Mit ‘Paul Verhoeven’ getaggte Beiträge

Drei Tage nach meinem 22. Geburtstag lief STARSHIP TROOPERS an und rockte meine Welt. Einen solch blutrünstigen, dabei großbudgetierten Genrefilm hatte man zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr gesehen und Verhoeven nahm wahrlich keine Gefangenen, hetzte junge, schöne, aber auch ziemlich leere Menschen in eine aussichtslose Schlacht und bewarf die Kamera anschließend mit ihren durchtrennten oder durchbohrten Torsi und abgerissenen Gliedmaßen. Es war ein Fest, auf dem erwartungsgemäß viele Gatekeeper der Hochkultur und der bürgerlichen Moral nicht mitfeiern wollten. Schon die literarische Vorlage und deren Autor Robert A. Heinlein galten politisch als „problematisch“ und nicht wenige fielen (mal wieder) auf den ätzenden Humor des holländischen enfant terribles herein. Da seine jugendlichen Protagonisten mit großer Begeisterung in den Krieg zogen und sich für die faschistoide Politik ihrer Regierung begeisterten (die Menschen das Wahlrecht nur unter der Bedingung zugesteht, dass sie in der Armee dienen), wurde ihm selbst der Vorwurf der Kriegsverherrlichung und des Faschismus gemacht – was für ein Armutszeugnis.

Tatsächlich ist die Entscheidung Verhoevens, ausschließlich begeisterungsfähige, persönlichkeitsarme Schönlinge zu besetzen, die sehr wahrscheinlich gar nicht verstanden, worum es in dem Film eigentlich ging, sein großer Coup (ähnlich wie schon das Casting von Elizabeth Berkeley in SHOWGIRLS). Natürlich ist die Politik des Zukunftsstaates, den er da zeigt, nur möglich, weil junge Leute die Aussicht, sich ihre Sporen im Krieg zu verdienen, tatsächlich attraktiv finden, auf die Verheißungen der Propaganda von Abenteuer und Heldentum hereinfallen. Auf meine Frage an einen Amerikaner meines Alters, warum er als Soldat nach Bosnien-Herzegowina gegangen war, antwortete der nur: „Because I wanted to be a hero.“ Als er merkte, was für ein Blödsinn das war, war es natürlich schon zu spät gewesen. Aber er hatte Glück, kam lebendig und mit allen Gliedmaßen zurück nach Hause, etwas was nicht alle Protagonisten von STARSHIP TROOPERS von sich behaupten können.

In der Zukunft müssen sie sich nicht nur mit menschlichen Gegnern anderer Nationen auseinandersetzen, sondern mit einem überaus aggressiven Arachniden- und Insektenvolk auf trostlosen Planeten weit von der Erde entfernt. Als Lohn für den Einsatz gegen die mit allen medialen Mitteln als niederes, tötungswürdiges Kroppzeuch dargestellten Krabbeltiere winken die vollen Bürgerrechte, Anerkennung und Karriere – und endlich mal ein langer Urlaub vom behüteten Leben bei Mama und Papa. Schon während der Grundausbildung bekommt das Bild vom geilen Abenteuer, bei dem man zum echten Kerl respektive zur echten Frau reift, tiefe Risse und beim ersten Kampfeinsatz ist dann endgültig Sense mit der Vorstellung, man könne die Erlebnisse des Krieges später einfach so wieder abstreifen. Die menschlichen Truppen sehen sich einer Übermacht von Horrorwesen gegenüber, die sie zerreißen, zerhacken, aufspießen oder schlicht und ergreifend verspeisen. Man hat angesichts dieser grausamen Realität nur zwei Optionen: sterben oder eben zum harten motherfucker werden, der den Krieg tatsächlich als seine Lebensaufgabe begreift und mit verzerrtem warface immer wieder neu dem Tod entgegenrast.

