Mit ‘Peplum’ getaggte Beiträge

ERCOLE SFIDA SANSONE ist wahlweise der zehnte Herkules- oder der dritte Samson-Film: 40, 50 Jahre vor dem MCU haben die Italiener es vorgemacht, wie man eine Welt aus muskulösen Helden auf der Leinwand errichtet, die sich in den Filmen dann gegenseitig zur Seite springen konnten. Naja, jedenfalls fast. Auf dem Regiestuhl dieses Crossovers (bei dem auch noch Odysseus mitmischt, in den internationalen und deutschen Verleihversionen sogar im Titel) nahm erneut Pietro Francisci Platz, der schon den ersten Herkules-Film LE FATICHE DI ERCOLE inszeniert hatte. Gerade am Anfang musste ich dann auch einige Déjà Vus überwinden, bevor ich mir sicher war, hier wirklich einen mir noch unbekannten Film zu sehen: Es gibt während der Exposition einige offensichtliche Parallelen zwischen den beiden Filmen, ganze Szenen, die ähnlich aufgebaut sind und den Eindruck erwecken, es hier mit einem Remake zu tun zu haben. Doch das gibt sich dann zum Glück und Francisci kredenzt uns ein ganz neues Abenteuer um die muskelbepackten Haudraufs der Antike.

Alles beginnt damit, dass Herkules (Kirk Morris) ein paar griechische Seeleute gemeinsam mit dem etwas spiddeligen Odysseus (Enzo Cerusico) bei der Jagd auf ein Seeungeheuer begleitet, das die Männer regelmäßig dezimiert. Das Ungeheuer entpuppt sich dann als Nilpferd (?), das man im eingesetzten Stock Footage aber nur rudimentär erkennen kann. Noch dazu tobt ein Sturm, der schließlich dazu führt, dass Herkules, Odysseus und ein paar andere als Schiffbrüchige an fremdes Festland getrieben werden. Es handelt sich um Judäa, wo der Philisterkönig (Aldo Guiffré) das arme Volk knechtet, weil er Samson (Richard Lloyd) unter ihnen vermutet, der geschworen hat, ihn umzubringen. Weil Herkules dasselbe Talent zur barhändigen Ermordung gefährlicher Löwen an den Tag legt, wird er mit dem Gefürchteten verwechselt. Das alles mündet in einem von der geilen Philisterqueen Delilah (Liana Orfei) initiierten Intrigenspiel, bei dem sich die beiden Helden gegenseitig umlegen sollen. Doch natürlich kommt alles ganz anders: Herkules und Samson verbünden sich und fügen den Philistern eine empfindliche Schlappe bei.

Ganz am Anfang des Films gibt es eine Szene, die einen anderen, einen „realistischen“ Peplum antizipiert, der dann leider ausbleibt: Herkules kommt nach Hause zu seiner Familie, erklärt seiner Frau Leria (Diletta D’Andrea), dass er für ein paar Tage weg müsse, während sein vielleicht fünfjähriger Sohn anfängt, mit seinen kleinen Fäusten die Oberschenkel des Papas zu traktieren. Der reagiert darauf wie ein Lanwirt, der von einer Fliege belästigt wird und gibt dem Filius einen Schubs, sodass der unter den Tisch rollt. Nur noch mehr angestachelt kriecht er wieder hervor und kloppt erneut auf den Vater ein, bis sein greiser Lehrer endlich ein Einsehen hat und den Buben an den Schultern fortzerrt, damit die Eltern ihre Ruhe haben. Alltag im Hause Herkules eben. Leider lässt Francisci die Gelegenheit, den ersten komplett ereignislosen Peplum, einen, der von den Problemen handelt, die ein Halbgott bei der Erziehung und im Eheleben hat. zu drehen, liegen und konzentriert sich im Folgenden auf die bekannte und beim Publikum beliebte Abfolge von Abenteuern. Da werden dann Ochsen totgeschlagen, Löwen erwürgt, Heerscharen schurkischer Soldaten platt- und uralte Tempelanlagen dem Erdboden gleichgemacht, bis die Helden am Schluss mit triumphierendem Lächeln gen Heimat rudern und ihrem neuen Freund zum Abschied winken. Hervorzuheben ist noch das eminent homoerotische Geflirte zwischen Herkules und Samson, deren Balgerei ein bisschen wie Vorspiel für etwas wirkt, was uns dann leider vorenthalten wird. Hat Bruno Mattei eigentlich schwule Hardcore-Pepla gedreht?

