Mit ‘Patrick Wilson’ getaggte Beiträge

Ist nicht schon das brave Meistern des alltäglichen Wahnsinns eine Heldentat, die viel zu wenig gewürdigt wird? Die tolle Eingangssequenz scheint das anzudeuten: In kurzen, sich schnell abwechselnden Szenen zeigt Jaume Collet-Serra, das morgendliche Micromanagement der dreiköpfigen Familie MacCauley, das tägliche Ritual zwischen Aufstehen, Fertigmachen, Frühstücken und eben dem Zur-Arbeit-Fahren. Jeder Morgen scheint gleich, bringt aber doch immer wieder neue Aufgaben, die sich zurzeit vor allem um die Collegepläne des Sohnes drehen. Er endet mit Michaels (Liam Neeson) Einstieg in den Zug, der ihn zu seiner Arbeit nach New York bringt. Der Ex-Cop ist dort als Versicherungsmakler tätig, arbeitet hart daran, die Familie aus den Schulden zu bringen. Tag für Tag trifft er im Zug dieselben Leute: Es ist eine Gemeinschaft der Halbbekannten: Man sieht sich jeden Morgen, weiß ein paar Details über das Leben des anderen, die man während des Transfers im freundlichen Smalltalk aufgeschnappt hat, doch wenn die jeweilige Haltestelle erreicht ist, geht jeder wieder seinen eigenen Weg, jeden morgen, jahrelang, bis man sich dann abends wiedersieht. Vorausgesetzt, man wird nicht sang und klanglos gefeuert, wie es Michael passiert. Der 60-Jährige hat zwar gute Arbeit geleistet, aber er ist schlicht zu teuer, statt einer Abfindung gibt es eine kostenlosen Krankenversicherung und die üblichen Floskeln des Bedauerns. Der Familienvater ist am Boden zerstört, nicht in der Lage, die schlechte Nachricht seiner Frau zu überbringen. Und vor ihm liegt die lange Rückfahrt – auf der sich eine überraschende Lösung für seine Probleme anbietet.

THE COMMUTER ist, wie ich schon in meinem Text zu NON-STOP andeutete, eine Variation von dessen Grundkonstellation: ein kriselnder Held, begrenzter Raum, begrenzte Zeit, eine Aufgabe, die ihm alles abverlangt, ein unbekannter, anscheinend allwissender Feind mit einem genialen Plan, der darauf hinausläuft, dass MacCauley am Ende als Mörder dasteht. „Was für ein Typ sind sie?“, fragt ihn die attraktive Passagierin Joanna (Vera Farmiga), die sich ihm gegenüber als Psychologin ausgibt. SIe weiß genau, in welcher Lage er sich befindet und dass er das Angebot von 100.000 Dollar nicht ablehnen kann, die locken, wenn er an Bord des Zuges einen Passagier mit einer Tasche, deren Inhalt Diebesgut enthält, aufspürt. Natürlich verbirgt sich mehr dahinter, eine groß angelegte Verschwörung und ein Mordplan, in dem MacCauley die Rolle eines Bauernopfers zukommt. Und er muss mitspielen, denn die Unversehrtheit seiner Familie wird als zusätzliches Druckmittel eingesetzt. Während MacCauley versucht, den Passagier ausfindig zu machen, muss er gleichzeitig überlegen, was die Motivation der Täter ist und welche Rolle ihm in dem ganzen Gefüge zukommt. Es dauert nicht lang, da gibt es die ersten Toten und er ist das Hauptverdächtige, der nicht nur die Verbrecher, sondern auch das Gesetz und die anderen Passagiere gegen sich hat (wobei das hier eine untergeordnete Rolle spielt). Je näher der Zug der Endstation in Cold Springt kommt, umso weniger Zeit bleibt ihm.