STARSHIP TROOPERS ist immer noch ein schöner Film, aber er hat in den 20 Jahren seit seiner Premiere schon etwas von seinen damals unwiderstehlichen Reizen eingebüßt: Einige Monate nach ihm kam Spielbergs SAVING PRIVATE RYAN in die Kinos und bedeutete einen Paradigmenwechsel sowohl hinsichtlich der Ästhetik generell wie auch hinsichtlich dessen, was im Mainstreamkino an Gewaltdarstellung auf einmal wieder möglich war. STARSHIP TROOPERS wirkt mit dem für Verhoeven charakteristischen sterilen, künstlichen und irgendwie comichaften Look tatsächlich wie aus einer anderen Epoche und was uns damals im Kino noch ungläubig und voller Begeisterung loslachen und mit offenem Mund staunen ließ, wurde schon kurze Zeit später hinsichtlich „Realismus“ und Detailfreude weit übertroffen. Und auch nicht an allen Effekten des Films ist die Zeit spurlos vorübergegangen. Nicht weiter verwunderlich und auch kein Grund, den Stab über STARSHIP TROOPERS zu brechen, aber doch ein Aspekt, der die Freude heute etwas trübt. Dass Verhoeven seinem ROBOCOP inhaltlich eigentlich nichts Wesentliches mehr hinzuzufügen hatte, lässt sich auch kaum übersehen. STARSHIP TROOPERS kritisiert Kriegshetze und Militarismus und macht unmissverständlich klar, dass die Rekrutierung junger Menschen durch das Militär ein Verbrechen des Staates an seiner Zukunft ist, aber so eine richtig neue Erkenntnis war das ja 1997 auch nicht mehr, genauso wenig wie uns die Enttarnung des Fernsehen als Verblödungs- und Gehirnwaschmaschine noch überrascht. Und dass die ekligen Arachniden nicht gerade Mitleid evozieren, schwächt Verhoevens Botschaft durchaus: Es scheint in der Welt des Films ja nicht wirklich eine Alternative zu geben, wenn man nicht die eigene Auslöschung duldend hinnehmen möchte.

Als Achterbahnfahrt funktioniert Verhoevens Film aber natürlich immer noch ganz ausgezeichnet. STARSHIP TROOPERS geizt nicht mit Schauwerten und die schon in SHOWGIRLS mit Erfolg integrierten Soap-Opera-Elemente bilden einen reizvollen Kontrapunkt zu den blutrünstigen Massakern, die immer wieder losbrechen. Die Besetzung ist herrlich Nineties – Casper van Dien, Denise Richards, Dina Meyer, Patrick Muldoon, Neil Patrick Harris, Jake Busey  -, abgeschmeckt mit Veteranen wie Michael Ironside, Clancy Brown oder Rue McClanahan und einigen Nebendarstellern, die in Zukunft im Fernsehen von sich reden machen würden: Ich denke hier natürlich an Dean Norris (BREAKING BAD) und Seth Gilliam (THE WIRE). Die Zeit vergeht wie im Flug mit dem Film und man wünscht sich das ein oder andere Mal, das ein Teil dieses Kalibers heute noch einmal die Studios verlassen möge: ein großes, millionenschweres Gewaltspektakel für ein erwachsenes Publikum. Diese Zeit ist wohl endgültig vorbei. Paul Verhoeven machte anschließend HOLLOW MAN, der damals weitesgehend als Enttäuschung und seelenlose Auftragsarbeit angesehen wurde und das Ende seiner Zeit in Hollywood bedeutete. Wenn ich ehrlich bin, meine ich auch schon leichte Ermüdungserscheinungen bei STARSHIP TROOPERS zu sehen, der damit davonkommt, weil Verhoeven aus dem Vollen schöpfen konnte und das dann auch tat. Angesichts des tollen BLACK BOOK und der positiven Reaktionen auf ELLE war seine Rückkehr nach Europa für ihn wahrscheinlich die richtige Entscheidung – auch wenn ich mich noch mal von einer Verhoeven’schen Genre-Breitseite in den Kinosessel drücken lassen würde.

