Mit ‘Penelope Spheeris’ getaggte Beiträge

dudes-poster-1Schade, ich hatte so eine tolle Theorie, warum DUDES ein so seltsamer Film geworden ist, aber leider ist sie schon nach kurzer Prüfung der Faktenlage nicht mehr haltbar. Für mich schien er die Probleme widerzuspiegeln, mit denen eine ambitionierte Regisseurin unweigerlich konfrontiert wird, wenn sie nach einigen ambitionierten, dem Indie-Bereich zuzuordnenden Milieustudien (THE DECLINE OF THE WESTERN CIVILIZATION, SUBURBIA) versucht, einen eher dem Mainstream zuzuordnenden Film zu drehen. Es schlagen zwei Herzen in der Brust von DUDES, aber leider nie wirklich im Einklang. Spheeris zeichnet auf der einen Seite ein im Geiste ihrer Frühwerke stehendes, trostloses Bild der Jugend in den USA der Achtzigerjahre, auf der anderen Seite soll sie dieses Bild aber in eine muntere Teenie-Komödie überführen. Beides geht nicht recht zusammen, was den Film aber auch wieder außergewöhnlich und somit interessant macht. Leider musste ich nach dem Blick auf Spheeris‘ Filmografie feststellen, dass sie vor DUDES bereits mit ihrem finsteren Jugend-Psychothriller THE BOYS NEXT DOOR sowie HOLLYWOOD VICE SQUAD, einer weiblichen Variante von Schraders HARDCORE, Erfahrungen mit publikumsträchtigeren Stoffen gesammelt hatte, sodass sich mein Verdacht einer unguten Produzentenintervention eher nicht bestätigen lässt. Vielleicht geht es also ganz allein auf ihre Kappe, dass DUDES so „entglitten“ wirkt. In ihrer Filmografie spielt er kaum eine Rolle, auf eine DVD-Auswertung wartet er bis heute. Noch nicht einmal einen kleinen Kultstatus darf er für sich in Anspruch nehmen, was auch ein bisschen schade ist, denn DUDES ist schon sehr anders.

Die drei New Yorker Punks Grant (Jon Cryer), Biscuit (Daniel Roebuck) und Milo (Flea) haben von ihrer Stadt die Schnauze voll haben und entscheiden sich aus einer Sufflaune heraus dazu, nach Kalifornien zu fahren, wo das ganze Jahr über die Sonne lacht. Als sie in der Wüste Arizonas übernachten, werden sie von einer Bande aggressiver Rednecks um den fiesen Missoula (Fear-Frontmann Lee Ving) überfallen, Milo überlebt diese Konfrontation nicht. Weil die Polizei den jungen Punks nicht wirklich helfen will, begeben sie sich selbst auf die Suche nach den Tätern. Nach einer Vision Biscuits verkleiden sich die beiden als Indianer und Cowboy, und heften sich an die Fersen des Killers, den Grant schließlich in einer Schießerei niederstrecken kann.

Schon diese kurze Inhaltsangabe macht deutlich, dass DUDES entgegen seinem Titel nicht besonders komisch ist, eher deprimierend und desillusioniert, aufgelockert allerdings durch skurrile und trippige Einschübe. Die Bilder der Punks in der Kargheit der Wüste, vor dem imposanten Hintergrund des Monument Valley muten schon reichlich fremdartig an und werden von Tarantino-Stammkameramann Robert Richardson entsprechend eingefangen. Seltsame Szenen wie jene, in der die beiden Freunde bis zu den Knien in einem Fluss stehen und sich streiten, als plötzlich ein toter Hirsch vom Himmel fällt (Jäger haben ihn von einer Brücke geworfen), stehen eher gewöhnlichen Elementen gegenüber, etwa einer sich anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Grant und der allein lebenden Jessie (Catherine Mary Stewart), oder der Begegnung mit einem hilfsbereiten Elvis-Impersonator namens Daredelvis (Pete Wilcox). Wirklich merkwürdig wird der Film, als die beiden Jungs sich nach Biscuits Traum verkleiden und ihnen nach einer Pulle Selbstgebranntem ein alter Cowboy namens Witherspoon (Cal Bartlett) erscheint. Der folgende Showdown, der einen Abstieg der Protagonisten in Wahnsinn und Gewalt suggeriert, dann aber doch in ein halbherziges Happy End mündet, gibt ebenfalls Rätsel auf.