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Nach ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA verabschiedete Steve Reeves sich von der Rolle des Herkules: Er hatte den Eindruck, dass er seinen Darbietungen nichts mehr hinzuzufügen hatte. Dem Peplum blieb er aber dennoch erhalten, zum Beispiel in den beiden SANDOKAN-Filmen von Umberto Lenzi, wie Leser meines kleinen Blogs wissen. Den dritten HERKULES-Film, LA VENDETTA DI ERCOLE, mit Mark Forest in der Titelrolle, konnte ich leider nicht in nicht Augenkrebs verursachender Qualität ausfindig machen, weshalb ich gleich zu Nummer vier springe: Bragaglias GLI AMORI DI ERCOLE, in dem Mickey Hargitay den Halbgott an der Seite seiner damaligen Gattin gibt, Busenwunder Jayne Mansfield.

Hargitay, der 1955 den Titel „Mr. Universum“ errungen hatte, bringt gegenüber dem holzfällerartigen Reeves eine jungenhaft-überschwängliche Qualität mit, die gut zu Bragaglias Film passt. Er beginnt mit der Ermordung von Herkules‘ Gattin durch den gemeinen Licos (Massimo Serato). Der Mann will Herkules‘ Zorn anstacheln, um in der Folge seine Königin Deianira (Jayne Mansfield) vom Thron zu stoßen und ihn selbst zu besteigen (den Thron, nicht Herkules). Zunächst bringt er dafür aber auch noch Deianiras Verlobten um und schiebt Herkules diesen Mord in die Schuhe. Der nimmt die Fährte des wahren Mörders auf, besiegt im Vorbeigehen einen dreiköpfigen Drachen und landet schließlich im Reich der Hexe Hippolyta (Jayne Mansfield), die ihm in Gestalt Deianiras den Kopf verdreht.

GLI AMORI DI ERCOLE geizt nicht mit Schauwerten, von denen der Drache natürlich der schönste ist: Gut, ein bisschen fühlt man sich an die Geisterbahn erinnert, wie das Monstrum da mit seinen Köpfen wackelt, mit den Augen rollt und mechanisch ein kleines Flämmchen spuckt, ohne wirklich von dem sich an ihm abarbeitenden Herkules Kenntnis zu nehmen. Aber dennoch muss man die Handarbeit, die in die Konstruktion des Drachen gegangen ist, honorieren. Wie ich überhaupt den oft gehörten Vorwurf, die Pepla seien „billig“ nicht so recht nachvollziehen mag: Der betriebene Aufwand ist ziemlich hoch, von den Kostümen bis hin zu den elaborierten Bauen und toll ausgestatteten Sets. Wem da nicht die Augen übergehen, dem ist eigentlich kaum zu helfen oder er ist von den maximal perfektionistischen, aber eben auch lebloseverdorbenn CGI schon. Wenn am Schluss dann auch noch ein behaarter Affenmann auftritt, ist das Glück eigentlich perfekt. Der tollste Einfall sind aber definitiv die verwunschenen Ex-Liebhaber von Hippolyta, die als knorrige Baumwesen ein trauriges Dasein auf einem Stück Ödland fristen und noch ein bisschen bluten, wenn man ihnen ein Ästlein abknickt.

Insgesamt wird die mit REGINA eingeschlagene Richtung von Bragalia mit AMORI fortgesetzt, was bedeutet, dass die zugrundeliegenden Mythen lediglich noch eine motivische Basis liefern, von der aus dann wild in alle möglichen Richtungen fantasiert wird. Interpretiert man Herkules‘ Gesichtsausdruck richtig, dann kann er selbst kaum glauben, was ihm da alles widerfährt und dem Zuschauer geht es ganz ähnlich. Ein beknackter Einfall reiht sich an den nächsten, das alles wird in quietschbunte Bilder mit ebensolchen Kostümen verpackt. Den Vogel schießt gewiss Leicos ab, dessen Frisur und lilafarbener Jumpsuit auch Eighties-Hardrock-Gniedelgöttern wie Yngwie Malmsteen oder Steve Vai gut zu Gesicht bzw. Schritt gestanden hätten, aber Herkules‘ meterbreite Lederhosenträger sind auch nicht verkehrt. Jayne Mansfield hat demgegenüber deutlich mehr an und ist vollends ausgelastet mit der Aufgabe, nicht vorn über zu fallen. Alles in allem eine sehr runde Sache.