EDIT: Kurzer Nachtrag zur „Kritik“ des Films. Dass Verhoeven hier eine ziemlich wehrhafte Rasse von insektoiden Monstern als Gegner für die Menschen wählt, für die Sympathien zu entwickeln schwerfällt,  ist natürlich ein Teil seiner Manipulation. Er will eben nicht, dass wir Mitleid empfinden, sondern erst einmal dem Impuls nachgeben, den Rassisten in uns rauszulassen oder uns eben ganz verstandesmäßig dafür entscheiden, auch diesen fiesen Krabbelviechern ein Recht auf Leben zu gewähren. Das ist einerseits intellektuell die richtige Entscheidung, entbindet ihn andererseits aber auch davon, uns die Arachniden irgendwie nahezubringen. Ja gut, der schniefende Brainbug am Ende ist schon eine etwas traurige Gestalt, aber so richtig hat das bei mir nicht funktioniert …

Wenn man Texte und Rezensionen zu FLESH & BLOOD liest, wird darin vor allem der „Realismus“ hervorgehoben, mit dem Verhoeven (in seinem ersten international produzierten Film) das Mittelalter in Szene setzt. Ich möchte diesen „Realismus“ hier mal infrage stellen: Meiner Meinung nach ist Verhoeven nämlich nicht unbedingt mit dem Anspruch angetreten, einen „authentischen“ Historienfilm zu drehen, der dann das Lob von studierten Mittelalter-Experten bekommt. Vielmehr hat er den Look typischer Ritterfilme überarbeitet, aktualisiert und „authentifiziert“: FLESH & BLOOD ist dreckig, seine Protagonisten sind blutrünstig, geil, unmoralisch, hinter jeder Ecke lauern der Tod oder die Pest. Das mag man gegenüber farbenfrohen Technicolor-Spektakeln mit strahlenden Helden in Strumpfhosen als „realistisch“ empfinden, dennoch ist FLESH & BLOOD Im Geiste gar nicht so weit von diesen entfernt: Verhoeven beschwört die Kameradschaft unter den Halunken, verwendet viel Zeit darauf, sie beim Feiern, Saufen und Lachen zu zeigen, zeichnet Adlige hingegen als hinterhältige Betrüger und untermalt das Ganze mit einem Score von Basil Poledouris, der Heldentaten und Schelmenstücke mit viel orchestralem Pathos und lebhaften Freudenklängen begleitet. Wenn das Mittelalter in Verhoevens Film auch eine ziemlich schmutzige Angelegenheit ist, so haben sich seine Bewohner damit ganz gut arrangiert.

Diese Zerrissenheit – schmutziger Realismus vs. reueloses Abenteuer – zieht sich durch den ganzen Film, der während der Produktion von verschiedenen Seiten torpediert wurde: So bestand Hauptgeldgeber Orion Pictures auf einer Liebesgeschichte, die nachträglich ins Script geschrieben werden musste und in der Endfassung nunmehr den wichtigsten Handlungsstrang ausmacht. Wollte sich Verhoeven ursprünglich auf die Rivalität zwischen dem Söldner Martin (Rutger Hauer) und seinem Auftraggeber Hawkwood (Jack Thompson) konzentrieren, spielt der Konflikt der beiden Männer in FLESH & BLOOD nur noch eine sehr untergeordnete Rolle und weicht einer Dreiecksbeziehung zwischen Martin, der entführten Adelsdame Agnes (Jennifer Jason Leigh) und Steven (Tom Burlinson), ihrem Ehemann in spe und dem Sohn des schurkischen Arnolfini (Fernando Hilbeck). Zu allem Überfluss überwarf sich Verhoeven während der Dreharbeiten auch noch mit seinem Hauptdarsteller Rutger Hauer, der sehr darauf bedacht war, eine Filmpersona als stoischer Held aufzubauen und dementsprechend nur wenig Interesse daran hatte, einen Schurken zu spielen, wie es dem holländischen Filmemacher vorschwebte. Das alles führt zu heftigen tonalen Schwankungen, die den Film zwar nicht aus der Bahn, wohl aber die Frage aufwerfen, was Verhoeven mit FLESH & BLOOD ursprünglich vorschwebte. Der ätzende Zynismus und der satirische Humor, der seine späteren Hollywood-Arbeiten, vor allem ROBOCOP, TOTAL RECALL, BASIC INSTINCT, SHOWGIRLS, STARSHIP TROOPERS und HOLLOW MAN, kennzeichnet, sind hier weitestgehend abwesend, auch wenn die sichtliche Freude an saftigen Geschmacklosigkeiten den Autoren wiedererkennen lässt. Aber es ist typisch für FLESH & BLOOD, das die Szene, die ich für die Verhoeven-typischste halte, am stärksten aus dem Film hervorsticht und das deutlichste Zeichen seiner schizophrenen Natur ist. Nachdem Martin und seine Männer Agnes entführt haben, ein junges, hübsches, reichlich verwöhntes Mädchen, das es kaum erwarten kann, endlich seine Jungfräulichkeit zu verlieren, wird diese bei der nächtlichen Rast am Lagerfeuer reihum vergewaltigt. Martin scheint zunächst eingreifen zu wollen, doch dann besinnt er sich eines besseren, lässt das Opfer von seinen Männern (darunter u. a. Brion James, Bruno Kirby und John Dennis Johnston) hochheben und penetiert sie im Stehen. Es ist eine hochgradig unangenehme, schmerzhafte und entwürdigende Szene, die durch die Tatsache, dass sie der Anfang einer „wunderbaren“ Liebe zwischen Agnes und Martin ist, nicht gerade verdaulicher wird.

