Mit ‘Peter Boyle’ getaggte Beiträge

Keine Ahnung, ob es wirklich stimmt, aber ich habe gelesen, dass das Ende von THE POSEIDON ADVENTURE eigentlich ganz anders geplant war: Die letzte Einstellung sollte zeigen, wie das Schiff kurz nach der Rettung der Protagonisten im Meer versinkt. Doch die Einstellung wollte einfach nicht gelingen und so guckte der Arsch der Poseidon auch dann noch aus dem Wasser, als schon die Credits liefen. Man könnte sagen, dass das sieben Jahre später entstandene Sequel also nur einer Panne geschuldet ist, aber das ist noch zu wenig: BEYOND THE POSEIDON ADVENTURE enstand aufgrund einer Panne und der Unbelehrbarkeit Irwin Allens. Dass dem nach THE SWARM noch jemand Geld in die Hand gab, darf man allerdings als klassisches enabling verstehen. Alle Seiten hätten es besser wissen müssen, es sei denn, es war ihr Ziel, nach dem Bienenfilm zum zweiten Mal haarsträubenden, stargespickten, ästhetisch fragwürdigen, den tot am Boden liegenden gesunden Menschenverstand auch noch mit den Füßen tretenden Unfug zu produzieren. Wenn dem so war, dann herzlichen Glückwunsch, Mission in allen Punkten erfüllt. War Allens unmittelbar folgendes Karriereende velleicht gar ein freiwillig gewählter Ruhestand nach dem künstlerischen Magnum opus? Ich scherze.

BEYOND THE POSEIDON ADVENTURE ist eines dieser Sequels, die einem rückwirkend das Original versauen oder einen zumindest in Erklärungsnotstand bringen. Alles, was an Neames Film gut war, ist hier scheiße. Genau eine Sache macht der Film richtig: Er knüpft unmittelbar an den Vorgänger an und erzeugt damit eine schöne Kontinuität. Das war wahrscheinlich auch nötig, denn der Katastrophenfilm war anno 1979 eigentlich toter als tot und es ist fraglich, ob sich überhaupt noch jemand an den ersten Teil von 1972 erinnerte. Ich bin trotzdem bereit, Allen diese eine Idee gutzuschreiben. Seine Liste des Versagens ist danach immer noch lang genug. BEYOND THE POSEIDON ADVENTURE lässt die beiden mittellosen Schipperkahnfahrer Mike (Michael Caine) und Wilbur (Karl Malden) unmittelbar nach der erfolgten Rettungsaktion über das Wrack der Poseidon „stolpern“. Mit dabei haben sie Wilburs Protegé Celeste (Sally Field), nicht nur einen der nervtötendsten Charaktere der Filmgeschichte, sondern auch ein frappierendes Beispiel für Altherrensexismus: Sie kann nichts, stellt sich dämlich an, fängt im unpassendsten Moment an zu heulen und wird daraufhin von Mike freundlich „monkey“ genannt (am Ende darf er sie trotzdem vor einem romantischen Sonnenuntergang küssen, weil alle anderen Frauen zu alt oder schon vergeben sind). Sofort kommen sie auf die Idee, das Innere nach eventuellen Reichtümern zu durchsuchen, die es ihnen ermöglichen sollen, ihre Schulden zu bezahlen. Eine absolut hirnrissige Idee, die es im Folgenden völlig unmöglich macht, irgendwelche Sympathie für Mike und Wilbur zu entwickeln, die nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, sondern auch noch die dumme Celeste mitschleppen, die einzige, die erkennt, wie lebensmüde die ganze Aktion ist. Kurz bevor sie in das Schiff einsteigen kommt Stefan Svevo (Telly Savalas) des Weges, einer jener Filmbösewichte, die keinen Grund brauchen, um böse zu sein. Er behauptet, Überlebende suchen zu wollen, doch in Wahrheit geht es ihm um ein Fass Plutonium, dass sich – wie auch eine ganze Ladung Waffen – an Bord des Schiffes befindet. Warum? Egal.