Man erkennt durchaus die Handschrift der Regisseurin, die für sich in Anspruch nehmen kann, Jugendkultur nicht nur via MTV-Schnellstudium aufgesogen zu haben. Die Protagonisten und was man von der Szene, in der sie sich bewegen, mitbekommt, wirken zu jeder Zeit authentisch, und sind nicht, wie so oft, nach den weltfremden Vorstellungen irgendwelcher Hollywood-Sesselpupser gezimmert. Gleich zu Beginn absolvieren die Vandals einen pogointensiven Auftritt, Lee Ving ist ein alter Weggefährte, der ja schon in DECLINE als Arschloch vom Dienst überzeugte, der Soundtrack selbst indessen kündigt bereits den Hairspray-Metal aus THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS an. Die Sympathien sind klar verteilt und auch, wenn nicht so ganz klar wird, was das eigentlich alles soll, kommen die USA mit ihrer Außenseitern alles andere als wohl gesonnenen Redneck-Kultur nicht gerade gut weg. Die Wandlung der Punks zu prototypischen Figuren aus der amerikanischen Geschichte scheint einen Versuch darzustellen, in der Heimat „anzukommen“. Dass ein Mord dazugehört, lässt tief blicken. Am Ende wartet nicht Kalifornien, sondern doch nur das Ende der Unschuld.

Ich hatte schon in meinem Text zum Vorgänger betont, wie wichtig mir dieser Film ist. Als ich ihn zum ersten Mal sah, war das noch einige Jahre bevor ich MTV empfangen konnte: Lemmy Kilmister, Alice Cooper, Megadeth, Ozzy Osbourne, Gene Simmons und Paul Stanley von Kiss oder Steven Tyler und Joe Perry von Aerosmith in bewegten Bildern sehen zu können, war noch etwas wirklich Besonderes, auch wenn ich gerade erst angefangen hatte, mich in Metal und Hardrock „einzuarbeiten“. Aber als echten „Metalfilm“ habe ich THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS eigentlich schon damals nicht erlebt. Der Schwerpunkt liegt eher auf Glamrock, der damals von Fans des „harten“, „ehrlichen“ und „echten“ Metal verachtet wurde (der Begriff „Poser“ war allgegenwärtig), und das aufgedrehte, ignorante und sexistische Gesülze von Poison und Faster Pussycat oder Never-have-beens wie London und Odin erschien mir damals vor allem peinlich. Eine Szene wie jene, in der Chris Holmes von W.A.S.P. sich vor den Augen seiner sichtlich besorgten Mama volllaufen lässt und Sätze äußert wie „I’m a full blown alcoholic“, war immer für einen herzhaften Lacher und ein entgeistertes Kopfschütteln gut. Ebenso wie die Naivität der zahllosen zu Wort kommenden Hobbymucker, die felsenfest davon überzeugt sind, der nächste Superstar zu werden und keinen Plan B in der Tasche haben. Oder natürlich der Typ, der meint, es schütze ihn vor Aids, dass der Vater seine Freundin Frauenarzt ist.