Im Folgenden verbeißen sich Martin und Agnes heftig ineinander, es gibt viel explizite full frontal nudity zu bestaunen, und FLESH & BLOOD scheint auf eine Art „Love conquers all“ hinauszulaufen, bei dem Martin durch die Kraft der Liebe zu einem besseren Menschen wird – und sich infolgedessen mit seinen Kumpanen überwirft. Bevor es jedoch dazu kommen kann, werden die Söldner von Steven und Hawkwood angegriffen, mit dem Ziel, die holde Dame, die sich gar nicht retten lassen möchte, zu befreien. Der finale Showdown dreht sich nicht zuletzt um die Frage, welche Entscheidung Agnes treffen wird: Bleibt sie „ihrem“ Martin treu oder erlebt sie einen Gesinnungswandel, erkennt, was ihr eigentlich angetan wurde, und bekennt sich zu Steven, dem sie einst ewige Liebe geschworen hatte? Ihre Wahl rückt das Vorangegangene in die richtige Perspektive, fühlt sich aber trotzdem seltsam stromlinienförmig an, gerade wenn man bedenkt, dass sich Verhoeven später den Ruf eines ausgewiesenen Provokateurs erarbeiten sollte. Die Interventionen des Studios taten FLESH & BLOOD letztlich überhaupt nicht gut, die Bemühungen, ihn massentauglicher zu machen, ergaben unterm Strich einen Film, der genau zwischen den Stühlen saß und sein Publikum verfehlen musste. Verhoeven war für die Zukunft gewappnet, nahm die Erfahrungen seines Flops zum Anlass, in die USA umzusiedeln und sich mit den Bedürfnissen des amerikanischen Publikums vertraut zu machen. Mit dem Wissen über den weiteren Verlauf seiner Karriere betrachtet, ist es komisch, dass er ausgerechnet mit FLESH & BLOOD auf Grund lief, während die nachfolgenden, deutlich bissigeren Filme ihn zum Starregisseur machten.

Vielleicht liegt das Versagen von FLESH & BLOOD auch einfach darin begründet, dass es in den Achtzigern keinen echten Markt für den Historienfilm gab, schon gar nicht für einen solch trostlosen. Als erwachsener Actionfilm bietet Verhoevens Film zwei Stunden prachtvolle Unterhaltung mit einigen herausragenden Einfällen, spektakulären Set Pieces und saftigen Details. Die erste Liebesszene zwischen Steven und Agnes, bei der die beiden eine Alraune unter zwei Gehenkten ausgraben, ist so ein Moment, bei dem sich Verhoeven-typisch das Profan-Abstoßende und das Erhabene treffen. Absolut atemberaubend sind der Einsatz und die Zerstörung einer von Student Steven aus Holz erbauten „Feuerwehrleiter“, mit der er die Burg, in der sich Martin uns seine Leute verschanzt haben, einnehmen will. Und wenn die Pest dann noch ihren ausgedehnten Gastauftritt feiert, gibt es endgültig kein Halten mehr, ganz egal, ob da eitrige Beulen aufgeschnitten werden oder der in Einzelteile geschnittene Körper eines verseuchten Köters als Katapult-Munition dient. Die enorme Kurzweil, die FLESH & BLOOD bietet, geht vielleicht etwas auf Kosten seiner Stringenz: Ein an Cormans MASQUE OF THE RED DEATH erinnerndes Belagerungsszenario wird zum Schluss angedeutet, dann aber wieder verworfen, die Einführung einer Nonne, die dank ihres durch einen Schwerthieb gespaltenen Schädels ein trauriges Dasein als grunzendes, Krampfanfälle erleidendes Bündel fristet, führt zu nichts außer dazu, den Film noch weiter mit Ideen vollzustopfen. Ich mag sowas tatsächlich sehr gern, aber dennoch merkt man FLESH & BLOOD an, dass jeder an der Produktion Beteiligte meinte, seinen Beitrag leisten zu müssen. Dass Verhoevens Film dennoch nicht implodiert, insgesamt einen überraschend geschlossenen Eindruck macht, zeigt, wozu der Holländer fähig war. Den Beweis hat er dann ja auch in den USA noch erbringen dürfen. Ohne ungebetene „Mithilfe“.

