Mit ‘Patrick Magee’ getaggte Beiträge

Als sich dank der Videothek auf der Maaskaade in Venlo für mein 18-jähriges Selbst die Pforten zum Horror- und Splatterparadies öffneten, da standen gleich mehrere Filme von Lucio Fulci ganz oben auf meiner Wunschliste. In Deutschland war damals schließlich kein einziger seiner berüchtigten Zombiefilme erhältlich, von intakten Fassungen ganz zu schweigen. Doch Filme wie ZOMBI 2, PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI, L’ALDILA oder QUELLA VILLA ACCANTO AL CIMITERO waren durch das Studium einschlägiger Lexika und Magazine natürlich ein Begriff (und darüber, wie ich als unbescholtener Teenie in den zweifelhaften Genuss einer Sichtung des berüchtigten LO SQUARTATORE DI NEW YORK kam, habe ich ja schon geschrieben). Im Zuge der parallel laufenden Weiterbildung mithilfe der zeitgleich immer populärer werdenden Genre-Enzyklopädien und der akribischen Abwägung des Verhältnisses von dort vergebenen „Härte-“ oder „Gorebewertungen“  gegen „Qualitätspunkte“ kam der ein oder andere neue Wunschtitel zu den bereits bekannten dazu, während andere schließlich als weniger interessant und vernachlässigbar eingestuft wurden. Diesem Aussortierungsprozess fiel auch GATTO NERO zum Opfer, ein Film, der zwar mitten hineinfällt in Fulcis populäre Splatterphase – die für sein Gesamtwerk eigentlich nur mäßig repräsentativ ist –, aber sich gegen die blutigen Exzesse der „Klassiker“ nie wirklich durch- und in der Gunst des Publikums festsetzen konnte. Egal welches Buch man auch zu Rate zieht, Fulcis sehr freie Poe-Adaption wird immer als milde Enttäuschung und zweitrangig beschrieben. Dass man sich am besten selbst ein Bild macht und auf das Geschwätz anderer Leute nicht allzu viel geben sollte, bewies mal wieder die gestrige Erstbegegnung mit dem angeblich so schwachen Film: GATTO NERO ist zwar keinesfalls perfekt, aber ich glaube dem Film anmerken zu können, dass er Fulci deutlich mehr am Herzen lag als die Splatterfilme, die in manchen Kreisen als seine Meisterwerke geadelt werden. Die kleinen inszenatorischen Schlampigkeiten, die man von Fulci kennt, sind in GATTO NERO fast gänzlich abwesend, der ganze Film wirkt ausgesprochen stilsicher, ist wunderschön und stimmungsvoll fotografiert und wird zudem von einem herzzerreißenden Score von Pino Donaggio veredelt.

In einer britischen Kleinstadt sterben Menschen auf mysteriöse Art und Weise. Die Fotografin Jill Trevers (Mimsy Farmer) zeigt indessen Interesse an dem Literaturprofessor Robert Miles (Patrick Magee), der behauptet, mit den Toten Kontakt aufnehmen zu können und außerdem eine schwarze Katze besitzt, über die er sagt, dass sie ihn eines Tages umbringen werde. Als Jill Kratzspuren an einer der zahlreichen Leichen entdeckt, wittert sie einen unheimlichen Verdacht. Doch bevor der aus London hinzugezogene Inspector Gorley (David Warbeck) ihrer wilden Geschichte nachgehen kann, fällt er dem rachsüchtigen Vierbeiner selbst zum Opfer. Jill ist mit ihren Ermittlungen nun auf sich allein gestellt und das weiß natürlich auch Miles …