Spheeris‘ Film liefert immer noch einen äußerst munteren Blick auf die damalige Szene und schürt bei mir nicht wenig Nostalgie für eine Zeit, die irgendwie wunderbar einfach schien. THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS ist bunter, lebhafter, witziger als der Vorgänger. Trotzdem hat sich mit den Jahren, die ich inzwischen zugelegt, den Erfahrungen, die ich gemacht habe, und der Zukunftsperspektive mit zwei Kindern auch meine Wahrnehmung erheblich verändert. Was ich früher einfach nur haarsträubend komisch oder zum fremdschämen peinlich fand, offenbart mittlerweile eine andere Dimension. Und da wird dann auch deutlich, dass die Differenz zwischen den Protagonisten dieses Films und denen der vorigen Installation gar nicht so gewaltig ist, wie man vielleicht annehmen könnte. Ja, das Rockstardenken war den Bands, die in THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION vorgestellt worden waren, denkbar fern, während es im Sequel alles bestimmt: Man spürt, dass die Achtzigerjahre ein materialistisches und oberflächliches Jahrzehnt waren. „Rebellion“ und „Widerstand“ sind zu relativ leeren Gesten verkommen, man hat sich mit den  Umständen arrangiert und der Sunset Strip bietet dann auch einen Ort, an dem man diese Art des „Widerstands“ feilbieten darf und dafür mit Groupies, lokalem Ruhm und vielleicht sogar einem lukrativen Plattendeal entlohnt wird. Die Musik ist glatter, eskapistischer, die Ecken und Kanten sind abgeschliffen. Aber ansonsten sind sich die Kids beider Filme erstaunlich ähnlich. Mit den an sie gestellten Ansprüchen sind sie massiv überfordert, lieber wollen sie auf der Bühne die Kuh fliegen lassen – und schon das Einräumen der Möglichkeit, dass das nicht langfristig funktionieren wird, erscheint ihnen als erster Schritt zur Niederlage –, als einem langweiligen Job nachzugehen, Die Zukunft ist noch weit weg, die Gegenwart ist der Ort, an dem sich das Leben abspielt. Sex, Drugs and Rock’n’Roll liefern die gewünschte Ablenkung von der Tristesse des Alltags. Was die Rocker aus Teil 2 von den Punks aus dem ersten Teil hingegen wesentlich unterscheidet, mehr als alle Oberflächenmerkmale, ist der Wunsch, einen Platz innerhalb der Gesellschaft zu finden: einen privilegierten zwar, einen, der es ermöglicht, „sein eigenes Ding“ zu machen und dank des Geldes auf Distanz zum Mittelmaß gehen zu können, aber dennoch einen, der es ermöglicht, dazuzugehören. Es gibt keine Verachtung, keinen Wunsch zu fliehen oder das verlogene System zum Teufel zu jagen.

Daher ist es auch kein Wunder, dass THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS viel vom „Business“ erzählt: Was braucht es, Rockstar zu werden, welche Fallen lauern auf dem Weg, welche Gefahren drohen, wenn man es geschafft hat? Wenn man den Veteranen Lemmy, Tyler, Perry, Simmons, Stanley oder Osbourne zuhört, merkt man, dass das „Rockstar-Sein“ auch nur ein Beruf ist, einer der viel Disziplin erfordert und dessen Verlockungen nur eine Entschädigung für die vielen Entbehrungen sind, die man auf sich nehmen muss, wenn man erfolgreich sein will. Der Traum ist in gewisser Hinsicht systemerhaltend. Er verspricht ein Leben außerhalb des Regelsystems, dabei wirft er einen umso stärker auf diese Regeln zurück. Man muss unweigerlich an Adorno denken und an das, was er einst zu den Preisausschreiben und Gewinnspielen geschrieben hat: Zu suggerieren, dass einer es schaffen kann, hält tausend andere bei Laune. Die Kids in THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS, die vom Leben als Rockstar träumen und an ihrer „Karriere“ stricken, können dem System keinen Schaden zufügen. Die dümmlichen Mädels, die an einem Miss-Wettbewerb teilnehmen, und sich dafür vor der Rocker-Jury in Unterwäsche auf dem Boden räkeln, sind ein noch schlagkräftigeres Beispiel: Die eine wünscht sich, die lockenden 1.000 Dollar Preisgeld in eine Eigentumswohnung zu investieren, die andere erhofft sich einen Bekanntheitsschub fürs „modelling“ und „actressing“. Hier ist das alles noch beinahe unschuldig, heute werden mit solchen Fantasien Millionen geschaufelt und das Versagen flächendeckend im Fernsehen ausgestrahlt.

