Mit ‘Paul Dano’ getaggte Beiträge

Ein beliebter Texteinstieg, wenn man nicht weiß, wie man anfangen soll: Erwähnen, dass Quentin Tarantino den betreffenden Titel irgendwann mal gelobt hat oder gar zu seinen Lieblingsfilmen zählt.  Case in point KNIGHT AND DAY, der mal in irgendeiner Tarantino-Liste mit den beszen Filmen des Jahrgangs oder des Jahrzehnts auftauchte. Was in doppelter Hinsicht eine Überraschung war, schließlich hatte man KNIGHT AND DAY bei Erscheinen als maximal uninteressantes Cruise-Vehikel abgetan und außerdem nie gedacht, dass ausgerechnet der auf Abseitiges und Schrundiges abonnierte Tarantino eine solche Hochglanz-Produktion mit seinem Urteil adeln würde.

Wenn man sich den Film anschaut, ist die Zuneigung gleich um Einiges verständlicher, auch wenn ich nicht ausschließen möchte, dass Kalkül hinter der Nominierung steckte, dass es Tarantino eben auch um den Überraschungseffekt ging. KNIGHT AND DAY ist eine selbstreferenzielle Actionkomödie mit romantischen Untertönen: Mangold schwebte vermutlich eine Art actionreicher Hommage an die eleganten Screwball-Komödien der Dreißigerjahre oder auch die bunten Romanzen vor, die Rock Hudson in den Fünfzigerjahren mit Gina Lollobrigida oder Doris Day zu machen pflegte. Tom Cruise fungiert in der Rolle des stets souveränen und charmanten, dazu unüberwindlichen Superagenten Roy Miller als eine Art Parodie auf sein eigenes Image, während Cameron Diaz als Zivilistin June Havens in seinen Bannkreis und einen wüsten Agentenkrieg gezogen wird. Sie verfällt ihm nicht nur mit Haut und Haaren, sie wächst auch zu einer annähernd gleichwertigen Partnerin heran, die den Spieß im Epilog des Films schließlich herumdreht.

Wie schon häufiger geschrieben, fußt der romantische Agentenfilm nicht zuletzt auf der Idee, dass Liebe die Fortsetzung der Spionage mit anderen Mitteln ist. Auch in der Liebe und den ihr vorangehenden Balzritualen geht es darum, den anderen zu verführen, ihm etwas vorzuspielen oder auch Details zu verheimlichen. Man benutzt Tricks, um sich attraktiver erscheinen zu lassen, manchmal lügt man vielleicht sogar und wenn man etwas offenbart, sucht man dafür stets einen taktisch klugen Zeitpunkt. Mangold treibt diese Idee auf die Spitze muss die beinahe magnetische Anziehungskraft seiner Hauptfiguren dank der überirdisch scheinenden Attraktivität seiner Stars gar nicht erst lang einführen. Vor allem die erste Hälfte des Films ist ein Gedicht, unschlagbar im Timing, witzig, geistreich und spritzig – also eigentlich ganz anders, als man es von einer solchen millionenschweren Unternehmung erwartet. Auch die Actioneinlagen sind fulminant, bisweilen grotesk übertrieben, aber immer mit dem tänzerische Aspekt im Hinterkopf. Und Cruise hat ganz offenkundig Riesenspaß daran, sich über sein eigenes Superman-Image lustig zu machen.

Aber wenn ich auf seine Partnerin zu sprechen komme, bedeutet das auch, über die Kehrseite der Medaille zu sprechen. Cameron Diaz ist gut, das ist es nicht, aber für sie bleibt in diesem Film bis zum Ende die ziemlich undankbare Rolle der hilflosen, ganz auf den makellosen Kerl an ihrer Seite angewiesenen damsel in distress. Gleich zwei oder sogar dreimal wird sie von Miller betäubt, um ihm nicht weiter zur Last zu fallen bzw. geschützt zu werden und wenn sie sich dann einmal wehrt oder beweist, folgt sofort die Validation durch ihn. Sie ist so verknallt in ihn, dass sie sich kaum noch über etwas anderes definieren kann. Der Film ist sich dieser problematischen Rollenverteilung durchaus bewusst, aber anstatt sie aufzubrechen oder diese Tatsache auch nur zu kommentiere, bestärkt er sie. Ich hatte bisweilen den Eindruck, Mangold sehne sich nach einer Zeit zurück, in der eine Frau den Mann noch hemmungslos anhimmeln konnte und damit vollkommen ausgelastet war. Der Schlussgag deutet wie oben erwähnt an, dass June den Spieß herumdreht, aber das ist eher ein Gag als eine wirkliche Kehrtwende hin zu einer gleichberechtigten Beziehung. June findet es, glaube ich, ganz cool, dass sie einen Ritter an der Seite hat, der sie auffängt, wenn sie einen Ohnmachtsanfall erleidet.

