Mit ‘Patricia Arquette’ getaggte Beiträge

Marcos schrieb in seinem gestrigen Kommentar zu Teil 2, dass sich die Reihe mit Russells zweitem Sequel in die Nähe von Spielbergs ILM begeben, mithin zum effektgetriebenen, kinderfreundlichen Familienkino entwickelt habe. Ob man das überhaupt als Kritikpunkt wertet, ist wohl eine Frage des persönlichen Geschmacks, richtig ist aber, dass der Film eher wenig mit Splatter und Horror zu tun hat, dem die ersten beiden Teile ohne Frage zuzurechnen waren, dafür aber umso mehr mit dem wish fulfillment des Fantasyfilms oder auch des heutigen Superheldenkinos. A NIGHTMARE ON ELM STREET 3: DREAM WARRIORS ist der Auftakt zur in den folgenden Sequels auf die Spitze getriebenen Verpoppung des ursprünglich sehr unheimlichen Traumdämons Krueger, der nicht nur immer mehr Raum erhält, sondern im Folgenden immer stärker ins Zentrum elaborierter Effektszenen gerückt wird. So sehr Russell das Franchise aber auch in Richtung des sicheren scare flicks für Teenies steuert, so sehr knüpft er inhaltlich an die Themen von Wes Cravens erstem Teil an, greift dessen Ideen auf und denkt sie konsequent zu Ende.

Springwoods Teenager sind außer Rand und Band, weigern sich panisch, schlafen zu gehen und reagieren aggressiv auf das Unverständnis der Eltern, die wiederum schlicht pubertäre Flausen hinter dem Verhalten ihrer Blagen vermuten. Einige besonders harte Fälle, darunter Kristen (Patricia Arquette), befinden sich unter der Obhut von Psychologe Neil Gordon (Craig Wasson) in einer Nervenklinik, wo man sie davon überzeugen will, dass von ihren Träumen keine echte Gefahr für sie ausgeht. Die Kids fühlen sich nicht nur unverstanden, sie müssen die „Hilfe“ der Erwachsenen, die darin besteht, ihnen Tranquilizer und Schlafmittel einzuflößen, sie dem Killer mithin auf dem Silbertablett zu servieren, geradezu fürchten. Zum Glück kommt irgendwann Nancy Thompson (Heather Langenkamp) daher, die weiß, was es mit dem entstellten Mann in den Träumen der Kinder auf sich hat. Sie entlockt jedem Kind eine besondere „Traumfähigkeit“ und bringt sie mithilfe einer besonderen Gabe Kristens zusammen, um gegen Krueger anzutreten.

Mit dem Anstaltssetting, der bisweilen aggressiv ausartenden Konfrontation der Kinder und des Pflegepersonals, den Gesprächstherapien, in denen die Ärzte mit verständnisvollem Ton, aber doch stets von oben herab ihr Urteil fällen, eher zu den Jugendlichen reden als mit ihnen und ihnen vor allem nicht zuhören, expliziert A NIGHTMARE ON ELM STREET 3: DREAM WARRIORS das Thema elterlicher Vernachlässigung und sogar Gefährdung, das in Cravens Film eher beiläufig mitlief. Russell bietet eine ganze Handvoll zur Identifikation einladender Charaktere auf, die das Heft unter Anleitung von Nancy selbst in die Hand nehmen müssen, weil von den Ärzten keine echte Hilfe zu erwarten ist. Die depressiven, verängstigten, wütenden und zum Teil schwer traumatisierten Kids erfahren von ihr die Wertschätzung und Anteilnahme, die sie benötigen, um das in ihnen schlummernde Potenzial zu schöpfen. Ihr Kampf gegen Freddy hat daher auch etwas von Selbstbefreiung, Selbstbestätigung und Selbstverwirklichung und die drohende Gefahr für Leib und Leben tritt für sie alle hinter dem Gefühl zurück, nicht mehr untätig und hilflos in ihrer Angst verharren zu müssen. So gesehen ist es nur folgerichtig, dass DREAM WARRIORS die Beschränkungen des Horrorfilms hinter sich lässt, bunter, fantasievoller und auch ein wenig kitschig daherkommt. Die Einsicht, die diesem Kitsch zugrundeliegt, ist jedoch ziemlich ernüchternd: In der Realität gibt es für diese Kids keinen Ort mehr, der noch nicht von den Vorurteilen der Erwachsenen besetzt wäre, und in ihrem einzig verbliebenen Rückzugsraum stellt ihnen nun auch noch ein rachsüchtiger Dämon nach. Es ist nicht leicht ein Teen zu sein.