„You got no self esteem, baby, you’re a fantastic fuck.“

Eigentlich sollte als Eröffnungsfilm für den 14. Hofbauer-Kongress Verhoevens Biberfilm BASIC INSTINCT laufen, doch aufgrund des Kopienzustands musste kurzfristig umdisponiert werden. SHOWGIRLS war gewissermaßen ein No-brainer, ein Film, zu dem nahezu alle Teilnehmer eine heiße, innige Beziehung unterhalten und der mit allem aufwartet, was als „HK-relevant“ gelten darf: schöne, freigiebige und oft nackte Frauen, lüsterne, niederträchtige Männer, fiese Klamotten und Frisuren, sexuell aufgeladene Gewalt, Musik, Flitter und jede Menge bunter Schangel. Üblicherweise folgte jetzt ein langer Text, der wieder einmal erklärt, warum SHOWGIRLS mitnichten die Vollkatastrophe ist, zu der er seinerzeit gemacht wurde, sondern eines der ganz großen Meisterwerke der Neunzigerjahre, vielleicht Verhoevens bester Film, aber das spare ich mir jetzt. Es gibt genug Texte, von denen Zweifler sich bekehren lassen können. Einer davon ist von mir, einen anderen hat Mit-Kongressianer Udo Rotenberger verfasst, um nur mal zwei rauszugreifen. Ich will hier nur noch sagen, dass die erneute Sichtung (die erste im Kino) mal wieder ein Megatrip war, den ich zum ersten Mal ganz einfach so auf mich wirken lassen konnte, ohne mir selbst etwas erklären zu wollen.

 

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showgirls (paul verhoeven, usa 1995)

Veröffentlicht: Juni 5, 2009 in Film
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showgirls[1]Mit all ihren Habseligkeiten in einem Koffer macht sich Nomi (Elizabeth Berkley) auf den Weg nach Las Vegas. Sie träumt von einer Karriere als Tänzerin in einer großen Revue, doch stattdessen wird sie gleich nach ihrer Ankunft bestohlen und landet wenig später als Tänzerin in einem schäbigen Striplokal. Dort erregt sie die Aufmerksamkeit von Cristal (Gina Gershon), Star der großen Show „Goddess“, die ihr schließlich doch die ersehnte Chance vermittelt. Allerdings mus Nomi schon bald feststellen, dass man in der Welt des Glitter und Glamour nichts geschenkt bekommt …

