Mit ‘Paul Glickler’ getaggte Beiträge

Im Zuge meiner Recherchen zum Teenie-Sexfilm bzw. zur zotigen Teenie-Komödie bin ich – das ist ja das Schöne daran, wenn man versucht, sich ein Genre zu erschließen – auf viele interessante Titel gestoßen, die mir vorher völlig fremd waren. THE CHEERLEADERS ist einer dieser Titel, und wieder einmal muss ich erkennen, wie wenig zuverlässig die traditionelle Filmgeschichtsschreibung ist. Zwar kann ich nicht so weit gehen, Glicklers Film als „vergessen“ zu bezeichnen, schließlich wurde er in den USA auf Blu-ray wiederveröffentlicht und ist sogar im Streamingangebot diverser deutscher Anbieter zu finden (in Deutschland erschien der Film mit einiger Verspätung unter dem pittoresken Titel FANS – FANS – FANS – RUNTER MIT DEN PANTS), aber ich wage doch einmal zu behaupten, dass sein heutiger Bekanntheitsgrad in keinem Verhältnis zu dem Erfolg steht, der ihm bei seinem initialen Kinoeinsatz zuteil wurde. Paul Glickler, dessen vorletzter von nur vier Filmen dies war und der sich 1980 mit dem sehr passablen Actiondrama RUNNING SCARED verabschiedete, schuf mit einem Budget von nur knapp 150.000 Dollar ein kleines Phänomen: THE CHEERLEADERS erwirtschaftete mit seiner munteren Mischung aus Humor und (gar nicht mal so) softem Sex satte 2,5 Millionen – und diese Zahl stammt aus dem Jahr 1974, stellt also nur die Spitze des Eisberges dar: In seinem Buch „Teen Movie Hell“ schreibt Autor McPadden, THE CHEERLEADER habe mittlerweile die 150-Millionen-Marke geknackt, was ich aber leider nicht verifizieren kann. Denkbar ist es jedenfalls. Bei den IMDb-User-Reviews, die ich sonst meide wie der Teufel das Weihwasser, findet sich auch ein schöner Eintrag eines ehemaligen Kinobetreibers aus dem mittleren Westen, in dessen Laden THE CHEERLEADER zu Beginn des Jahres 1974 einen Kassenrekord aufstellte, der dann später von Friedkins THE EXORCIST eingestellt wurde. Der Film traf ganz offensichtlich einen Nerv und fungierte gerade in ländlicheren und konservativeren Gegenden als Publikumsmagnet, das den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zauberte, wie der Schreiber des Reviews glaubhaft vermittelt.

Einen nicht unbeträchtlichen Anteil an der Freude dürften die nackten Tatsachen gehabt haben, mit denen THE CHEERLEADERS nicht gerade geizig umgeht. Glicklers Film ist den Sexfilmchen, die in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren auch deutsche Kinogänger beglückten, nicht unähnlich, strukturell und auch in seiner Zeigefreude nicht allzu weit weg vom noch handfesteren Porno, ohne jedoch ganz explizit zu werden. Zwar erinnert sich der oben zitierte Kinobesitzer aus dem schönen Ohio an ein X-Rating (im Widerspruch zum nebenstehenden Poster), aber das hinderte offensichtlich niemanden, sein Ticket zu lösen, im Gegenteil. THE CHEERLEADERS bot Kinogängern im Jahr 1973/74 aber nicht nur schlüpfriges, gänzlich oberflächliches Entertainment, er hinterließ Spuren: Er darf heute, zusammen mit den Strandparty-Filmen der Sechzigerjahre, die Samuel Z. Arkoffs AIP mit großem Erfolg produzierte, als einer der wesentlichen Vorläufer der Teenie-Sexkomödie angesehen werden, die dann zur nächsten Dekade mit Titeln wie ESKIMO LIMON oder PORKY’S zum Massenphänomen avancierte. Diese Filme machten Heranwachsende zu Protagonisten und ihre größte Sorge zum Hauptantrieb: Alles drehte sich darum, die eigene Jungfräulichkeit zu verlieren, sich möglichst wenig Gedanken um den vermeintlichen Ernst des Lebens zu machen und aus jeder Sekunde des Lebens das Maximum an sinnlosem Spaß herauszupressen. Rückblickend kann man die Teeniefilme aus jener Zeit als letztes Aufbäumen vor der totalen Vereinnahmung durch den Neoliberalismus beschreiben: Es bedarf dazu einiger Verklärung, schließlich handelte es sich ebenfalls um kommerzielle Produkte, die nach einfacher Formel gefertigt waren, aber hier wurde Jugendlichen noch gestattet, einseitig, verblödet und vergnügungssüchtig zu sein, ohne sie im letzten Akt mit einer Moral von der Geschichte „vernünftig“ werden zu lassen. Das endete dann ironischerweise ausgerechnet mit John Hughes, dem wahrscheinlich berühmtesten Teeniefilmer.