In der Zeichnung Freddy Kruegers offenbart Russells Film zwar erste Ansätze für seinen Aufstieg zum One-Liner spuckenden Popstar – „Welcome to Prime Time, bitch!“ –, aber verglichen mit den Exzessen von Harlins nächster Installation wird er noch relativ dezent eingesetzt. Sein niederträchtigster Moment ist das Ködern der ehemalig drogenabhängigen Taryn (Jennifer Rubin) mit verlockenden Spritzen: Hier offenbart der bunte Achterbahnthrill seine abgründige Seite und in Taryns Blick, in dem sich die Enttäuschung über die eigene Schwäche und das Wissen um ihre unausweichliche Kapitulation spiegeln, ermöglichen eine emotionale Anteilnahme, die in den folgenden Teilen ausbleibt. Wenn ich an DREAM WARRIORS etwas bemängeln müsste, dann sicherlich, dass der Höhepunkt des Films, der Albtraum mit Freddy als Marionettenspieler, recht früh „verheizt“ wird und dann nichts ähnlich Einfallsreiches und Bildgewaltiges mehr kommt. Andersrum könnte man aber auch darauf hinweisen, dass Russells Film trotz aller vorhandenen Ansätze eben noch keine grelle Nummernrevue ist, sondern ein liebevoll erzählter Film mit einem sauber entwickelten Spannungsbogen. Ein Klassiker, so oder so.

Boyhood_A4_Poster-722x1024Die auf dem nebenstehenden Plakat abgedruckten Superlative lassen schon erkennen, dass BOYHOOD kein ganz gewöhnlicher Spielfilm ist. Linklaters Projekt, das Heranwachsen eines Jungen über einen realen Zeitraum von 12 Jahren mit denselben Schauspielern zu verfolgen, bedeutete vor allem eine organisatorische Herausforderung: Linklater wusste natürlich nicht, in welche Richtung sich sein(e) Hauptdarsteller und demnach auch sein Film entwickeln würden und sah sich so gezwungen, seinen Film in jährlichen Etappen fortzusetzen. Die Grundidee ist nicht so neu, wie es die Lobpreisungen eigentlich erwarten lassen, wenn Linklater sie auch konsequenter umsetzte als seine Vorgänger. Der berühmteste ist wahrscheinlich Francois Truffaut, der sich zwischen 1959 und 1979 in fünf Spielfilmen und einem Kurzfilm (u. a. BAISERS VOLÈS, DOMICILE CONJUGAL und L’AMOUR EN FUITE) der Biografie seines fiktiven Protagonisten Antoine Doinel – gespielt von einem mit der Figur wachsenden Jean-Pierre Léaud – von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter widmete. Während Truffaut jedoch mit jedem Film ein neues Kapitel im Leben Antoines aufschlug, gewissermaßen zu besonderen Stationen von dessen Biografie sprang, ermöglicht Linklaters Herangehensweise ein sehr viel lückenloseres Bild einer Entwicklung. Man sieht, wie sich das Gesicht von Mason (Ellar Coltrane) langsam verändert, das Kindliche verschwindet, wie die Frisuren der Mode entsprechend ihre Form ändern, wie sich bestimmte Charakterzüge langsam herausbilden und schließlich verfestigen. Die größte Leistung Linklaters ist es sicherlich am Ende einen Film vorgelegt zu haben, der ganz entgegen seiner etappenartigen Entstehung wie aus einem Guss wirkt.

Im Mittelpunkt des Interesses steht eben jener Mason und das ist sehr wörtlich zu nehmen: Es gibt wenig Drama in BOYHOOD, keine tragischen Todes- oder Krankheitsfälle, keine dunkle Schatten werfenden Schicksalsschläge, kaum Tränen oder Schmerzen, keinen Plot nach herkömmlichem Verständnis, keine großen Erkenntnisse, die man gewinnen könnte. Stattdessen steht da dieser Junge im Zentrum des Bildes, genau zuschauend, wie sich das Leben um ihn herum entfaltet, wie es einmal durchlaufene Räume verschließt und neue Türen öffnet, wie es überraschende Abzweigungen nimmt, wie jede Entscheidung der Anfang für eine Kette weiterer Entscheidungen ist. Mason ist bis zum Schluss keine im klassischen dramaturgischen Verständnis „handelnde“ Figur: Wichtige Entscheidungen nehmen ihm Eltern und andere Autoritätspersonen ab, an ihm vollzieht sich erst einmal nur der Wille anderer Menschen, mit wachsendem Widerwillen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als dieses Spiel mitzumachen in der Hoffnung, dass da in seinem Sinne gehandelt wird und natürlich, dass er irgendwann die Zügel für sein Leben selbst in die Hand nehmen können wird. Das tut Mason dann am Ende des Films, der ein neuer Anfang ist: Die unbeschwerte Zeit der Kindheit ist vorbei, nun muss er auf eigenen Füßen stehen. All das, was ihm vorher abgenommen wurde, unterliegt nun seiner eigenen Verantwortung. Er kann nur auf das zurückgreifen, was er in den Jahren zuvor, als er seine Eltern und die anderen Erwachsenen um ihn herum beobachtete, gelernt hat.