Filme wie SHOWGIRLS, die schon vollmundig verrissen und mit negativen Superlativen überhäuft werden, bevor sie überhaupt jemand zu Gesicht bekommen hat, haben bei mir von Natur aus einen Bonus. Und das gilt doppelt, wenn sie von einem Mann wie Verhoeven inszeniert werden, der selbst in schlechter Form noch hundertfach interessantere Filme macht als viele seiner Kollegen in ihrer ganzen Karriere. Beleg dafür ist eben SHOWGIRLS, der ganz bestimmt ausgesprochen schwierig, oft klischeehaft und manchmal gar blöd ist, aber dabei immer noch spannender, herausfordernder und ungewöhnlicher als so manches, was einhellig und undifferenziert als „Meisterwerk“ abgefeiert wird (wie z. B. THE WRESTLER). „Schwierig“ trifft SHOWGIRLS von allen oben genannten Attributierungen sicherlich am besten: Der Film – ähnlich künstlich, trügerisch schillernd und oszillierend wie die Welt, die er abbildet – ist alles andere als leicht zu fassen, weil er im Grunde vollkommen unvereinbare Elemente miteinander verbindet. Die Geschichte von Nomi ist vor allem ein (Zivilisations-)Märchen mit allen dazugehörigen Zutaten: Es gibt die schöne, manchmal trotzige Heldin (Nomi), die böse Hexe (Cristal), zahlreiche Verbündete und Feinde, die nicht immer gleich als solche zu erkennen sind, und eine geheimnisvolle, undurchsichtige Welt, die nach ihren eigenen, der Heldin noch unbekannten, Gesetzen funktioniert, in der sie sich erst nach und nach orientieren muss. Märchen sind vor allen Dingen eins: unrealistisch und überzeichnet. So wundert es nicht, dass das Figureninventar von Verhoevens sich nicht durch sensible Charakterisierungen auszeichnet, sondern durch grelle Farben und Übertreibungen: Nomi ist so naiv, dass es wehtut, Cristal ist eine intrigante, bisexuelle und immergeile Schlampe, Robert Davi als Striplokalbesitzer der Mann, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat und hinter dessen Fassade sich ein weicher Kern verbirgt, Kyle MacLachlan als Produzent der Erfolgsrevue der aalglatte Schmierlappen, der sein Gegenüber perfekt zu manipulieren versteht. Zu diesem fast schon karikaturesken Stil passt natürlich auch die auf Provokation gebürstete Oberfläche des Films: SHOWGIRLS suhlt sich geradezu in seiner Darstellung von Full Frontal Nudity, lässt keine Gelegenheit zu für Hollywood doch recht expliziten Sexdarstellungen und Anzüglichkeiten aus und scheut sich dabei nicht, den Bogen das ein oder andere Mal mächtig zu überspannen. Mit Verhoeven und Drehbuchautor Eszterhas – damals der bestbezahlte Drehbuchautor Hollywoods, der den Markt ein paar Jahre lang vor allem mit schlüpfrigen Erotikthrillern (BASIC INSTINCT, SLIVER, JADE) dominierte, bevor sich diese Masche abgenutzt hatte und er sich wieder anderen Themen zuwandte (ohne an seine früheren Erfolge anknüpfen zu können) – hattben sich wirklich zwei Männer gefunden, die ihre jeweiligen Obsessionen und Vorlieben regelrecht entfachten, anstatt sich gegenseitig zu reglementieren.  

