Mit ‘Paul Naschy’ getaggte Beiträge

Weil sie im Mittelalter die Anführerin eines Satanistenkults auf den Scheiterhaufen gebracht haben, lastet ein Fluch auf den Daninskys. Nur wann er in Kraft tritt, steht in den Sternen. Es trifft dann ein paar hundert Jahre später den braven Waldemar (Paul Naschy): Eine Frau versetzt ihm einen Biss mit einem Wolfsschädel und beim nächsten Vollmond verwandelt sich der Arme in einen Werwolf. Die anderen Dorfbewohner glauben an das Werk eines Irren und Waldemar selbst hat keine Erinnerung an seine nächtlichen Streifzüge …

Ich habe jetzt sehr vereinzelt einige Filme um den armen Wolfsmann Waldemar Daninsky gesehen, ohne einen echten Überblick über die Reihe zu haben. Diesen hier hielt ich aufgrund seiner Story gestern für den ersten, musste mich aber von der IMDb eines Besseren belehren lassen. Naschy war zuvor bereits 5 mal in die pelzige Haut des Gebeutelten geschlüpft, selbst der hier vor einigen Monaten besprochene, pulpige LOS MONSTRUOS DEL TERROR ging diesem noch voraus. Da sage noch mal einer, Reboots seien eine Erfindung der Gegenwart! Zurück zu Aureds Film: Wie eigentlich alle spanischen Horrorfilme jener Zeit, die ich bisher gesehen habe, hat auch EL RETORNO DE WALPURGIS heftige Schlagseite Richtung Melodram: Gegenüber dem traurig dreinblickenden Waldemar (in der deutschen Fassung Wladimir), dessen Liebesglück sich aufgrund eines Fluchs, für dessen Ursache er rein gar nichts kann, nicht erfüllt, der stattdessen zum Mörder wird und keinerlei Aussicht auf Retung hat, tritt das Treiben des Monsters doch ziemlich in den Hintergrund. Paul Naschy ist natürlich super, gerade weil er optisch überhaupt kein Starpotenzial mitbringt und in die Rolle des tragischen Verlierers so noch besser reinpasst, aber ein bisschen langweilig sind diese Filme schon. Man weiß stets von vornherein, was passiert, und der holprige Schnitt verhindert, dass man wirklich eintaucht ins Geschehen: Die Szenenübergänge sind das Äquivalent zum Sprung auf der Schallplatte. Andererseits ist auch EL RETORNO DE WALPURGIS unbedingt liebenswert: Eine gewisse Atmosphäre kann man ihm nicht absprechen, das Wolfs-Make-up finde ich super und eigentlich sogar besser als spätere, weitaus realistischere Varianten, gewisse Unzulänglichkeiten versprühen zentnerweise Charme, etwa das Wölfe hier von Schäferhunden verkörpert werden. Man fährt definitiv besser, wenn man in diesen Film mit der Erwartung einer bestimmten Stimmung und Bildwelt geht, als mit der Hoffnung auf spannende Unterhaltung.

Die Wissenschaftlerin Erika (Silvia Aguilar) hat die Grabkammer der Vampirgräfin Bathory (Julia Saly) ausfindig gemacht, und möchte sie – unter ihrem Bann stehend – zu neuem Leben erwecken. Zwei Grabräuber haben aus Versehen bereits den Wolfsmenschen Waldemar Daninsky (Paul Naschy), aufgeweckt, der sein Schicksal der Bathory verdankt. Zunächst kommt er Erika und ihren beiden Freundinnen aber zur Hilfe, nimmt sie dann bei sich auf und verliebt sich schließlich in die schöne Karen (Azucena Hérnandez), in der Hoffnung, dass sie ihn von seinem Fluch erlösen möge. Als Erika die Wiedererweckung der Bathory gelingt, treibt aber plötzlich auch eine Gruppe weiblicher und verführerischer Vampire ihr Unwesen. Kann Waldi sie aufhalten?