Das bedeutet auch, dass die Erwachsenen zeitweise wichtiger sind als Mason: Seine Mutter (Patricia Arquette) hat das fragwürdige Talent, sich die falschen Männer auszusuchen, sein Vater (Ethan Hawke) war der Richtige zur falschen Zeit. Mason und seine ältere Schwester Samantha (Lorelei Linklater) werden mit zwei grundverschiedenen Lebensmodellen konfrontiert. Auf der einen Seite die Versuche der Mama, Erziehung, Haushalt sowie eigene Karriere und Liebesleben in den Griff zu bekommen, auf der anderen die Unbeschwertheit des Single-Daseins ihres Vaters, der die wenige gemeinsam Zeit nutzt, seinen Kindern möglichst viel mit auf den Weg zu geben. Am Ende – das ist vielleicht die „Botschaft“ des Films – muss jeder sich auf sich selbst verlassen, die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen, möglichst optimal nutzen. Das gilt für Eltern wie Kinder: Erstere können alles versuchen, um ihre Sprösslinge auf den richtigen Pfad zu bringen, aber eine Garantie gibt es nicht, letztlich ist ein gewisses Vertrauen notwendig. Und all das, was ein Junge während seiner Kindheit mitbekommt, egal wie er geprägt wird, irgendwann liegen die Dinge bei ihm. Es gibt keinen sauberen Übergang zwischen der Kindheit, Jugend und dem Erwachsensein, alles blutet ineinander. Seine Mutter, sagt Mason, ist im Grunde genommen genauso überfordert mit den Anforderungen des Lebens wie er.

Ich mochte die Leichtigkeit des Films, seine Stimmung, die Ruhe und Gelassenheit, mit der er Mason und seine Familie begleitet. Eigentlich passiert überhaupt nichts in BOYHOOD, trotzdem habe ich die annähernd drei Stunden als überaus kurzweilig empfunden. Ich habe meine Zeit gern mit diesen Figuren verbracht, zugeschaut, wie sie sich verändern und dabei doch sie selbst bleiben. Ein paarmal kann Linklater vom Klischee nicht lassen – der in seiner Arbeitsuniform Dosenbier saufende dritte Lebensgefährte von Masons Mom könnte aus einem moralinsauren Alkoholikerdrama kommen –, aber aus der Bahn wirft das seinen Film nicht. Auch die bei diesem Thema eigentlich obligatorische Nostalgiehuberei sucht man vergeblich. Der Zeitkolorit spielt eine nur sehr untergeordnete Rolle, es geht nicht darum die 2000er abzufeiern und einer bestimmten historischen oder popkulturellen Epoche ein Denkmal zu errichten. BOYHOOD ist universell in seinem Ansatz, amerikanisch natürlich, aber im Wesentlichen allgemeingültig in seiner Perspektive auf das Leben, die angenehm bescheiden ist. Es braucht keine Karriere, keinen Reichtum, kein Abenteuer: Dass wir werden, wer wir sind, ist Wunder genug.

 

In der Hölle nähert sich der Tag, an dem der Papa (Harvey Keitel) abtritt und das Amt, Herrscher des Bösen zu sein, an einen seiner Söhne abgibt. Adrian (Rhys Ifans) und Cassius (Tiny Lister) machen sich einige Hoffnungen, habe sie doch den ganzen Tag nichts anderes im Sinn, als niederträchtige Pläne zu schmieden. Nicky (Adam Sandler) hingegen scheint völlig aus der Art und geschlagen und ist viel zu lieb, um ernsthaft in Frage zu kommen. Weil Dad aber nicht zu Unrecht befürchtet, dass das fragile Gleichgewicht von Gut und Böse zerstört werden könnte, wenn er Adrian oder Cassius als seinen Nachfolger benennt, beschließt er kurzerhand noch ein wenig länger als oberster Befehlshaber im Amt zu bleiben. Das wollen sich die beiden Geprellten natürlich nicht gefallen lassen: Sie reisen auf die Erde, um dort auf eigene Faust ein Reich des Bösen zu errichten – und kappen gleichzeitig die Versorgung der Hölle mit neuen Seelen. Weil Dad diese aber zum Leben dringend braucht, ist es an Nicky, Adrian und Cassius hinterherzureisen und sie zurückzuholen, bevor der Papa sein teuflisches Leben aushaucht. Oben muss sich Nicky nicht nur an die kälteren Temperaturen gewöhnen, er lernt auch die Künstlerin Valerie (Patricia Arquette) kennen und lieben …