Ich will hier nicht behaupten, dass es sich beim Vorgänger LE FATICHE DI ERCOLE um seriöses Historienkino handelt, aber mit diesem Sequel kehrt nun der Camp ein, den man mit dem Peplum gemeinhin assoziiert. Die englische Synchro, die für den ein oder anderen Schenkelklopfer sorgt, trägt gewiss ihren Teil dazu bei, aber auch so gibt es deutlich mehr zu schmunzeln als noch zuvor. Wenn Hercules (Steve Reeves) durch den Genuss verzauberten Quellwassers sein Gedächtnis verliert und fortan als fauler Lustsklave der nuttigen Omphale (Sylvia Lopez) in den Tag hineinlebt, sein verzweifelter Sidekick Odysseus (Gabriele Antonini) wie ein Flummi durch die Gegend hüpft, um seinen Kumpel von seinem Schicksal zu erlösen, dann ist das schon sehr putzig. Zumal Hercules in seinem roten hüftbetonten Minikleidchen wirklich herzallerliebst aussieht. Die schönste vollbärtige Dame, die ich je gesehen habe!

Mario Bavas Talent als Lichtmagier und Effektzauberer kommt ebenfalls deutlich mehr zum Tragen als in LE FATICHE, mit dem Ergebnis, dass ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA auch mehr fürs Auge bietet, als der diesbezüglich eher erdfarbene Erstling. Der Höhlenpalast der titelgebenden Königin ist ein wunderbar kitschiger Hingucker und die Gruppenbilder, in denen leichtbeschürzte, bronzen glänzende Herren dekorativ im Sonnenuntergang stehen, möchte man sich gleich rahmen lassen und übers herzförmige Bett hängen. Mutete LE FATICHE immer etwas gebremst an, geht es hier in die Vollen und man hat den Eindruck, das jeder im ersten Teil vielleicht noch bestehende Anspruch, den literarischen Vorlagen halbwegs gerecht zu werden, hier beherzt in die Tonne getreten wird. Oder vielmehr besinnt sich Francisci auf das, was ich in meinem letzten Text angemerkt habe: In REGINA DI LIDIA wird alles, was der herzzerberstenden Emotion im Wege stehen könnte, merklich zurückgefahren.

Der Beleg: Auch wenn man das Drehbuch wieder als Fehlschlag verbuchen muss, ist es doch auffällig, dass es den Film überhaupt nicht anficht. Die Episode um Hercules‘ Gefangenschaft bei Königin Omphale ist eigentlich nur ein Subplot, der mit der eigentlichen Geschichte – einem Bruderkampf um die Herrschaft über Hercules‘ Heimatstadt Theben – rein gar nichts zu tun hat und einer reinen Verzögerungstaktik gleichkommt,  aber gut dreimal so viel Laufzeit einnimmt. Was aus künstlerischer Sicht streng genommen ein Offenbarungseid ist, fungiert hier als Beleg dafür, dass Francisci verstanden hat, worauf es ankommt: Denn natürlich ist es ein kluger Schachzug, sich ganz auf das sadomasochistische Treiben von Omphale zu konzentrieren, die ihre abgelegten Liebschaften in Stauen zu verwandeln pflegt, und Hercules‘ Ringen um die eigene Virilität. Wer interessiert sich da schon für den albernen Schwanzvergleich zweier Deppen mit Topfhaarschnitt?