Wem NON-STOP gefallen hat, der wird auch THE COMMUTER mögen, ein erneut trick- und wendungsreich konstruierter Thriller, der visuell meines Erachtens noch ein bisschen schöner geraten ist, ein kleines Meisterstückchen angesichts der Tatsache, dass ein Großteil des Films in einem nicht gerade hübschen Zug spielt. Ich finde sogar, dass das Setting des Pendlerzuges als Schauplatz eine ganze Ecke interessanter ist als das Flugzeug im Vorgänger: Mit seiner Ansammlung an müden Angestellten, die sich allesamt flüchtig kennen, bietet er ein schönes Personeninventar und zusätzliche Details, um die Geschichte anzureichern, und dann bildet der Zugthriller natürlich eh ein ganz eigenes Subgenre mit einer eigenen, langen und traditionsreichen Geschichte, das hypnotisch-enervierende Rattern im Hintergrund eine angemessene Tonuntermalung für einen Hochspannungsfilm. Seine Prämisse ist, da sollte man ehrlich sein, ein bisschen gemogelt: MacCauley ist nicht irgendein durchschnittlicher Angestellter, wie zu Beginn angedeutet wird, sondern eben ein New Yorker Ex-Cop von altem Schrot und Korn und mithin durchaus in der Lage, zum einen eine Strategie zu entwickeln, wie er die Herausforderung meistert, zum anderen es mit den Verbrechern aufzunehmen. Das Psychospielchen auf engstem Raum weicht am Ende dem großen Krawumm mit halsbrecherischen Klettereien auf dem fahrenden Zug (wobei ausnahmsweise mal nicht dessen Dach erklommen wird) und entgleisenden CGI-Waggons und mündet natürlich in den Kampf mit einem „überraschenden“ Drahtzieher, der so überraschend nicht ist, wenn man mehr als fünf Thriller gesehen hat. Aber es ist ja auch ein bisschen albern, das zu kritisieren, denn das sind nun einmal die Spielregeln solcher Filme und Collet-Serra ist nicht angetreten, das Rad neu zu erfinden.

Was ihm mit THE COMMUTER (und seinen anderen Neeson-Thrillern by the way) gelingt, ist aller Ehren wert, zumal solche mittelgroß budgetierten Thriller, die sich auf eine Tradition berufen, die viele heutige Filmemacher gänzlich vergessen haben, kaum noch eine Rolle spielen. Ich werde hier auch seine anderen beiden Filme, UNKNOWN IDENTITY und RUN ALL NIGHT besprechen, bei denen all jenen warm ums Herz werden sollte, die mit den zeitgenössischen Franchise-Monstren nicht so richtig glücklich werden und die sich sehnsüchtig an die Filme eines Peter Hyams erinnern – oder an noch weiter zurückliegende Titel.

Unterwassermenschen, die zwischen dekorativ umherschwimmenden Haien, Walen und Rochen mit wallenden Haaren Dialoge über den legitimen König des untergegangenen Reichs Atlantis schwadronieren. Armeen, die wahlweise auf Riesenseepferdchen oder gepanzerten Haien in die Schlacht reiten. Eine Meerjungfrau mit tomatenroten Haaren, die mit ihren Händen das Wasser aus lebenden Körpern saugen kann. Eine bis auf den letzten Platz mit begeistert grölenden Zuschauern besetzte Unterwasserarena über einem gewaltigen, mit Lava gefülltem Krater. Ein Oktopus, der dazu Schlagzeu spielt. Bilder der vergangenen Riesenzivilisation Atlantis, deren Hybris zum Untergang führte, nachdem ihre Bewohner glücklicherweise die Möglichkeit eines neuen Lebens fanden. Ein mit atlantischer Supertechnologie ausgestatter Rächer namens Black Manta. Temuera Morrison als neuenglischer Leuchtturmwächter, Nicole Kidman als Meereskönigin, die sich in ihn verliebt, Dolph Lundgren als aquatisches Gegenstück zu Odin, Willem Dafoe mit Dutt. Und dazwischen ein ganzkörpertätowierter Held mit Rockermähne, Bikerbart und wissendem Grinsen. Viel Vergnügen mit AQUAMAN, der Superheldencomicverfilmung, die all das richtig macht, was bei Marvel mit schöner Regelmäßigkeit vergeigt wird.