Trotz vieler positiver Reaktionen von Bekannten, die ich für verlässlich halte, war ich skeptisch: Der Trailer von SWISS ARMY MAN sah zugegebenermaßen toll aus und entlockte mir das ein oder andere Lachen, aber den Verdacht, dass sich der Film als gimmickiges Novelty-Vehikel mit nur beschränkter Halbwertzeit entpuppen würde, konnte er nicht völlig entkräften. Daniel Radcliffe als Leiche mit Superfähigkeiten, mit denen ein auf einer einsamen Insel Gestrandeter sich am Leben erhält: Das roch nach einem auf Spielfilmlänge gestreckten Sketch. Und wahrscheinlich ist das auch der Ursprung von SWISS ARMY MAN: Im Bonusmaterial gestehen die Regisseure, dass ihr Film mit der Idee einer furzenden Leiche begann. Ihnen ist dann zum Glück noch etwas mehr eingefallen, aber grundsätzlich ist das eine treffende Beschreibung des Inhalts: Es geht um die Freundschaft eines Schiffbrüchigen mit einer furzenden Leiche, die ihm das Leben rettet. Das Schöne an SWISS ARMY MAN ist, dass der Film als auf diesem Gag basierender skurriler Bilderbogen funktioniert, aber dass man auch mehr in ihm sehen kann, ohne dass er darüber seinen infantilen Witz verlieren würde. Die Befürchtung, dass die beiden Daniels einen hoffnungslos ephemeren FIlm gedreht haben, erweist sich als unbegründet: Nicht weil SWISS ARMY MAN irrsinnig bedeutungsvoll wäre, sondern weil seine Leichtigkeit eine seiner großen Stärken ist.

Am Anfang fahren ein paar aus leeren Flaschen und Getränkepackungen gebastelte Bötchen auf dem offenen Meer an der Kamera vorbei. Die kontinuierlich komplexer werdenden Konstruktionen machen die Botschaft, die auf eines von ihnen gekritzelt ist, beinahe redundant: „Ich langweile mich“, steht darauf. Eine erstaunliche Aussage eines Mannes, der auf einer einsamen Insel gestrandet um sein Überleben ringt. Aber sie ist charakteristisch für die in SWISS ARMY MAN zum Ausdruck kommende lakonische Sicht auf das Leben – und das erste Anzeichen dafür, dass das, was der Zuschauer im Folgenden sieht, nicht immer das ist, was tatsächlich passiert. Zunächst aber ist der Verfasser der Botschaften, ein junger Mann namens Hank (Paul Dano), tatsächlich ein moderner Robinson Crusoe, der seinen Freitag just in dem Moment trifft, in dem er sich aus Verzweiflung das Leben nehmen will: Plötzlich liegt da der Körper eines Mannes (Daniel Radcliffe) in der Brandung, der sich bei näherer Begutachtung als tot herausstellt. Die Enttäuschung weicht bald der amüsierten Verwunderung, als dem leblosen Körper heftige Blähungen entweichen. Und die nutzt Hank schließlich als eine Art Außenbordmotor: Auf dem Körper des Toten rast er über das Meer und landet schließlich an einer nicht mehr ganz so öd aussehenden Küste. Plötzlich scheint die Möglichkeit der Rettung nah. Und mit der Leiche, die sich bald als „Manny“ vorstellt, gar nicht mehr so tot ist und zahlreiche weitere nützliche Fähigkeiten zeigt, ist die ganze Situation viel leichter zu ertragen.

