Mit ‘Peter Bogdanovich’ getaggte Beiträge

Vier identische Taschen, vier verschiedene Inhalte, vier unterschiedliche Besitzer, zwei Männer, die es auf zwei der Taschen abgesehen haben, ein Hotel in San Francisco: Das ist die Ausgangssituation von Peter Bogdanovichs WHAT’S UP, DOC? einem Glanzstück des US-Kinos der Siebzigerjahre und einer der witzigsten Komödien überhaupt.

Howard Bannister (Ryan O’Neal) ist ein zerstreuter Musikologe, der mit seiner herrischen Verlobten Eunice Burns (Madeline Kahn) zu einem Kongress in San Francisco reist, von dessen Veranstalter, dem Mäzen Frederick Larrabee (Austin Pendleton), er sich ein Stipendium erhofft. In seiner Tasche befindet sich „Eruptiv-Gestein“, das eine wichtige Rolle in seiner Forschung spielt. Dummerweise verguckt sich die charmante Judie Maxwell (Barbra Streisand), eine Frau, die eine Spur der Zerstörung hinter sich herzieht, in Howard, weicht ihm fortan nicht mehr von der Seite, gibt sich als seine Verlobte aus und bringt sein sauber geordnete Leben gründlich durcheinander. Und dieses Chaos wird noch dadurch potenziert, dass Howard und Judie die gleichen Taschen besitzen wie ein Spion (Michael Murphy), der darin wertvolle Geheimdokumenten mit sich herumträgt, und die alte Mrs. Van Hoskins, die ihre Juwelen darin verstaut hat. Bald beginnt ein wüster Streit um die Taschen, der die ganze Stadt in Aufruhr versetzt …

Ich habe WHAT’S UP DOC? schon als Kind geliebt – er gehörte zum ersten Schwung von Filmen, die meine Eltern Anfang der Achtziger im Fernsehen aufgezeichnet hatten –, damals etliche Male gesehen, dann aber jahrelang nicht mehr. Das jetzige Wiedersehen nach vielen, vielen Jahren war ein freudiges, bei dem ich aus alter Verbundenheit und ganz entgegen meiner sonstigen Überzeugung die deutsche Synchronisation ausgewählt habe. Bogdanovichs Film ist einer von ganz wenigen, die ich für beinahe beängstigend perfekt halte und die unter dieser Perfektion keineswegs leiden, wie so viele andere, die sie mit dem Verlust von Spontaneität bezahlen. WHAT’S UP DOC? ist hingegen so vital wie das Leben selbst, wahnsinnig schnell und flexibel und mit einem untrüglichen Sinn für Timing und Pointierung und tatsächlich bis in die letzte Nebenrolle brillant besetzt. Ich liebe den Film. Und diese Szenen und Momente am meisten:

1. Howard und Eunice vor dem Flughafen: Sie „befiehlt“ ihm verschiedene Dinge, die er zu erledigen habe, er antwortet jedes Mal devot mit „Jawohl, Eunice.“ Ein Gepäckträger tritt hinzu, Eunice bittet ihn, das Gepäck ins Taxi zu laden, er: „Jawohl, Eunice.“ Es ist einfach brillant, wie Bogdanovich Eunice als Männerzerstörerin charakterisiert und wie Madeline Kahn diese Rolle ausfüllt.

2. Der Regierungsbeamte Mr. Jones verfolgt den Spion durch die bergigen Straßen von San Francisco, hat sich zur Tarnung ausgerechnet eine schwere Golftasche umgehängt, aus der er nun nach und nach Golfschläger wegschmeißt, um die Last zu erleichtern. Als der Spion sich einmal kurz umdreht, um sich nach eventuellen Verfolgern umzuschauen, startet Mr. Jones einen der erbärmlichsten Versuche, unauffällig auszusehen, die je auf Zelluloid gebannt wurden. Zum Schreien.