Manche Filme lösen mit ihrem Erfolg eine Welle ähnlich gelagerter Nachzieher aus. Ihr Einfluss kann dabei sehr offensichtlich sein (siehe das Slasherkino) oder sich eher mikrostrukturell in der Übernahme bestimmter Stilistika niederschlagen (vergleiche die zahllosen Tarantino-Klone). Betrachtet man vor allem das aktuelle Kinogeschehen, kann man sehr schnell zu dem deprimierenden Schluss kommen, dass es eigentlich überhaupt keine originellen Ideen mehr gibt und alles dem Beispiel eines bereits existierenden Werkes folgt, das seine Zugkraft an der Kasse unter Beweis gestellt hat und deswegen nachgeahmt wird. Diese Trends bewegen sich aber meist in einem bereits abgesteckten Rahmen, so wie das Slasherkino ein Subgenre des Horrorfilms ist oder die vor kurzem angesagten YA-Dystopien dem Muster des dystopischen Science-Fiction-Films folgten. Nur noch wenige Filme werden heute noch so irrsinnig einflussreich, wie es Pietro Franciscis LA FATICHE DI ERCOLE für das italienische (und europäische) populäre Kino seinerzeit war: Zu schnell werden Trends heute vom nächsten abgelöst, ist die Geduld des Publikums aufgebraucht, dürstet es nach der nächsten Sensation. Aber damals gründete sich auf dem Erfolg von Franciscis Film ein kleines sandalentragendes Filmimperium.

Das sogenannte Peplum (benannt nach einem antiken Kleidungsstück) bzw. der Sandalenfilm, den Francisci wenn schon nicht erfand, so doch als international bekanntes, kommerziell erfolgreiches Genre reanimierte , ging zweifellos auf den Abenteuer- bzw. Monumentalfilm mit historischem Einschlag zurück, wie er in den USA mit großem finanziellen Aufwand produziert wurde und auch in Italien bereits auf eine ca. lange Tradition zurückblicken konnte (Maciste war schon vor dem Ersten Weltkrieg Star einer eigenen Stummfilmreihe gewesen, die ihn allerdings auch in kontemporären Settings zeigte, und kurz vor LE FATICHE DI ERCOLE lockten ähnlich gelagerte Titel wie Leones IL COLOSSO DI RODI oder Mario Camerinis ULISSE die Menschen ins Kino), entwickelte sich aber innerhalb der ungefähr sieben, acht Jahre seiner größten Popularität zu einem eigenständigen, umfangreichen Genre, das von einzelnen Versuchen einmal abgesehen, bis heute vergeblich auf ein groß angelegtes Comeback wartet. Vielleicht ist das ganz gut so, denn für viele – den Autor eingeschlossen – dürfte der Sandalenfilm eng mit der eigenen, kindlichen Filmsozialisation verwoben und deshalb untrennbar mit einer bestimmten Ästhetik und Textur verbunden sein, die sich heute nicht ohne Weiteres wiederherstellen lässt. Selbst wenn ein neues Abenteuer von Herkules und Konsorten über die Leinwände flimmert, wie zuletzt etwa Renny Harlins THE LEGEND OF HERCULES oder Brett Ratners HERCULES, vergleicht man es doch weniger mit den italienischen Klassikern von einst als mit vergleichbaren US-amerikanischen Monumental- und Fantasyepen.

Man darf spekulieren, inweiweit Franciscis Film mit seinem Besetzungscoup in der Hauptrolle nicht sogar eine globale filmische Entwicklung mitanschob, die heute noch in voller Blüte steht. Ich behaupte: Der Actionfilm sähe ohne LE FATICHE DI ERCOLE und seine Nachzieher anders aus. Mit den Filmen um mythische Helden und Götter wuchs der Bedarf für muskelbepackte Darsteller, die dann meist außerhalb der eigenen Branche in den Bodybuilding-Studios und Sportarenen rekrutiert wurden. Der Erfolg von Leuten wie Steve Reeves, Mark Forest, Mickey Hargitay, Brad Harris, Reg Park oder Alan Steel ebnete den Weg für all die Schwarzeneggers (der ja selbst mal den Herkules spielte), Ferrignos (ebenfalls mit eigenem HERCULES), Lundgrens, Van Dammes, Norrisse, Dwayne Johnsons, Roddy Pipers, Hulk Hogans, Reb Browns und zahllose weitere, die als Quereinsteiger vom Sport zum Film fanden und nicht aufgrund ihrer mimischen Qualitäten, sondern ihrer beeindruckenden Physis zu Stars wurden. Und natürlich erinnern Hercules und Konsorten mit ihren übermenschlichen Fähigkeiten, den gefährlichen Missionen und fantasievollen Gegnern auch an die Superhelden, die zu Beginn der 2000er den Sprung vom Comic auf die Leinwand schafften und seitdem einen unvergleichlichen Siegeszug hinter sich gebracht haben.