Aber zurück zu THE CHEERLEADERS, der das amouröse Treiben seiner sechsköpfigen Protagonistinnenschar mit nie versiegender Begeisterung verfolgt und sich dafür nicht lang mit einer Geschichte aufhält. Warum auch? Das Leben junger, schöner Mädchen ist auch ohne narrativen roten Faden aufregend genug. Wollte man so etwas wie einen Plot herauskristallisieren, so ginge es wohl am ehesten um die Bemühungen der kleinen Jeannie (Stephanie Fondue), als jüngstes Mitglied der Cheerleaderinnen endlich flachgelegt zu werden – und darum, dem eigenen Football-Team im Spiel gegen den Rivalen zum Sieg zu verhelfen, nachdem man seinen Mitgliedern in akuter Gedankenlosigkeit in der Nacht vor dem großen Match das Hirn herausgevögelt hat. Wie es in diesen Filmen immer so ist, gibt es da nämlich den Buchmacher, der sich zum großen Reichtum manipulieren will und die arglosen, aber immergeilen Mädels für seine Zwecke einspannt. Als diesen ihr Fehler auffällt, ist die Lösung zum Glück nicht weit entfernt: Denn was bei den eigenen Männern funktioniert, klappt natürlich auch beim Gegner …

Ob man THE CHEERLEADERS aufregend findet, hängt ziemlich entscheidend davon ab, wie viel Spaß man daran hat, barely legals beim Entkleiden sowie beim Rein-Raus zu beobachten. Ich fühlte mich durchaus etwas unwohl dabei: Die Titelheldinnen könnten theoretisch meine Töchter sein und natürlich greift der Film diese Altherrengeilheit selbst auch auf. Wie es die Konvention will, verdrehen die Mädels nicht nur dem Vater Jeanines den Kopf, sondern auch dem verschwitzten Hausmeister der Highschool. Man spürt noch die Nachwehen von Flower Power, Hippiezeit und freier Liebe: In der Promiskuität schwingt das Versprechen von Freiheit mit und die Mädels halten mit ihren begehrten Körpern ein potentes Machtinstrument in den Fingern, das sie gern und häufig einsetzen. Trotzdem hat Glicklers Film intellektuell oder künstlerisch nicht wahnsinnig viel zu bieten, aber er macht das durch seine Gutgelauntheit wieder wett. Ein Sequenz, die auch einem deutschen Lustspiel gut zu Gesicht stünde, umfasst das lustige Verwechslungsspiel um ein dunkles Zimmer mit zwei Türen, eine Frau und zwei Männer, von denen einer ein Bärenkostüm trägt. Am Ende des in Zeitraffer laufenden Georgels wird die junge Frau von einer wahren Woge aus Sperma zur Tür herausgespült. Sehr schön fand ich auch den Liliputaner, der in einem der Aufbauten auf einem Minigolfplatz wohnt. Und natürlich den Anblick der komplett in Fetzen gefickten Footballmannschaft, die sich beim wichtigsten Spiel der Saison kaum noch auf der Bank halten kann. Selbst eine eher unangenehme Szene wie die, in der Jeannie im Duschraum der Jungs eingesperrt wird und dort mit ihrer Anwesenheit eine regelrechte Kaninchenjagd verursacht, wird durch die allgemeine Herzlichkeit des Films noch gerettet. Mehr als solche vereinzelten Episoden haben sich mir aber vereinzelte Impressionen eingebrannt: Der Blick Jeannies, mit dem sie am Anfang den Cheerleaderinnen nachschaut, sich in ihre Riege hineinträumend. Oder natürlich das Knallrot der Cheerleader-Kostüme, das vor diesem tiefen Blau des kalifornischen Himmels ebenso heftig poppt wie die Mädels im Verlaufe des Films. Es ist nachvollziehbar, dass das in den frühen Siebzigern, als Vietnam und Watergate für Verdruss sorgten, wie Balsam für die Seele wirkte. Und natürlich folgten mehrere unvermeidbare Fortsetzungen: THE SWINGIN‘ CHEERLEADERS von Jack Hill, REVENGE OF THE CHEERLEADERS mit einem jungen David Hasselhoff und CHEERLEADERS WILD WEEKEND aka THE GREAT AMERICAN GIRL ROBBERY. Mindestens zwei davon werden uns hier bald begegnen. Stay tuned!