SWISS ARMY MAN ist die Geschichte einer sprichwörtlich wunderbaren Freundschaft. Hank überwindet die Einsamkeit, indem er eine Persönlichkeit für den Toten erfindet, mit ihm Gespräche führt und sich gemeinsam Freizeitbetätigungen ausdenkt. Am Ende erweist sich vor allem Hank als nicht ganz der, der er zu sein vorgab: Hinter seinem traurigen, aber auch etwas ausdruckslosen Gesicht verbirgt sich ein Drama, das der Film aber nie vollständig aufdeckt. Vieles, was im Film eine prominente Rolle spielt, scheint seinem Wahn zu entspringen, aber es wird keine saubere Grenze gezogen. SWISS ARMY MAN lässt sich nicht lückenlos auflösen wie ein raffiniertes Puzzlespiel. Und das ist gut so, weil der Film nicht zuletzt von der Fähigkeit des Menschen handelt, sich zu wundern, zu staunen, Schönheit zu finden im Banalen und Alltäglichen. In seinen besten Szenen erinnert SWISS ARMY MAN an die Filme von Spike Jonze, an den DIY-Charme, den sie gleichermaßen feiern, wie sie von ihm beatmet sind. In einer ausgedehnten Sequenz baut Hank seinem toten Freund einen Bus aus Ästen und Müllteilen, um die tägliche Begegnung mit einem hübschen, unbekannten Mädchen nachzustellen. Er bastelt sogar eine am Fenster entlanglaufende Spule mit Fotos, mit der er die Fahrt simuliert und dem Freund so zeigt, wie schön es ist, einfach nur auf die vorbeiziehende Welt zu schauen. Oder er stellt mithilfe von Stockpuppen und einer vom Feuerschein beleuchteten Plane berühmte Kinofilme für ihn nach. Das Titelthema von JURASSIC PARK wird intoniert und es ist ganz klar: Wenn man diesen Film nicht gesehen hat, hat man eigentlich nicht gelebt. Natürlich lernt Hank auch selbst etwas im Austausch mit der Leiche: Zum Beispiel, dass es gut ist, sich von gesellschaftlichen Zwängen nicht beherrschen zu lassen. Ein ihm am Ende entfleuchender Furz ist der große Durchbruch, den er wie einen großen Triumph feiern darf. Das ist gnadenlos albern, aber – und das ist doch eine ziemliche Leistung – auch einfach sehr schön.

Es gibt sie also doch noch, die Genrefilme, die nicht irgendwelchen Trends, sondern nur sich selbst verpflichtet sind. Filme, die keine hirnrissigen Konzepte, ausgeklügelte Prämissen oder überkandidelten Effekte benötigen, um den Zuschauer für die Dauer von 150 Minuten in ihren Bann zu schlagen. Denen das vielmehr allein mit einer packenden Geschichte, exzellenten Charakterzeichnungen und ebensolchen Darstellerleistungen gelingt. Die über einen ausgefeilten visuellen Stil verfügen, der aber im Dienst des Ganzen steht, anstatt dieses zu überragen. Die einen das ganze Spektrum menschlicher Gefühlsregungen durchlaufen lassen, ohne dabei den Verstand zu vernachlässigen. Die uns an unsere eigenen Abgründe führen, uns aber nicht brutal hineinstoßen, sondern uns liebend umfangen. Filme wie Denis Villeneuves meisterlichen PRISONERS.

Für den zweifachen Vater und liebenden Ehemann Keller Dover (Hugh Jackman) bricht eine Welt zusammen, als seine Tochter während eines Thanksgivingsday-Besuchs beim befreundeten Ehepaar Birch (Terrence Howard & Viola Davis) gemeinsam mit dessen Jüngster spurlos verschwindet. Nur ein heruntergekommenes Wohnmobil, das die Aufmerksamkeit der beiden Mädchen auf sich gezogen hatte, nun aber verschwunden ist, gibt einen möglichen Hinweis auf ihren Verbleib. Der Polizeibeamte Detective Loki (Jake Gyllenhaal) bekommt den Fahrer des Vehikels schnell in seine Hände: Es ist der zurückgebliebene Alex Jones (Paul Dano), aber es finden sich keinerlei Hinweise darauf, dass er den Mädchen etwas angetan haben könnte. Keller ist jedoch überzeugt, dass Jones etwas weiß, und aufgebracht, als er erfährt, dass er wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Er entführt den jungen Mann und sperrt ihn in einem leerstehenden Gebäude ein, um ihn dort gemeinsam mit Franklin Birch solange zu foltern, bis er ihnen verraten hat, wo die Mädchen zu finden sind. Während sich die beiden ohne Ergebnis an ihm abarbeiten, kommt Loki einem weiteren Verdächtigen auf die Schliche …