Sehr bezeichnend für das angeblich ach so zersetzende Potenzial von Rockmusik und Metal ist der Blick, den eine Sozialbeamtin der (wieder einmal hinter der Kamera zurücktretenden) Interviewerin Spheeris zuwirft: Sie ist für ein Programm namens „De-Metalling“ verantwortlich, mit dem auffällig gewordene Metalkids vom „gefährlichen“ Metal weggeführt werden sollen. Ausführlich spricht sie über die Misogynie von Metal, von seiner Gewaltverherrlichung und seiner Vorliebe für den Satan. Allesamt schädliche Einflüsse auf die beeinflussbaren Kinderlein. Doch als sie gefragt wird, ob sie wirklich daran glaube, dass Ozzy den Teufel anbetet, kann sie sich ein Lachen kaum verkneifen. Aber natürlich kann sie auch nicht sagen, dass sie lediglich dazu da ist Nebelkerzen zu werfen, einen Eindruck zu wahren. Ein toller Film, einer der besten über Rockmusik, die ich kennen und der dank der Veröffentlichung auf Blu-ray hoffentlich seiner verdienten größeren Bekanntheit zugeführt wird.

Ich muss zugeben: Ich war nie ein großer Punk-Fan. Klar, es gibt ein paar Bands und Songs, die ich mag, und grundsätzlich ist mir die Idee, die hinter der Musik steht, sympathisch. Aber mir war die ganze Punk-Ästhetik immer zu wenig theatralisch und fantasievoll, zu nüchtern und negativ. Als ich begann, mich für Musik jenseits der Singlecharts zu interessierten, da waren mir Hardrock und Metal mit ihrer Flamboyanz, ihren Posen, ihrem Omnipotenzwahn und der Möglichkeit zum Eskapismus einfach näher. Ich schätze, ich war politisch nie ein besonders aufmüpfiger oder rebellischer Mensch, ich habe nie „Hass“ auf die Gesellschaft oder die Menschheit verspürt. Die Wahrnehmung der Welt, die in Punk und Hardcore zum Ausdruck kommt, war nie die meine. Und die Musik schien mir immer etwas zu stumpf, zu eindimensional, sowohl tonal wie in der Aussage (wie gesagt: Ausnahmen bestätigen die Regel), als dass ich mich mit ihr wirklich hätte identifizieren können.

Die neu erschienene Box mit den drei Dokumentationen, die Penelope Spheeris zwischen 1980 und 1998 unter dem Titel THE DECLINE OF THE WESTERN CIVILIZATION gemacht hat, habe ich mir logischerweise vor allem wegen des zweiten Teils gekauft: PART 2: THE METAL YEARS, in dem es um die Hardrock- und Metalszene im L.A. der ausgehenden Achtzigerjahre geht. In meiner Jugend im Fernsehen und später mit unverschämtem Glück als britisches Second-Hand-Videotape in einem Krefelder Comicladen aufgeschnappt, wurde der schier unglaubliche Film zu einem meiner absoluten Lieblinge und ich zittere jetzt schon vor Vorfreude auf das baldige Wiedersehen. Historisch signifikanter ist aber dieser Auftakt der Reihe, der die Punkszene der Westküstenmetropole unter die Lupe nimmt und heute, wo Punk seine Domestizierung auch schon wieder knapp zwei Jahrzehnte hinter sich hat, einen Blick in eine fremde, dreckige, hoffnungslose, asoziale und durch und durch kaputte Welt ermöglicht.