Mein Reisebericht aus Spanien hat länger auf sich warten lassen als geplant: Derzeit schlafe ich einfach bei jedem Film ein und bin dann zur Nacharbeit verdammt. Doch EL RETORNO DEL HOMBRE LOBO ist nicht so richtig gut geeignet, ihn häppchenweise zu genießen, weil sein Erzählfluss gerade in der ersten Stunde so lose und locker ist, dass man nur schwer reinfindet, wenn man einmal draußen ist. Er ist mitnichten kompliziert oder gar langweilig, aber er verfügt auch nicht gerade über eine besonders flüssige Szenenabfolge. Vielmehr präsentiert er sich als munterer Reigen mal mehr, mal weniger theatralischer Szenen, mit denen sich Regisseur Naschy eher stolpernd auf einen Schluss zubewegt. So knutscht Daninsky in der einen Szene noch mit seiner neuen Angebeteten, bevor er in der nächsten ohne Vorwarnung und unter dem Einfluss des Vollmonds erst zum Derwisch, dann zum Werwolf mutiert. Nicht nur hinsichtlich seiner Bilderwelt – die Karpathen sehen verdächtig nach Spanien aus, der Werwolf wie ein mürrischer Teddybär, eine lebende Mumie mit Zahnlücke erinnert an die reitenden Leichen Ossorios und „Wissenschaftler“ sind attraktive Frauen, die mit okkulten Amuletten herumwedeln – lässt sich EL RETORNO DEL HOMBRE-LOBO also am ehesten als „kindlich“ beschreiben, auch die ihm zugrunde liegende Handlungslogik (oder der Mangel an einer solchen), erinnert an die Europa-Horror-Hörspielkassetten von einst, auf denen auch alle möglichen Monster bunt durcheinandergewürfelt und kombiniert wurden. Erst gegen Ende, wenn die Bathory mit ihren neuen Vampirsklavinnen durch die Gemächer wandelt, immer von einer dicken Nebelwolke umhüllt und schick ausgeleuchtet, findet EL RETORNO DEL HOMBRE LOBO dann seine Linie und auch seinen visuellen Stil: Während der Sinn dafür, was hier „real“ ist, unter dem Zauber der Vampirgräfin mehr und mehr ins Wanken gerät, wird der Film paradoxerweise gleichzeitig konkreter und klarer. Der Spuk endet schließlich in einer handfesten Balgerei zwischen Daninsky und Bathory, bevor er über seine geliebte Karen herfällt, die ihm aber noch den geweihten Silberdolch ins Herz rammen kann und so die Prophezeiung, er könne nur durch das Selbstopfer seiner wahren Liebe erlöst werden, wahr macht.

Was ich an spanischen Horrrofilmen so liebe, das ist die Mischung aus der beschriebenen kindlichen Naivität und einer melodramatischen Schwermut: Alle Gefühle werden zu Phänomenen von existenzieller Schwere aufgeblasen, die die Protagonisten von einem Zusammenbruch in den nächsten treiben. Exemplarisch dafür steht hier die herrliche, gut fünf Minuten dauernde Verwandlungssequenz, während der Daninsky die gesamte Inneneinrichtung zerkloppt, sich quer durch das geräumige Zimmer und wieder zurück arbeitet, ab und zu hinter einem Möbelstück verschwindet, um dann mit etwas mehr Gesichtsbehaarung wieder aufzutauchen, und sich in Schmerzen auf dem Boden windet, bevor er endlich  als fertiger Wolf dasteht. Naschy ist dann auch der Grund, warum die Stimmung von EL RETORNO DEL HOMBRE LOBO eher gedrückt ist: Sein herzensguter Held wirkt dank Naschys nun nicht gerade imposanter Statur und seinem eher durchschnittlichen Äußeren alles andere als heldenhaft, viel eher traurig und defizitär; den heißblütigen Liebhaber nimmt man ihm nur mit viel Goodwill ab. Ich meine, Naschy weiß das: Man kann ihn von der traurigen Daninsky-Figur kaum trennen und wahrscheinlich begreift man diesen Film deshalb am besten als ausuferndes Stimmungsbild, denn als kohärente Sinneinheit. Das karge iberische Ungarn ist ein Spiegel von Daninskys/Naschys Seelenleben, das unter ständiger Bedrohung unbekannter, außerweltlicher Kräfte steht. Mit der unsterblichen Liebe geht der eigene Tod einher und was im einen Moment noch glasklar erscheint, darüber legt sich im nächsten schon dichter Nebel. Und wer fragt bei so viel Poesie noch nach der korrekten Interpunktion? Das Bild der ekstatischen Bathory, als sich nach Jahrhunderten der Dunkelheit endlich wieder das rote Blut einer Jungfrau über ihr bleiches Antlitz ergießt, lässt keine Fragen offen.