PRISONERS befasst sich zunächst sehr eindringlich und differenziert mit dem Thema „Selbstjustiz“: Dass Kellers Handeln, die sadistische Grausamkeit, mit der er sich an Jones vergreift, nicht nur aus juristischer, sondern auch aus moralischer Sicht falsch ist, daran lässt Villeneuve keinen Zweifel. Trotzdem bringt er Verständnis für den Mann auf und macht nachvollziehbar, wie es zu seiner Tat kommen konnte. Er ist ein Mann, der seinem Sohn predigt, immer auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, stets mit dem Schlimmsten zu rechnen und sich dafür zu wappnen, alles, was einem heilig ist, mit dem Leben zu verteidigen. Und dann schlägt das Schicksal mit äußerster Härte zu und erwischt ihn, dessen Keller für die Postapokalypse ausgestattet ist, ohne ihm überhaupt eine Chance zum Kampf zu bieten. Wenn er Jones überfällt und verschleppt, ihn ausdauernd verhört und verprügelt, bis er merkt, dass er zu drastischeren Maßnahmen greifen muss, wird seine ganze Hilflosigkeit sichtbar. Er will das nicht tun. Aber er ist nicht in der Lage, in die Passivität zu verfallen und auf die Polizei zu hoffen, weil ihm eingetrichtert wurde, dass er selbst für seine Interessen eintreten muss. Dieser Mann ist ein absolut lebendiger, facettenreicher Charakter, keine Schablone, die danach geschnitten wurde, bloß eine Botschaft zu übermitteln. Zu Beginn, wenn er seinen Sohn erst dazu anleitet, sein erstes Reh zu schießen, ihm dann bei der Rückfahrt im Pick-up die oben skizzierte Rede hält, habe ich ihn für einen typischen Redneck-Charakter gehalten. Doch dann stellen sich seine besten Freunde als durch und durch bürgerliche Afroamerikaner heraus und das Bild, das ich mir voreilig zurechtgezimmert hatte, fiel in sich zusammen. Villeneuve hält seinen Film mit solchen Überraschungen nicht nur spannend, er vermeidet auch die allzu leichten Antworten. Als der an seiner Tat leidende Franklin seine Gattin über das gemeinsame Folterprojekt in Kenntnis setzt, beendet die den Spuk nicht etwa, sondern hält Keller dazu an, weiterzumachen: Auch sie kann die schwindende Hoffnung, dass Jones etwas zu verbergen haben könnte, nicht gänzlich fahren lassen. Villeneuve bestätigt den Verdacht Kellers schließlich, dennoch rechtfertigt er damit nicht dessen Tat. Am Ende fließen all diese verzweifelten Handlungen in eine unerbittliche Kausalkette ein, die viele Jahrzehnte zurückreicht, ein trauriges Monument für die Schwäche und die Anfälligkeit des Menschen. Wenn es ihm ans Leben geht, sind Jahrtausende von Sozialisation und Zivilisation dahin und er zeigt unerbittlich seine Zähne. Er ist schwach.