Spheeris widmet sich nacheinander Black Flag (mit ihrem zweiten Sänger Ron Reyes), Germs (kurz vor Auflösung der Band und ein knappes Jahr vor dem Tod von Sänger Darby Crash), Catholic Discipline, X, Circle Jerks, Alice Bag Band und Fear, lässt vereinzelte Mitglieder zu Wort kommen, besucht Shows sowie die Redaktion des Slash Magazines (mit dessen Chefredakteur sie zu der Zeit verheiratet war) und hört sich an, was Fans, Manager und Clubbesitzer zu sagen haben. Auffällig ist (vor allem im Vergleich mit einem Film wie METAL: A HEADBANGERS JOURNEY), dass sie nicht mit einer vorgefertigten Haltung an die Musiker herantritt: Die Interviews wirken sehr organisch in ihrem Verlauf, nur selten wird der Redefluss der Protagonisten durch Fragen der im Off befindlichen Regisseurin gestört. Mehr als um eine Klassifizierung der Musik oder darum, das vereinende Element in der Diversität zu finden, alles unter das Etikett „Punk“ zu zwängen, geht es darum, die Menschen hinter der Musik zu Wort kommen, sie sich so präsentieren zu lassen, wie sie das in der jeweiligen SItuation für richtig halten. Wenn der Film zu Ende ist, hat man dann auch nicht das Gefühl, sogleich einen Schulaufsatz über das Phänomen „Punk“ schreiben zu können, in dem alles schön geordnet nebeneinandersteht, was man mit der Szene immer schon assoziiert hat. Vielmehr erhält man einen Eindruck von der Vielgestaltigkeit von Punk nicht so sehr als einer ästhetischen Einheit als vielmehr einer bestimmten Weltanschauung und Lebenshaltung. THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION funktioniert vor allem als Porträt einer Generation an der Schwelle zwischen zwei Jahrzehnten und was zunächst desillusionierend wirkt, relativiert sich mit dem Abstand von 35 Jahren: Die meisten der gezeigten Musiker sind heute Opas, die von ihrem Legendenstatus zehren, vielleicht kein Leben in Saus und Braus führen, aber eben auch nicht untergegangen sind, wie man das in den Film für einige von ihnen befürchtet.

Es sind beileibe keine schönen Bilder, die Spheeris einfängt: Ron Reyes zeigt das besenkammergroße „Zimmer“, das er für 16 Dollar in einer alten Baptistenkirche gemietet hat (der Schlagzeuger wohnt in einem „Fach“ über ihm), schildert, dass er beim Gas- und Stromversorger vsowie der Telefongesellschaft verschuldet ist und sich deshalb nichts anderes leisten kann. Die Mitglieder von X stechen sich ihre eigenen Tattoos (wirken aber sonst auffallend normal und intelligent). Fans berichten von nicht mehr vorhandenen oder völlig gleichgültigen Eltern und der Freude an Gewalt. Konzerte geraten völlig aus den Fugen, arten zum Teil in Massenschlägereien aus. Fear überziehen ihr Publikum von der Bühne aus mit homophoben Beleidigungen und lassen sich dafür beherzt anrotzen. Es ist ein Spiel, aber eins, das keine schützenden Grenzen kennt. Die Locations sind klein und versifft. Und wie jung die alle noch sind! Besonders bitter ist natürlich das Segment um die Germs und den seelisch offenkundig schwer angeschlagenen Darby Crash. Um die Anfeindungen des Publikums zu überstehen, sagt er, gehe er nur unter Drogeneinfluss auf die Bühne, wo er sich dann regelmäßig selbst verletzt oder aber von Zuschauern malträtiert wird. Ihn darauf hinzuweisen, dass er ins Mikro singen muss, hat die konsternierte Managerin längst aufgegeben, seine Darbietung, bei der er sich unter anderem mit einem Edding beschmiert und die Zuschauer um Bier anschnorrt, ist mit „erratisch“ noch sehr, sehr freundlich umschrieben. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war es der Band schon nicht mehr möglich, in L.A. aufzutreten: Wegen der immer wieder ausbrechenden Schlägereien bei ihren Gigs hatten alle wichtigen Clubs ein Auftrittsverbot ausgesprochen, das Konzert im Film wurde eigens dafür organisiert. Hier sieht man tatsächlich einem jungen Mann (Crash war damals 22) beim langsamen Sterben zu und fragt sich: Wie konnte es dazu kommen?