Weil ihr eigener Planet kurz vor der Eiszeit steht, muss sich eine Rasse Außerirdischer eine neue Heimat suchen. Ihre Wahl fällt auf die Erde, die sie jetzt noch von den lästigen Menschen befreien müssen, bevor es zu spät ist. Weil sie herausgefunden haben, dass der Mensch zu Aberglauben neigt, versichern sie sich der Dienste berühmt-berüchtigter Monster: Vampirgraf, Golem, Werwolf und Mumie. Doch weil es eine schwierige Aufgabe ist, diese Kreaturen unter Kontrolle zu halten, gerät der eigentliche Plan ins Hintertreffen …

Wie kann man einen europäischen Genrefilm aus den späten Sechzigerjahren, der mit dieser Prämisse daherkommt, nicht lieben? Alles an LOS MONSTRUOS DEL TERROR ist kindliche Monsterbegeisterung, von Groschenromanen geprägte und nicht von der Realität beeinträchtigte Imagination, Lust am wüsten Fabulieren und am barock überladenen Bild. Diesem Enthusiasmus wird tatsächlich alles unterworfen, was Demichelis Film zu einer Effizienz verhilft, die der des Außeriridischenplans nicht ganz unähnlich ist: Zum Wesentlichen kommt Demicheli genauso wenig wie die Wohnungssuchenden. Aber selten habe ich einem Film lieber beim Verfehlen der selbst gesteckten Ziele zugeschaut als hier. Der haarsträubend umständliche Welteroberungsplan gerät schon nach kürzester Zeit in Vergessenheit, weil sich die Monster nicht so einfach dem Zweck unterwerfen lassen. Wie ein paar im Süßigkeitenladen losgelassene Kinder beginnen sie sofort auf eigenen Wegen zu wandeln. Am Ende haben die Außeriridischen nicht nur nicht die Erde erobert und die Menschheit ausgelöscht, es ist ihnen noch nicht einmal gelungen, das malerische Fachwerkkaff, in dem der Film über weite Strecken spielt, unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Grad des Versagens ist gar nicht messbar.

Beim Film selbst möchte man das nicht so deutlich sagen: Zwar bleibt Demicheli (oder vielmehr das Drehbuch) in seiner Narration irgendwo im zweiten Akt stecken und ist dann damit beschäftigt, die lustige Rasselbande im Zaum zu halten, dass es hier ja nicht zuletzt um Vorgänge von geradezu kosmischer Bedeutung geht, gerät bei diesem lustigen Ringelpiez auch in Vergessenheit. Aber das ist ja das Tolle an dem Film: Aus einer Prämisse, die heute einen von vorn bis hinten durchgetunten und marketingtechnisch bis zur Mc-Donald’s-Spielzeugkampagne perfekt organisierten Film nach sich zöge (siehe zum Vergleich etwa den furchtbaren VAN HELSING), macht Demicheli einen verhinderten Kinderfilm, dessen Unschuld zu Herzen geht und der seinen Monstern die Ehre erweist, anstatt sie nur durch den postmodernen Verwertungswolf zu drehen. Wahrscheinlich sollte ich hier mehr ins Detail gehen oder lustige Dialoge zitieren (die deutsche Synchro ist nämlich ein Kracher!), aber das muss ich mir für die Zweitsichtung aufheben. Nur ein kleines Bonbon, das helfen soll, sich eine Vorstellung von dem entwaffnenden Irrsinn, der hier geboten wird, zu machen: Die Entscheidung, sich einen anderen Planeten zur Besiedelung zu suchen, begründet das Oberalien (Michael Rennie) lapidar in einem Nebensatz damit, dass es ihnen leider nicht gelungen sei, eine künstliche Sonne zu konstruieren. Na, dann muss es eben Plan B mit den Monstern sein, ist ja klar.