Als Vincent Chase, der Protagonist der Serie ENTOURAGE, in deren zweiter Staffel den Titelhelden in der von James Cameron inszenierten Adaption des DC-Comics übernehmen durfte, war das ein Witz: Aquaman, ein blonder Biedermann, dessen Fähigkeit, mit Fischen kommunizieren und besonders gut schwimmen zu können, jetzt nicht unbedingt die beeindruckendste Waffe im Kampf gegen außerirdische Weltbeherrscher und Superverbrecher darstellte, wurde selbst von den größten Comicnerds nie so richtig ernst genommen – und er schien sich daher auch gegen ein cooles Re-Imagining zu sperren. Seine ganze Origin-Story und die Idee eines Unterwasserreiches waren so unabänderlich cheesy und kitschig, was sollte man daraus machen, das auch nur halbwegs ernstzunehmen war? Die Entscheidung der angeschlagenen DC Entertainment, ausgerechnet diesem Helden den nächsten großbudgetierten Eventfilm zu widmen, muss man demnach nicht verstehen. Doch nach Betrachtung möchte ich den Produzenten zu ihrer Entscheidung und ihrem Mut ausdrücklich gratulieren: Sie haben gar nicht erst versucht, gegen Kitsch, cheesiness und die dem Stoff inhärente Deppertheit anzukämpfen, sondern diese Elemente mit offenen Armen empfangen und damit einen Film vorgelegt, der endlich einmal nichts als reine Freude am nackten Unfug zum Ausdruck und damit auch den Spirit der bunt bebilderten „literarischen“ Vorlagen in ebensolchen Bildern auf die Leinwand bringt. Das infantil-beseelte Grinsen war mir während der gesamten Laufzeit ins Gesicht gemeißelt, das Vergnügen, dieses Spektakel mit meinen beiden Kindern sehen zu dürfen, dürfte dieses Jahr nur schwerlich getoppt werden.

Die vollkommen egale Handlung zusammenzufassen, erspare ich mir an der Stelle – der Film macht nie ein Hehl daraus, dass er sich lediglich als Aneinanderreihung geiler Bilder, Set Pieces, Materialschlachten, Sight Gags und gefälliger One-Liner versteht. Aber er kommt im Unterschied zu ähnlichen Werken mit diesem Ansatz davon, weil er eben liefert – und mit Jason Momoa einen Hauptdarsteller an Bord hat, der die Überdosis Charme mitbringt, die es braucht, eine eindimensionale Pappfigur wie seinen Aquaman zum Sympathieträger zu machen. (Er erinnert mich mit seinem Dauergrinsen, das den Eindruck erweckt, er hätte die Zeit seines Lebens und sei vollkommen desinteressiert, diese Freude zu verbergen, etwas an Dwayne „The Rock“ Johnson.) Über James Wan wird gern (auch von mir) gelästert: Die SAW-Reihe ist überaus streitbar, seine Horror-Filme THE CONJURING und INSIDIOUS inklusive der inflationären Pre- und Sequels long on style und short on substance, dafür hat er mit seinem Einsatz für FURIOUS 7 (und einige Jahre zuvor m unterschätzten DEATH SENTENCE) etwas bewiesen, was er auch in AQUAMAN wieder zeigt: dass er ein Händchen für temporeiche Action und ikonische Bilder hat. Die im Rahmen des CGI-Overkills durchaus als physisch zu bezeichnende Hatz durch ein sizilianisches Hafenstädtchen markiert einen Höhepunkt des mit rund 140 Minuten natürlich viel zu lang geratenen Spektakels, das aber trotzdem an einem vorbeirauscht wie ein Intercity.

Wem das alles zu doof, zu unecht, zu substanzlos, zu computerspielartig ist, dem kann ich kaum widersprechen. Ich habe mich bei vergleichbaren Filmen selbst auch schon anders geäußert, die schiere Menge an computergenerierten Bildern moniert, das Fehlen echter Emotionen oder auch nur traditionellen Filmhandwerks betrauert. Auch AQUAMAN ist eigentlich ein reiner Animationsfilm und inhaltlich hat er rein gar nichts zu sagen. Aber, fuck, hat der Spaß gemacht. Wans Film hat all das, was ich an den Filmen des MCU so vermisse: Er lebt von seinen bunten, geilen Bildern, ist geradezu beseelt von den schier grenzenlosen Möglichkeiten, die ihm sein Sujet bietet, berauscht von der Lust an der Schöpfung bonbonbunter Bilder, und kein Stück bereit, sich dabei in Ketten schlagen zu lassen. Er verkneift es sich kluger- und sympathischerweise, seinen Helden als Sprechpuppe für halbgare Aussagen zur Weltpolitik zu missbrauchen und so Relevanz vorzugaukeln. Kein Wunder, dass die Filmkritik, sonst immer schnell zur Stelle, wenn es darum geht, noch den letzten Studioheuler zum antikapitalistischen Manifest hochzujazzen, hier in größter Einigkeit die Keule herausholte. Was natürlich nichts daran änderte, dass AQUAMAN zum überraschenden Superhit mutierte. Mich freut das ungemein. Wenn alle Superheldenfilme so aussähen, ich wäre zufrieden. Ich will mehr Filme, die unter Wasser spielen, mit schwerelos schwebenden Figuren, deren Haare in Zeitlupe in der Strömung wallen und die dabei ganz normal miteinander reden. Ich komme da einfach nicht drüber weg, so geil finde ich das.

