Mit ‘Pete Walker’ getaggte Beiträge

tumblr_nf7cy7sdiz1tfvxpao1_1280Über diesen Film zu schreiben und dabei etwas Gehaltvolles zu sagen, ohne auf die große Überraschung hinzuweisen, die den Zuschauer am Ende erwartet, scheint mir nahezu unmöglich. Ich versuche es trotzdem, weil ich niemandem den Spaß verderben will. Und fange konservativ an.

Samantha (Lynne Frederick), eine populäre Eiskunstläuferin, musste als Kind mitansehen, wie ihre Mutter von ihrem Liebhaber William Haskin (Jack Watson) brutal ermordet wurdeNun ist Haskin auf freiem Fuße und Samantha bereit, ihrem Partner Alan (John Leyton) das Ja-Wort zu geben. Als Haskin aus der Zeitung von der anstehenden Hochzeit erfährt, packt er ein Messer ein, und begibt sich nach London. Samantha wird fortan von ihm verfolgt und fürchtet um ihr Leben.

Bis zum Showdown erzählt Walker seine Geschichte als straightes Stalk’n’Slash: Samantha beobachtet immer wieder die Gestalt aus der Vergangenheit in ihrer Nähe, ohne dass sich die Bedrohung jemals wirklich konkretisieren würde. Ihre Versuche, Hilfe zu suchen, scheitern am Unglauben ihrer Freunde, die Überspanntheit und eine lebhafte Fantasie hinter den Ängsten Samanthas vermuten. Dass die Zahl der in ihrem erweiterten Bekanntenkreis aufgefundenen Toten auffällig ansteigt, wird dem Zufall in die Schuhe geschoben. Diese Psychospielchen inszeniert Walker gewohnt souverän und es macht durchaus Freude, den Film dank der blitzsauberen, aber schön körnigen Redemption-Bluray anzuschauen. Ein Riesencoup ist es gewiss, den großartigen Jack Watson als Psychopathen zu besetzen, einen Veteran des britischen Kinos, der eigentlich auf die einfachen, ehrlichen Haudegen von echtem Schrot und Korn abonniert ist (etwa in THE WILD GEESE). Trotzdem fragt man sich irgendwann, warum dieser simple Plot von Walker mit diesem Ernst und dieser Geduld ausgebreitet wird. Die Antwort ist einfach: Weil da natürlich noch was kommt (was sich durchaus auch intradiegetisch andeutet, so ist es nicht). Und weil einem so irgendwann klar wird, dass die Dinge nicht so sein können, wie sie sich darstellen, wird der Finalenthüllung etwas die Kraft genommen, die sie eigentlich haben sollte. Zumal sich nicht gerade viele Optionen anbieten. Will sagen: SCHIZO ist ein guter Film, mit ein hübsch kruden, ketchupblutigen Morden und tollem Seventies-Look, aber keine von Walkers Großtaten. Eher was für Zwischendurch.

 

Eine Gruppe von Schauspielern wird von der so genannten Theater Group 40 engagiert. Die Proben finden in einem verlassenen alten Theater auf dem Pier des verschlafenen Küstenstädtchens Eastcliff statt. Mit den miserablen Rahmenbedingungen finden sich die Schauspieler bereitwillig ab, doch dann beginnen die ersten von ihnen unter mysteriösen Umständen zu verschwinden  …

THE FLESH AND BLOOD SHOW: Der Titel knüpft zum einen an das Paradigma des Grand-Guignol-Theaters an, zum anderen scheint er die eigene Strategie auszudrücken. Die Handlung von Pete Walkers Film erinnert dann auch nicht wenig an die Slasherfilme, die ein knappes halbes Jahrzehnt später mit Carpenters HALLOWEEN populär werden sollten. Eine Gruppe von jungen attraktiven Protagonisten wird einer nach dem anderen ins Jenseits befördert, nachdem sie zuvor reichlich Gelegenheit bekommen hat, ihre nackten Körper zur Schau zu stellen. Nun muss man Walkers Film aber vorwerfen, zwar einiges an „flesh“, sprich: nacktes Fleisch, zu bieten, aber in puncto „blood“ die Erwartungen nicht annähernd erfüllen zu können. Dieses Missverhältnis legt den Schluss nah, dass sein Film eine vorsätzliche Mogelpackung ist. Wer Pete Walker Werk ab den mittleren Siebzigern kennt, der weiß, dass er den Horror meist aus realen, aber satirisch überspitzten Rahmenbedingungen zog und den Zuschauer mit einem ätzenden schwarzen Humor konfrontierte. Ob Rentner aufgrund prekärer sozialer Lage zu Kannibalen mutieren (FRIGHTMARE), verkalkte Konservative mittelalterliche Gefängnisse in der Provinz eröffnen (HOUSE OF WHIPCORD) oder bigotte Priester auf Mordtour gehen (HOUSE OF MORTAL SIN), die britische Gesellschaft kommt bei Walker selten gut weg. Der frühere THE FLESH AND BLOOD SHOW hat demgegenüber mit sozialer Relevanz wenig am Hut und bewandert eher postmodern-selbstreflexive Pfade, wie sie eigentlich erst 30 Jahre später im Horror-Mainstream Einzug hielten. Das beginnt bei der leichten Variation typischer Horrorfilm-Klischees – der Mann, der seine Freundinnen spät in der Nacht mit einem Messer in der Brust erschreckt, ist ein Horrorfilm-Darsteller, der seine Performance erprobt –, erstreckt über Film-im-Film-Passagen und merkwürdige Rückblenden und endet bei der puritanischen Motivation des Killers: Dieser ist ein alt gewordener Shakespeare-Darsteller, der seine ebenfalls schauspielende Gattin mit einem jungen Kollegen erwischte und seither von dem Wahn befallen ist, unzüchtige Schauspieler zu bestrafen. Das führt letztlich zu einer innerfilmischen Paradoxie, weil der „Saubermann“ des Films doch entscheidend zu dessen  Schundigkeit beiträgt. Leider hat Walkers Film mit ganz entscheidenden Mängeln zu kämpfen: THE FLESH AND BLOOD SHOW ist zum einen ungeheuer langatmig und langweilig und zum anderen zu preisgünstig, um die langen, uninteressanten Handlungspassagen mit dem Spekatkel auszugleichen, das er im Titel verspricht. Für den Walker-Komplettisten in der nun vorliegenden deutschen ungeschnittenen und restaurierten DVD-Veröffentlichung von e-m-s sicherlich Pflichtprogramm, dem dieser dann auch – wie ich hier – den ein oder anderen interessanten Aspekt abzugewinnen bereit ist. Das ändert aber nichts daran, dass THE FLESH AND BLOOD SHOW ein Langweiler von einigen Gnaden ist.

Wer sich mit Walkers Werk vertraut machen will, dem seien die folgenden Titel empfohlen (die Links führen zu meinen alten Tagebucheinträgen): FRIGHTMARE, HOUSE OF WHIPCORD, HOUSE OF MORTAL SIN, THE COMEBACK und DIE, SCREAMING MARIANNE.