3. Howard geht zum Bankett, übt die Begrüßungszeilen, die er an Mr. Larrabee zu richten gedenkt. Er bleibt auf dem Hotelflur stehen, reißt sich zusammen und sagt im Brustton der Überzeugung: „Mr. Larrabee, mein Name ist Howard Bannister, ich freue mich sie kennen zu lernen.“ Währenddessen öffnet sich eine Zimmertür neben ihm, der Hoteldetektiv tritt heraus, schaut verdutzt, antwortet: „Ebenfalls“ und tritt wieder in sein Zimmer.

4. Mr. Larrabee fordert den versnobten, eingebildeten Fatzke Hugh Simon (Kenneth Mars), der Howards Konkurrent um das Stipendium ist, während des Banketts auf, den Platz neben ihm zu räumen. Die Art wie dieser nun aufsteht und mit einer zackigen Bewegung des Nackens seine Haartolle nach hinten wirft, ist alles.

5. Der Hotelangestellte fordert den Hoteldetektiv auf, die reiche Mrs. Van Hoskins auf ihrem Weg in ihr Zimmer aufzuhalten. „Aber wie?“ „Lass deinen Charme spielen.“ Seine Interpretation dieser Aufforderung ist geradezu rührend in ihrer Inadäquanz: Er rennt hinter der alten Dame her und stellt ihr wiederholt das Bein.

6. Eunice ruft Howard auf seinem Zimmer an, während Judie gerade bei ihm ist. Sie ignoriert das und sein Bemühen, ihre Anwesenheit zu vertuschen und ruft laut: „Ich ziehe mich jetzt an!“ Eunice am anderen Ende: „Wer war das, Howard?“ Howard schaltet den Fernseher an, ein Kriegsfilm läuft, man hört Schüsse und er sagt: „Das war der Fernseher, es läuft ein Kriegsfilm und sie ziehen sich gerade an.“

7. Während der Verfolgungsjagd gibt es diesen herrlichen Moment, als Judie und Howard – sie radfahrend, er auf einer Gepäckkiste sitzend, die über dem Vorderrad angebracht ist – einen Berg hochfahren, dann den Schwung verlieren und schließlich rückwärts wieder hinunterrollen. In dem kurzen cartoonesken Moment der Trägheit der Masse, unmittelbar bevor es für beide wieder abwärts geht, versucht Howard durch eine herrlich optimistische Bewegung des Unterkörpers, das Unvermeidliche zu verhindern, und sie beide nach oben zu rucken.

8. Die großartige Slapstick-Szene um die große Leiter, die Glasscheibe, drei Autos, ein Fahrrad und die Frage, wann die Scheibe zu Bruch gehen und der Mann von der Leiter fallen wird.

9. Eunice‘ Abstecher in ein besonders finsteres Viertel der nordkalifornischen Metropole. Dass der Taxifahrer sie kurzentschlossen stehen lässt, ist toll, dass sie tatsächlich die windschiefe Stiege hinaufläuft, die auch der gutgläubigste Mensch niemals ernsthaft für den Zugang zum Haus Mr. Larrabees halten kann, wunderbar, der Moment, in dem sie verängstigt die Tür aufstößt und damit drei Schläger bei der Arbeit stört, die sie daraufhin ansehen wie ein Stillleben, der würdige Abschluss der Szene.

10. Hugh Simon will Gnade: „Ich bin Halbitaliener!“

11. Schließlich die ganze Gerichtsszene und vor allem der Monolog des Richters, der sich keinerlei Illusionen mehr über das Wesen der Menschheit gönnt. Jede seiner Zeilen ist höchst zitierwürdig, am besten aber gefällt mir, was er dem Gerichtsdiener über seine Medikamentation sagt: „Wissen Sie, wozu diese gelbe Pille ist? Sie soll mich daran erinnern, die blaue Pille zu nehmen.“ „Und wozu ist die blaue?“ „Ich weiß es nicht. Sie trauen sich nicht, es mir zu sagen.“