bonetoma1Der Versuch, den Western mit dem Horrorfilm zu kreuzen, ist in der Filmgeschichte einige Male unternommen worden. Mehr als ein paar kleine Kuriositäten sind dabei bislang aber leider nicht entstanden. BONE TOMAHAWK ist der jüngste Beitrag zu dieser Tradition und er hat gegenüber vorangegangenen Crossover-Bemühungen schon einmal den Vorzug einer exzellenten Besetzung. Kurt Russell spielt den grummeligen Sheriff Hunt, der mit seinem greisen Deputy Chicory (Richard Jenkins), dem Revolverheld Brooder (Matthew Fox) und dem durch eine Beinverletzung gehandicappten Arthur (Patrick Wilson), dessen Gattin Samantha (Lili Simmons) von einer Gruppe von kannibalistischen Höhlenmenschen entführt wurde, auf Rettungsmission geht. Nach einer beschwerlichen Reise dringen die Männer in das Jagdgebiet der Menschenfresser ein und werden von ihnen blutig erwischt. Ihre Hoffnungen ruhen auf Arthur, den sie nach einer Operation zurückgelassen hatten …

Debütant S. Craig Zahler setzt auf Ruhe und einen langsamen, geduldigen Spannungsaufbau. Nach einen Horrorfilm-typischen Auftakt, der einen Vorgeschmack auf den Schrecken liefert, der den Zuschauer am Ende des über zweistündigen Films erwartet (und David Arquette und Sid Haig als jämmerliche Strauchdiebe aufweist), führt er in aller Ruhe die Protagonisten ein und schickt sie dann auf ihre beschwerliche Reise. Mehr als vom Adrenalin, das die Jäger vor ihrer Schlacht aufpeitscht, von einer unerschütterlichen Kameradschaft, die auch größte Unterschiede zwischen ihnen überwindet, oder von der Aussicht auf männliche heroics wird BONE TOMAHAWK von einem fast greifbaren sense of dread bestimmt, von der nagenden Angst der Männer, die schon viel zu viel gesehen und erlebt haben, um sich noch in gutgelauntem Zweckoptimismus üben zu können. Ihre Reise, das wissen sie, wird für einige von ihnen eine Reise ohne Wiederkehr, echte Hoffnungen darauf, die Entführten überhaupt noch lebend aufzufinden, haben sie nicht, stattdessen wappnen sie sich insgeheim für ein Grauen, das ihre Vorstellungskraft noch übersteigen wird. BONE TOMAHAWK konzentriert sich sehr auf diese Reise, die fast mythologischen Charakter annimmt, an antike Sagen erinnert, in denen sich der Held geradewegs in die Hölle oder ins Totenreich begibt. Und es sind kleine Details, die die Charaktere zum Leben erwecken, mehr als wortreiche Dialoge oder schillernde Zwischenepisoden. Chicory fragt sich vor dem Einschlafen, wie es ihm wohl gelingt, in der Badewanne zu lesen, ohne dass das Buch nass wird. Brooder, ein kaltblütiger Killer, schläft immer etwas abseits vom Rest der Gruppe. Und Arthur durchläuft auf seinem langsam vor sich hin faulenden Bein eine ganz eigene Passionsgeschichte. Wenn die Männer im blutigen Showdown auf die vertierten Kannibalen treffen, löst sich die angespannte Atmosphäre des Films in einem Ausbruch blitzschneller Attacken und bestialischer Gewalt. Die Skalpierung und Halbierung eines bemitleidenswerten Opfers sticht hervor, das Herausschneiden eines mutierten Kehlkopfes mutet dagegen fast schon liebevoll an. Doch echte Befreiung verschafft auch dieses Finale nicht. Sekundenlang wird das Schwarzbild gehalten, bevor die Credits zu laufen beginnen, der letzte Krampf eines Films, der nur von Schmerzen handelt.

Wenn sich die Reaktionen auf BONE TOMAHAWK in Lobeshymnen und eher etwas enttäuschte Stimmen einteilen lassen, falle ich wohl genau dazwischen. Nachdem, was ich gelesen hatte, hatte ich einen stilistisch etwas eigenständigeren, vor allem altmodischeren Film erwartet, mehr Western als Splatter. Zahlers Film ist aber in erster Linie ein moderner Schocker und fügt sich gut ein in die in den letzten Jahren etwas ausgedünnte Riege ultrabrutaler, um Realismus bemühter Horrorfilme. Die Farben sind ausgeblichen und trist, die Stimmen werden kaum einmal erhoben, der Soundtrack wird wenn überhaupt sehr sparsam eingesetzt, verstummt meist ganz. Die Kamera ist eng dabei, wahrt trotzdem Distanz wie ein Kriegsberichterstatter, die Gewalt kommt schnell und heftig, Erklärungen gibt es ebensowenig wie ein lösendes Happy End. Ein sehenswerter Film durchaus, aber doch weit weg von der Neuerfindung des Rades. Der ultimative Western-Horror-Crossover lässt weiter auf sich warten.