So geht es weiter. Die beiden Teams klettern in das Schiff und durchlaufen in umgekehrter Reihenfolge die Räume, die schon im Vorgänger durchquert wurden, was eine hübsche Idee wäre, wenn in Allens Inszenierung nicht alles grauenhaft billig und fernsehmäßig aussähe. Und weil ein Katastrophenfilm natürlich den bunt zusammengewürfelten Haufen von Protagonisten braucht, taucht gleich eine ganze Reihe von weiteren Überlebenden auf, die Pfarrer Scott im ersten Teil anscheinend alle übersehen hat. Da ist der cholerische Frank Mazetti (Peter Boyle), der seine Tochter sucht und vor allem dazu da ist, Mike immer mal wieder Contra zu geben, damit der es nicht zu leicht hat. Slim Pickens spielt Tex, einen armen Tropf, der sich als Ölmillionär ausgibt, weil ihn keiner mag, Jack Warner den blinden Meredith, der in einem der idiotischen Spannungsmomente zu doof ist, eine Leiter hochzusteigen, Shierley Knight seine Ehefrau, die dann wirklich bei einem Leitersturz ums Leben kommt. Scheint ein Familenschicksal zu sein. Shirley Jones spielt die gutmütige Schiffkrankenschwester, Veronica Hamel Svevos Geliebte, die von ihm hinterrücks erschossen wird, Mark Harmon den Lover von Mazettis Tochter (Angela Cartwright). Am Ende gelingt die Flucht aus dem Kahn, der immer genau dann, wenn man droht einzupennen, mit einer neuen Explosion ins Wackeln gerät, ohne das freilich etwas Schwerwiegendes passiert. Ich war ehrlich erleichtert, als ich es hinter mir hatte. Was ging in Michael Caine vor, der sich schon in THE SWARM zum Horst gemacht hatte?

Schade um das tolle Posterartwork.

 

outland_poster_ukOUTLAND wird gemeinhin als Hyams Ode an den Western und vor allem an Fred Zinnemanns Megaklassiker HIGH NOON beschrieben. Die Parallelen sind deutlich, aber zu sagen, OUTLAND sei lediglich ein modernisiertes Remake, ginge zu weit. Hyams Film ist nicht in Echtzeit erzählt, der berühmte „Countdown“, der bis zur Ankunft der Schurken vergeht, mit denen sich der Held herumschlagen muss, nimmt nur ca. das letzte Drittel des Films in Anspruch und wird eher sporadisch eingesetzt. Klar, die Story um den Gesetzeshüter, der in einer auf einem fernen Jupitermond installierten Mine seine Arbeit tut, einem Verbrechen auf die Spur kommt und plötzlich ganz allein auf weiter Flur, (fast) ohne Hilfe gegen ein paar Killer antreten muss, ist unschwer als Westernparaphrase zu erkennen: Aber überlagert wird das meiner Meinung nach durch die überdeutlichen Anleihen bei einem anderen Klassiker, der 1981 gerade drei Jahre alt war, aber bereits immensen Einfluss ausübte. Die Rede ist natürlich von Ridley Scotts ALIEN.

Die alt und rostig aussehende Industriearchitektur der Station, die dunklen, dann wieder mit grellem Neonlicht beleuchteten Gänge, die Müdigkeit und Depression der Arbeiter, die mit grauen, eingefallenen Gesichtern und ungepflegten Bärten trüb in die Gegend gucken, die ungemütlich aussehenden Kabinen, in denen man sich mit Huren vergnügen kann, die Abwesenheit jeden Sonnenlichts oder überhaupt eines Draußens, das nicht tödlich ist: Das alles ist offenkundig von Scotts Film beeinflusst. Auch hinsichtlich des Plots: Die Ausbeutung der Arbeiter durch die Wirtschaft, die in ALIEN noch eher im Hintergrund läuft, wird in OUTLAND deutlich in den Vordergrund geschoben. Überhaupt spricht einiges dafür, Hyams Film als eine Art Spin-off zu beschreiben. Die Welt, in der das alles spielt, könnte dieselbe zu sein, und was bei Scott eher zwischen den Zeilen zum Vorschein kam, wird hier nun an der Oberfläche verhandelt. Die Geschichte wird dann auch nicht so sehr durch die illegal eingeschmuggelten Drogen angestoßen, die die Arbeiter erst in eine Psychose und dann in den Selbstmord stürzen, sondern durch deren Depression, die der Zustand der Isolation und das Dasein in einer vollkommen lebensfeindlichen Umgebung hervorruft und das Bedürfnis nach Flucht weckt. Connerys Marshall McNiel muss trotz des Verlusts seiner Familie triumphieren, weil er die Abberufung in den Weltraum als Aufgabe begreift, die er bewältigen muss, bevor er zurück auf die Erde kann. Er hat keine Flucht im Sinn, sondern die volle Konfrontation mit dem Grauen. Aber er hat eben auch eine Wahl, anders als die armen Teufel, die ihren Lebensunterhalt in der Mine erschuften müssen.