Mit dem Arzt Dr. Imre Polvi (Victor Alcázar) reisen vier liebreizende Damen (Haydée Politoff, Rosanna Yanni, Ingrid Garbo, Mirta Miller) in einer Kutsche durch Transsilvanien. Mit seinen Geschichten über das Treiben des Vampirgrafen Dracula unterhält Polvi seine weibliche Gesellschaft, nicht ahnend, dass ihnen eine Kutschunfall und der Tod des Kutschers – das panische Pferd tritt ihm den Schädel ein – bevorstehen. Die fünf Reisenden finden Unterkunft in einem ehemaligen Sanatorium, das dem freundlichen Dr. Wendell Marlowe (Paul Naschy) als Heimstatt dient. Doch die Freude über dessen Gastfreundschaft und die opulente Behausung währt nur kurz: Nach der ersten Nacht ist Dr. Polvi nämlich spurlos verschwunden …

Paul Naschy, die spanische Antwort auf Boris Karloff, Vincent Price und Bela Lugosi, darf hier einmal seinen angestammten Daninsky-Wolfspelz ablegen und in das schmucke Cape des Grafen Dracula schlüpfen, den er in geradezu prophetischer Antizipierung der in den Achtzigerjahren erfolgenden Neuinterpretation dieser Figur als tragischen Liebhaber interpretiert, seinen südländischen Charme perfekt nutzend. Die meiste Zeit widmet Aguirre (bzw. das Drehbuch) jedoch den Damen, die in ihren opulenten Gewändern das barock eingerichtete (= mit kitschigen Requisiten vollgestellte) Sanatorium und dessen Umgebung erkunden dürfen, bevor ihnen dann gegen Ende des Films mehr und mehr Vampirzähne wachsen. Das bietet reichlich Anlass, die üppig gefüllten Dekolletés der Hauptdarstellerinnen ins rechte Licht zu rücken, ohne dass der Film jedoch in die feuchtwarmen Gefilde des Sleaze abgleiten würde. EL GRAN AMOR DEL CONDE DRÁCULA erinnert weniger an die aufgesexten Vampirfilme der Siebziger (etwa die eines Jean Rollin) als vielmehr an melodramatische Liebesschmonzetten mit ihren überbordenden amourösen Gefühlswallungen, die explizite Fleischeslust ersetzen. Zu dieser Frauenroman-Assoziation past auch die Farbpalette meiner US-DVD, die so übersättigt ist, dass der Film in seinem Look mehr als einmal an die nachkolorierten Postkarten der Fünfzigerjahre denken lässt. Auch Paul Naschy verkörpert als tragischer Liebhaber weniger einen aus der aufgezwungenen Askese erwachsenen Stolz als vielmehr das pathetische-mitleiderregende Zergehen im eigenen Schmerz: Sein Durchschnittsgesicht mit den tiefen Augenhöhlen wirkt so wenig erotisierend, dass selbst die Frauen des Films ihm nicht so richtig verfallen wollen. Sie tun sich nachgerade schwer, ihn überhaupt als potenziellen Liebhaber und als Mann anzuerkennen: Das Beste, was – wenig überzeugend klingend – über ihn gesagt wird, ist, dass er breite Schultern habe, Rosanna Yannis Senta hingegen streitet jedes sexuelle Interesse mit den Worten ab, er sei ihr zu klein. Diese Konstellation ist aus strukturalistischer Perspektive zwar nicht ganz uninteressant, saugt aber auch jedes echte Konfliktpotenzial aus dem Film: Naschys Dracula ist viel zu klein(-bürgerlich), um zur ernstzunehmenden Bedrohung zu werden (käme es zu einem Kampf zwischen Rosanna Yanni und diesem traurigen Zwerg, ich würde mein Geld jederzeit auf erstere setzen), die tragische Liebesgeschichte – Dracula will mit dem Blut der Damen seine große Liebe wiedererwecken – zu schmalzig, um wirklich zu bewegen. Im letzten, fast wortlosen Drittel des Films wird EL GRAN AMOR DEL CONDE DRÁCULA zudem noch extrem redundant, sodass das Interesse bei mir irgendwann erlahmte und einem durch eine Erkältung begünstigten Dämmerzustand wich, für den der Film dann allerdings ideal ist. Die englische Synchro, die sich einen Furz um Lippensynchronizität schert, trägt zur schlafwandlerischen Stimmung des Films ihren Teil bei. Als Draculafilm ist Aguirres Film aber eher uninteressant und selbst, wenn man die sehr eigenen Bewertungskriterien eines Naschyfilms anlegt, ziemlich langweilig.