Irgendein Musiker, ich weiß nicht mehr, wer es war, hat mal etwas gesagt, das ich bis heute für absolut plausibel gehalten habe: Durchschnittlich begabte Menschen liefern immer mehr oder weniger Durchschnitt ab. Die Unterschiede zwischen ihren besseren und schlechteren Werken sind nur gering. Sogenannte Genies und Meister hingegen liefern am einen Tag ein Meisterwerk ab und am nächsten gelingt ihnen gar nichts. Es liegen Welten zwischen ihren Meisterleistungen und ihren misslungenen Schöpfungen. Nun steht James Wan, Regisseur von u. a. SAW, DEAD SILENCE, DEATH SENTENCE, INSIDIOUS und THE CONJURING ganz gewiss nicht im Verdacht, ein großer Meister zu sein. Stattdessen hat er bislang relativ verlässlich „brauchbare“ Unterhaltungsware abgeliefert, die mal ein bisschen besser (DEAD SILENCE, DEATH SENTENCE, INSIDIOUS), mal ein bisschen schlechter (SAW, THE CONJURING) geraten war. Wenn obige These stimmte, dann hätte es INSIDIOUS: CHAPTER 2 nicht geben dürfen, der eines der bodenlosesten Sequels ist, das ich seit einiger Zeit gesehen habe und mich gestern nicht nur massiv gelangweilt, sondern mit fortschreitender Spielzeit mehr und mehr angenervt hat. Wie dieser stinkende Haufen Dung zu seiner 6,7-Punkte-Wertung auf IMDb kommt, ist mir ein Rätsel. (Ist es natürlich nicht, aber ich glaube eben grundsätzlich an das Gute im Menschen.)

Nach den Ereignissen in INSIDIOUS ist nun also Ehemann Josh (Patrick Wilson) von einem bösen Geist besessen, der im Haus seiner Mutter Lorraine (Barbara Hershey), in der sich die ganze Familie niedergelassen hat, herumspukt. Die Ermittlungen der ebenfalls aus dem ersten Teil reaktivierten Geisterjäger Specs (Leigh Whannell) und Tucker (Angus Sampson) führen in die Vergangenheit: in Joshs eigene, in der er bereits schon einmal von einem Gespenst heimgesucht worden war, aber auch in die eben jenes von ihm Besitz ergreifenden Geistes, der Mutter eines gewissen Parker Crane, der sich nach einer misslungenen Selbstkastration in eben jenem Krankenhaus umbrachte, in dem Lorraine einst ihren Dienst als Krankenschwester verrichtete. Während die Geisterjäger rätseln, wie sie den Spuk auflösen, gerät Josh, der nun selbst psychopathische Züge an den Tag legt, immer mehr in seinen Bann …

Es ist ein Allgemeinplatz, der dadurch jedoch nicht an Gültigkeit verliert: Horrorsequels, die dazu antreten, die „Lücken“ ihres Vorgängers zu stopfen, dem Horror, der doch gerade aus dem Unerklärlichen erwächst, quasi eine Biografie zu geben, unterminieren ihre eigene Grundlage. INSIDIOUS: CHAPTER 2 ist nicht nur kein Stück gruselig oder unheimlich, sondern jederzeit vorhersehbar und zudem gleichermaßen fürchterlich anstrengend und albern in der aufgesetzten Ernsthaftigkeit, mit der er diesen Unfug verkauft. Es ist gar nicht so entscheidend, dass die Antworten, die Autor Whannell und Regisseur Wan auf die Fragen finden, die sich nach dem ersten Teil keiner ernsthaft gestellt hat, durch und durch enttäuschend und egal sind: Allein die Tatsache ihres Versuchs, Erklärungen zu liefern, bedeutet das Scheitern ihres Films, der keinen Raum für Überraschungen lässt, das Beunruhigende jeglicher Potenz beraubt, indem er es in einen logischen Rahmen zwängt. INSIDIOUS: CHAPTER 2 hat ein strukturelles Problem.