Nach dem etwas ernsteren BIG DADDY ist LITTLE NICKY ein reiner Quatschfilm, ohne dabei jedoch einen Fremdkörper in Sandlers homogenem Werk zu bilden. Kenner werden sich schnell heimisch fühlen: Wieder gibt Sandler den sympathischen Außenseiter, der sich in einer fremden Welt zurechtfinden muss und dabei auf die Unterstützung einiger toleranter, vorurteilsfreier Menschen bauen kann, die genauso neben der Spur liegen wie er. Wieder stößt sein Abenteuer einen Reifeprozess an, an dessen Ende er selbstständig und neuen Aufgaben gewachsen ist. Wieder spielt dabei eine Frau eine nicht ganz unwichtige Rolle, wieder muss aus dem sorglosen Kind ein Mann werden, dass fähig ist, selbst eine Familie zu gründen. Wieder gilt es bei diesem Reifeprozess aber auch, die eigene Identität nicht gänzlich aufzugeben, sondern sich – in angemessenem Rahmen – treu zu bleiben. Wieder lernen wir am Ende, dass die Freaks keine Menschen zweiter Klasse, sondern oft mit besonderen Gaben versehen sind. Dass LITTLE NICKY wahrscheinlich von allen Beteiligten als kurzweiliges Spaßprojekt angesehen wurde, zeigt sich schon an seiner Kürze von knapp 80 Minuten, der albernen, comichaften Prämisse und farbenfrohen Gestaltung des Films sowie an der Vielzahl kleiner Gimmicks und Injokes. Nicht nur sind wieder einmal nahezu alle Sandler-Regulars vertreten (Allen Covert, Peter Dante, Jonathan Loughran, Kevin Nealon, Robert Smigel oder Rob Schneider – nur Steve Buscemi fehlt diesmal), es gibt auch ein Wiedersehen mit einigen „Ehemaligen“ (Blake Clark, Michael McKean, Clint Howard oder Henry Winkler) und sogar mit Chubbs Peterson (Carl Weathers) aus HAPPY GILMORE. Jon Lovitz spielt einen Spanner, der „Ladies‘ Night“ hört, jenen Song, zu dem sein Hochzeitssänger in THE WEDDING SINGER auftrat, weitere Cameos absolvieren Quentin Tarantino als verrückter Straßenprediger, Dana Carvey als Basketballschiedsrichter, Reese Witherspoon als Nickys engelsgleiche Mutter und Ozzy Osbourne (und einige weitere Fernsehprominenz) als er (bzw. sie) selbst. So knüpft LITTLE NICKY in seiner chaotischen Episodenhaftigkeit noch einmal an Sandlers Frühwerk BILLY MADISON an, die Freiheiten, die der Erfolg seinem Hauptdarsteller mittlerweile eingebracht hatte, sichtlich genießend und ausschöpfend. Wahrscheinlich ist LITTLE NICKY der erste und einzige Film, in dem Adolf Hitler im Zimmermädchenkostüm durch die Hölle geführt wird und eine Ananas in den Hintern gerammt bekommt. Oder ein feixender Rodney Dangerfield als Satan himself einem untergebenen Dämon ein paar weiblicher Brüste auf den Kopf zaubert. Nicht alle Gags und Einfälle sitzen, und dass Steven Brill nicht so sehr nach Plan, sondern eher nach Trial&Error-Verfahren vorging, zeigt sich schon an der Vielzahl von Deleted Scenes. Es ist Sandler, der das totale Chaos mit seiner Persona verhindert, die lose herumfliegenden Bestandteile zusammenhält. Schon optisch bildet er immer in knallbunte Farben gekleidet das Zentrum der konfusen Gagparade und verhindert, dass das Herz vor aluter Tohuwabohu abhanden kommt. So ist auch LITTLE NICKY ein schöner, irgendwie rührender Film, dem ich seine eklatanten Schwächen gern verzeihe. Hier komme ich dann zum Knackpunkt, an dem sich die Geschmäcker wohl ewig scheiden werden: die CGI-Effekte. Die sehen zum Teil so abgrundtief billig und hässlich aus, das man glaubt, eine noch nicht fertiggestellte Rohfassung vor sich zu haben. Gerade bei diesem Film, der sehr viel mehr als seine Vorgänger von seiner optischen Gestaltung lebt, wäre etwas mehr Sorgfalt wünschenswert gewesen. LITTLE NICKY wirkt manchmal wie ein Schnellschuss, der sein volles Potenzial vor lauter selbstvergessenem Amüsement auszuschöpfen versäumt. Das ist schade, weil Nicky mit etwas mehr Sorgfalt zu einer von Sandlers schönsten Figuren hätte avancieren können.