PaperMoon-poster01[1]Der amerikanische Mittelwesten während der Depression: Eigentlich wollte der Trickbetrüger Moses Pray (Ryan O’Neal) bloß einen Strauß Blumen am Grab einer ehemaligen Liebe ablegen. Doch das Schicksal will es, dass ihm die Tochter der Verstorbenen – seine Tochter? -, die kleine Addie Loggins (Tatum O’Neal), anvertraut wird, damit er sie bei deren Tante absetzt. Zunächst möchte Moses nichts anderes, als die lästige Pflicht möglichst schnell und umstandslos hinter sich bringen, doch dann stellt sich Addie als ausgesprochen nützliche Assistentin bei seinen Betrügereien heraus …

Bogdanovich, einer der Protagonisten des New Hollywood, teilt vieles mit seinen französischen Kollegen der Nouvelle Vague. Wie die meisten von ihnen machte er seine Kinoleidenschaft zum Beruf und begann als Filmautor, schrieb Bücher über große Regisseure (namentlich Orson Welles, Howard Hawks, Alfred Hitchcock, John Ford, Fritz Lang und Allen Dwan) bevor ihm Corman seinen ersten Regiejob Ende der Sechzigerjahre übertrug, der ihm sogleich einen Achtungserfolg einbrachte: TARGETS (1969). Seinen echten Durchbruch erlebte Bogdanovich drei Jahre später mit THE LAST PICTURE SHOW, einem nostalgisch-melancholischen Coming-of-Age-Film, dessen zentrales Thema – der Wandel der Zeit – bezeichnenderweise mit dem Ende eines Kinos verbildlicht wird. Sein folgender WHAT’S UP DOC? zollt den Screwballkomödien der Dreißigerjahre – speziell denen eines Howard Hawks – Tribut, ersetzt deren Traumpaar Grant/Hepburn mit der zeitgenössischen Variante O’Neal/Streisand und stellt der Konzeptschwere seiner amerikanischen Zeitgenossen spielerische Ausgelassenheit entgegen. Während Coppola, Fonda, Altman oder Friedkin sich zu wahren Ikonoklasten entwickeln und mit Volldampf zu neuen filmischen Ufern aufbrechen, versteht sich Bogdanovich eher als Traditionalist. Und so lässt sich auch PAPER MOON am besten verstehen. Von László Kovács in wunderschönen, zu gleichen Teilen von Leere wie Sehnsucht erfüllten Bildern eingefangen, untermalt von einem Soundtrack alter Swing- und Jazzsongs, für die Bogdanovich diverse Archive durchwühlte, ist PAPER MOON ein leichter, aller Melancholie zum Trotz ausgesprochen lustiger und beschwingter Film, der die schwere Zeit der Depression rückblickend zu einer Zeit des Erfindungsreichtums, der Chancen und damit auch der Freiheit transzendiert. In einer für das Genre des Roadmovies exemplarischen kurzweiligen Abfolge von Episoden erzählt Bogdanvich aber auch von einer zärtlichen Vater-Tochter-Beziehung, deren hierarchische Ordnung nicht immer klar ist. Und ohne mich hier auf wackliges rechtliches Terrain oder in die Nähe unmoralischer Sexualpraktiken begeben zu wollen: PAPER MOON ist auch ein Liebesfilm.  

Nach diesem ging es für Bogdanovich leider rapide bergab, gleicht sein Karriereverlauf geradezu einem Erdrutsch. Bis zu MASK (1985) gelang es keinem einzigen seiner Filme in finanzieller oder künstlerischer Hinsicht an seine frühen Erfolge anzuknüpfen. 1990 versuchte er es noch einmal mit einem Sequel zu seinem prägenden THE LAST PICTURE SHOW, doch auch TEXASVILLE hinterließ keine bleibenden Spuren. In loser Folge dreht Bogdanovich seitdem seine Filme, ohne wirklich großes Aufsehen damit zu erregen. Als Filmbuchautor zählt er jedoch nach wie vor zu den großen Namen.