dennoch starke Wirkung hinterlässt: Da ist der Star, ein Mann, der buchstäblich alles hat, sogar eine Eingreifkommando jasagender Freunde und Bewunderer, aber daran verzweifelt, ein idiotisches Spielzeug zum Laufen zu bekommen. Warum das in diesem Moment so wichtig für ihn ist, wird nicht weiter geklärt, aber die Absurdität der Situation, Elvis zu sein, ein Halbgott unter Menschen, die tritt deutlich hervor. Fantastisch ist auch ein schweigender, sanfter Tanz von Elvis und Priscilla (Season Hubley) bei einer Feierlichkeit: Nur durch ihre Bewegung und den Blick, den sie einander widmen, zeichnet Carpenter sie hier als in ihrer Liebe entrücktes Paar, das in der Gegenwart der anderen Gäste nur noch körperlich anwesend ist.

ELVIS erzählt eigentlich nichts Neues. Aber das Mysterium, das seine Hauptfigur im Kern immer noch ist und das ihn zum anhaltenden Faszinosum macht, das bringt er zum Strahlen wie kein anderes Biopic, das ich kenne (vielleicht wäre Michael Manns ALI ein Vergleichswert).