Was veranlasste diese zum Teil gerade eben der Schule entwachsenen Kids dazu, eine solch eruptive Musik zu machen, sich jeden Abend in eine wahre Schlacht zu werfen? Was löste diesen Zorn, diese Desillusion aus? Die Antworten liegen natürlich auf der Hand, wirken aber auch eine Nummer zu klischeehaft: Wie viele andere Teenies wachsen unter den gleichen Bedingungen auf, ohne solchermaßen produktiv zu werden? Und was machen junge Leute, die sich heute in ähnlichen Bedingungen wiederfinden? Die Zeit, in der etwas dermaßen Rohes und Asoziales entstehen und zumindest kurzzeitig die Schmerzen und die Angst lindern konnte, scheint weit, weit entfernt. Und das darf man – Punk-Fan oder nicht – durchaus bedauern.

An ihrem letzten Schultag vor dem Beginn des Daseins als Erwachsene beschließen die beiden sozialen Outcasts Bo (Charlie Sheen) und Roy (Maxwell Caulfield) nach L. A. zu fahren, um es dort noch einmal so richtig krachen zu lassen. Doch der Ausflug beendet in mehr als einer Hinsicht ihre Jugend: Der von der Außenwelt komplett entfremdete Roy spürt in sich nämlich das unstillbare Verlangen, einen Menschen zu töten …

Gleich nach ihrem desillusionierenden Jahrhundertwerk SUBURBIA drehte die filmische Jugendbeauftragte Penelope Spheeris diese kalte Hundeschnauze von einem Film, der ihr Plädoyer aus dem erstgenannten noch einmal bekräftigt. Flüchten sich die vernachlässigten Kids aus SUBURBIA in eine Ersatzfamilie aus Gleichgesinnten und in den artikulierten Zorn des Punk, um den sozialen Halt nicht vollständig zu verlieren, und lösen sie damit nur wieder das Unverständnis, die Angst und den Hass der Erwachsenen aus, die eine Alternative zu ihrem Lebensstil nicht akzeptieren können, zeigt THE BOYS NEXT DOOR unmissverständlich, was passiert, wenn jegliches Ventil, die eigenen Frustrationen abzulassen, fehlt. Für Roy ist schon von Beginn an alles zu spät: Sein smartes Lächeln kann nicht verbergen, dass ihn Gewaltfantasien ausfüllen, sein aufgepumpter Körper ist kein Zeichen von Sportsgeist und Ehrgeiz, sondern von Travis Bickle’scher Mobilmachung gegen den unspezifischen Feind, sein Vater ist ein Säufer und sein bester Freund Bo selbst noch zu unreif und beeinflussbar, um die richtigen Fragen zu stellen. Für die Armee, die allein seine Bedürfnisse noch in eine gesellschaftlich akzeptierte Richtung lenken könnte, mangelt es ihm an der nötigen Disziplin und der Bereitschaft zur Selbstaufgabe, also muss sich seine ganze angestaute Aggression – die seinen muskulösen Körper förmlich niederzudrücken scheint – anders Bahn brechen. Wenn er sich auf seine Opfer stürzt und ohne Rücksicht auf sie einprügelt, auch wenn sie schon längst am Boden liegen, kommt ein krasses Maß an Selbsthass und Verzweiflung darin zum Ausdruck, die zu heilen kaum noch möglich ist.