Selten, aber immer wieder toll: Wenn man unerwartet über einen Film stolpert, den man mal sehr mochte, aber seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Unter dem Titel PANISCHE FLUCHT lief RUNNING SCARED irgendwann in den mittleren Achtzigerjahren mal im Fernsehen, wo ihn meine Eltern auf VHS aufzeichneten. In meiner Erinnerung habe ich ihn dann etliche Male gesehen (vielleicht auch ein Irrtum, denn beim unverhofften Wiedersehen gestern konnte ich mich kaum noch an Details erinnern), weil mich die reizvolle Mischung aus (jugendfreier) Action, dem kernigen Ken Wahl, dem lustigen Judge Reinhold und natürlich dem Setting der floridianischen Everglades wahnsinnig beeindruckt hat. So ist mir RUNNING SCARED zwar nicht unbedingt lebhaft in Erinnerung geblieben, aber doch immer mal wieder eingefallen. Zuletzt hatte ich häufiger die Idee, ihm mal hinterherzurecherchieren, aber das habe ich dann doch immer wieder vergessen. Man mag sich meine Freude vorstellen, als ich ihn jetzt im Wald unter Steinen wiederfand, ganz unverhofft und neugierig darauf, ihn nach über 30 Jahren wiederzusehen.

Kurz zur Handlung: Die jungen Rekruten Chas (Ken Wahl) und Leroy (Judge Reinhold) werden aus dem Wehrdienst in Panama entlassen und fliegen vorfreudig in einer militärischen Transportmaschine zurück nach Hause. Leroy hat eine Kiste mitgehen lassen, in der sich u. a. eine M-16, aber auch eine Kamera mit Nachtsichtgerät befinden. Aus Spaß macht er während des Fluges ein Foto einer geheimen Militärbasis, das ihm und seinem Kumpel schließlich zum Verhängnis wird. Denn als das Bild nach Landung des Flugzeugs gefunden wird, vermutet der CIA-Agent Jaeger (Bradford Dillman), dass russische Spione an Bord waren, und setzt Munoz (John Saxon) und seine Schergen auf die beiden jungen Männer an, die nun unerwartet zu Gejagten werden …

Für die ganz große Begeisterung hat es bei der Neusichtung nicht gereicht, aber RUNNING SCARED ist durchaus gefällig: Er ist von Glickler ohne große Längen oder unangemessene Ambitionen inszeniert, schwungvoll, temporeich und unterhaltsam, charmant besetzt und einfach schön anzusehen. Florida erweist sich immer wieder als schöne Kulisse, die Kameramann Willy Kurant, ein ehemaliger Weggefährte von niemand geringerem als Jean-Luc Godard – neben dessen MASCULIN FÉMININ lichtete er u. a. JACKSON COUNTY JAIL, THE INCREDIBLE MELTING MAN und den schönen TUFF TURF ab – in seiner ganzen tropengrün-himmelblauen Pracht einfängt. Ken Wahl, der seine Karriere nach nur etwas mehr als zehn Jahren beendete, finde ich immer wieder sehr charmant, ebenso wie Judge Reinhold, dessen typische weißbrotige Gutgelauntheit hier mit subtilen Andeutungen sehr effektiv unterschnitten wird: Seine sorglos-leichtsinnige Art nimmt beinahe suizidale Formen an und man merkt dem Charakter an, dass er einigen psychischen Ballast mit sich herumschleppt, der sich zur handfesten Gefahr für seine Mitmenschen erweist. Was dem Film hingegen nicht so gut tut, sind die Verkürzungen, die er sich bei der Zeichnung seiner Schurken erlaubt. Der Glaubwürdigkeit der Ausgangssituation wird durch deren nachlässige Charakterisierung, die zum Ende hin die Grenze zur Komödie überschreitet, jedenfalls erheblich konterkariert. Dass zwei junge Leute wegen einer Unbedachtheit ins Lebensgefahr geraten, kann man sich gut vorstellen, dass sich Geheimdienstbeamte anschließend allerdings so dämlich und unprofessionell verhalten wie Jaeger und seine Leute hingegen nicht. Da wurde eine Chance vertan. Letztlich hat das auf den Gesamteindruck keinen allzu großen Einfluss: RUNNING SCARED ist ein schöner, kleiner Filme, den man gucken kann, aber nicht sehen muss. Ich bin trotzdem froh, noch einmal die Gelegenheit gehabt zu haben.