OUTLAND ist ein schöner Film, auch wenn sein Krimiplot fast pflichtschuldig abgewickelt wird. Aber Hyams gelingt es wieder einmal, eine ausgesprochen dichte Atmosphäre zu schaffen, die sich hinter jener von ALIEN nicht verstecken muss. Dann und wann erreicht sein Film eine hypnotische, tranceartige Qualität, auch weil es – anders als im Western etwa – meist aufreizend langsam zugeht, die Soundeffekte die alles erstickende Stille nie ganz zu übertönen in der Lage sind. Die tollsten Szenen sind dann auch nicht die Showstopper mit den zerplatzenden Köpfen, sondern die Unterredungen zwischen McNiel und seiner einzigen verbündeten, der einem guten Schluck nie abgeneigten Ärztin Lazarus (Frances Sternhagen): zwei Außenseiter, die sich am ungemütlichsten aller Orte ihres gegenseitigen Respekts versichern. Da fiel mir dann auf, dass Lazarus nach der Astronautengattin aus CAPRICORN ONE schon die zweite starke Frauenfigur bei Hyams ist, die nicht gleichzeitig Love Interest ist. Mal drauf achten, ob sich dieser Trend fortsetzt.

hardcore (paul schrader, usa 1979)

Veröffentlicht: November 13, 2015 in Film
Schlagwörter:, , , , ,

Zwischen TAXI DRIVER und AMERICAN GIGOLO angesiedelt, ist HARDCORE so etwas wie ein geografisches BIndeglied: Das Selbstjustizdrama um den traumatisierten Vietnamveteran Travis Bickle begab sich tief in das versiffte New York der Siebzigerjahre, während sich der geschniegelte „Mann für gewisse Stunden“ in der Neonpracht von Los Angeles aushalten ließ. HARDCORE beginnt hingegen in Grand Rapids, Michigan, im mittleren Westen der USA, der Heimatstadt Paul Schraders, in den Häusern der Familie van Dorn. Streng gläubige Christen allesamt, finden an der weihnachtlichen Tafel erhitzte theologische Debatten statt, christliche Leitsprüche zieren auf kleinen Schildern die Wände, der älteste Bruder Jake (George C. Scott) spricht das Tischgebet. Harmonie im Heartland, so scheint es, doch der Eindruck täuscht, wie sich später zeigen wird. Bei einem Ausflug mit dem Kirchenverein nach Los Angeles verschwindet Kristen, Jakes Tochter, kehrt nicht wieder zurück. Und Jake, außer sich vor Sorge, reist nach L.A., engagiert den schmierigen Detektiv Mast (Peter Boyle) und sieht wenig später einen Super-8-Porno, in dem Kristen mitwirkt.

In Deutschland wurde der Film mit dem Untertitel EIN VATER SIEHT ROT vermarktet, auf die Verwandtschaft des Films mit Michael Winners DEATH WISH anspielend und den Selbstjustizcharakter betonend, der sich jedoch nur in wenigen Szenen, besonders im Finale, niederschlägt. Viel eher geht es in Schraders Film um das Aufeinanderprallen zweier verschiedener Welten und Lebensentwürfe, das Erkennen der Kluft, den Versuch eines Brückenschlags, schließlich das Eingeständnis, dass sich nicht alle Gegensätze vereinen lassen, die USA im tiefsten Inneren gespalten sind. Los Angeles ist eine Stadt der Getriebenen, Suchenden und Verlorenen, ein Sündenpfuhl einerseits, ein Ort, in dem die Lust gefeiert wird andererseits, In Grand Rapids hingegen herrscht Klarheit, vor allem, wenn man der richtigen Konfession angehört: Die van Dorns können sich zu den Auserwählten zählen, die irgendwann erlöst werden. Probleme treten allerhöchstens auf, wenn es um die Wahl der neuen Unternehmensfarbe geht. Solche Sorgenfreiheit hat die Gelegenheitsprostituierte und Pornodarstellerin Niki (Season Hubley) nicht und auch keine Familie, die sich an Weihnachten um den goldbraun gebackenen Truthahn versammelt. Die Freundschaft, die sich zwischen den beiden gegensätzlichen Typen entwickelt, bildet das Zentrum des Films: Wie die beiden ihren anfänglichen Vorurteile überwinden und in ehrlichen Rapport zueinander treten, fängt Schrader mit ungeahntem Feingefühl und dem Gehör für die leisen Zwischentöne ein. (Ganz toll, als er auf ihre spöttische Reaktion zu seiner Religion meint, man könne das von außen nicht beurteilen, und sie sehr schlagfertig entgegnet, dass das Gegenteil richtig sei, von innen alles immer richtig und logisch aussehe.) Am Ende haben die beiden etwas voneinander gelernt, auch wenn es nicht reicht, um sich wirklich die Hand zu reichen. Beide trennt einfach zu viel.