Vielleicht ist der Sandalenfilm auch das Genre, mit dessen Erfolg die italienische Filmindustrie entdeckte, was unter dem Gütesiegel „Made in Italy“ wirklich möglich war. Hätte es den Italowestern, eine italienische Bastardisierung eines uramerikanischen Genres, jemals gegeben, wenn die Menschen sich nicht weltweit für die italienischen Versionen antiker Geschichten interessiert hätten? Wären der italienische Grusel-, Polizei-, Zombie-, Kannibalen- und Endzeitfilm jemals das geworden, was sie in den Augen zahlloser Filmbegeisterter heute sind? Der Sandalenfilm scheint mir in dieser Hinsicht zumindest auf einen flüchtigen Blick ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg hin zur für die Kommerzialisierung unumgänglichen Segmentierung in zielgruppenfreundliche Genres zu sein. Bis dahin war alles noch Abenteuerfilm gewesen, plötzlich bildeten sich eigene Subgenres heraus, mit eigenen Motiven und festen Regeln, die jeweils ein eigenes Publikum zogen, das ziemlich genau wusste, was es zu erwarten hatte.

Wie auch beim Giallo, dessen Begriff in seinem Ursprungsland Italien weitaus weniger eng gefasst wird als im Ausland, das damit eine ganz spezielle Spielart des italienischen Thrillers bezeichnet, ist auch der Begriff des Peplums streng genommen synonym zu unserem „Abenteuer-„, „Monumental-“ oder „Historienfilm“ zu verstehen. Neben den Filmen um Hercules, Maciste, Ursus, Samson oder Goliath, die wir als „Sandalenfilme“ bezeichnen, gehören also auch unzählige weitere Titel zu ihm, die wir nicht unbedingt mit dieser Bezeichnung verbinden. Das liegt gewiss auch daran, dass man sich als internationaler Filmseher nicht unbedingt nach Italien wenden musste, wenn man einen Piraten- oder Ritterfilm sehen wollte. Aber diese bunten Vehikel um muskulöse griechische Halbgötter, die drehte man eben nirgendwo anders auf der Welt. Und so konnte Franciscis ERCOLE E LA REGINA DI LIDIA, das Sequel zu LA FATICHE DIE ERCOLE, in den USA (unter dem Titel HERCULES UNCHAINED) zu einem der großen Kassenschlager seines Jahres avancieren, das sogar Hitchcocks großes Meisterwerk VERTIGO in der Gunst des Publikums hinter sich ließ.

Wie das Sequel die US-amerikanischen Kinogänger so begeistern konnte, wird vielleicht mein nächster Eintrag klären. Die Horizontverschiebung um schlappe 60 Jahre fällt aber nicht eben leicht. Im Falle von LE FATICHE DI ERCOLE lässt sich noch Optimierungsbedarf feststellen: Francisci nimmt seinen Stoff erstaunlich ernst, selbst wenn da im Drehbuch alle griechischen Mythen, die nicht bei drei auf dem Baum waren, bunt durcheinandergequirlt werden. Hercules (Steve Reeves) rettet die schöne Prinzessin Iole (Sylvia Koscina) und folgt ihr nach Iolcus, wo ihr Vater, König Pelias (Ivo Garrani), den Muskelmann unter seine Fittiche nimmt. Nach diversen Heldentaten geht Hercules mit Jason und den Argonauten auf Seefahrt, um das Goldene Vlies wiederzufinden. Auf ihrem Weg landen die Männer auf einer von Amazonen bewohnten Insel und kurz vor Schluss muss ein Dinosaurier besiegt werden, das das Vlies bewacht. Nebenbei bringt der Halbgott auch Odysseus das Bogenschießen bei.