So wenig komplex die Geschichte auch ist, so sehr gerät sie durch Fulcis Inszenierung ins Hintertreffen. Mehr als die schlüssige Erklärung der Morde und des Tatmotivs interessieren ihn Bilder und Stimmungen – und natürlich die Augen der schwarzen Katze, die zum heimlichen Hauptdarstellerpaar werden. Immer wieder zoomt er auf die stechenden gelbgrünen Punkte in ihrem pechschwarzen Gesicht, suggeriert durch den anschließenden Schnitt auf Magees kaum weniger eindringlichen Blick die telepathische Verbindung zwischen den beiden. Erheblichen Anteil am Gelingen des Films haben auch die original englischen Schauplätze, die ihm den so wichtigen Gothic-Touch verpassen und zusammen mit Donaggios Score viel zu seiner herrlich morbiden Atmosphäre beitragen. Besonders ins Auge sticht jedoch die Darbietung von Magee: Der ist fast ausschließlich in extremen Close-ups zu sehen, die ihn ganz auf sein markantes, grimmiges Gesicht, die wulstige Stirn und eben seine stechenden Augen reduzieren und ihm einen dräuenden Charakter verleihen. Magee, den ich vor allem mit Kubricks A CLOCKWORK ORANGE assoziiere, scheint eine Ferkelsfreud an GATTO NERO gehabt zu haben: Er overactet sich mit Verve durch seine Rolle, nicht in dem Sinne, dass er jede Szene hyperventilierend an sich risse, sondern in der krass eindimensionalen Interpretation seines Miles als düsterem, freudlosen Brüter, der mit seinen Gedanken längst nicht mehr auf dieser Welt, sondern bereits im Jenseits bei seinen Gesprächspartnern weilt. Dennoch verhindert Fulcis Inszenierung konsequent, dass GATTO NERO zur unfreiwillig komischen Lachnummer verkommt (anders als der Killerkatzen-Film seines Kollegen Greydon Clark etwa). Im für seine Filme typischen, langsamen und schlafwandlerischen Tempo kriecht die in dunklen Farben gehaltene Poe-Adaption voran, verliert auch in den spektakulären Mordszenen nie seine niederdrückende Schwere. Man kann das durchaus auch als „lahm“ oder „langweilig“ bezeichnen (wie ich das bei MANHATTAN BABY auch tat), und seine aufreizende Ruhe ließ mir gestern dann doch das ein oder andere Mal die Augen zufallen, aber irgendwie passt das alles sehr gut zu diesem Film, dem ich auch seine Logikfehler und Plotholes keinesfalls übelnehme, sondern vielmehr als wesentliche Zutat begreife. Wie Inspector Gorley etwa herausgefunden hat, dass sich das tote Liebespärchen selbst eingeschlossen haben muss, obwohl er den Schlüssel doch außerhalb ihres Zimmers aufgefunden hat, wird auf ewig sein Geheimnis bleiben. Und ebenso wird es mir ein Rätsel bleiben, warum dieser Film nicht landein, landaus als einer der schönsten der späten Fulcis gepriesen wird. Wer schlechtes über GATTO NERO sagt, der kann kein echter Fan des Italieners sein. Bitte nachholen.

Fünf Personen besichtigen eine alte Gruft. Dort erwartet sie bereits ein Mann, der sie fragt, wo sie herkommen und was sie an diesen unwirtlichen Platz führt. Die Personen erinnern sich: 1. Heiligabend: Joanne Clayton (Joan Collins) hat soeben ihren Gatten ermordet, als sie im Radio hört, dass ein Irrer im Weihnachtsmannkostüm umgeht. Wenig später klopft es an ihre Tür … 2. Carl Maitland (Ian Hendry) betrügt seine Gattin mit einer jüngeren Frau, mit der er ein neues Leben beginnen will. Bei einer Autofahrt geraten beide in einen schweren Unfall. Als Carl das Bewusstsein wiedererlangt, ist seine Geliebte verschwunden und alle Menschen, denen er begegnet, nehmen schreiend vor ihm Reißaus … 3. Das hutzelige Häuschen des Witwers Grimsdyke (Peter Cushing) ist einem reichen Grundstücksbesitzer ein Dorn im Auge. Mit perfiden Mitteln treibt er den alten Mann schließlich an einem Valentinstag in den Selbstmord. Genau ein Jahr später erhält er selbst eine Valentinstagskarte … 4. Der Unternehmer Ralph Jason (Richard Greene) hat sich mit dubiosen Finanzspekulationen hoch verschuldet. Eine Statue, die er und seine Frau vor Jahren aus dem Urlaub mitgebracht haben und die ihrem Besitzer angeblich drei Wünsche gewähren soll, soll Abhilfe schaffen. Doch die Wünsche gehen allesamt nach hinten los …
5. Der eiserne Major William Rogers (Nigel Patrick) übernimmt die Leitung eines Heims für Blinde und beginnt sein Regiment mit eiserner Hand. Der blinde George Carter (Patrick Magee) mahnt ihn zur Nachsicht mit den Bewohnern, doch der ehemalige Soldat hört nicht auf ihn. Als einer der Blinden verstirbt, bekommt er die Quittung serviert …