Auf der anderen Seite – und eigentlich wird SHOWGIRLS erst hier so richtig tricky -, handelt es sich bei ihm natürlich auch um eine Zivilisationskritik, eine Abrechnung mit dem amerikanischen Traum und natürlich auch mit der Unterhaltungsindustrie im Allgemeinen und Hollywood im Besonderen. Allerdings bemüht sich Verhoeven auch hier keineswegs um Subtilität, sondern schlägt einem seine Message mit Wucht um die Ohren. Was sagt uns SHOWGIRLS? Er sagt:  Wer versucht, in dieser Welt etwas zu werden, muss sich prostituieren. Er sagt: Der Körper ist das einzige Kapital der Besitzlosen. Er sagt: Das System ist grausam und kennt keine Gnade. Er sagt: Wer daran teilnimmt, macht sich schuldig. Er sagt: Die einzige Möglichkeit ist der Ausstieg. Es gibt auch bei Verhoeven kein richtiges Leben im Falschen. Das hat natürlich seine Berechtigung, doch mutete diese Kritik auch kurz vor dem Millenniumswechsel schon ein bisschen altväterlich an und daran hat sich seitdem nichts geändert. Was die Sache relativiert, ist dass Verhoeven sich selbst darüber zu amüsieren scheint: Man sieht ihn förmlich vor sich, wie er hinter der Kamera grienend seine halbnackten Darstellerinnen dirigiert, ihnen vollkommen hohle Sätze in den Mund legt und sich in der nächsten Szene in einer konstruierten Systemkritik ergeht (der von Nomis Freundin angehimmelte Schnulzensänger etwa entpuppt sich als sexbesessener Schläger und Vergewaltiger). Aber das ist eben auch die Strategie Verhoevens: Das er fast immer die Innenperspektive einnimmt und selten allwissend von außen auf seine Protagonisten herabblickt. Am deutlichsten wird das in der Besetzung Nomis mit der damals noch (und heute wieder) relativ unbekannten Elizabeth Berkley: In SHOWGIRLS werden Darstellerin und Dargestellte eins, man kann beide Personen kaum noch voneinander trennen, geschweige denn ihre Geschichten. Wenn die Berkley in ihren Tanz- und Sexszenen absolut verkrampft und unangenehm übermotiviert agiert, meint man ihr verzweifeltes Bemühen zu erkennen, den Regisseur von ihrem Talent überzeugen zu wollen. Es ist manchmal regelrecht schmerzhaft, ihr zuzusehen: Wenn sie sexy sein soll, wirkt sie befremdlich und mechanisch, soll man ihre natürliche Begabung als Tänzerin erkennen, sieht man nur ihre Anstrengung, im Rhythmus zu bleiben. Und wenn sie am Ende, bei ihrem Abschied aus der Lügenmetropole Las Vegas, stolz verkündet, dass sie „sich selbst“ gefunden habe, fragt man sich, wer dieses „Selbst“ hinter dem Barbiepuppengesicht denn eigentlich sein soll. Verhoevens Strategie erinnert hier an seinen zwei Jahre später erschienen STARSHIP TROOPERS, der auch deshalb so fulminant war, weil man seinen jungen Hauptdarsteller anmerkte, dass sie gar nicht verstanden, worum es ihrem Regisseur überhaupt ging: Sie spiegelten ihre Charaktere, junge Leute, die sich von den Werbebotschaften des Militärs und dem Versprechen von Abenteuer und Ruhm hatten blenden lassen und voll blinder Begeisterung in ihren Untergang rannten, nahezu lebensgroß wider. Gerade ihr Mangel an Einsicht in ihre Rollen ließ sie auf der Leinwand erst zu voller Größe wachsen. Ähnliches gilt eben auch für Elizabeth Berkley, deren Filmkarriere – analog zu dem kurzen Ruhm Nomis – schon kurz nach SHOWGIRLS im Sande verlief. Kritik ist laut Adorno nicht von einem archimedischen Standpunkt aus möglich, gleichzeitig kann man das System auch nicht von innen heraus zersetzen: Man muss den Spagat schaffen. Verhoeven ist einer der wenigen Hollywood-Regisseure, die das verstanden und umsetzen konnten. Allerdings hat er sich dabei auch ziemlich aufgerieben. Kein Wunder, hält er ja nicht nur seinem Publikum den vielbeschworenen Spiegel vor, sondern auch sich selbst. Es ist nicht immer schön, was sich darin zeigt …

Neben der in seiner inneren Widersprüchlichkeit begründeten Komplexität und der ebenso ungewöhnlichen wie reizvollen Kombination von bedürfnisbefriedigender Trivialität, frontaler Provokation, großbudgetiertem Hochglanzkino und krassem Trash, ist SHOWGIRLS auch visuell nichts anderes als ein Fest, Jost Vacano sei Dank. Der große Auftritt Nomis, kurz vor Schluss, wenn sie es geschafft hat und die pompöse Kunstbeleuchtung des Bühnenaufbaus sie geradezu von innen heraus zu illuminieren scheint, relativiert den ätzenden Zynismus Verhoevens, lässt für ein paar Sekunden jede Kritik vergessen und die menschliche Seite durchschimmern. Ein absolut magischer Moment. Ich kann nicht anders: Ich finde diesen Film fantastisch, für mich ist er (fast) alles, was großes Kino sein kann, der Rest ist die Faszination des Scheiterns. Mehr als SHOWGIRLS geht nicht.

untitledDie Niederlande im letzten Kriegsjahr: Die Jüdin Rachel Stein (Carice van Houten) flüchtet sich vor den Nazis von einem Unterschlupf in den nächsten, bis ihr ein Schlepper den Transport nach Belgien verspricht. Doch das Schiff, das sie und ihre Familie in Sicherheit bringen soll, wird von den Nazis überfallen und nur Rachel überlebt. Wenig später findet sie Anschluss an ein Gruppe niederländischer Widerstandskämpfer. Unter dem Decknamen Ellis de Vries begegnet Rachel zufällig dem Obersturmführer Müntze (Sebastian Koch), der sofort Gefallen an der attraktiven Frau findet. Diesen Kontakt soll Ellis nun für den Widerstand nutzen. Doch nachdem sie sich das Vertrauen der Nazis erschlichen hat, muss sie feststellen, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse längst nicht so klar verlaufen, wie sie das bisher angenommen hat …