Spheeris‘ Kamera vollzieht dies dadurch nach, indem sie immer wieder die Furcht und damit das Kindliche im Blick Roys aufspürt – und mit ihr  seinen menschlichen Kern -, besorgt beobachtet, wie diese Furcht mehr und mehr von einer gefährlichen Leere aufgelöst wird, und in den Gewaltszenen, in denen eine vormoralische Kraft sich seines Körpers zu bemächtigen scheint, auf Distanz geht, schockiert von dem, was da mit ihm passiert. Es mag bei so viel Kälte widersprüchlich klingen, aber THE BOYS NEXT DOOR ist ein einfühlsamer Film, weil er sich mit Vorverurteilungen zurückhält, er seinen beiden hoffnungslosen Protagonisten vielmehr mit Sympathie und Mitgefühl begegnet und eine Welt zeigt, in der es allzu leicht ist, zum misanthropischen Soziopathen zu werden. Als Roy auf offener Straße einen Tankwart zusammenschlägt, reagiert kein einziger der zahlreichen Passanten und der „Augenzeuge“, der sich der Polizei anbietet, ist ein alter Mann, der die Gelegenheit prompt dazu nutzt, das Verbrechen einem Schwarzen und einem Hispanic zuzuschieben. Roy verfährt genauso, nur seine Mittel sind ungleich drastischer: Den Wohlstand, der um ihn herum als erstrebenswert ausgestellt wird und von dem er weiß, dass er ihn niemals wird erreichen können, das Glück, das ihm verstellt bleiben wird, die Liebe, die er nicht erfahren wird, weil er sich selbst hasst, all das soll auch kein anderer haben. Und wer sich diesem unausgesprochenen Diktum widersetzt, ist ein Verräter und muss bestraft werden. Doch die Kluft, die Roy zwischen sich und der Gesellschaft spürt, wird so nur noch größer: Denn nichts ändert sich durch seine Gewalttaten. Im Gegenteil zementieren sie nur seinen Status als vom Schicksal Übergangener.

THE BOYS NEXT DOOR schwächt seinen Impact ein wenig durch die einleitende Creditsequenz, in der mittels Archivbildern und Kommentaren eine Parallele zu berühmt-berüchtigten Serienmördern gezogen wird: Die einfache Message lautet, dass sich das Böse manchmal hinter einer sehr alltäglichen Maske verbirgt. Das trifft zwar auf Spheeris‘ Film auch zu, verdeckt meines Erachtens aber den sozialkritischen Kern ihres Films, der doch nicht die bloße Existenz eines zwar banalen, aber dennoch voraussetzungslosen Bösen konstatiert, als vielmehr einen graduellen Übergang von jugendlicher Devianz hin zur pathologischen Mordlust erkennt und damit auch eine Möglichkeit, wenn nicht gar Verpflichtung, zur gesellschaftlichen Intervention. Vielleicht ist diese Creditsequenz aber auch eher als Warnung zu verstehen: Der Grundstein für ein Dasein als Serienmörder wird in Kindheit und Jugend gelegt. Wehret den Anfängen! Wie dem auch sei: THE BOYS NEXT DOOR ist bärenstark, profitiert von Caulfields wirklich furchteinflößender, beunruhigender Darstellung und der linkischen Naivität, die der spindeldürre Charlie Sheen mitbringt. Die ausgezeichnete Fotografie und der gleichermaßen mit Punk- und Hardrocksongs gespickte Soundtrack schaden gewiss auch nicht und der visuelle Zirkelschluss, der die Klammer für THE BOYS NEXT DOOR bildet, ist zu schön, um wahr zu sein.