Dass ihm aber nicht einmal ein paar brauchbare Schocks oder Gänsehautmomente gelingen, ist schon fast als Skandal zu bezeichnen. Wenn man bereits nach der Hälfte eines Horrorfilms genervt auf die Uhr schaut, ist definitiv etwas schief gelaufen. Die Crux ist natürlich, dass man schon von Anfang an weiß, was man zu erwarten hat. Im Hause Lorraines geht ein rachsüchtiger Geist um, der den Körper von Josh erobern will. Daran, die effektiven scares des Vorgängers zu wiederholen, hat Wan offensichtlich kein Interesse, was grundsätzlich lobenswert ist, nur ist das, was er stattdessen bietet, leider nicht besser. Ab und zu huscht sehr erwartbar ein Gespenst im Hintergrund durchs Bild, immer und immer wieder geht dieses nervtötende Babyspielzeug von allein los, so als sei Krach die Lösung aller selbst verursachten Probleme. Und schließlich dieser Irrglaube, der Spuk würde unheimlicher, wenn man wüsste, wie er anno dunnemals seinen Anfang nahm. Die Verrenkungen, die das Drehbuch nimmt, um irgendwie noch etwas zu erzählen zu haben, wo doch eigentlich nichts mehr hinzuzufügen ist, spiegeln sich auch im Kleinen: Da gibt es diese Szene, in der der mittlerweile bösartige Josh mit der Hand hinter dem Rücken vor einem der Parapsychologen steht. Es ist schon vorher völlig klar – dem Zuschauer wie dem Geisterjäger –, dass Josh Übles im Schilde führt und auch, was er da hinter dem Rücken halten könnte, gibt keinerlei Rätsel auf. Trotzdem nehmen Whannell und Wan dies zum Anlass für eine vollkommen ins Leere schießende Suspenseszene, die bestenfalls ein geplagtes Stöhnen hervorruft: „Was trägst du da hinter dem Rücken?“, fragt der Geisterjäger begriffsstutzig. „Frag‘ doch deine Würfel!“, gibt Josh zurück. Der Geisterjäger wirft daraufhin gerhorsam seine Buchstabenwürfel und mit bedeutungsschwangerem Tamtam fängt die Kamera das Wort ein, das sie bilden: „Knife“. So geht Horror für Lernbehinderte. Am Schluss feiert auch das Medium Elise Rainier (Lin Shaye) seine Rückkehr, jene Frau, die Josh schon als Kind „behandelte“ und die in INSIDIOUS von ihm – bzw. von dem Geist, der von ihm Besitz ergriffen hatte – umgebracht worden war. Anstatt das einfach so stehenzulassen, schließlich befinden wir uns in einem Horrorfilm, in dem man die Anwesenheit eines Geistes durchaus akzeptieren kann, müssen Whannell und Wan noch klarstellen, dass die liebe Frau mitnichten im düsteren „further“, dem Zwischenreich rachsüchtiger Geister, herumspuken muss. Nein, versichert sie ihren beruhigt aufatmenden Ex-Assistenten, sie komme von einem schönen Ort und werde nach getaner Arbeit auch dahin zurückgehen. Na gottseidank, dass das mal klargestellt wurde.

Das ganze Versagen von INSIDIOUS: CHAPTER 2 wird jedoch nirgends so deutlich wie im obligatorischen Cliffhanger, mit dem hier noch ein weiteres Sequel, man kann es nicht anders sagen, angedroht wird. Wieder einmal besucht Elise das Haus, in dem sie einen Geist vermutet, wieder einmal fährt die Kamera unheilschwanger an das Gesicht der hübschen Tochter heran, wird mit anschwellendem Dröhnen suggeriert, etwas lauere hinter ihr. Und wieder einmal zeigt der Gegenschuss das Gesicht Elises, das wieder einmal signalisiert, dass das, was sie da jetzt sieht, aber wirklich das absolut Schlimmste ist, mit dem sie je konfrontiert wurde. Ich gönne ihr ihre Affektivität, wirklich, nur ist die Diskrepanz zwischen ihrem Erleben und meinem nach dem Durchleiden von 105 Minuten fußlahmer Mystery absolut frappierend. Ich war während dieser Szene schon auf halbem Weg zum Fernseher, um den Film endlich ausschalten zu können.