Paul Verhoevens Filme der vergangenen 20 Jahre (mit seinem niederländischen Frühwerk bin ich kaum vertraut) tendierten bei aller formalen Brillanz immer auch ein wenig hin zum Sleaze und zum Trash. Daher rührt auch Verhoevens Ruf als Provokateur: Wenn nicht schon die ganze Prämisse seiner Filme darauf abzielte, die Sehgewohnheiten und Wertvorstellungen eines Mainstreampublikums zu torpedieren (BASIC INSTINCT, SHOWGIRLS), so waren es die drastischen Gewaltdarstellungen – ROBOCOP galt seinerzeit als einer der brutalsten Filme überhaupt, TOTAL RECALL wusste diesen noch zu toppen und STARSHIP TROOPERS schließlich legte die Messlatte nocheimal ein Stück höher – und wohldosierten Anzüglichkeiten, die offen ließen, ob Verhoeven in aufklärerischer Funktion den Voyeurismus seiner Zuschauer offenlegen oder doch nur seine eigenen erotischen Fantasien verfilmen wollte (HOLLOW MAN etwa). Und genau diese Offenheit machte sie auch zu einer solchen Herausforderung für den Zuschauer. Eine Herausforderung, der sich längst nicht alle stellen wollen: Es ist eine triste Welt voller Dilettanten, in der ein Film wie SHOWGIRLS als Baddie verlacht wird.

BLACK BOOK eilte somit ein gewisser, mit seinem Regisseur verbundener Ruf voraus. Umso überraschter war ich festzstellen, wie es Verhoeven gelungen ist, sich hier zurückzunehmen. Die vereinzelten Szenen, mit denen er Assoziationen an sein restliches Oeuvre weckt, fallen nie aus dem Rahmen des Films, der sehr ausgewogen und, ja, warm und menschlich wirkt. Der ätzende Zynismus, dem man sich bei seinen Filmen sonst immer stellen musste, tritt hier gegenüber einem humanistischen Ansatz und einer tiefen Empathie zurück. Ich weiß nicht, wie BLACK BOOK in den Niederlanden aufgenommen wurde, wie Verhoeven dort überhaupt angesehen ist. Ein Volk, das nach eigenem Selbstbild geschlossen im Widerstand gegen die Nazis tätig war, dürfte  Verhoevens Film aber wenn schon nicht als Affront, so doch als unangenehme Backpfeife empfunden haben. In BLACK BOOK sind nicht ausschließlich die Nazis das Böse: Es ist der Krieg selbst, der in den Menschen das Schlechte hervorkehrt. Angesichts der drohenden Gefahr ist sich jeder selbst der Nächste: Der eine hasst die Juden, weil sie ihn selbst in Gefahr bringen, der andere verhökert sie an die Nazis, um sich mit denen die Beute zu teilen, wieder eine andere rettet ihre Haut, indem sie sich den Nazis als Lustobjekt andient, und auch die hehren Widerstandskämpfer arbeiten zum Teil mit verdeckter Agenda. Im Hass sind sie alle gleich: Als der Krieg vorbei ist, wird Ellis von ihren aufgebrachten Landsleuten als „Moffenhoer“ („Deutschenhure“) gedemütigt und misshandelt. Ihr „Verbrechen“: mit Müntze einen Nazi geliebt zu haben, der seine Position dafür nutzte, die Katastrophe einzudämmen.

Verhoevens Film spielt im Zweiten Weltkrieg, aber seine Aussage ist universal, und es gelingt ihm, das jüdische Leid in eindrucksvolle, aber niemals abgenutzte Bilder zu kleiden. Die letzte Szene zeigt Rachel, mehrere Jahre nach dem Krieg. Sie lebt nun in einem Kibbuz in Israel, sie ist dem Grauen wie durch ein Wunder entgangen, langsam verheilen ihre Wunden. Doch ein hoher Stacheldrahtzaun umgibt ihre neue Heimat und Düsenjäger fliegen regelmäßig über sie hinweg. Dem Hass der anderen wird Rachel nie ganz entkommen …