 

 

In einer verkommenen kalifornischen Vorstadtsiedlung leben einige jugendliche Punks in einem leerstehenden Haus, weil sie es aus verschiedenen Gründen bei den Eltern nicht mehr ausgehalten haben. Sie schlagen sich mit Diebstählen durchs Leben, reagieren sich abends auf Hardcore-Konzerten ab und haben keinerlei Vorstellung davon, wie sie ihr Leben in den Griff bekommen können. Der kleinbürgerlichen Nachbarschaft sind sie ein Dorn im Auge: Anstatt sich mit den Jugendlichen zu solidarisieren, sehen die nur ihre eigenen lächerlichen Besitztümer bedroht. Eine offene Auseinandersetzung bahnt sich an …

„No Future“: Das war in den frühen Achtzigerjahren der Slogan der Punkbewegung und in SUBURBIA erhält man einen ziemlich guten Eindruck, woher diese Weltanschauung  kam und was sie jenseits eines bloß plakativen Fatalismus bedeutet. Das einstige Vorstadtparadies des Films hat sich in einen besseren Slum verwandelt und die Elterngeneration, die mitansehen musste, wie ihr Traum vom Wohlstand den Bach runterging, ist viel zu sehr mit der eigenen Identitätskrise beschäftigt, als dass sie sich um die Erziehung des Nachwuchses kümmern könnte. Ungeliebt und aus desolaten Elternhäusern stammend ist den Jugendlichen jeder Optimismus, jede Hoffnung auf ein halbwegs normales Leben und das Vertrauen in die Erwachsenen, die sie im Stich gelassen haben, abhanden gekommen. Mit der Gesellschaft wollen sie zwar nichts mehr zu tun haben, doch leben sie natürlich nicht im luftleeren Raum. Ihre zwangsläufigen Frustrationen brechen sich in sinnlosen Scharmützeln während der abendlichen Konzerte Bahn, bei denen die Musiker mehr als einmal entnervt abbrechen müssen, weil die Situation vor der Bühne zu eskalieren droht. Und diese destruktive Ader entfremdet die Kids noch mehr: Weil die Verlierer um sie herum ein ähnlich beklagenswertes Leben führen und ebenfalls ihre Aggressionen irgendwo loswerden müssen, kommen ihnen die Punks gerade gelegen. Sie sind die perfekten Sündenböcke: ein paar Kids ohne jede Lobby, ohne Privilegien, ohne Fürsprecher.

Penelope Spheeris dreht vor SUBURBIA die Punkrock-Dokumentation THE DECLINE OF THE WESTERN CIVILIZATION, deren Titel durchaus auch auf ihr Spielfilmdebüt gepasst hätte. Es verwundert also nicht wirklich, dass auch SUBURBIA leicht dokumentarische Züge trägt: Die Schauspieler sind bis auf ganz wenige Ausnahmen Laiendarsteller aus der kalifornischen Punkszene (es gibt u. a. einen sehr jungen Flea, seines Zeichens Bassist der Red Hot Chili Peppers, zu bewundern), die Konzerte bestreiten die Hardcore-Veteranen von D.I., T.S.O.L. und The Vandals und mehrere Ereignisse des Films sind von realen Begebenheiten inspiriert. SUBURBIA ist dann auch ungemein deprimierend in seiner Rohheit und Ausweglosigkeit, die ihren deutlichsten Ausdruck im Bild einer Rotte ausgesetzter und deshalb verwildeter Hunde findet, von denen einer in der Eröffnungsszene ein Kleinkind vor den Augen der Mutter zerfetzt. Aus Opfern werden Täter, für die die Gesellschaft dann meist auch eine entsprechende Antwort parat hat, während sie vorher tatenlos zusieht. Spheeris blieb dem Sujet noch eine Weile treu: Als nächstes folgten THE BOYS NEXT DOOR und DUDES, dann widmete sie sich der Glamrockszene in L.A. in THE DECLINE OF THE WESTERN CIVILIZATION PART 2: THE METAL YEARS, einem absoluten Wahnsinnsfilm, den ich hier demnächst mal besprechen muss, bevor sie mit WAYNE’S WORLD einen Riesenhit landete, der ihr dann diverse Komödienengagements einbrachte. Von denen kann man dann halten, was man will, SUBURBIA ist über jeden Zweifel erhaben.