Aber das Bemühen, zu verstehen, das Jake ebenso wie der Film selbst an den Tag legt, unterscheidet HARDCORE von reaktionärem Käse wie dem unsäglichen 8MM, in dem die ganze Pornoindustrie nur aus schmierigen Perversen besteht. Die gibt es zwar auch in HARDCORE, aber man sieht auch eine andere Seite. Vor allem wird all den Prostituierten, Freiern, Türstehern, Pornodarstellern und Stripperinnen zugestanden, dass sie sich nicht in dieser Tätigkeit erschöpfen. Dass das auch Menschen mit Träumen, Ängsten, Wünschen und Hoffnungen sind. Die Suche nach Kristen wird für Jake insofern auch zu einer Art Rollenspiel, in dem er ein anderes Sein ergründen kann. Das wird überdeutlich, wenn er sich für den Besuch bei einem Produzenten von seiner bürgerlich-strengen Garderobe entledigt und mit schwarzer Sonnebrille und Gewinnerlächeln auftritt. Oder wenn er ein Casting veranstaltet, für das er sich Schnurrbart und Perücke aufsetzt. Seine Familie erkennt ihn dann auch kaum wieder, bekommt ihn monatelang nicht zu Gesicht, und für eine Weile besteht die Möglichkeit, dass Jake sein altes Leben – in dem auch nicht alles gut war, wie man zum Schluss erfährt – hinter sich lässt, sich im nächtlichen Labyrinth der Vergnügungsviertel verliert, sich in einen von vielen ziellos Suchenden verwandelt, die wie Motten ums verführerische Licht schwirren. Dass Schrader diesen Weg nicht geht, mag auch der Konvention geschuldet sein und dem verständlichen Wunsch, Vater und Tochter eine zweite Chance zu geben, den Brückenschlag doch noch zu schaffen.

Das Teeniemädchen Melissa Compton (Susan Sarandon) lässt sich von ihrem drogendealenden Hippiefreund Frank (Patrick McDermott) eine Überdosis Speed verpassen und landet daraufhin im Krankenhaus. Ihre Eltern sind sofort zur Stelle, Vater Bill (Dennis Patrick) – ein erfolgreicher Geschäftsmann – begibt sich in die Wohnung Franks, um Melissas Habseligkeiten abzuholen und wird dort von dem Dealer überrascht. Im Handgemenge stirbt Frank, Bill bleibt nichts anderes übrig, als seine Spuren zu verwischen und den Tatort zu verlassen. Nachts landet er in einer Bar, in der der Arbeiter Joe Curran (Peter Boyle) seine rassistischen Tiraden absondert. Die beiden kommen miteinander ins Gespräch und Bill lässt die Bemerkung fallen, er habe einen Hippie ermordet. Joe hält das zunächst für einen Scherz, als der Mord an Frank Tage später jedoch durch die Nachrichten geistert, zählt er eins und eins zusammen und sucht Kontakt zu Bill. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine gefährliche Partnerschaft …