 

 

Familie Lambert – Mama Renai (Rose Byrne), Papa Josh (Patrick Wilson), die Söhne Dalton (Ty Simpkins), Foster und ein Neugeborenes – richten sich gerade in einem neuen Haus ein. Nach wenigen Tagen stürzt Dalton beim Spielen auf dem Dachboden, wacht am nächsten Morgen nicht aus dem Schlaf auf. Die Ärzte sind ratlos: Es gibt keinerlei physische Ursache für seinen Zustand. Während die Eltern darauf warten, dass ihr Sohn erwacht, geschehen seltsame Dinge. Renai spürt die Präsenz von etwas Bösem im Haus und kann Josh schließlich dazu überreden, wieder auszuziehen. Doch im neuen Haus angekommen, geht der Spuk mit unverminderter Inensität weiter. Die durch einen Kontakt von Joshs Mutter Lorraine (Barbara Hershey) hinzugezogene Parapsychologin erkennt das Problem: Es ist nicht das Haus, sondern Sohn Dalton, der „bespukt“ wird …

Vor dem reichlich aufgeblasenen, aber megaerfolgreichen THE CONJURING inszenierte James Wan diesen Mystery-Grusler mit den Produzenten der PARANORMAL ACTIVITY-Reihe. Deren Einfluss macht sich vor allem während der ersten beiden Drittel durchaus positiv bemerkbar: INSIDIOUS ist zwar kein Found-Footage-Film, etabliert formal aber jenen zurückhaltend beobachtenden, quasidokumentarischen Blick, der dieses Subgenre auszeichnet und mit sachlicher Bildsprache und unterkühlter Farbpalette einhergeht. INSIDIOUS wirkt trotz unvermeidlicher Hollywood-Klischees – die Mama, die wegen der Kinder nicht zu ihrer künstlerischen Arbeit kommt, der emotional zurückgenommene Papa, der sich in seine Arbeit stürzt, anstatt sich mit den immer größer werdenden Problemen zu Hause auseinanderzusetzen – authentisch, sodass man als Zuschauer gern dazu bereit ist, die übersinnlichen Geschehnisse für bare Münze zu nehmen. Die ersten, frühen Schocks sind immens effektiv: Wan steigert die Spannung langsam und allmählich und ohne großen Geisterbahn-Hokuspokus. Mit dem bei mir überaus beliebten Albtraum-Klassiker stumm und reglos zurückstarrender, bestenfalls diabolisch grinsender Gestalten ruft er mehrfach dieses elektrische Prickeln im Nackenbereich hervor, das als Beleg gelten für seinen Erfolg gelten darf.

Über das Prädikat „nett“ kommt INSIDIOUS letzten Endes dennoch nicht hinaus, aller guten Ansätze zum Trotz: Irgendwann muss sich das diffuse Graue  konkretisieren und Gestalt annehmen, die übliche Dramaturgie einsetzen, mit Eltern, die Hilfe bei nerdigen Parapsychologen suchen, anfängliche Zweifel überwinden und sich schließlich mit zu erwartenden Tamtam dem Spuk stellen. War INSIDIOUS bis dahin geschickt in seinen Methoden, etwa im Einsatz von Kamera und einlullenden Ruhepausen, die den Eindruck der folgenden Schocks ins Unermessliche steigerten, so gibt er sich jetzt ganz dem Kintopp hin. Da fängt der Protokollant einer Seance plötzlich an, im besessenen Tempo die Unflätigkeiten zu Papier zu bringen, die der böse Geist in seine Richtung spuckt, muss der Papa sich seinen eigenen Dämonen stellen und in die Jenseitswelt reisen, aus der sein Sohn nicht zurückkommt, entpuppt sich der böse Geist mit der feurigen Grimasse und den Klauenhänden – eine schaurig-schöne Kreation – als „Lipstick-Face Demon“, der zu alten Burlesque-Songs Frauenkleider näht. Ich möchte INSIDIOUS mit dem Vorwurf homophober Motivik nicht unbedingt wichtiger machen als er ist, aber ein Geschmäckle hat diese „Auflösung“ schon. Bleibt am Ende ein gut gemachter Grusler, der seinen Zweck erfüllt, zwar deutlich über dem traurigen Durchschnitt liegt, in ein paar Jahren aber trotzdem nur als einer von Vielen erinnert werden wird.