Mehr als nur um Selbstjustiz geht es in PRISONERS aber überhaupt um Gewalt, darum wie sie von Generation zu Generation weitervererbt wird, wie der Druck damit immer weiter ansteigt, bis er schließlich nicht mehr auszuhalten ist. Es ist kein Zufall und nicht nur ein Mittel zur einfachen Affektbindung, dass es ausgerechnet um Kindesmissbrauch geht. Villeneuve wirft ein sehr kritisches Auge darauf, wie in unserer Welt mit Kindern umgegangen wird. Und er zeigt, dass Kinder, die unter Gewalt zu leiden hatten, selbst anfällig dafür werden, Gewalt gegen Schwächere anzuwenden. Es gibt mehrere solcher Missbrauchsopfer im Film, fürs Leben gezeichnete, bemitleidenswerte Geschöpfe, und alle mit einer ungesunden Fixierung auf Kinder. Aber auch Keller, ohne Zweifel ein guter Vater, ist ein gutes Beispiel dafür, welche Defekte Erziehung verursachen kann, selbst wenn sie nicht gegen Gesetze verstößt. Die Worte seines Vaters haben unauslöschliche Spuren in ihm hinterlassen und die Eskalation, die PRISONERS zeigt, erst ermöglicht. Und er gibt seines Vaters Botschaft seinerseits an seinen Sohn weiter, der in Zukunft auf seine Art und Weise damit umgehen wird. Wir erfahren nicht, was mit Loki ist. Aber in seinem linkischen Verhalten, der brüterischen Versessenheit, mit der er sich in seinen Fall hineinsteigert, der Zögerlichkeit, mit der er auf private Fragen reagiert, und der Wut, die ihn überfällt, wenn er nicht weiterkommt, meine ich auch bei ihm eine verräterische Verwundbarkeit erkannt zu haben. Vielleicht kann er sich mit den verschwundenen Mädchen auch deshalb so gut identifizieren, weil er selbst unschöne Erfahrungen gemacht hat? Es wird nie explizit, aber die durch und durch bedrückende Atmosphäre, die Villeneuve erzeugt, begünstigt solche Spekulationen. Die herbstlich-schmuddelige Tristesse und die  graue Gesichtslosigkeit der Settings erzeugen in Verbindung mit der langsam kriechenden Kamera, den forsch hingestellten Totalen und dem klagenden Score eine Stimmung allumfassender Traurigkeit, die den singulären Fall, um den es geht, weit überschreitet. Die ganze Welt ist aus den Fugen geraten und man kann am Ende nur ahnen, wie tief sich die im Zentrum stehenden Verbrechen in das Erbgut der Kleinstadt, in der der Film spielt, eingefressen haben. No one here gets out alive.

(Kurze Bemerkung zum Schluss: Jackman und Gyllenhaal sind wirklich grandios in PRISONERS, füllen jede Nuance ihrer vielschichtigen Charaktere mit Leben aus, aber noch mehr beeindruckt hat mich Terrence Howard. Er hat keine große Rolle und bekommt auch nicht irrsinnig viel Gelegenheit zu brillieren, aber er schafft es, so in seiner Figur, einem mittelständischen, durchschnittlichen Familienvater, zu versinken, dass ich ihn erst in der Mitte des Films überhaupt erkannt habe. Ihm ist dieses Kunststück ganz ohne angefressenes Körperfett oder gesundheitsschädigende Magerkur, ohne lustiges Toupet oder Nasenattrappe gelungen – oder was Maskenbildner sonst noch so auffahren, um Menschen ein anderes Gesicht zu verleihen –, ganz allein durch sein Spiel. Diese Leistung, in einem kleinen, im Grunde genommen undankbaren Part ganz und gar aufzugehen, so sehr, dass die eigene Prominenz dahinter verschwindet, finde ich fast noch bemerkenswerter als mit großen, herausfordernden Rollen zu triumphieren.)

 

 

 

Für F.LM – Texte zum Film habe ich WEAPONS rezensiert, ein desillusionierendes Jugendkriminalitäts-Drama, das in der „Edition Störkanal“ von I-On New Media erscheint. Ein Film, an dem ich zwar einiges zu kritisieren habe, der seinen Regisseur aber dennoch als hoffnungsvolles Talent positioniert, auf dessen künftige Filme man durchaus gespannt sein darf. Vielleicht sind die dann auch etwas weniger eindimensional als WEAPONS, den man als Kreuzung aus Larry Clarks KIDS und MENACE II SOCIETY bezeichnen könnte, die mit den erzählerischen Mitteln von Filmen wie IRREVERSIBLE oder C’EST ARRIVÉ PRÈS DE CHEZ VOUS operiert – freilich ohne deren Klasse zu erreichen. Meinen Text findet ihr hier.