JOE muss man heute vor allem als Zeitdokument betrachten: Inszenatorisch eher unauffällig und dialoglastig (Wenn auch schön fotografiert), erinnert er etwas an die Filmadaption eines Theaterstücks. Tatsächlich basiert er aber auf einem Originaldrehbuch von Norman Wexler, der zwei Jahre nach EASY RIDER eine desillusionierte Bestandsaufnahme dessen verfasste, was von einstigen Idealen noch übrig geblieben war: nichts mehr. (1972 wurde Wexler dann festgenommen, nachdem er gedroht hatte Präsident Nixon zu erschießen – konsequent.) Was vormals Bewusstseinserweiterung war, ist nur noch Drogensucht, freie Liebe gelangweiltes Rumvögeln, „alternatives Lebenskonzept“ ein Euphemismus für verantwortungsfreies Rumgammeln, die brüderliche Liebe reicht gerade so weit wie der eigene Drogen- und Geldvorrat. Was einst als Gegenentwurf zur kapitalistisch organisierten bürgerlichen Gesellschaft gedacht war, ist nicht nur nicht zum Mainstream, sondern vielmehr selbst zur Dystopie geworden. Und die Antipathie und das Misstrauen, das den Hippies eh schon entgegengeschlagen war, ist nun offenem Hass gewichen. Die jugendlichen „Gammler“ sind zum perfekten Sündenbock für Leute wie Joe geworden, die zwar unter tristen Umständen leben, aber vor lauter Patriotismus nicht erkennen, wer für ihre Situation in Wahrheit verantwortlich ist. Letztlich ist es Neid, der den Zorn Joes schürt: Er würde gern selbst so ungezwungen leben, hat aber nicht den Schneid dazu.

In gewisser Weise kann man JOE auch als Vorläufer solcher Filme wie Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT (oder natürlich Scorseses TAXI DRIVER, dessen Amoklauf-Finale JOE vorwegnimmt) betrachten. Die thesenhaft-aufklärerische Dramaturgie verfestigt diesen Eindruck ebenso wie der satirische Grundton des Films, mit dem Avildsen seine beiden Protagonisten bloßstellt, ohne dabei allzu offensichtlich zu werden. In der merkwürdigen Zweckbeziehung zwischen dem wohlhabenden, kultivierten und zivilisierten Bill und dem schäumenden, groben und ungebildeten Joe findet JOE seinen gesellschaftskritischen Kulminationspunkt. Bill braucht Joe, um seine eigenen Schuldgefühle zu exorzieren, Joe braucht Bill als Leitfigur, um die eigene Lethargie abzulegen und endlich auch einmal tätig zu werden. Wie die beiden – eigentlich antipodische Gegensätze, verdankt Joe seine Armut doch nicht zuletzt der Tatsache, dass Menschen wie Bill das Geld hinterhergeschmissen wird – sich zusammentun und jeweils die schlechtesten Eigenschaften des anderen verstärken, ist schon eine Schau. Da weiß man dann gleich wieder, warum man so ein ungutes Gefühl bekommt, wenn Politiker sich in Bierzelten tummeln und zur „Basis“ gehen, um zu erfahren, was der Volksmund so sagt. Joe fungiert für Bill als Versucher, als Katalysator, der ihn Tabus überschreiten und seine Zivilisiertheit abwerfen, weg vom Schreibtisch und mitten hinein ins Leben treten lässt, Bill verleiht den reaktionären Fantasien Joes im Gegenzug erst eine gewisse Legitimation. Und so kommt es am Schluss zur Katastrophe.

JOE trifft aufgrund seiner eher zurückgenommenen Regie heute nicht mehr so unmittelbar, wie er das vor 40 Jahren wahrscheinlich tat. Dennoch lässt sich an ihm gut nachvollziehen, welche Stimmung zu seiner Zeit vorherrschte. Präsident Nixon, der seine Präsidentschaft 1969 angetreten hatte und den Weg von der Euphorie zur totalen Depression begleitete, ist hier etwa schon früh Zielscheibe eines bösen Witzes. So berührt JOE vor allem deshalb, weil er sehr hellsichtig und beinahe prophetisch zeigt, wohin der Weg der USA führen würde, ohne dass jemand in der Lage gewesen wäre, das zu verhindern. Peter Boyle sollte nach dem Erfolg von JOE verständlicherweise die Rolle des ganz ähnlich angelegten Popeye Doyle in Friedkins THE FRENCH CONNECTION übernehmen, lehnte aber ab, weil er Angst vor den Geistern hatte, die er als rassistischer Arbeiter gerufen hatte. Er ist aber vor allem deshalb so furchteinflößend, weil er sehr transparent macht, dass es nur eines kleinen Stoßes bedarf, um einen großmäuligen Dampfplauderer in einen Mörder zu verwandeln. Das macht Avildsens Film dann abseits seines Status als Zeitzeugnis auch heute noch relevant.