LE FATICHE DI ERCOLE hat jede Menge Handlung abzuwickeln und gerät darüber mitunter etwas ermüdend. Man vermisst als Zuschauer die Klarheit darüber, wohin es eigentlich gehen soll und viele der kleineren Episoden sind schon wieder vorbei, kaum dass sie begonnen haben. Eigentlich nimmt Franciscis Film erst so richtig Fahrt auf, als Hercules mit den Argonauten in See sticht. Wunderbar ist hingegen die visuelle Seite des Films. Auch wenn die Pepla vielleicht mit den großen Monumentalfilmen aus Hollywood nicht mithalten können, so muss einem doch das Herz aufgehen, wenn man den Aufwand betrachtet, der hier betrieben wurde. Kulissenbauer und Requisiteure haben wahrscheinlich Blut und Wasser geschwitzt, um das antike Griechenland auf der Leinwand auferstehen zu lassen und wer sich dafür nicht erwärmen kann, der hat mein Mitgefühl.

LE FATICHE DI ERCOLE ist im Grunde seines Herzens weniger Kino der Attraktionen als der Emotionen. Alles ist hier an die Oberfläche gebrachtes Gefühl, man hört das förmlich das leidenschaftliche Tosen, das hier alle erfasst, sich in Handlungen niederschlägt, aber eben auch in grandiosen Bauten, farbenprächtigen Bildern, schnaufenden Kreaturen, gerunzelten Brauen, wehenden Vorhängen und einem Score, der betört wie der Gesang der Sirenen. Lichtsetzung und visuelle Effekte stammen vom großen Mario Bava und man sieht sofort, bei welchen Szenen er seine geschickten Meisterhände im Spiel hatte. Schade eben, dass das Drehbuch dem Film eher im Weg steht, ihn mit der lästigen Pflicht schlägt, einen labyrinthischen Plot abzuwickeln, den nun wirklich keiner braucht, anstatt ihn einfach von der Kette zu lassen und sich ganz dem Überschwang hinzugeben. Vielleicht kommt das ja noch, vielleicht musste der Peplum erst den apollinischen Drang nach Ordnung überwinden, um sich dem dionysischen Rausch hingeben zu können.

 

 

 

3ts22jvfmxmwes3424dcvdqomujEs kommt zusammen, was zusammengehört: Dank der dritten Ausgabe des Terza Visione und dieses Films hält nun auch nach viel zu langer Zeit der italienische Sandalenfilm, der so genannte Peplum, endlich Einzug in dieses Blog, und dies, gewissermaßen als Wiedergutmachung für diese lange Wartezeit, mit einem besonders erlesenen Vertreter des unübersichtlichen Genres. Der Peplum, eigentlich benannt nach einem antiken Kleidungsstück, war nicht nur ein wichtiger Bestandteil des italienischen Genrekinos, sondern auch meiner Kindheit. Es gab drei Fernsehsender, die zur besten Sendezeit um Viertel nach Acht tatsächlich noch Filme zeigten, die älter als zehn Jahre waren, nicht aus den USA stammten oder mit dem langweiligen Gütesiegel „Klassiker“ daherkamen. Und im Jahr 1982, als ich meine Einschulung erlebte, da gab es auf ARD oder ZDF eine ganze Reihe mit Peplums, die um 20:15 Uhr gezeigt wurden. Ich erinnere mich noch gut an die Ausstrahlung eines Ursus-Films oder an Duccio Tessaris ARRIVANO I TITANI, dessen deutscher Titel KADMOS, TYRANN VON THEBEN einem Prinzip folgte, nach dem etliche dieser Filme in Deutschland betitelt wurden. Für ein Kind waren diese Filme wie gemacht: Es gab einen muskelbepackten Helden, finstere Tyrannen mit bösen Plänen, schöne Prinzessinnen, die gerettet werden wollten, jede Menge Schwertkämpfe und Keilereien und manchmal auch Monster und Sagengestalten. Kein Wunder, dass ich mich in den Peplum verliebte und diese Filme am nächsten Tag Gesprächsthema Nr. 1 auf dem Schulhof waren: Selbst, wenn ich sie aufgrund meiner verordneten Zubettgehzeit nie zu Ende sehen konnte. Aber wie das so ist: Irgendwann kamen dann andere Filme und mit ihnen auch die Ansicht, dass vergleichsweise billige italienische Abenteuerfilme aus den Sechzigerjahren irgendwie albern seien. Und als die Wiederentdeckung des italienischen Genrekinos in den Neunzigern anstand, da waren es einfach andere, vielleicht auch weniger unschuldige Filme, die mich interessierten. Es wird Zeit für eine Wiederentdeckung, das heute klarer denn je.