Wenn man den englischen Wikipedia-Eintrag zu THE CONJURING und vor allem den Absatz zu seiner Produktionsgeschichte durchliest, könnte man meinen,  es mit einem Film nationaler Bedeutung zu tun zu haben. Er basiert auf Aufzeichnungen des Ehepaars Warren, die als „Paranormal Investigators“ mehrere Fällen von häuslichem Geisterbefall bearbeitet hatten. Die Hauptdarsteller Vera Farmiga und Patrick Wilson besuchten zur Recherche das Geisterjägerehepaar, und ich wette, dass sich im Bonusmaterial der unverzichtbare Hinweis findet, dass auch die Dreharbeiten immer wieder von seltsamen Vorkommnissen gestört wurden. Die Bemühungen, den besonders schweren Fall der Familie Perron in einen Film umzuwandeln, begannen angeblich bereits in den Neunzigerjahren, bevor sie 20 Jahre später endlich Früchte trugen. Der sensationelle Erfolg von THE CONJURING, der bei einem Budget von knapp 20 Millionen Dollar über 300 Millionen Gewinn einspielte (und bekanntlich bereits ein Sequel nach sich zog), gibt dem Produzententeam Recht und lässt erahnen, welcher Reiz vom alten Spukhausmotiv für das Publikum immer noch ausgeht, wie viele Menschen an die Existenz von Geistern und Dämonen zu glauben scheinen. Für mich ist gerade die Ernsthaftigkeit, mit der James Wan seine  Geschichte inszeniert, einer seiner Schwachpunkte: THE CONJURING ist zwar sauber gemachtes, dann und wann effektives Achterbahnkino, gerät aufgrund jeglichen Mangels an Distanz zu seinem Thema und Reflexion darüber aber teilweise entweder unfreiwillig komisch oder ärgerlich katholisch.

Vor ein paar Wochen gab es auf Facebook eine kleine Diskussion über POLTERGEIST und die Frage, ob dieser „gut gealtert“ sei. Rajko Burchardt, seines Zeichens großer Spielberg-Verehrer, sagte in dieser Diskussion etwas, woran ich bei THE CONJURING zwangsläufig denken musste: Er behauptete, die kiffende Familie aus POLTERGEIST sei in den heutigen Haunted-House-Filmen und dem „James-Wan-Schmarrn“ undenkbar. Nun ist es sicherlich nicht die Abwesenheit von Rauschmitteln, die THE CONJURING zu einem durch und durch konservativen Film macht, aber in diesem kleinen Detail zeigt sich eben der Unterschied zwischen einem intelligenten Film wie POLTERGEIST und einem Wegwerfprodukt wie THE CONJURING: Während sich Spielbergs bzw. Hoopers Film mit weißer Mittelklassenschuld auseinandersetzt, der Spuk das Resultat von Profitstreben und Respektlosigkeit ist, der seinen Weg über das Fernsehen und damit genau den Weg nimmt, auf dem sich White Suburbia am besten einnehmen lässt, ist es in THE CONJURING eine lediglich singuläre in der Vergangenheit angehäufte Schuld, die das brave Familienidyll ganz wilkürlich zu zerstören droht und am Ende durch die Opferleistung der messianisch-puritanistisch gezeichneten Warrens gebannt wird. Man sehe sich nur mal die Entsprechung der Warrens in POLTERGEIST an: ein zwergenhaftes, schrulliges Medium und ein paar Studentennerds, die das befallene Haus in erster Linie dazu beziehen, um die Befürchtungen der Protagonisten zu zerschlagen. THE CONJURING gönnt sich hingegen eine für die zentrale Geschichte völlig unbedeutende Umleitung, bloß um zu zeigen, welches Opfer die Warrens auf sich nehmen, um die Erde als Filialleiter Gottes von bösem Treiben zu befreien. Da werden erst einmal Kreuze verteilt, die Tatsache, dass die Kinder der Perrons nicht getauft sind, mit besorgtem Strinrunzeln quittiert, Hilfegesuche an den Vatikan geschickt und der Spuk am Ende durch die endlose Liebe der Mama zerschlagen. Man muss James Wans Film deswegen nicht schlecht finden, denn in der Kreation unheimlicher Momente beweist er einiges Geschick, verzichtet weitestgehend auf nervige, glattgebügelte CGI und kann vor allem auf ein enorm effektives Sounddesign zurückgreifen. Geistergläubige nehmen aus dem Film immerhin noch die wichtige Erkenntnis mit, dass man sich vor spottbillig rausgehauenen Immobilien hüten sollte. Aber wenn man, wie ich, nicht an Gespenster glaubt, verpufft ein Großteil der aufgebrachten Energie relativ folgenlos und es gibt nur wenig, was einen über das Finale hinaus noch bewegen würde. Mein Fazit lautet damnach: Nett, aber ebenso spießig wie seine Figuren.