Die erste Verfilmung von Geschichten der populären gleichnamigen amerikanischen Horrorcomics von William M. Gaines fügt sich relativ nahtlos in die Reihe der Episodenfilme ein, mit der die britische Produktionsfirma Amicus den schwächelnden Hammer-Studios in den Siebzigerjahren Konkurrenz machte. Statt des grellen Humors und der saftigen Splattereffekte, die die späteren Fernsehadaptionen der Comics in den USA auszeichneten, setzt Freddie Francis auf etwas leisere, aber kaum weniger humoristische Töne. Und das steht den Schuld-und-Sühne-Geschichten sehr gut zu Gesicht, weil ihr menschlicher Kern so stärker betont wird, wo die genannten US-Episoden sich doch eher in den sadistischen Rachefantasien ergehen: Sie bieten vielleicht mehr Schauwerte, sind aber eben auch eindimensionaler. Zentrum von TALES FROM THE CRYPT ist eindeutig die dritte Episode namens „Poetic Justice“. Sie profitiert von der Besetzung mit dem großartigen Peter Cushing als liebenswerter, kinder- und tierfreundlicher Witwer Grimsdyke, einer Rolle, die etwas abseits seiner sonstigen asketischen Vernunftmenschen angesiedelt ist und dank seiner herzzerreißenden Darbietung das emotionale Zentrum des Films bildet. Auf ähnlichem Niveau befindet sich die finale Episode „Blind Alleys“ um Patrick Magee, die gemeinsam mit „Poetic Justice“ auch rein längenmäßig den Löwnenateil des Films ausmacht. Die drei restlichen Episoden mit ihrer Laufzeit von gerade einmal zehn bis fünfzehn Minuten  verkommen gegenüber diesen Glanzlichtern leider zu besserem Füllmaterial. Es ist eben nicht ganz leicht, in dieser Kürze einen funktionierenden Spannungsbogen zu entwickeln. Trotzdem haben auch diese Episoden einen unverwechselbaren makaber-staubigen Charme und vielleicht profitieren sie sogar von ihrer knackigen Kürze: Dass sie nicht gerade wahnsinnig originell sind, fällt so jedenfalls kaum ins Gewicht.

Einziger echter Schwachpunkt des Films ist somit die Rahmenhandlung, die ihren Alibicharakter nicht verbergen kann, sehr halbherzig wirkt und darüberhinaus auch nicht wirklich Sinn ergibt: Es stellt sich – für jeden Kenner solcher Filme absolut vorhersehbar – heraus, dass alle fünf Personen Tote sind, die in der Gruft quasi Zwischenstation auf ihrem Weg zur Hölle machen. Ihre in den Episoden geschilderten Taten sind die Sünden, für die sie nun ihre vermeintlich gerechte Strafe bekommen, was ziemlich gemein ist, wenn man bedenkt, dass sie diese doch bereits in Form eines äußerst unangenehmen Todes erhalten haben. Das darf man schon als schludrig bezeichnen. Natürlich ist die Rahmenhandlung bei einem solchen Film nicht wirklich entscheidend, weil es in erster Linie doch um die Episoden selbst geht, aber dass man auch diese lästige Pflicht mit Kreativität und Sorgfalt erfüllen kann, beweist etwa der wie TALES FROM THE CRYPT ebenfalls von Milton Subotsky gescriptete und Freddie Francis für die Amicus inszenierte DR. TERROR’S HOUSE OF HORRORS von 1965. Vielleicht war die Luft sieben Jahre später auch einfach etwas raus.