Genug des Geplänkels: Michele Lupo, der später mit LO CHIAMAVANO BULLDOZER einen meiner absoluten All-Time-Faves und der besten Bud-Spencer-Filme überhaupt inszenierte, drehte 1965, als der Peplum schon in den letzten Zügen lag und in der Gunst der Zuschauer vom Italowestern überholt worden war, mit SETTE CONTRO TUTTI eine frühe Übung für die später mit Hill und Spencer so erfolgreich vermarkteten Prügelkomödien und einen Film, den man als spielerischen Abgesang auf das sterbende Genre betrachten kann. Es geht um einen römischen Zenturion namens Marcus Aulus (Roger Browne), der einen Putschversuch des schurkischen Morakeb (Erno Crisa) im fiktiven Land Aristea zu verhindern sucht, dabei aber in Gefangenschaft gerät und sich in der Arena, in der er eigentlich im Kampf sterben soll, mit den anderen Gladiatoren verbündet. Es folgt der gemeinsame Kampf gegen die Unterdrücker, die natürlich auch Assuer (Josí Greci), die schöne Tochter des Königs Krontal (Carlo Tamberlani), gekidnappt haben. Wichtiger als diese nur ein Gerüst bietende Handlung ist aber die nicht enden wollende und mit laufender Spielzeit immer frenetischer werdende Abfolge absurder, meist komischer Kämpfe, Keilereien und Albernheiten, als die sich die Mission der glorreichen Sieben entfaltet. Immer mit von der Partie, wenn es darum geht, den Finstermännern den Arsch zu versohlen oder den Kollateralschaden beiseite zu räumen, um Platz für neue Niederschläge zu schaffen, ist Goliath (Arnaldo Fabrizio), ein Kleinwüchsiger, der das quirlige Comic Relief gibt und Anlass für heutzutage herrlich politisch unkorrekten Humor gibt. Der Schauspieler wird seine Rolle und die Kollegen vermutlich gehasst haben: Seine Körpergröße ist immer Thema und auch wenn er ganz entscheidend am Weiterkommen und dem finalen Triumph der Helden beteiligt ist, wird er von seinen „Freunden“ stets wie ein drolliges Haustier behandelt, von ihnen herumgeworfen, rumgereicht oder sonstwie gedemütigt. Es ist alles völlig unfassbar und das Publikum sah sich in dieser ersten Festivalnacht einem wahren Bombardement an Zwerchfellattacken und haarsträubenden Actionchoreografien ausgesetzt. Lust, Liebe und Ausgelassenheit lagen nicht nur in der Luft, sie hingen als adrenalin- und endorphingeschwängerte Dunstglocke über dem feiernden Kinosaal.

Als kleinen Schwachpunkt dieses ansonsten vollends umwerfenden Films hatte ich zunächst das Fehlen eines herausragenden Darstellers empfunden, aber rückblickend scheint mir gerade das ein genialer Schachzug Lupos gewesen zu sein: Die Sieben funktionieren als perfekte Einheit, aus der niemand wirklich heraussticht, und SETTE CONTRO TUTTI erweist sich damit in erster Linie als eine wie geschmiert laufende Unterhaltungsmaschine, als ein akribisch vorgeplantes Spiel der von Lupo geschickt dirigierte Elemente. In seiner konsequent durchgehaltenen Eskalationsdramaturgie erinnert SETTE CONTRO TUTTI ein wenig an elaborierte Kettenreaktionen und Dominoeffekte: Manchmal gibt es einfach nichts Schöneres, als dabei zuzusehen, wie Dinge geplant und nach fantasievollem Muster umfallen und ein Zwerg dazu vor Freude glucksend im Dreieck springt.